† Anwar Chowdhry

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Anwar Chowdhry

Kleine Nachtlektüre. Einer der korruptesten olympischen Sportfunktionäre aller Zeiten, das will schon was heißen, ist verstorben.

Anwar Chowdhry aus Pakistan, einst Mitglied der so genannten sportpolitischen Abteilung von Adidas (neben John Boulter, Jean-Marie Weber, Thomas Bach und anderen), wurde 88 Jahre alt.

Er war ein enger Kampfgefährte des kürzlich ebenfalls verblichenen IOC-Supremo Juan Antonio Samaranch, wurde 1986 von Adidas auf den AIBA-Thron gehievt, in einer sagenumwobenen Wahlschlacht in Bangkok, mit Sex und Huren und Geld und allem – blendend dokumentiert sind die Vorgänge übrigens in Stasi-Akten.

Ich habe in den vergangenen Jahren viel berichtet über Chowdhrys Machenschaften, u.a. in diesem Buch. Eine Reportage von den Olympischen Spielen 2000 in Sydney fasst seine Ära ganz gut zusammen, glaube ich. Es ist eine meiner Lieblingsgeschichten zu Anwar Chowdhry, der sich gern als „höchstdekorierten Sportführer der Welt“ bezeichnet hat. Ich finde es außerordentlich schade, dass ich damals noch nicht fotografiert habe. Dieses Gespräch mit ihm in den Katakomben der olympischen Box-Arena hätte ich auch ganz gern auf Video aufgenommen.

Ching-Kuo Wu, Präsident des Amateur-Box-Weltverbandes AIBA und IOC-Exekutivmitglied aus Taiwan, schreibt zum Tode Chowdhrys:

Condolence Letter from AIBA President Wu to National Member Federations, ExCo Members, June 20, 2010

„Although he could not continue his involvement in boxing from 2007 on due to his ban, I would like to request you to remember his achievements toward our sport and wish him a peaceful rest.“

SYDNEY, 19. September 2000. Wenn sich die Besten der Weltjugend prügeln im Convention Centre von Darling Harbour, sitzen die beiden Oberaufseher ganz nah am Ring. Anwar Chowdhry und Loring Baker, Präsident und Generalsekretär des Box-Weltverbandes AIBA, verfolgen die Kämpfe an einem Tischchen, auf dem sich Computerbildschirme befinden, mit denen sie die Arbeit der Punktrichter überwachen können.

Die ergrauten Sportfreunde, die gemeinsam über 153 Jahre Lebenserfahrung verfügen, sind derzeit hart gefordert. Gilt doch die AIBA als Synonym für Bestechung jeder Art. Für Betrug am Sport und an den Athleten. So war es kein Zufall, dass zu jenen beiden des organisierten Verbrechens verdächtigen Sportfunktionären, denen vor knapp zwei Wochen die Einreise nach Australien verweigert wurde, der AIBA-Funktionär Gafour Rachimow gehörte.

Der Pakistani Chowdhry ist zwar dafür bekannt, dass er gern laut und viel erzählt, am liebsten während ausschweifender nächtlicher Saufgelage, doch Interviews liebt er eigentlich nicht. Um so überraschender, dass sich Chowdhry diesmal auf ein Gespräch einlässt, ja sogar in sein Büro einlädt.

Ich werde Ihnen mal die Wahrheit erzählen, junger Mann, denn in den Zeitungen steht ja nur Scheiße über mich.

So ist Anwar Chowdhry, der in der AIBA nur „der Professor“ genannt wird: auf seine Art sehr direkt.

Einer seiner Bodyguards führt in präsidiale Office, das schmucklos eingerichtet ist. Nur einer von vielen mit Wänden aus Hartpappe abgetrennten Arbeitsräumen in den Katakomben des Convention Centre: Schreibtisch, zwei Sofas, ein Tischlein, wenige Stühle, in einer Ecke steht ein kleiner Tresor. Chowdhry lässt sich tief in seinen Sessel plumpsen und referiert drauflos. Seine schlichten Thesen lassen sich leicht zusammenfassen:

Ich bin kein Gauner. Ich bin kein Heuchler. Ich sage die Wahrheit. Ich bin ein großer und geachteter Sportfunktionär.

Dies verkündet er wörtlich und in vielerlei Variationen. In dieser Beziehung ist der Professor sehr erfindungsreich.

Natürlich ist es müßig, den Fuchs im Hühnerstall zu fragen, ob er gerade ein Huhn zu verspeisen beabsichtige oder wie viele er im Laufe seines Lebens bereits verschlungen hat. So wie der Fuchs diese Frage nicht wahrheitsgetreu beantworten wird, sieht auch Chowdhry keinen Grund, sich als derjenige zu enttarnen, als der er in weiten Kreisen des Weltsports verrufen ist: als Ganove.

Der Berliner Karl-Heinz Wehr, der Chowdhry als AIBA-Generalsekretär anderthalb Jahrzehnte die Geschäfte geführt hat, beschrieb den Pakistani einmal so:

Chowdhry ist charakterlich ein absolutes Schwein, unaufrichtig, hinterhältig und verschlagen. Chowdhry ist ein absoluter Geschäftemacher und in jeder Beziehung korrupt.

Zahlreiche Veröffentlichungen aus Wehrs umfänglichen Stasi-Akten haben Chowdhry in den neunziger Jahren Probleme bereitet.

So musste auf Grundlage dieser Unterlagen eine der katastrophalsten Fehlentscheidungen der Sportgeschichte überprüft werden: Das Urteil im Finalkampf der Olympischen Spiele 1988 gegen den Amerikaner Roy Jones. Nach Monaten der Verschleppungstaktik und nicht gar so intensiver Recherche erklärte das IOC jedoch, es hätten sich keine Beweise für Bestechung am olympischen Boxring gegeben. Ein lächerliches Urteil. Roy Jones, inzwischen zum Profi-Weltmeister aufgestiegen, nahm kurz darauf dennoch einen Olympischen Orden an.

