Der Pate von Taschkent

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SYDNEY. Es ist schräg. Zweimal habe ich mich in meinem Leben in Sydney herumgetrieben, Zwischenlandungen mal ausgenommen, zweimal passiert Einschneidendes im olympischen Box-Weltverband AIBA. 

Unvergessen blieb mir der Moment am Gepäckband im September 2000, bei der Ankunft zu den Sommerspielen am anderen Ende der Welt. Kaum war das Nokia eingeschaltet, kam schon der Anruf aus der Heimat: „Rachimow darf nicht einreisen, schreib das auf!“

Gafur Rachimow, seit zwei Jahrzehnten beschäftige ich mich nun schon mit diesem Sportganoven. Ohne unsere Buch-Recherchen (Andrew Jennings damals in The new Lords of the Rings, Thomas Kistner und ich in Der olympische Sumpf) würde Rachimow heute vielleicht immer noch ungestört reüssieren. Damals hatten wir auf Grundlage von FBI- und anderen Polizeiermittlungen (auch in Deutschland) über seine Geschäfte berichtet. Da mein Freund Andrew Jennings daraus noch eine Serie in australischen Zeitungen gebastelt hatte, wurde der usbekische Pate zu einer kurzzeitigen australischen Staatsaffäre. Rachimow, damals Vizepräsident der AIBA und des Olympic Council of Asia (OCA) von Scheich Ahmad, wurde die Einreise nach Australien verweigert. Ebenfalls unerwünscht bei den Sommerspielen: Carl Ching, Vizepräsident des Basketball-Weltverbandes FIBA und mutmaßliches Mitglied der chinesischen Verbrecherorganisation der Triaden.

Spannend war das, wie so vieles davor und danach. Einige der damaligen Texte sind hier nachzulesen, darunter auch die Zeilen über einen Besuch bei Anwar Chowdhry (†) im Olympia-Büro in Darling Harbour, eines meiner schrägsten Erlebnisse. Die Nähe des olympischen Geschäfts zur Organisierten Kriminalität (OK) war mit dem Fall Rachimow einmal mehr offensichtlich und treibt beständig neue Blüten.

Als ich Ende vergangener Woche nach Sydney kam, war wieder Rachimow Thema. Nun hatte er fürs erste seinen Platz als AIBA-Präsident frei gemacht, damit Boxen im kommenden Jahr bei den Sommerspielen olympisch bleibt.

Darüber wird in diesen Tagen auch in Lausanne gesprochen bei der Sitzung des IOC-Exekutivkomitees. Weil ich gerade in einer deutschen ‚Nachrichtenagentur‘ wie gewohnt ziemlich viel dummes, ahnungsloses, ahistorisches Zeug über Rachimow und die AIBA lesen muss, flink mal mein Beitrag aus dem ersten Magazin SPORT & POLITICS hinein kopiert – verfasst nach der IOC-Exkositzung Anfang Dezember in Tokio. Der gibt einen kleinen Überblick:

Seit er eine Brille trägt, sieht Gafur Rachimow freundlicher aus, nahbarer, weniger gefährlich. Das war vor ein paar Jahren noch anders. Habe mal seinen Blick erhascht – eiskalter Schock, ich habe das Interview abgesagt und mir vorgenommen, mit solchen Leuten lieber nichts mehr zu tun zu haben. (Foto: AIBA)

Bleibt Boxen olympisch? Wird es bei den Sommerspielen in Tokio ein Boxturnier geben? Wie konsequent wird das IOC handeln, das die von einem mutmaßlichen eurasischen Mafiapaten geführte International Boxing Association (AIBA) unter Druck setzt? Am 30. November verfügte das IOC-Exekutivkomitee, alle Vorbereitungen in Japan, inklusive des Ticketverkaufs für das Turnier zu stoppen. Die AIBA darf nicht mehr mit den olympischen Ringen werben, Zahlungen an den Verband hat das IOC ohnehin eingestellt. 

Eine vom Serben Nenad Lalović geleitete dreiköpfige Untersuchungskommission soll den Fall prüfen. Lalović, 60, ist seit 2013 Präsident des Ringer-Weltverbandes United World Wrestling (UWW). Richard Carrión (Puerto Rico), ehemaliger IOC-Marketingchef und Präsidentschaftskandidat sowie Athletenvertreterin Emma Terho (Finnland) komplettieren die Arbeitsgruppe. Alle drei sind IOC-Mitglieder.

