Der Überlebenskampf: Olympische Winterspiele 2026

 •  • 9 Comments
Eröffnung der Olympischen Jugend-Winterspiele 2012 am Bergisel in Innsbruck (Foto: IOC Media via Flickr)

Irgendwie finster: Eröffnung der Olympischen Jugend-Winterspiele 2012 am Bergisel in Innsbruck (Foto: IOC Media via Flickr)

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat den Bewerbungsprozess für die Olympischen Winterspiele 2026 auf die Zeit nach den Winterspielen 2018 in PyeongChang vertagt. Normalerweise hätte der Olympia-Wettbewerb, der im Sommer 2015 in größter Not neu strukturiert wurde, bereits in diesem Herbst begonnen – unmittelbar nach der Vergabe der Olympischen Sommerspiele 2024 in Lima an Paris, Los Angeles oder (der Vollständigkeit halber) Budapest. Es mag ein von Lobbyisten gestreutes Gerücht sein, dass auf dieser IOC-Session in Peru nicht nur die Spiele 2024, sondern auch gleich die für 2028 vergeben werden. Ein olympischer Doppelpack für Paris und Los Angeles – anyway, die Mega-Events des IOC bleiben aus vielerlei Gründen ein gigantisches Problem. Vor allem die Winterspiele, wo aus geografischen Gründen ohnehin maximal zwei Dutzend Nationen als Gastgeber in Frage kommen.

Ich habe vor einigen Tagen für Die Presse gedichtet, aus österreichischer Sicht gewissermaßen, und den Beitrag wie immer ergänzt, erweitert (u.a. mit einem Q & A des Sportministers Hans Peter Doskozil, auch mit Dokumenten), aktualisiert und verlinkt:

* * *
Die olympische Parallelwelt bebt. Korruption, Gigantismus und Doping bestimmen die Schlagzeilen weltweit. Die Glaubwürdigkeit des IOC und vieler Sport-Weltverbände tendiert gegen Null. Mega-Events wie Olympische Spiele, Kontinentalspiele oder Fußball-Weltmeisterschaften werden vorzugsweise in Diktaturen, Erbmonarchien oder Oligarchien ausgetragen – China, Russland, Katar, Aserbaidschan, Weissrussland. Die Kosten steigen ins Unermessliche. 50 Milliarden Dollar hat sich Wladimir Putin die Olympischen Winterspiele 2014 kosten lassen, gigantische Korruptionsmargen für Oligarchen inklusive. Nur weniger preiswert werden, entgegen aller Behauptungen, die Winterspiele 2022 in Peking sein, inklusive der exorbitanten Infrastrukturmaßnahmen. In demokratisch strukturierten Nationen dagegen sprechen sich immer mehr Menschen gegen derlei Großprojekte aus. Im Weltsport herrscht Alarmstufe Rot. Und ausgerechnet in dieser Zeit forciert das Österreichische Olympische Comité (ÖOC) gemeinsam mit der Politik eine neuerliche Olympiabewerbung.

Das klingt absurd.

In jeder Krise liegt aber eine Chance. Wenn man es richtig angeht und mit den bislang dominierenden Usancen bricht.

Nur dann.

Natürlich ist die Gefahr groß, erneut in den olympischen Strudel von Intransparenz, Gigantismus und kriminellen Machenschaften zu geraten. Die Nachwehen der Salzburger Olympiabewerbungen 2010 und 2014 und die teilweise damit verbundenen Aufräumarbeiten im ÖOC sind noch frisch. Der langjährige ÖOC-Generalsekretär Heinz Jungwirth wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Derlei Vorgänge sollten allen Olympiabefürwortern und Planern Mahnung sein. Dennoch könnte man bei den Winterspiele 2026 Olympia erstmals seit Ewigkeiten, vielleicht zum ersten Mal überhaupt, anders präsentieren: Kleiner aber feiner. Transparent und nachhaltig.

Ist das nur Utopie?