Chowdhry hat sich spätestens 1998 mit Karl-Heinz Wehr entzweiht. Der Deutsche verbündete sich damals mit dem Taiwanesen Ching-Kuo Wu, einem IOC-Mitglied, und mit dem Amerikaner Paul Konnor. Das Trio wollte Chowdhry und seine „russisch-balkanische Fraktion“ (Wehr) stürzen. Konnor, damals Chef der AIBA-Rechtskommission, beschwerte sich bei IOC-Präsident Samaranch: Goldmedaillen seien käuflich, schrieb Konnor, Chowdhry begehe „verachtenswerte Verbrechen“ an Sportlern und habe sich mit 400.000 Dollar aus der Verbandskasse bedient. Samaranch hat nie reagiert.

„Konnor ist ein Feigling“, sagt Chowdhry, „er hat mir immer gesagt, dass ich ein vorbildlicher Präsident bin. Er hat nie den Mut gehabt, etwas öffentlich gegen mich vorzubringen. Als er dann den Mund aufgemacht hat, wurde er aus der AIBA rausgeschmissen. Das ist unsere Demokratie. So einfach ist das.“

Wehr formulierte seinerzeit gemeinsam mit Wu ein Manifest für „Ehrlichkeit und Fairplay im olympischen Boxen – gegen alle Formen der Manipulation, der Korruption, der Bestechung und des Dopings“. Doch Samaranch unterstützte auch diese beiden Opponenten nicht. So wurden Wehr, Wu und Konnor auf dem AIBA-Kongress im November 1998 im türkischen Antalya vorgeführt. Sie verloren alle Posten, auch ihre Sitze im Exekutivkomitee.

„Ich habe Karl-Heinz Wehr immer wie einen Bruder behandelt“, säuselt Chowdhry, „ich weiß nicht, was plötzlich in ihn gefahren war, dass er gegen mich arbeitet und auch noch glaubt, er hätte damit Erfolg.“ Es habe vor Antalya sogar Morddrohungen gegen ihn gegeben, berichtete Wehr. Dies und die Anschuldigung, dass die „Wahlen“ von Chowdhrys Gefolgsleuten gekauft worden seien, bestreitet der AIBA-Präsident. Selbstverständlich. Im Reiche Chowdhry funktioniert das ganz anders, viel einfacher, nämlich so:

Ich bin auf der ganzen Welt für meine Rechtschaffenheit bekannt. Die Leute lieben mich. Kann etwa jemand immer wieder einstimmig gewählt werden, der ein Schweinehund ist? Wir haben 190 Mitgliedsverbände in der AIBA. Glauben sie, das diese 190 Wahlmänner alle Trottel sind?

Im Arbeitsraum haben sich inzwischen einige Kampfgefährten versammelt. Auch der Türke Caner Doğaneli, Vizepräsident der AIBA und angeblich Favorit auf die Nachfolge Chowdhrys. Die Claqueure begleiten jeden Satz ihres Meisters mit Beifall.

„Der Professor“, sagt Doğaneli, „hat unendlich viel für den Boxsport getan. Es ist ein Skandal, dass er sich ständig mit solchen bösen Unterstellungen herumärgern muss.“

Zu dumm aber auch, dass Chowdhry & Co. inzwischen in aller Welt als Gangsterbande bezeichnet werden. Angeblich hat die Mafia, ob nun russische, mittelasiatische oder türkische Gruppierungen, längst das Kommando in der AIBA übernommen. „Die Vorgänge sind eine Schande“, hat das norwegische IOC-Mitglied Gerhard Heiberg öffentlich gesagt, eine Überprüfung gefordert und den Ausschluss aus dem olympischen Programm angedroht.

Nichts wissen Leute wie Heiberg! Mit mir hat er kein Wort gesprochen. Und was da in den Zeitungen geschrieben steht, ist shit, shit, shit. Bloody shit.

Großvater Chowdhry redet sich schnell in Rage. Er brüllt oft und im Verlauf des einstündigen Gesprächs knallt er dutzende Male die Fäuste auf den Tisch. Der kleine Recorder, der das Interview mitschneidet, hüpft jedesmal zehn Zentimeter in die Höhe. Die Tischplatte biegt sich gefährlich tief. Doch dann hat sich der Choleriker auch schon wieder beruhigt.

Am meisten hat Chowdhry verletzt, dass sein „Freund Gafour“ Rachimow aus Usbekistan nicht nach Australien einreisen durfte. Chowdhry sagt, er sei wie IOC-Präsident Samaranch bereits Ende August vom SOCOG-Sicherheitschef Sandy Hollway informiert worden, dass es Schwierigkeiten geben würde mit Rachimow, dem mutmaßlichen Mafiapaten und Chef der AIBA-Business­kom­mis­sion. Er hat daraufhin die Usbeken informiert, die beschwerten sich bei der australischen Botschaft in Moskau – aber die Olympiagastgeber blieben hart.

"Serious concern" - Samaranch, sein Brief an Premier John Howard, FBI-Akte zu Rachimov

Titelseite Sydney Morning Herald, September 2000

Das IOC, das laut Chowdhry doch längst Bescheid wusste, tat dann so, als sei die Einreiseverweigerung überraschend gekommen. Für Chowdhry ist Rachimow selbstverständlich ein Ehrenmann.

Er hatte bereits eine VIP-Akkreditierung, so wie auch Nelson Mandela. Ich begreife nicht, warum man ihm die wieder wegnehmen kann.