Von Nenad Lalović, der vor fünf Jahren die Zukunft des olympischen Ringens gesichert hat und inzwischen als ASOIF-Vertreter dem IOC-Exekutivkomitee angehört, ist zu hören, er wolle den Dingen echt auf den Grund gehen und sich die AIBA wirklich genau anschauen. Lalović kann Krisen meistern und er kann, wie er mir kürzlich gesagt hat, besonders gut recherchieren.

Nun dann.

Sein Kollege Richard Carrión ist ein Ehrenmann, auch er wird sich reinhängen, im engen zeitlichen Rahmen, den seine Jobs in Aufsichtsräten und Vorständen zulassen, etwa bei der Popular Group und Verizon Communications.

Auf seiner Pressekonferenz nach der IOC-Vorstandssitzung in Tokio sagte Präsident Thomas Bach im 32. Stock des Shinagawa Prince Hotels: „Wir wollen ein Boxturnier in Tokio und wir werden alles dafür tun.“ Gerade hatten Japans Boxer eine Resolution verabschiedet, die Bach unterstützt, wie er bekundete, gleichzeitig aber die AIBA sanktioniert.

Sportler sollten nicht unter den Fehlern der Funktionäre leiden.“

Wenn es mal so einfach wäre.

Denn in der AIBA leiden seit mehr als drei Jahrzehnten Generationen von Boxern unter den teilweise kriminellen Umtrieben der Verbandsoberen. Hat sich das IOC konsequent engagiert?

Die AIBA ist seit 1986, als der damalige Adidas-Mitarbeiter Anwar Chowdhry († 2010) aus Pakistan das Präsidentenamt übernahm, ein Hort der Korruption. In der sogenannten sportpolitischen Abteilung von Adidas waren Bach und Chowdhry damals quasi Kollegen. Beide dienten unter Horst Dassler († 1987), dem damaligen Zampano des Weltsports, der gleichzeitig mit der Marketing- und Bestechungsagentur ISL das IOC-Sponsorenprogramm betreute. Über jene Jahre ist viel berichtet worden. Zum Team von Dassler gehörten u.a. John Boulter, Jean-Claude Schupp, Oberst Hamouda und natürlich Jean-Marie Weber († 2018), der über Dasslers Tod hinaus die Marketingagentur ISL leitete, die nachweislich, gerichtsfest verbrieft, mit mindestens 142 Millionen Schweizer Franken höchste Würdenträger aus dem IOC und olympischen Verbänden schmierte – vor allem FIFA-Offizielle.

Unzählige Punkt- und Ringrichterskandale bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen (1988, 2012, 2016 etc) prägten seither das Bild. Die Anzahl olympischer Goldmedaillen wurde nach Aktenlage mitunter vor den jeweiligen Sommerspielen festgelegt: etwa für 1988 in Seoul, als sowohl der DDR als auch den USA zwei Olympiasiege zugesprochen wurden – so kam es. Die Intimkenntnis über AIBA-Umtriebe (und pikante Details über Dasslers Wirken) verdankt die Sportwelt dem langjährigen AIBA-Generalsekretär Karl-Heinz Wehr, der nebenher für die Stasi als IM Möwe zwitscherte.

Neubeginn mit Altlasten

Die skandalösen Umstände in der AIBA änderten sich ab 2006 nicht grundsätzlich, als Ching-Kuo Wu, ein IOC-Mitglied aus Taiwan, die Präsidentschaft übernahm. Wu wurde von dubiosen Gesellen unterstützt: dem späteren AIBA-Generaldirektor Ho Kim aus Südkorea und dem Usbeken Gafur Rachimow, der seit einiger Zeit auch einen russischen Pass hat.

Diese Schatten wurde Wu nie los.

Beim Wahlkongress in Santo Domingo, auf dem Wu 2006 Präsident wurde, stürzte übrigens ein Delegierter aus ungeklärten Gründen im Aufzugsschacht des Hotels in den Tod. Bei der AIBA-Wahl 1998 in Antalya konnte man die exakten Wahlergebnisse schon tags zuvor für ein paar Drinks an der Hotelbar auf einem Zettel einsehen – Andrew Jennings hat das erfolgreich getan. So lief das stets in der AIBA.

Ho Kim hatte 2006 schon einen gigantisch schlechten Ruf in der Sportbranche. Ching-Kuo Wu machte ihn dennoch (oder gerade deshalb, je nachdem) zum AIBA-Direktor. Rachimow, nun ja, der hatte weltweit miese Schlagzeilen gemacht, über den Sport hinaus. Unter Wu aber war er Vizepräsident und Chef der Businesskommission.