Potenzielle Bewerber für Olympische Winterspiele sind längst nicht mehr Bittsteller beim IOC. Der Olympia-Konzern ist in einer selbstverschuldeten Notlage und muss sein nahezu unverkäufliches Produkt retten. Das IOC braucht Partner, um die Winterspiele nach den Abenteuern in Sotschi (2014), PyeongChang (2018) und Peking (2022) wieder im olympischen Kernland austragen und die Marke beleben zu können. Bei den Winterspielen, für die maximal zwei Dutzend Nationen weltweit infrage kommen, ist der Leidensdruck besonders groß, weil zuletzt die Bürger und verantwortliche Politiker in Deutschland, Norwegen, Polen und Schweden Olympiabewerbungen für 2022 gestoppt haben – und nur Almaty und Peking übrig blieben.

Auch bei den Sommerspielen häufen sich die Probleme, nachdem Rio de Janeiro glücklich überstanden ist und Brasilien mit der Schuldenlast allein gelassen wird. In Tokio (2020) haben sich die Gesamtkosten gemäß einer Studie der Regierung auf 30 Milliarden Dollar vervierfacht. Kurz vor Weihnachten legten Politik und Organisatoren das erste Budget überhaupt vor und sprachen nun von Kosten in Höhe von 15 bis 17 Milliarden Dollar.

Doch Details bleiben rar. Überprüfbar sind die Angaben nicht. Immerhin taucht aber ein gigantischer Kostenpunkt auf, den Olympia-Organisatoren, das IOC und auch die oft zitierte und schwer überschätzte so genannte Oxford-Studie gern ausblenden: Sicherheitskosten beziffern die Japaner auf derzeit 1,3 Milliarden Dollar (zuzüglich 200 Millionen im OCOG-Etat, wo traditionell kaum mehr als quasi Kosten für Ordnungsdienste aufgeführt werden).

Für 2024 wird in olympischen Zirkeln angeblich die Option gehandelt, die beiden aussichtsreichsten Bewerber Los Angeles und Paris (außerdem ist Budapest dabei) gemeinsam gewinnen zu lassen.

Wie das?

Die Idee lautet: Das IOC könnte im September 2017 zwei Entscheidungen statt einer treffen – und sowohl die Sommerspiele 2024 als auch die Sommerspiele 2028 vergeben. An Los Angeles und Paris oder an Paris und Los Angeles. Darüber werde „informell diskutiert“, erklärte IOC-Präsident Thomas Bach gerade in Lausanne, am Rande der letzten Exekutivsitzung des Jahres 2016. Man wolle im Bewerbungsprozess keine Verlierer produzieren, heißt es plötzlich.

Das ist vielleicht eine der üblichen propagandistischen Finten des deutschen IOC-Vorstehers. Andererseits könnte eine Doppelvergabe betriebswirtschaftlich und sportpolitisch sinnvoll sein. Los Angeles und Paris garantieren professionell ausgetragene Spiele, irgendwie. Da das IOC die olympischen Fernsehrechte in den USA bereits bis 2032 und in Europa bis 2024 vergeben und erste Sponsoren bis 2024 gebunden hat, sind mehr als die Hälfte der Einnahmen für diesen Zeitraum gesichert. Derzeit generiert das IOC rund 1,5 Milliarden Dollar pro Jahr. Sollte man mit der Regel brechen und Los Angeles und Paris zugleich bedienen, könnte sich das IOC auf die Abenteuer PyeongChang und Peking, auf die Probleme in Tokio und auf die Reform des olympischen Bewerbungsverfahrens konzentrieren.

Zwar wurde das Bewerbungsprozedere bereits für 2024 geändert (verkündet auf der IOC-Session 2015 in Kuala Lumpur). Doch die Winterspiele 2026 wären wirklich die ersten Spiele, die unter kolossal anderen Umständen vergeben werden.

Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt hat eine strategische Arbeitsgruppe des IOC, der neben den üblichen Verdächtigen auch ÖOC-Präsident Karl Stoss angehörte, im Sommer ein Arbeitspapier für künftige Winterspiele vorgelegt (Olympic Winter Games Strategic Review Working Group Recommendations). Kernaussagen: Wenig Neubauten, existierende und temporäre Sportstätten nutzen, auch außerhalb des Gastgeberlandes. Eine weitere Kommission werkelt derzeit an Konzepten, um die Kosten und die Komplexität der Winterspiele zu reduzieren.

Derlei Papiere gibt es seit zwei Jahrzehnten, nur hat sich kaum jemand daran gehalten.