Chowdhry redet noch eine Weile über seinen aufopferungsvollen Kampf gegen korrupte Kampfrichter, lobt sich als Erfinder des Punktcomputers (was er in Wirklichkeit nicht ist) und beschließt dann die Audienz mit einer milden Gabe zu beenden. Ein Lakai trägt eine schwarze Umhängetasche für den Gast herbei.

Nehmen Sie ruhig, das ist keine Bestechung, das fällt noch unter die IOC-Geschenkregel von 200 Dollar!

… witzelt der AIBA-Präsident.

200 Dollar ist die Grenze, die das IOC 1999 auf seiner Krisensession nach dem Bestechungsskandal von Salt Lake City festgelegt hat. Ein Blick zu seinen mürrisch dreinschauenden Gorilla lässt den Gedanken aufkommen, es sei vielleicht besser, das Präsent nicht abzulehnen. Also trollt man sich mit dem Täschchen, neugierig darauf, was der Professor da so alles verschenkt.

Eine Mappe mit all seinen Verdiensten und Ehrentiteln findet sich darin, eine Krawatte, eine Uhr – alles ist in irgendeiner Form mit Chowdhrys Namen geschmückt. Schließlich noch eine Geldbörse. Wie beziehungsreich. Jedoch finden sich keine Dollarscheine.

(Ich habe die Uhr übrigens noch irgendwo liegen.)

* * *

Okay, die Nacht ist lang, und da ich stets zu Übertreibungen neige, flink noch die wichtigsten Geschichten nach dieser, meiner Lieblingsgeschichte über die Ära Chowdhry. Aus den Jahren zuvor, wer das leider vergriffene Buch „Der olympische Sumpf“ nicht lesen kann, wäre noch diese Seite-3-Geschichte aus der Berliner Zeitung vom September 1996 interessant, als Übersichtstext:

Samaranch, der mutmaßliche KGB-Spion, hat nach dieser Geschichte in Spanien auf einer Pressekonferenz übrigens gesagt, wenn alle Informationen der Stasi (ich habe lang aus Akten zitiert) so unzutreffend wären, wie diese, könne er nur lachen.

Die weiteren Geschichten zur unendlichen AIBA-Story:

* * *

Sein Wille geschehe

30. Oktober 2002

Die olympische Bewegung erlebt in dieser Woche ein weiteres Beispiel gelebter Demokratie: den „Wahl“-Kongress im Weltverband der Amateurboxer (AIBA) im ziemlich teuren Hotel Meridien in Kairo. Obwohl die Boxfunktionäre erst von Donnerstag bis Sonnabend in der ägyptischen Metropole tagen und tafeln, stehen die wichtigsten Ergebnisse dieses sehr speziellen Konvents bereits fest. Anwar Chowdhry, dieser routiniert jung gebliebene Ehrenmann aus Pakistan, bleibt auch die nächsten vier Jahre Präsident.

Als „epochales Ereignis“ wurde in der AIBA bereits Chowdhrys Benennung von 97 der 190 Mitgliedsverbände gefeiert. Einen Gegenkandidaten gibt es selbstverständlich nicht (das wäre ja auch einmal etwas Neues), nachdem die zeitweise interessierten Robert Voy (USA) und Ching-Kuo Wu (IOC-Mitglied aus Taiwan) unter Druck rechtzeitig ihren Verzicht erklärten. So wird also Anwar Chowdhry, der am 26. Oktober bereits sein 79. Lebensjahr vollendete und der sich gern als „höchstdekorierten Sportführer der Welt“ bezeichnet, in Kairo per Akklamation im Amt bestätigt werden, das er bereits seit 1986 einnimmt.

Die Mitglieder des AIBA-Exekutivkomitees wurden ausnahmslos von Chowdhry selbst auserwählt. Sekundiert wird Chowdhry auch weiterhin von seinen wichtigsten langjährigen Getreuen: Caner Doğaneli (Türkei), dem neuen AIBA-Generalsekretär, und Gafour Rachimow (Usbekistan), dem Vizepräsidenten und Chef der so genannten AIBA-Business-Kommission.

Nur zur Erinnerung: Rachimow ist jener Ehrenamtler aus dem total-demokratischen Sportwunderland Usbekistan, der zu den Olympischen Sommerspielen 2000 in Sydney keine Einreise erhalten hatte, weil ihn die Behörden des Gastgeberlandes als „Gefahr für die Sicherheit des australischen Volkes“ geortet hatten. Rachimow soll einer der Köpfe des Drogenhandels in Mittelasien sein. Rachimow zählt zu den Geschäftspartnern und Freunden des derzeit in Italien inhaftierten mutmaßlichen Mafioso Alimsan Tochtachunow, der vom FBI unter anderem verdächtigt wird, Kampfrichter-Entscheidungen bei den Eiskunstlaufwettbewerben (Paarlauf, Eistanz) bei den Olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City manipuliert zu haben.

So viel zum ruhmreichen Einfluss usbekischer Granden im olympischen Sport.

Zurück zur AIBA. Zwar steht das Amateurboxen nicht auf jener umfassenden Streichliste, über die Ende November auf der IOC-Vollversammlung in Mexiko-Stadt entschieden wird, doch ist der Verbleib im olympischen Programm keinesfalls hundertprozentig gesichert. Denn die von der Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees im August abgesegneten Reform-Vorschläge sagen relativ klar aus, dass Amateurboxen, ein Hort der Korruption, ständig auf dem Prüfstand steht.

Sollten weitere negative Schlagzeilen folgen, soll das IOC-Exekutivkomitee Maßnahmen ergreifen. Nimmt man nun jene Beschlüsse zum Maßstab, die nach Chowdhrys heiligem Willen in Kairo gefasst werden sollen, dann dürfte die IOC-Führung gefordert sein.