Ching-Kuo Wu, kurz CK genannt, hat die AIBA ins finanzielle Chaos geführt. Wu ist kein Betrüger, man kann ihn nicht in eine Reihe mit den vielen Klein- und Großganoven der AIBA-Geschichte stellen. Wu ist nicht wie sein Vorgänger Anwar Chowdhry, der gelogen hat, wenn er den Mund aufmachte und abkassierte, wo er nur konnte. 

Wu, der als Architekt einige olympische Museen in China kreierte, ist kein schlechter Kerl. Ich denke, er hat sich mit dem AIBA-Job verdammt übernommen. Das wurmt ihn schrecklich.

Aus den Unterlagen, die Ho Kim in alle Welt verschickte, nachdem Wu ihn im Streit gefeuert hatte, gewinnt man den Eindruck, Wu sei beratungsresistent gewesen. Die Fluktuation in der AIBA-Zentrale in Lausanne (unter Karl-Heinz Wehr war die AIBA noch in Berlin angesiedelt) war gewaltig.

Wu, Ho Kim und andere ließen die Mitarbeiter verzweifeln.

Nach einem Putsch gegen Wu übernahm Rachimow im Januar 2018 ad interim. Erst seitdem regt sich im IOC wieder Widerstand – nach beinahe zwei Jahrzehnten. Zuletzt hatte ab dem Jahr 2000, nach Enthüllungen von Andrew Jennings, Thomas Kistner und mir (etwa im Buch Der olympische Sumpf, Piper Verlag 2000), vor allem das norwegische IOC-Mitglied Gerhard Heiberg auf Sanktionen gegen die AIBA und Reformen gedrängt. 

Später hat das IOC wieder kollektiv weggeschaut und Rachimow gewähren lassen.

Das AIBA-Problem ist hausgemacht. Das IOC trägt eine Mitverantwortung.

Für die jüngste IOC-Session in Buenos Aires im Oktober 2018 wurde Rachimow zur unerwünschten Person erklärt. Die Tantiemen aus dem Vermarktungsprogramm des IOC, die viele der kleinen olympischen Verbände am Leben erhalten, wurden eingefroren und nur in Tranchen freigegeben. Anfang November 2018 übernahm Rachimow dann auf einem turbulentenn AIBA-Wahlkongress im legendären Hotel Ukraina in Moskau offiziell die Präsidentschaft – trotz der wiederholten Drohung des IOC, Boxen werde für Tokio 2020 aus dem Olympiaprogramm gestrichen.

Das AIBA-Völkchen hat die Zeichen nicht verstanden. Es ist halt wie bei der FIFA, wie im OCA, bei der FINA, im ANOC und in vielen anderen Verbänden und Institutionen: Man kann viel über Good Governance, Transparenz und andere Fremdworte reden. Die dominierende, tief verwurzelte Kultur aber ändert man damit nicht. Das dauert Jahre und Jahrzehnte, sofern sich wirklich ein Erneuerer findet.

Seinen Herausforderer aus Kasachstan, den ehemaligen Europameister Serik Konakbajew, der seine Kandidatur vor dem Court of Arbitration for Sport (CAS) eingeklagt hatte, bezwang Gafur Rachimow in Moskau souverän.

Der Südkoreaner Ho Kim, obgleich wie Wu lebenslang für Tätigkeiten im AIBA-Bereich gesperrt, beriet Konakbajew, und sammelte Stimmen. Kurz vor der Wahl schlossen die amtierende AIBA-Führung und Kim einen Deal: Sein Bann wurde gegen das Versprechen aufgehoben, die Tätigkeit als Wahlkampfmanager des Herausforderers einzustellen. Ho Kim gab natürlich das große olympische Box-Ehrenwort, sich nicht länger einzumischen.

Stimme aus Deutschland

Rachimow wurde auch vom Deutschen Boxsport-Verband (DBV) gewählt. Dessen Präsident Jürgen Kyas, ein ehemaliger Polizist, glaubt bis heute an Rachimow, der nirgends angeklagt und verurteilt wurde, seine Unschuld beteuert, aber weiter auf der Sanktionsliste des US-Finanzministeriums steht. Der von der AIBA gesperrte Wu (die Sperre scheint für das IOC belanglos zu sein) sagte mir in Tokio, er verstehe Kyas und dessen Haltung zu Rachimow nicht. „Der ist gefährlich!“

Das hätte Ching-Kuo Wu viele Jahre früher wissen können und müssen.