Anfang Dezember haben das ÖOC, das Land Tirol und die Stadt Innsbruck den Auftrag für eine Machbarkeitsstudie vergeben. Das Papier soll im Frühjahr 2017 vorliegen. Für 270.000 Euro netto will eine Bietergemeinschaft der deutschen Firmen Proprojekt und Albert Speer + Partner (AS+P) sowie der einheimischen Unternehmen Management Center Innsbruck (MCI) sowie Solid Event, Management und Consulting die Lage in Innsbruck und Tirol erkunden. Am ersten Dezember-Montag hat Proprojekt-Geschäftsführer Stefan Klos vor den Auftraggebern präsentiert und überzeugt.

Klos ist kein Revolutionär, doch ein Mann mit Visionen. Er will keine Machbarkeitsstudie für das IOC produzieren, sondern eine für Tirol. Was hat die Region? Was braucht die Region? Was braucht der Sport? Derlei Fragen sollen die Studie dominieren. Von den drei kostenintensivsten olympischen Sportstätten (Bob- und Rodelbahn, Skisprunganlagen, Halle für Eisschnelllauf), die viele Olympiaausrichter ins Verderben trieben, sind in Tirol zwei vorhanden. Doch braucht es wirklich eine Halle für das Eisschnelllaufen? Das Team von Klos könnte diese Frage, eine gewaltige Hürde in den Planspielen, mit Nein beantworten und Alternativen empfehlen.

ÖOC-Generalsekretär Peter Mennel will derzeit weder auf die Eishallenfrage, noch auf die mögliche Einbindung Südtirols oder die Elementarfrage einer Volksabstimmung eingehen. „Lassen sie uns nicht über ungelegte Eier diskutieren“, sagte mir Mennel:

Momentan reden wir noch über eine Machbarkeitsstudie, nicht über eine Bewerbung. Wir wollen uns im Denken nicht blockieren und uns wirklich alle Freiheiten nehmen.“

Der unvermeidliche Geschäftemacher Peter Schröcksnadel (ÖOC-Vize und auf gefühlte Lebenszeit ÖSV-Präsident) findet 2026 natürlich klasse und sieht Synergien mit den Chinesen, wie er Markku Datler im Interview skizziert.

In der Politik steht man einer Bewerbung in den meisten Parteien und Fraktionen auf allen Ebenen – in Innsbruck, im Land Tirol und im Bund – aufgeschlossen gegenüber. Tirols Landeshauptmann Günther Platter betonte oft genug, dass gigantische Spiele keine Option seien:

Für Großmannssucht und Umweltfrevel sind wir nicht zu haben.“

Gemäß einer repräsentativen Umfrage der Uni Innsbruck, gerade in der Tiroler Tageszeitung veröffentlicht (deren 2026-Berichterstattung ich sehr empfehle), sprechen sich 48 Prozent der Innsbrucker Bürger eher für eine Bewerbung aus. 42 Prozent sind „eher dagegen“, heißt es.

6 schriftliche Fragen an Österreichs Verteidigungs- und Sportminister Hans Peter Doskozil (SPÖ)

Wie stehen Sie zu einer möglichen Bewerbung Innsbrucks für die Winterspiele 2026?

Als Sportminister unterstütze ich die Bemühungen zur Bewerbung für Olympische Winterspiele. Voraussetzung ist, dass die Bevölkerung hinter diesem Projekt steht und das Ergebnis der Machbarkeitsstudie dieses befürwortet.

Welche Unterstützung lässt das Ministerium schon jetzt den Planern der Bewerbung zukommen?

Die Machbarkeitsstudie wird zum Teil aus Mitteln des Sportministeriums finanziert. Die Ausrichtung von Olympischen Spielen bedarf selbstverständlich einer intakten Infrastruktur. Wenn diesbezüglich ein Bedarf besteht, wird das Ministerium eine Prüfung vornehmen und die erforderlichen Projekte mitunterstützen. Sollte sich Innsbruck bewerben, steht die Bundesregierung natürlich voll dahinter.

Welche Bedingungen sollten erfüllt werden, um eine Unterstützung des Bundes für das Projekt zu erhalten?