Beispiele gefällig? Der Berliner Karl-Heinz Wehr, von Chowdhry abservierter langjähriger AIBA-Generalsekretär, hat die Anträge und Beschlussentwürfe des AIBA-Kongresses in Kairo analysiert. Er kommt zu einem vernichtenden Urteil:

Normalerweise hatte man erwartet, dass die AIBA aus den Diskussionen um den Verbleib im olympischen Programm einige positive Vorschläge umsetzt. Leider ist dies nicht der Fall. Die Leute um Chowdhry sind überhaupt nicht an Veränderungen interessiert. Das olympische Boxen wurde in eine Katastrophe geführt.

Es wird im Amateurboxen auch künftig keine offene Wertung geben. Die ebenfalls vom IOC geforderte Rückkehr zur Kampfzeit von 3 x 3 Minuten (derzeit 4 x 2) wurde verworfen. Bei der Benennung der Ring- und Punktrichter (traditionell durch Chowdhry & Co.) bleibt alles beim Alten. Zudem werden die weißen Trefferflächen an den Boxhandschuhen abgeschafft, was für noch mehr Verwirrung in der Wertungsfrage sorgen wird. Schließlich will man die Grenzen zwischen Amateur- und Profiboxer weiter verwischen. Das Exekutivkomitee der AIBA wird ermächtigt, Kämpfen zwischen Amateuren und Profis zuzustimmen, zudem sollen Profis künftig an nationalen, kontinentalen und Weltmeisterschaften teilnehmen können. Das AIBA-Exekutivkomitee werde „den Profis schon den Weg ins olympische Boxturnier ebnen“, hatte Chowdhry schon im März dieses Jahres getönt.

Es hat vor dem Kongress durchaus vernünftige Vorschläge gegeben – Chowdhry hat sie abgelehnt. So wurden von 40 Vorschlägen, die europäische Verbände eingereicht haben, lediglich vier akzeptiert. Dem gegenüber stehen 85 teilweise recht unsinnige Ideen, die sich Chowdhry und seine Vasallen in Kairo absegnen lassen. Dazu gehört nicht zuletzt der Plan, Weltmeisterschaften künftig jährlich auszutragen.

Ein nicht ganz unwichtiger Tagesordnungspunkt sei nicht verschwiegen. Der Verband wird umbenannt: Statt Amateur International Boxing Association soll er künftig Olympic International Boxing Association (OIBA) heißen. Irgendwie legt man auf das Wort „olympic“ doch großen Wert. Schließlich lebt die AIBA/OIBA vor allem von jenen vier Millionen Dollar, die das IOC als Anteil an den olympischen Fernsehrechten überweist. Dummerweise weiß niemand genau, was mit dem Geld geschieht.

* * *

Letzter Gang für den Box-Paten

Der Weltverband wählt den Präsidenten Chowdhry ab

6. November 2006

Das ist doch mal eine gute Nachricht für den Sport: Anwar Chowdhry (83) ist gestürzt. Der Weltverband der Amateurboxer (AIBA) hat einen neuen Präsidenten. 20 Jahre lang hat der Pakistani Chowdhry die AIBA mit vorsintflutlichen Methoden geführt, auf dem Kongress in Santo Domingo verlor er die Abstimmung gegen den 60 Jahre alten Taiwanesen Ching-Kuo Wu mit 79:83 Stimmen bei einer Enthaltung. Eine so knappe Entscheidung hat es in der olympischen Welt bisher kaum gegeben.

Für das Amateurboxen ging es um Leben oder Tod. Zwar hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC), zu dessen Mitgliedern Ching-Kuo Wu seit 1988 zählt, auf seiner Session im Juli 2005 in Singapur dem Sport noch einmal bis 2012 den Olympiastatus verpasst, eine Zahlung aus den Fernsehgeldern in Höhe von 9,15 Millionen US-Dollar war jedoch eingefroren worden.

Das Problem der AIBA heißt seit zwei Jahrzehnten Anwar Chowdhry. Es ist selten nachvollziehbar, auf welchen Konten in diesem Verband Geld verschwindet. Von der Opposition war moniert worden, dass über Ausgaben von 670.000 Dollar keine Belege existieren. Verantwortlich dafür: Chowdhry und sein Generalsekretär Caner Doğaneli (Türkei).

Chowdhry hatte noch in Santo Domingo getönt, nur er allein könne die AIBA führen. „Wu hat keine Ahnung, der weiß nichts über Boxen“, sagte er. Nun wurde Chowdhry davon gejagt. Doğaneli allerdings, der ebenfalls einen katastrophalen Ruf genießt und dem Nähe zur organisierten Kriminalität nachgesagt wird, darf bleiben.

Wegen des Umsturzes nun aber von einer Revolution zu sprechen, wäre verfrüht. Sicher, Sportkamerad Wu hat einen guten Leumund; allerdings darf man nicht vergessen, dass sein Weg ins Präsidentenamt vor allem durch die zurückgezogene Kandidatur eines mutmaßlichen Drogendealers namens Gafour Rachimow möglich wurde. Der Usbeke, der im Visier von Europol, FBI und anderen Ganovenjägern steht, hatte selbst Präsident werden wollen. Zuletzt empfahl er dem AIBA-Völkchen – und hier besonders den afrikanischen Delegierten -, Ching-Kuo Wu zu wählen.

Er dürfte seine freundliche Empfehlung unterlegt haben mit diversen Gaben, anders läuft es in diesem Verband kaum.

Das Problem der AIBA ist also noch lange nicht gelöst. Korruption, ob nun in Form von Unterschlagung, Kampfrichterbetrug oder Erpressung, dominiert nach wie vor den klinisch toten Verband. Herr Dr. Wu, ein ehemaliger Basketballer und Architekt, steht eine titanische Aufgabe bevor. Es wird interessant sein, welche Skandale er ans Tageslicht befördert und wie er sich zu Doğaneli und Rachimow verhält.