Gafur Arslanbek Achmedowitsch Rachimow, geboren im Sommer 1951 in Taschkent, wird von Kriminalisten und Mafia-Experten in aller Welt, auch in Deutschland, seit den neunziger Jahre als Mafiosi beschrieben, zwischenzeitlich soll er einen Großteil des Drogenhandels der ehemaligen mittelasiatischen Sowjetrepubliken kontrolliert haben. Rachimow bestreitet selbstverständlich alle Vorwürfe. Gemäß der amerikanischen Bundespolizei FBI gehörte er in den wilden 1990er Jahren zur Gruppierung des berüchtigten Russen Wjatscheslaw Iwanow, der 2008 erschossen wurde.

Zu den Olympischen Spielen 2000 in Sydney wurde Rachimow die Einreise verweigert, nachdem Andrew Jennings auf Grundlage unserer gemeinsamen Recherchen in australischen Zeitungen über Rachimow berichtet hatte. Australiens damaliger Premierminister John Howard bezeichnete den Usbeken als „Gefahr für die Sicherheit des australischen Volkes“. Dabei hatten die Australier damals schon die Eintrittshürden für Spiele-Gaunner gesenkt“, wie der Sydney Mornning Herald titelte. 40 Personen wurden mit einer Olympia-Akkreditierung ins Land gelassen, die unter normalen Umständen keine Visa erhalten hätten. „Olympische Kriminelle umgehen den Bann“, kommentierte The Australian. Rachimow aber gelang das nicht, obwohl sich damals sogar die IOC-Führung unter dem Präsidenten Juan Antonio Samaranch stark gemacht für ihn und den Basketball-Funktionär Carl Ching, angeblich Mitglied der chinesischen Triaden. Samaranch schrieb einen Brief an Howard und insistierte vergeblich auf diplomatischen Kanälen. 

Im Flieger des Schmiergeldboten

Rachimow wurde seinerzeit von Usbekistans Diktator Islam Karimow protegiert. Mit dem hatte Samaranch merkwürdige Deals eingeleitet, wie Ende der neunziger Jahre in Frankreich im Rahmen des gigantischen Korruptionsprozesses gegen den Mineralölkonzern Elf Aquitaine publik wurde. André Guelfi, einst Horst Dasslers Geschäftspartner und für Elf Aquitaine Schmiergeldbote, hatte gegenüber der Untersuchungsrichterin Eva Joly ausgepackt, um nicht ins Gefängnis zu müssen. Die Deals liefen unter anderem so: Guelfi pilotierte Samaranch in seinem Privatflugzeug nach Mittelasien (die Flüge hat der damalige IOC-Generaldirektor François Carrard bestätigen müssen), Samaranchs Anwesenheit öffnete Guelfi die Türen und verhinderte ärgerliche Zollkontrollen, wenn er seine Geldkoffer ins Land brachte. Mitunter, so Guelfi, wurden die jeweiligen Nationalen Olympischen Komitees (NOK) an den Schmiergelddeals beteiligt. So hatte jeder etwas davon: Das IOC sparte Reisekosten, Guelfi musste sich nicht mit Zoll und Polizei herumärgern, die Potentaten kassierten sein Schmiergeld in Höhe von Hunderten Millionen, für Sportfürsten sprang auch etwas heraus und manchmal wurden sogar Sportstätten errichtet. Schräge neunziger Jahre.

Klingt ein bisschen wie die Sportpolitik jener Nationen, die im Jahr 2018 die Szene dominieren. Namen sind austauschbar. Es geht ums Prinzip.

Gafur Rachimow war lange Zeit wichtigster Verbindungsmann Usbekistans in die olympische Welt und Stammgast in Lausanne, er wurde 1996 in Atlanta vom russischen IOC-Mitglied Witali Smirnow eingeführt, dem Architekten der Sommerspiele 1980 in Moskau, späteren IOC-Doyen und – Gipfel an Absurditäten – Chef der von Wladimir Putin einberufenen nationalen Anti-Doping-Arbeitsgruppe.

Rachimow fungierte viele Jahre nicht nur als Vizepräsident der AIBA, sondern auch als Vizepräsident des Olympic Council of Asia (OCA) des IOC-Scheichs Ahmad Al-Fahad Al-Sabah. Da hatten sich zwei gesucht und gefunden. Die Sportkameraden Gafur und Ahmad kamen gut miteinander klar. Eine Hand wäscht die andere.