Olympische Spiele sind für das Land und die Region ein gute Gelegenheit, sich den Sportlerinnen und Sportlern und der ganzen Welt zu präsentieren. Vielmehr sehe ich aber den Nutzen darin, neben einer Verbesserung der Infrastruktur, die Menschen zum Sport zu bringen und für den Sport zu begeistern. Natürlich sind Olympische Spiele auch für österreichische Spitzensportlerinnen und Spitzensportler eine besondere Herausforderung und Motivation.

Wie schätzen Sie die Chancen Innsbrucks/Österreichs ein?

Innsbruck hat sich als Ausrichter von Olympischen Spielen schon zwei Mal bewährt und sich auch als Host-City der Winter Youth Olympic Games profiliert. Olympischen Spiele sind zunehmend zu gigantischen Großveranstaltungen gewachsen, die in diesem Ausmaß nur wenige Länder oder Städte bewältigen können. Der Gigantismus bei Olympischen Spielen muss ein Ende haben. Olympische Spiele müssen wieder „leistbar“ werden. Wenn das IOC diesen Weg beschreitet und nicht das Geld im Vordergrund steht, sondern der Sport, dann hat Innsbruck bei der Vergabe meiner Meinung nach gute Chancen.

Wird es auch diesmal (wie vor Jahren in Wien) eine Volksabstimmung zu der Thematik geben bzw wird das Ministerium eine solche Abstimmung zur Voraussetzung für eine Bewerbung und die entsprechenden Investitionen und Bürgschaften des Bundes machen?

Diese Frage sehe ich in der Zuständigkeit des jeweiligen Bundeslandes, da ja eine solche Veranstaltung zum Großteil von den Menschen, die dort leben, getragen wird.

Wie werden Transparenz und Nachhaltigkeit sichergestellt – gerade angesichts der negativen Erfahrungen mit Salzburg 2014 und den diversen juristischen Auswirkungen, die auch im ÖOC zu diversen Beben führten?

Seitens des Ministeriums garantiere ich absolute Transparenz. Das ÖOC ist neu aufgestellt und seine Funktionäre und Mitarbeiter leisten hervorragende Arbeit. Ich schätze die Arbeit von Karl Stoss.

1993 und 1997 sind in Tirols Landeshauptstadt zwei Volksbefragungen zu Olympia gescheitert. In der Politik dominiert durchaus die Erkenntnis, dass es auch diesmal nicht ohne Bürgervotum geht. Parallel zur Erstellung der Machbarkeitsstudie wird diese Debatte Fahrt aufnehmen und von Olympiagegnern forciert, die sich bislang zurückhalten. Viel mehr als eine Facebook-Gruppe „Olympia in Tirol? Nein Danke“ gibt es noch nicht. Wobei Anita Stangl, Sprecherin der Interessengemeinschaft Bürgerinitiativen Innsbruck (IGBI), ablehnt und vorsorglich daraufhin wies, dass kein landesweites Votum, sondern ein Votum der Innsbrucker Bürger für das Mega-Projekt bindend sein solle.

Vor zweieinhalb Jahren haben die Olympiakomitees aus Deutschland, der Schweiz, Schweden und Österreich beim IOC ein Papier eingereicht und forderten dringend nötige Änderungen im Olympiabewerbungsprozess. „The Bid Experience“ heißt das Schreiben, das sich auf Winterspiele konzentriert.

Da ballte sich Erfahrung, Enttäuschung, Kompetenz, Unverständnis, Ärger und Bitterkeit.

Denn diese vier NOK sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten insgesamt sechzehn Mal mit Olympiabewerbungen gescheitert. Elf Mal wurden die Offerten vom IOC abserviert:

  1. Berlin 2000
  2. Graz 2002
  3. Östersund 2002
  4. Sion 2002
  5. Stockholm 2004
  6. Klagenfurt 2006
  7. Sion 2006
  8. Salzburg 2010
  9. Leipzig 2012
  10. Salzburg 2014
  11. München 2018

… wobei Stockholm, Sion, Salzburg und München in den sogenannten Evaluierungsberichten des IOC Bestnoten erhalten hatten und dennoch nicht gewählt wurden.