Die Nähe zum IOC ist schon mal gegeben. Durch Ching-Kuo Wu persönlich und durch den Umstand, dass die AIBA in der Schweiz ihre Geschäftsstelle hat. Eines hat sogar Rachimow begriffen, wie er den nationalen Boxverbänden kürzlich schriftlich mitteilte: „Eine der perspektivischen Aufgaben der AIBA besteht meiner Ansicht nach darin, in einen konstruktiven Dialog mit dem IOC zu treten und bedingungslos alle Empfehlungen des IOC zu akzeptieren.“ Nun dann.

* * *

Thriller von Taipeh

Der Amateurbox-Weltverband AIBA suspendiert seinen dubiosen Generalsekretär Caner Doğaneli

20. Februar 2007

Im Weltverband der Amateurboxer geht es weiter herzhaft zur Sache. Wie AIBA-Sprecher Richard Baker dieser Zeitung bestätigte, wurde in der vergangenen Woche in aller Stille der AIBA-Generalsekretär Caner Doğaneli (Türkei) suspendiert. Ihm wird Misswirtschaft und Veruntreuung vorgeworfen. Es geht, vorerst, um mehr als eine halbe Million US-Dollar. Die Sache wurde der Ethikkommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) übergeben.

Der Fall Doğaneli beweist, dass nach einer 20 Jahre währenden Diktatur der Korruption durch den Präsidenten Anwar Chowdhry (Pakistan) die Aufräumarbeiten begonnen haben. Auf dem AIBA-Kongress in Santo Domingo im November 2006 war ja nicht nur unter mysteriösen Umständen ein Delegierter aus Mali, Pierre Diakite, ums Leben gekommen (er hatte sich gegen Chowdhry ausgesprochen und wurde später tot im Fahrstuhlschacht seines Hotels gefunden), der Kongress hatte auch einen neuen Präsidenten gewählt: Ching-Kuo Wu aus Taiwan gewann mit 83:79 Stimmen gegen Chowdhry.

Wu setzte allerdings zunächst weiter auf Generalsekretär Doğaneli und hatte sich auch mit dem Usbeken Gafur Rachimow verbündet. Rachimow, der in Dokumenten von polizeilichen Ermittlungsbehörden mit der organisierten Kriminalität und Drogenhandel in Verbindung gebracht wird, ist AIBA-Vizepräsident. Den Wahlkampf des Dr. Wu hatte mit Ho Kim (Südkorea) ein weiterer Funktionär zweifelhaften Rufes gemanagt. Kim wurde dafür zum Exekutivdirektor der AIBA berufen.

Drei Monate später trennt sich Wu von Doğaneli. Schweizer Rechnungsprüfer, die AIBA-Zentrale sitzt in Lausanne, haben ihren Bericht in Taipeh dem neuen AIBA-Exekutivkomitee vorgetragen. Das Exko leitete den Fall an seine Reformkommission weiter, die vom Norweger Gerhard Heiberg geleitet wird, dem Chef der IOC-Marketingkommission. Heiberg hatte schon im Herbst 2000 in dieser Zeitung Reformen in der AIBA angemahnt: „Wenn Boxen olympisch bleiben soll, muss sich schleunigst etwas ändern.“ Nun soll er im Auftrag von IOC-Chef Jacques Rogge handeln.

Das IOC hat inzwischen 300.000 Dollar, einen Teil der eingefrorenen olympischen Fernsehgelder, an die AIBA überwiesen. Die Lage ist vertrackt, denn Wu, selbst IOC-Mitglied, hat sich mit Personen verbündet, die Dreck am Stecken haben. Zudem werden Wu von einigen Verbänden Satzungsverstöße vorgeworfen.

Merkwürdig erscheinen auch die Umstände der Ausbootung seines größten Kritikers, des russischen Verbandschefs und AIBA-Vizepräsidenten Eduard Kusainow. Dieser hatte Wu am 18. Januar in einem Brief vorgeworfen, er habe die eine Diktatur durch eine andere abgelöst, setze auf den „absolut identischen Clan“ von Chowdhry und verletze die Regeln auf „kriminelle“ Weise. Kurz darauf wurde Kusainow von der AIBA-Führung suspendiert. Es wurde behauptet, er gehöre einer islamischen Terrorgruppe an. Kusainow durfte deshalb nicht an der AIBA-Exekutivsitzung teilnehmen, er musste sich stattdessen einem Verhör durch die Kollegen stellen.

Der russische NOK-Präsident Leonid Tjagatschow erklärte umgehend schriftlich, Kusainow sei mit einem bereits verurteilten Terroristen verwechselt worden. Daraufhin wurden die Russen mit der Austragung der Box-WM im September 2007 besänftigt. Aber auch das war kurios: Denn eigentlich wurde die WM schon vor einiger Zeit vergeben. Weil nun aber Sportkamerad Ho Kim, der neue AIBA-Exekutivdirektor, die WM gern in Südkorea gesehen hätte, wurde vergangene Woche in Taipeh ein zweites Mal abgestimmt. 22:9 für Moskau.

Kompliziert ist die Welt des Amateurboxens. Wer lügt oder wer vielleicht sogar die Wahrheit sagt, ist schwer auszumachen. Zu den vielen Merkwürdigkeiten zählt auch, dass die Suspendierung des Generalsekretärs Doğaneli nicht öffentlich publik gemacht wurde. Präsident Wu hat lediglich E-Mails an seine Exekutive geschrieben.