Craig Murray, ehemals britischer Botschafter in Usbekistan, bezeichnete Rachimow einst als einen der „wichtigsten Figuren im globalen Heroinhandel“ und als „gefährlichen Gangster“. Rachimow verweist darauf, nie verurteilt worden zu sein und behauptet, Verleumdungsklagen gewonnen zu haben. Von der Interpol-Fahndungsliste wurde er inzwischen gestrichen. 

Das US-Finanzministerium allerdings führt ihn seit 2012 auf einer Sanktionsliste von mutmaßlichen Mafia-Paten und hat seine Geschäfte und Konten eingefroren. Rachimow erklärt das mit einer Verschwörung alter Rivalen gegen ihn und behauptet, die Vorwürfe seien haltlos, seine Anwälte würden das bald klären. In Usbekistan hatte vor einigen Jahren den Machtkampf gegen Gulnara Karimowa verloren, gegen die Tochter des langjährigen Despoten Karimow. Er flüchtete nach Dubai. Aus dem Exil arrangierte er weiter seine weltumspannenden Geschäfte und war für die AIBA federführend beim Aufbau der World Series of Boxing (WSB), die von Fahndern als Geldwäscheprojekt beäugt wird. Aus Dubai meldete sich Rachimow einmal zu Wort und behauptete, bei der Wahl von Sotschi zur Olympiastadt 2014 im IOC Stimmen besorgt zu haben.

Inzwischen ist Karimow gestorben, Gulnara steht unter Hausarrest und sieht sich in der Schweiz mit gigantischen Geldwäschevorwürfen konfrontiert. Unter Usbekistans neuem Präsidenten Schawkat Mirsijojew wurde der Bann gegen Rachimow aufgehoben. 

Gafur Rachimow, in dessen Jurte einst nahezu jeder Gegenstand vergoldet war, wie altgediente Fahrensmänner bezeugen können, will jetzt in der AIBA „Transparenz, Integrität, Demokratie“ und allerlei andere löbliche Dinge einführen. Das Geld dafür hat er.

Und siehe, plötzlich steht die AIBA schuldenfrei da, wird behauptet.

Allerdings wurden dem Verband in der Schweiz die Bankkonten gekündigt.

Taschkent-Connection

Rachimows Netzwerk ist atemraubend. Aus Jugendtagen in Taschkent kennt er die olympischen Skandalnudeln Schamil Tarpischtschew und Alimsam Tochtatunow – und den Kreml-nahen Milliardär Alischer Usmanow, viele Jahre reichster Russe, Präsident des Fecht-Weltverbandes FIE und Chef der Gazprominvestholding. Für Gazprom schloss Usmanow, geboren und aufgewachsen in Usbekistan, einst einen spektakulären Deal mit Karimow und sicherte dem Öl-Giganten Gazprom wichtige Förderrechte.

Usmanow und seine Anwälte stellen es seit vielen Jahren so dar, als sei Rachimow dem Milliardär nur flüchtig bekannt. Ein Kind aus der Nachbarschaft halt, da kann man nichts machen. 

Tarpischtschew und Tochtatunow halten indes zu ihrem Jugendfreund. 

Tarpischtschew qualifizierte sich 1994 als Tennislehrer und Sportminister des russischen Präsidenten Boris Jelzin für eine IOC-Mitgliedschaft, die er noch bis 2028 wahrnehmen kann. Dass unter ihm einst rund zwölf Milliarden Dollar aus einem Sportfond verschwanden, vielleicht sogar mehr, hat im IOC nie Fragen ausgelöst. Wer in Russland in den wilden Neunzigern Fragen stellte oder gar plaudern wollte, lebte gefährlich: Zwei ehemalige Gefährten Tarpischtschews und Chefs des Sportfonds wurden ermordet. Nach einem Ukas von Jelzin war es dem Sportfond, auch Wodkafond genannt, erlaubt, zollfrei mit Alkohol, Tabakwaren und sogar Bodenschätzen zu handeln.

Alimsan Tochtatunow gilt als Mafiosi, als „Dieb im Gesetz“, wie derartige Autoritäten in Russland bezeichnet werden. Er wird in einigen Ländern gesucht. Er steht wie sein Kumpel Rachimow auf der US Treasury List. Tochtachunow, Taiwantschik genannt, soll beispielsweise bei den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City Eiskunstlauf-Entscheidungen verschoben haben. Auch deshalb kann er Russland kaum verlassen, ist seine Bewegungsfreiheit gewaltig eingeengt.