Fünf weitere Bewerbungspläne wurden nach Bürgerentscheiden beendet: Bern 2010, Graubünden 2022, München 2022, Hamburg 2024, Wien 2028. Einmal setzten Lokalpolitiker ein Stoppzeichen, in Stockholm (2022). Welch eine vernichtende Bilanz in einem unlauteren IOC-Wettbewerb.

Erstellt hatte das Papier Stefan Klos, pro bono übrigens, der nun federführend die Machbarkeitsstudie 2026 verantwortet. Klos hat einige der gescheiterten Bewerbungen betreut (Leipzig, München, Stockholm, Hamburg). Als Geschäftsführer und Mitinhaber der Frankfurter Proprojekt GmbH zählt er zu den Großen der Branche. Klos hat mit Proprojekt und der Mutterfirma AS+P weitere Olympiabewerbungen und den Nationalen Sport & Erholungs-Masterplan von Katar entwickelt. Auch bei der Planung der umstrittenen Fußball-WM 2022 im Wüsten-Emirat waren AS+P und Proprojekt involviert.

Seine Thesen aus dem NOK-Papier von 2014 bleiben brandaktuell: Das Austragungsrisiko für Olympiagastgeber muss begrenzt werden. Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit sollten zentrale Vergabekriterien sein und bis zur Ausrichtung der Spiele permanent überwacht werden. Auch wird mehr Flexibilität bei der Sportstättenplanung gefordert. Dies ist gegeben, nachdem die IOC-Vollversammlung im Dezember 2014 die sogenannte Agenda 2020 verabschiedet hat.

Werden die Projektplaner, das ÖOC und die Politik also anders denken und handeln, als Olympiabewerber zuvor? Haben Innsbruck, Tirol und Österreich eine reelle Chance, nach den Winterspielen 1964 und 1976 sowie den Olympischen Jugendspielen 2012 zum vierten Mal den Ringe-Zirkus zu beherbergen?

IOC-Vertreter wie Gian-Franco Kasper, der als Präsident des Ski-Weltverbandes FIS 2019 mit der nordischen WM in Seefeld gastiert, loben jeden potenziellen Bewerber. Ob nun in der Schweiz, wo das NOK (Swissolympic) bereits eine Grundsatzentscheidung gefällt hat und im April 2017 abschließend entscheidet, in Österreich, Calgary oder Stockholm, wo ebenfalls Machbarkeitsstudien für 2026 erstellt werden.

Business as usual.

In der Schweiz, 2020 mit der Capitale Olympique Lausanne Gastgeber der Youth Olympic Games, werden mit Zustimmung des Bundesrates die 2026er Projekte Graubünden und Sion verhandelt. Am Projekt Sion (das Langlauf im Sepp-Blatter-Dörfchen Ulrichen vorsieht) sind vier Kantone beteiligt, eine Volksabstimmung gibt es vorerst nicht. In Graubünden allerdings, wo in einem Volksentscheid erst 2014 eine Bewerbung gestoppt wurde (für 2022), wird am 12. Februar 2017 schon wieder abgestimmt, grundsätzlich und über ein Bewerbungsbudget von 25 Millionen CHF – und dann vielleicht im Herbst 2018 noch einmal, sollte sich Swissolympic auf Graubünden festlegen.

Größte Vorsicht ist allerdings geboten, wenn die ÖOC-Granden Stoss und Mennel bei jeder Gelegenheit ihre hervorragenden Beziehungen zum IOC-Präsidenten Thomas Bach betonen, um bei Verhandlungspartnern aus der Politik und in der Öffentlichkeit Punkte zu machen. Bachs angeblicher Freund Karl Stoss, Generaldirektor der Casino Austria AG, wurde Anfang August in Rio de Janeiro ins IOC gehievt.