AIBA-Sprecher Richard Baker, frisch im Amt, hat Schwierigkeiten, die Abläufe darzulegen. Blöde Lage für ihn, den Neuling. „Geben Sie uns beziehungsweise der IOC-Ethikkommission einige Wochen Zeit“, sagt Baker. Es wird weiter nach belastendem Material gefahndet. Und sicher wird sich Caner Doğaneli, kein Kind von Traurigkeit, der gern Mal mit teuren Klagen droht, demnächst lautstark verteidigen.

* * *

Nach diesem Interview mit Ching-Kuo Wu, das ins Englische übersetzt und verbreitet wurde, habe ich mal Post von Gafour Rachimows Anwalt bekommen. Es ging glimpflich aus.

„Ich hasse Leute, die ständig Lügen verbreiten“

Weltbox-Präsident Ching-Kuo Wu über Korruptionsfälle und die Zukunft des olympischen Boxen

21. Februar 2007

Etwas hat sich schon geändert im Amateurbox-Weltverband AIBA. Wer je versuchte, den langjährigen Präsidenten Anwar Chowdhry zu kontaktieren, konnte verzweifeln. Bei Chowdhrys Nachfolger Ching-Kuo Wu, einem Architekten aus Taiwan, läuft das so: Man schickt ihm eine Email, die er prompt beantwortet; und kaum ist man am nächsten Morgen im Büro eingetroffen, ruft das IOC-Mitglied bereits an. Dr. Wu meldet sich aus Los Angeles. Seine Botschaft: „Die Leute sollen nicht länger glauben, die AIBA sei ein korrupter Verein.“

Herr Wu, warum wurde Generalsekretär Doğaneli suspendiert?

Ich wurde im November 2006 zum Präsidenten gewählt. Auf diesem Kongress in Santo Domingo wurde ja kein Finanzbericht vorgelegt. Also war es meine erste Aufgaben, unabhängige Rechnungsprüfer anzufordern. Wir haben die Akten im AIBA-Hauptquartier von PriceWaterhouseCoopers prüfen lassen. Das hat sehr viele Fragen aufgeworfen. Der Umgang mit den Finanzen der AIBA zeichnet meiner Meinung nach ein klares Bild.

Werden die Unterlagen der gesamte Chowdhry-Ära geprüft?

Nur die letzten vier Jahre.

Aus AIBA-Quellen heißt es, bei Doğaneli gehe es um mehr als eine halbe Million Dollar, bei Chowdhry wahrscheinlich um mehrere Millionen.

Ich spreche nicht über Zahlen, ich kenne sie gar nicht. Ich habe, wie alle Kollegen im Exekutivkomitee, ja nur einen Kurzbericht der Prüfer gehört. Es geht um viele Unregelmäßigkeiten und wohl auch um Unterschlagung. Es sind ernste Vorwürfe, sehr gut dokumentiert. Die Buchprüfer haben viele Personen interviewt, auch die Herren Chowdhry und Doğaneli. Aber die Auskünfte waren offenbar nicht überzeugend. Der gesamte Bericht, ein sehr dicker übrigens, wurde unserer Ethikkommission übergeben, die eine vorläufige Empfehlung ausgesprochen hat. Deshalb wurde Herr Doğaneli suspendiert. Er kann sich nun verteidigen und alle Vorwürfe aufklären.

Es ist nicht etwa die IOC-Ethikkommission damit befasst?

Nein, das ist ein Missverständnis. Der Fall liegt in den Händen der AIBA-Ethikkommission. Die wird vom langjährigen IOC-Generaldirektor François Carrard geleitet. Wir warten nun auf die abschließenden Empfehlungen. Ich denke, im Mai oder Juni werden wir auf einer außerordentlichen Sitzung des Exekutivkomitees entscheiden müssen.

Also noch vor der IOC-Vollversammlung in Guatemala, auf der Sie Anfang Juli gern eine erneuerte AIBA präsentieren würden.

Wir haben in der Tat schon viel erreicht für unseren Sport. Jedem unserer 197 Nationalverbände können wir Ausrüstung im Wert von 5 000 Dollar schicken. Wir haben unsere Regeln transparenter gemacht. Bei der Frauen-WM in Indien und den Asienspielen in Katar wurde ganz offen gewertet: Jeder Aktive, jeder Zuschauer, jeder Offizielle war jederzeit über die Zwischenstände informiert. Es gab keine Beschwerden. Das wird nie wieder anders sein.

IOC-Präsident Jacques Rogge hat anderthalb Stunden zugesehen. Er war sehr beeindruckt. Wir erleben ein anderes Boxen. Die Zeit der Mauscheleien von Kampfrichtern und Funktionären ist vorbei. Dieses Versprechen habe ich gemacht, ich werde es halten.

Haben Sie Kontakt zu Chowdhry?

Er ist ein alter und kranker Mann. Er hat mir eine Email geschickt und seine Unterstützung versprochen. Er hat auch einige Briefe geschrieben, in denen er auf die Unterschlagungsvorwürfe eingegangen ist. Ich habe diese Post an die Buchprüfer weiter gereicht.

War es wirklich nötig, sich mit Doğaneli zu verbünden, um die Macht übernehmen zu können?

Ich arbeite mit allen Menschen zusammen, die ein ehrliches Interesse am Boxsport haben. Aber sie müssen sauber und transparent agieren. Herr Doğaneli wurde bisher von keinem Gericht verurteilt.

Warum haben Sie sich noch nicht vom AIBA-Vizepräsidenten Gafur Rachimow getrennt, der als „Pate von Taschkent“ bezeichnet wird, der laut Polizeiberichten angeblich im mittelasiatischen Drogenhandel eine große Nummer sein soll.