Dumm für ihn, denn: „Ich liebe Luxus, ich liebe Yachten, First-Class-Flüge, Geld ausgeben, aber sie lassen mich nicht!“ Das hat er dem Dokumentarfilmer Alexander Gentelev im herausragenden Film Schattenreich russische Mafia erzählt. Und das: „Ich bin kein Krimineller. Ich habe Euch meine ganze Biografie erzählt. Ich bin ein guter und ordentlicher Bürger Russlands.“

Lange war Tochtatunow Boss der Stiftung des russischen Fußballverbandes, beriet Tennisprofis, managte Fußball-Transfers und traf sich, natürlich, mit FIFA-Präsident Joseph Blatter.

Nach den Beschlüssen des IOC-Exekutivkomitees in Shinagawa bedankten sich die AIBA und Gafur Rachimow in geradezu unterwürfigem Ton dafür, dass die IOC-Führung Fortschritte anerkannt habe. Man unternehme alles, um die Krise zu meistern. Für Krisenmanagement und PR hat die AIBA Anfang des Jahres die Beratungsfirma Burson-Marsteller Sport verpflichtet, für einen hohen fünfstelligen Betrag monatlich. Zuletzt hatte BM Sport die erfolgreiche Bewerbung des DFB für die Fußball-EM 2024 betreut. 

Einer der Vizepräsidenten von Lalović im Ringer-Weltverband UWW, Akhroldjan Ruziew, war früher quasi als Rachimows Consigliere tätig. Ruziews Name tauchte deshalb in den 1990er Jahren ebenfalls in den Akten auf. Das Duo hatte gemeinsam in Deutschland Geschäfte gemacht. 

Lalović wurde vor einigen Monaten über die alte Verbindung informiert und hat Ruziew darauf angesprochen. Dieser beteuerte, seine Geschäftsbeziehungen zu Rachimow vor mehr als einem Jahrzehnt gekappt zu haben. Lalović vertraut Ruziew und sieht keinen Grund, an den Aussagen zu zweifeln.

Ruziew habe ich im Sommer 2015 in Kuala Lumpur auf jener Party kennengelernt, die Lalović gab, nachdem er ins IOC aufgenommen wurde. Ruziew ist ein zurückhaltender, gebildeter älterer Herr, der sehr gut Deutsch spricht. Auf Rachimow ließ er nichts kommen, sagte, da gebe es viele Missverständnisse. Gafur Rachimow habe sehr viel getan für den Sport in Usbekistan.

Die Unschuldsvermutung

Von Thomas Bach wollte ich in Tokio wissen, warum er stets für seinen Freund Scheich Ahmad die Unschuldsvermutung anführt, obgleich dieser nicht nur in der Schweiz angeklagt ist, in den FIFA-Verfahren in den USA als Schmiergeldzahler geführt wird und zudem in Kuwait wegen olympischer Geldwäsche gegen ihn ermittelt wird. Ob diese Unschuldsvermutung also nicht auch für Gafur Rachimow gelte? 

Bach sagte weder ja noch nein. Es handele sich um unterschiedliche Fälle. Die IOC-Ethikkommission befasse sich mit Al-Sabah und habe nach der Anklage in der Schweiz Empfehlungen ausgesprochen, denen dieser gefolgt sei. Dagegen handele es sich bei Rachimow „nicht um eine persönliche Angelegenheit“, sagte Bach und insinuierte, dass sei im Strafverfahren Al-Sabah der Fall. Es werde klar, dass Rachimow wegen der Sanktionen des US-Finanzministeriums nicht in der Lage sei, sein Amt als AIBA-Präsident vollumfänglich auszuüben. Er könne nicht frei reisen. Zudem hat die BCV-Bank in Lausanne Konten der AIBA gekündigt.

Im Juni 2019 findet in Lausanne die nächste IOC-Vollversammlung statt. Dann sollen die Olympischen Winterspiele 2026 vergeben werden, sofern ein Kandidat übrig bleibt. Spätestens im Juni soll auch die Entscheidung über das olympische Boxturnier 2020 fallen, erklärte IOC-Sportdirektor Kit McConnell.

Die Truppe von Nenad Lalović muss also liefern … und wird das wohl dieser Tage.

Mehr dazu in Kürze aus Lausanne.

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