Casino-Manager und ÖOC-Präsident Karl Stoss (links) ist seit August 2016 IOC-Mitglied (Foto: Ian Jones, IOC Media via Flickr)

Casino-Manager und ÖOC-Präsident Karl Stoss (erste Reihe links) ist seit August 2016 IOC-Mitglied (Foto: Ian Jones, IOC Media via Flickr)

Persönliche Kontakte herauszuheben, ist der falsche Ansatz. Dahinter steht letztlich der Gedanke einer Klientel- und Günstlingswirtschaft. Zumal das anrüchige Beziehungsgeflecht des IOC-Präsidenten seit Jahren weltweit Negativ-Schlagzeilen macht. Einige Figuren aus diesem Zirkel stehen unter dringendem Korruptionsverdacht, ihnen drohen lange Haftstrafen. Etwa Lamine Diack, langjähriger Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF. Oder Patrick Hickey aus Irland, der im August in Rio de Janeiro verhaftet wurde, weil er für den illegalen Handel mit Olympia-Tickets eine kriminelle Vereinigung gegründet haben soll. Der dubiose kuwaitische Scheich Ahmad Al-Sabah, ein Fixpunkt in Bachs Netzwerk, hat soeben als Präsident der Weltvereinigung aller NOK, ANOC genannt, 410.000 Euro als Kaution für Hickey aus einem Etat zur Verfügung gestellt, der eigentlich der Sportförderung zu Gute kommen soll. Die ÖOC-Führung hält ebenfalls solidarisch zu ihrem Freund Hickey, auf dem Jahrestreffen der europäischen NOK jüngst in Minsk unterstützte man eine Resolution.

Derlei Allianzen braucht niemand, der Rechtschaffenheit, demokratische Strukturen und transparente Prozesse pflegt. Derlei vermeintliche Freundschaften sollten in der Diskussion über eine neuerliche Olympiabewerbung nicht als Argument herhalten, sondern Alarm- und Stoppzeichen sein.

* * *
Sie möchten preisgekrönten Recherchejournalismus unterstützen? Mein Online-Shop bietet einige Optionen. Über weitere Möglichkeiten, Journalismus zu finanzieren, können wir gern reden.

duesseldorfer #1

Und wenn es um die Sommerspiele nicht soviel besser steht -siehe Widerstand in Budapest und Gerüchte um eine Doppelvergabe 2024/2028- entweder macht man den Laden zu oder verkauft ihn endgültig ans organisierte Verbrechen.

Was ist die Motivation hinter der Doppelvergabe?
– Einfach nur mehr Geld nebenher verdienen. Wer weiß, was mit den internationalen Netzwerken in den nächsten Jahren geschieht.
– Tatsächliche Torschlusspanik, das man keine Ausrichter für weitere Ausgaben findet.

JW #2

Panik. Angst, dass sich Mega-Cities wie Paris und LA dann auch für lange Zeit oder völlig verabschieden. Gleichzeitig: das Wissen um langfristige TV- und Sponsorenverträge, die es bereits gibt und damit eine gewisse Sicherheit geben. Er wird (erneut) argumentieren, dass man damit Zeit gewinnt, um alles zu überarbeiten (dabei sollte die Agenda 2020 je schon der Heilsbringer gewesen sein).

Stefan #3

Steht noch nirgendwo, dass Graubünden nach erfolgloserreicher Volksabstimmung nun auch ausgestiegen ist? Nun noch mit mehr Nein-Stimmen! (60%) Westschweiz bleibt bishr im Rennen.
http://www.deutschlandfunk.de/olympia-2026-keine-spiele-in-graubuenden.1346.de.html?dram:article_id=378776

JW #4

Das sollte eigentlich schon vergangene Woche veröffentlicht werden. Komme nur nicht dazu, kopiere den Rohtext hier mal rein. Arbeite gerade an 2024/28 und anderen Themen, weshalb hier noch ein paar Tage Ruhe bleibt. Leider.

Der Widerstand gegen olympische Mega-Events mit milliardenschweren Risiken bleibt groß. Im Schweizer Kanton Graubünden wurden am Sonntag bei einem Volksentscheid die Pläne für Olympische Winterspiele 2026 gestoppt. In Budapest werden bis Ende der Woche Stimmen gesammelt, um eine Volksabstimmung gegen die Olympiapläne 2024 zu erwirken. Die Initiative braucht nur noch einige tausend der nötigen 138.000 Unterschriften. Die Hiobsbotschaften für den Besitzer der Olympischen Spiele, das Internationale Olympische Komitee (IOC), reißen also nicht ab. Wann immer Bürger an die Wahlurnen dürfen, werden Pläne für die gigantischen Showveranstaltungen gestoppt und der von Korruption und Doping geprägten olympischen Bewegung eine Ohrfeige nach der anderen verpasst. Auch in München und Umgebung (Winterspiele 2022) und Hamburg (Sommerspiele 2024) war das der Fall. Dennoch wird in Deutschland, in Nordrhein-Westfalen, schon wieder an einer Olympiabewerbung gebastelt – diesmal für die Sommerspiele 2028.