Ich kenne diese Vorwürfe, und ich bin vorsichtig. Ich will die AIBA säubern. Aber ich brauche bessere Beweise. Auch Gafur Rachimow wurde bisher nie verurteilt.

Den russischen Verbandspräsidenten Eduard Kusainow haben Sie allerdings aufgrund von Zeitungsberichten suspendiert. Hat das damit zu tun, dass Kusainow Sie scharf kritisierte, Rachimow aber mit Ihnen zusammenarbeitet?

Es gab in der Tat die öffentliche Information, wonach Kusainow in terroristische Aktivitäten verwickelt sein soll und deshalb zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Wir haben ihn um eine Erklärung gebeten. Er hat nichts Substanzielles gesagt. Wir haben eine halbe Stunde lang gefragt. Er hat nicht geantwortet. So haben wir einstimmig entschieden. Auch dieser Fall liegt bei der Ethikkommission.

Das hat überhaupt nichts mit seiner Kritik an meiner Arbeit zu tun. Mir wird ja auch vorgeworfen, dass ich Ho Kim (umstrittener Wahlkampfmanager von Ching-Kuo Wu/d. R.) zum Geschäftsführenden Direktor der AIBA gemacht habe. Das ist ebenfalls Unsinn. Denn diese Personalie wurde auf einer Exekutivsitzung von Leuten bestätigt, die mir nun deshalb Vorwürfe machen.

Sportpolitik ist kompliziert.

Ich weiß, dass die AIBA gerade in Deutschland sehr kritisch gesehen wird. Fragen Sie doch Gerhard Heiberg aus Norwegen, der unsere Reformkommission leitet. Sie wissen, dass er zu den angesehensten IOC-Mitgliedern gehört. Er hat sich immer für Transparenz im Boxen eingesetzt. Er weiß, dass es mir nur um die Zukunft des olympischen Boxens geht. Ich habe keine finanziellen Interessen an diesem Amt. Gerhard Heiberg traut mir, jeder kann mir trauen.

Sie sind zumindest das einzige IOC-Mitglied, das all seine Telefonnummern und Email-Adressen auf seiner eigenen Webseite bereitstellt.

Ich bin total transparent und offen. Mit mir kann man jederzeit reden. Die Zeiten, als in der AIBA nur eine Stimme gehört wurde, sind ein für alle Mal vorbei. Ich hasse Leute, die ständig Lügen verbreiten.

* * *

Ich finde ja Sportpolitik noch immer faszinierend.

Kimi #1

In der Tat ist Sportpolitik faszinierend!
Danke für diese tolle Aufbereitung, Jens!

Martin Sommerfeld #2

Schade, die Uhr mit dem Namen hätte ich ja gern mal gesehen. Vielleicht findest du sie ja, wenn du wieder zurück bist.

escrache #3

Danke für diese Zusammenstellung. Toll so ein Blog. Zwar existieren ja die einzelnen Texte, aber dank der Aneinanderreihung wird das Bild für Außenstehende viel klarer.

Zwei Gedanken dazu:

Das Wort Sportpolitik klingt so harmlos. Was wohl daran liegt, dass Sport (exakter wäre hier Leistungssport) und Politik einen viel zu guten Ruf genießen. Vielleicht sollte ein besserer Begriff gefunden werden, für das, was Personen wie Anwar Chowdhry treiben. BlindgierigeBereicherungVerschleiertAlsSporthilfe ist wohl zu lang.
Sportvorwand oder Sportalibifunktion wären eine Idee. Und die Betreibenden wären dann Sportvorwändler, Sportalibifunktionäre oder -funktionisten.

Die Erstellung einer Übersicht von A-Z wäre ein tolles Projekt. Sortiert nach Organisationen und/oder Funktionären.
Und dann vielleicht eine Karte oder Organigramm, wo die ganzen persönlichen/institutionellen Verquickungen zu sehen sind. Dank Internet können da ja auch mehrere Ebenen aufgezeichnet werden. Alleine für eine Organisation wie dem IOC kämen da interessante Konstellationen heraus.

Zumindest für mich weitaus interessanter als Debatten über gelbe/rote Karten oder über Schiedsrichter. Obwohl ….

escrache

Jens Weinreich #4

Du hast völlig recht, was die Aufarbeitung angeht – Archiv, moderne Tools, Karten, Grafiken etc.

Auch da stoße ich an meine Grenzen. Angedacht ist das längst. Mal sehen. Wenn ich Glück habe, bleiben ja noch 30 Jahre Arbeitszeit.

Laie #5

Einiges ließe sich aber doch vermutlich mit wenig Aufwand verändern:
Man könnte für den Anfang unter dem Kopf der Seite so ein ‚Schubladensystem‘ mit verschiedenen Rubriken (z. B. Sportarten zzgl. Felder wie Politik, Bestechung, Doping usw.) aufmachen (wie die Bookmarks beim Internet-Browser), die man anklicken kann.
Wenn man dann z. B. auf Doping klickt, bekommt auf der neuen Seite wieder so einen ‚Schubladenkasten‘ (etwa Radfahren, Eisschnellaufen, Fußball usw. usw.).
Aber ich blas‘ mich hier auf: Ich habe vom Programmieren keine Ahnung – nur ein paar praxisbezogene Wünsche ;-)

Jens Weinreich #6

Nach der WM. Ich denke, es ist Zeit für die ganz große Lösung :)

escrache #7

jw, deine Grenzen könnten ja durch Mithilfe anderer überwunden oder zumindest ausgebaut werden.
Ich habe keine Ahnung, aber vielleicht besteht ja die Möglichkeit, ein paar Gelder zu organisieren für ein Pilotprojekt, z.B.: „IOC – das Gesicht hinter den Buchstaben“
Wäre auch ein interessantes Projekt, um mal die Abbildungsmöglichkeiten des Internets auszuloten.
Du schnappst dir ein paar deiner Kollegen, ihr stellt eure Inhalte zur Verfügung (allein dieser Blog ist ja schon gigantisch). Eins, zwei Webdesignfreaks bauen ein Kostrukt, andere füllen dann den Inhalt hinein (Text, Foto, Ton, Bild) und du und eins, zwei andere agieren nur als letzte inhaltliche Absegnungsinstanz. Vielleicht wäre es auch unter dem Dach eines Konstruktes wie Play the Game möglich.
Nur mal so gesponnen.