Das jüngste Wahlergebnis in Graubünden ist erstaunlich. 60 Prozent der Bürger sprachen sich gegen die Olympiabewerbung aus. Trotz einer mächtigen Allianz aus Wirtschaft, Politik und Medien, die gewaltig Stimmung machte für das Projekt 2026, ist die Ablehnung im Vergleich zu 2013 gestiegen: Damals stoppten knapp 53 Prozent der Wähler die Olympiabewerbung 2022. Am Sonntag fand sich nicht einmal in der Luxus-Destination St. Moritz, wo gerade die alpine Ski-Weltmeisterschaft ausgetragen wird, eine Mehrheit für die Winterspiele: Bei 58 Prozent Wahlbeteiligung in der Gemeinde St. Moritz unterstützten weniger als 44 Prozent das Großprojekt, das durchaus unlauter vorangetrieben wurde: In das nunmehr beerdigte Bewerbungskonzept war auch Zürich als Zentrum für Eishockey und Eislaufen einbezogen. Dabei hatte die Stadtverwaltung kein Interesse an den Winterspielen und lehnte sowohl Bürgschaften als auch Neubauten für 2026 ab.

Es wird dennoch eine Schweizer Olympiabewerbung geben. Denn nur das Projekt Graubünden 2026 ist gestoppt, nicht aber das konkurrierende Projekt Sion 2026, für das es vorerst keinen Volksentscheid gibt. Der Trick liegt im Detail, in die Pläne der Westschweiz, mit dem Aushängeschild Sion, sind vier Kantone eingebunden: Wallis, Waadtland, Bern und Freiburg. Dadurch werden auch die Kosten für die Bewerbungsphase auf vier Kantone verteilt und sinken in einen Bereich, für den kein Volksentscheid nötig ist. Die vier Kantonalregierungen können also über die Millionensummen selbst bestimmen, anders als in Graubünden, wo es am Sonntag um einen Verpflichtungskredit für die Kandidaturphase in Höhe von 25 Millionen Franken ging. Davon hätten Graubünden neun Millionen, der Bund acht Millionen und die Sport-Dachorganisation Swiss Olympic ebenfalls acht Millionen aufbringen müssen.

So wird der Exekutivrat von Swiss Olympic am 7. März die Kandidatur Sion 2026 unter dem Titel „die Winterspiele im Herzen der Schweiz“ beschließen. Im April erfolgt, reine Formsache, die Zustimmung des Sportparlaments. Der Schweizer Bundesrat hat sich grundsätzlich positiv zu einer Olympiabewerbung geäußert. Die Schweiz richtet 2020 bereits die Olympischen Jugendspiele aus, mit dem Zentrum Lausanne, wo seit 1915 auch das IOC residiert und zahlreiche Privilegien genießt. Erst später in der Bewerbungsphase, wenn über die vom IOC geforderten Bürgschaften und mögliche Milliardenlasten entschieden werden muss, könnte auch für das Projekt Sion 2026 ein Volksentscheid anstehen. Aus Sicht der Sportverbände ist die Gefahr keinesfalls gebannt.

Als mögliche Konkurrenten der Schweizer bereiten sich Stockholm (Schweden) und Calgary (Kanada) vor. In Calgary, Olympia-Gastgeber 1988, wird für mehrere Millionen Dollar eine Machbarkeitsstudie erstellt. In Stockholm wurde eine solche Studie soeben vorgestellt. Angeblich sollen die Winterspiele 2026 in Stockholm, Falun und Åre lediglich 1,5 Milliarden Dollar kosten – es wären die mit gewaltigem Abstand billigsten Spiele der vergangenen Jahrzehnte. Und gerade diese kühne Prognose lässt Zweifel an den Planungen aufkommen. Auch für 2022 war Stockholm zeitweise im Rennen, doch der Widerstand in der Bevölkerung wuchs und der Stadtrat beendete das ungewisse Abenteuer rechtzeitig. Vierter möglicher Kandidat für die Winterspiele 2026 könnte Innsbruck werden, bereits 1964 und 1976 Olympia-Ausrichter und 2012 Gastgeber der Jugendspiele.

Die Österreicher haben die deutschen Firmen Proprojekt und Albert Speer + Partner verpflichtet, die in zuletzt in alle deutschen Olympiabewerbungen und auch in die Planungen der Fußball-WM 2022 in Katar eingebunden waren. Proprojekt-Geschäftsführer Stefan Klos sagt, er wolle keine Machbarkeitsstudie für das IOC produzieren, sondern eine für Tirol. Was hat die Region? Was braucht die Region? Was braucht der Sport? Derlei Fragen sollen die Studie dominieren. Von den drei kostenintensivsten olympischen Sportstätten (Bob- und Rodelbahn, Skisprunganlagen, Halle für Eisschnelllauf), die viele Olympiaausrichter ins Verderben trieben, sind in Tirol zwei vorhanden. Doch braucht es wirklich eine Halle für das Eisschnelllaufen? Das Team von Klos dürfte diese Frage, eine gewaltige Hürde in den Planspielen, mit Nein beantworten und Alternativen empfehlen. In Österreich würde es in jedem Fall einen Bürgerentscheid geben. Zuletzt waren 1993 und 1997 in Innsbruck und 2013 in Wien nach Volksbefragungen Olympiapläne gestoppt wurden.

Der Olympia-Konzern IOC ist in einer selbstverschuldeten Notlage und muss sein nahezu unverkäufliches Produkt retten. Das IOC braucht Partner, um die Winterspiele nach den Abenteuern in Sotschi (2014), PyeongChang (2018) und Peking (2022) wieder im olympischen Kernland austragen und die Marke beleben zu können. Bei Winterspielen, für die maximal zwei Dutzend Nationen weltweit infrage kommen, ist der Leidensdruck besonders groß. Bei den Sommerspielen ist er allerdings kaum geringer. In Rio de Janeiro (2016) verrotten erwartungsgemäß schon ein halbes Jahr nach den Spielen die Sportstätten. In Tokio (2020) vervielfachten sich – ebenfalls erwartungsgemäß – die Kosten. Und wenn Budapest für 2024 ausscheiden sollte, wie zuvor bereits Rom, bleiben nur Los Angeles und Paris als Bewerber übrig. Das sind eigentlich Metropolen, die Olympia durchaus verkraften können, die Amerikaner haben 1984 vorgemacht, wie man die Sommerspiele wirklich profitabel ausrichtet. Doch mit der Trump-Administration und einer möglichen Rechts-Regierung unter Marine Le Pen demnächst in Frankreich gerät auch dieser Wettbewerb in unkalkulierbare Turbulenzen.

Ralf #5

Michael Mronz im SpOn-Interview zu den Olympia-Plänen in NRW: “Die Menschen sind extrem sportbegeistert”

Stefan #6

Budapest hat sich nun auch zurückgezogen.
http://www.insidethegames.biz/articles/1047368/budapest-2024-olympic-and-paralympic-bid-axed
Der Budapester Botschafter hat dazu den schönen Satz gesagt:

There is no point dragging out this process like strudel dough.

Und er hat recht. Ich habe daraufhin dieses schöne Video gefunden, wie man einen Strudelteig auszieht, und die Analogie zum olympischen Bewerbungsprozess liegt auf der Hand!
https://www.youtube.com/watch?v=WQBsUwaao50

Stefan #7

Sagte ich “Botschafter”? Ich meinte Bürgermeister.

duesseldorfer #9

Zum Tweet vom 26.06.2017, was Dr. Thomas Bach meinte: Unerhört, wie geizig die Ausrichter geworden sind, die wenigen Euro, die man für Schmiermittel für komplexe Vergabe-Prozesse konsumieren kann, sollten die Städte noch überhaben.
Wenn sie dann hinterher beim Bau der Austragungsstätten und der Verkehrsinfrastruktur genauso großzügig sind, ist das allerdings nicht mehr unser Problem.

Leave a Reply

required

required, will NOT be published

By clicking the following examples the respective HTML code will be appended to your comment. Use the comment preview to make sure everything looks and works as intended.

  • , ,