Laie #8

Und am Ende haben wir dann Die Welt am Draht und fangen darin von vorn an ;-)

Gecko #9

@Jens: danke für den bericht. Gibt’s noch mehr infos zu der sagenumwobenen ’86 wahlschlacht?
bin nach dem bisher gelesenem doch sehr neugierig.

@escrache: ein tolles aufwendiges projekt, hat ein künstler/journalist nicht mal sowas ähnliches zu kennedy oder 9/11 gemacht?

Jens Weinreich #10

Gecko: Kurz eine Passage aus dem Buch „Der olympische Sumpf“:

Was Wehr alias IM Möwe da etwa über eine Sitzung der sportpolitischen Abteilung am 24. Juli 1986 in Luzern berichtete, taugt ungekürzt zum Krimi-Drehbuch. Trickreich tüftelten Dasslers Strategen aus, wie sie den Pakistani Anwar Chowdhry zum AIBA-Präsidenten machen könnten – an Stelle des (ebenfalls korrupten) Amtsinhabers Donald Hull aus den USA. Die Präsidentenkür sollte auf dem AIBA-Kongress im Herbst in Bangkok erfolgen. Schon die Bestimmung des Wahlortes Bangkok, die zuvor auf Adidas-Betreiben anlässlich einer Tagung in Seoul erfolgt war, hatte den Stasi-Agenten und Boxfunktionär tief beeindruckt: Es sei ein „bis dahin fast einmaliger Akt der Wahlbeeinflussung“ gewesen, notierte Wehr. Mit „einer alles umfassenden kulturellen Betreuung (Nachtbar, Massage, individuelle Betreuung) wurde ein Wahlergebnis von 11:24 Stimmen zusammengezimmert.“

In Luzern nun ging es an die Feinarbeit. Die ideen- und kenntnisreiche Runde war zu dem alarmierenden Zwischenfazit gelangt, dass noch ein paar Stimmen fehlten. Also sollten einige Dutzend Wahleute, etwa aus der „riesigen Reserve des afrikanischen Raums“, gekauft werden. Und so durften später insgesamt 37 Delegierte auf Adidas-Kosten zum Wahlkongress nach Bangkok jetten. Erörtet worden sei – laut IM Möwe – „die Bezahlung von Tickets, die Bezahlung des Aufenthalts in Bangkok, materielle Zuwendungen in Form der Sportbekleidung und Sportgeräte, das Problem von persönlichen Tagegeldern nach Abschluss der Wahl, d. h. Zuwendungen an jene, die zu wählen hatten in Höhe von 200 bis 1.000 Dollar“.

Als Sponsoren, so teilte Wehr später mit, habe Dassler auch zwei einflussreiche IOC-Mitglieder ins Boot geholt, ein damaliges und ein heutiges: Der inzwischen verstorbene Scheich von Kuwait und der mexikanische Unternehmer Mario Vazquez-Rana hätten „im Interesse der Sicherung der Wahlen“ Flugtickets gezahlt.

Wie in einem James-Bond-Film muss es zugegangen sein, folgt man Wehrs Bericht: „Es wurden auch Fragen besprochen bezüglich der Unterbringung in den Hotels, wo man ebenfalls nach diesem Modus verfahren wird, dass man jene, die klar sind, in einem bestimmten Flügel und jene, die absolut dagegen sind, in einem bestimmten Flügel unterbringt, und wo man mit bestimmten Sicherheitskräften überwachen wird, welche Bewegung zwischen den einzelnen Parteien stattfinden wird.“ Ehrfürchtig wurde angemerkt, dass sich die Adidas-Leute „offensichtlich in solchen Wahlfragen auskennen“.

Acht Stunden soll das Brainstorming in den Räumen der ISL-Dependance gedauert haben, neben AIBA-Generalsekretär Wehr, dem Stasi-Protokollanten, nahmen diese Personen daran teil: *** Die Namen lasse ich jetzt mal weg, aus juristischen Gründen. Wurde aber alles gedruckt und juristisch nicht angegriffen. Aber im Blog, man weiß ja nie. Thomas Kistner und ich haben uns die Details dieser Sitzung und dieses Berichts für unser Buch auch von einem der Teilnehmer bestätigen lassen. *** Vom Kern der Gruppe fehlte diesmal nur Hacine Hamouda (Tunesien, verantwortlich für Afrika). So steht es in den Akten.

Der Sportkonvent im Sündenpfuhl Bangkok wurde tatsächlich ein voller Erfolg. Rund 200.000 Mark – inklusive der „Kosten für Barbesuche und für Massageinstitute sowie Zuwendungen in Bargeld“ – habe es sich Adidas kosten lassen, dass Chowdhry souverän mit 63:32 Stimmen zum AIBA-Chef avancierte (eine Position, die er seither verteidigte und bis 2002 inne hat). Generalsekretär Karl-Heinz Wehr hatte den Kongress „militärisch organisiert und geführt“, lobte sich der Stasi-Chronist anschließend selbst. Nach der rauschenden Wahlparty der Faustkampf-Funktionäre in Thailands Hauptstadt hatte er sich um das Seelenleben seiner Dolmetscherin gesorgt. Die Dame sei „natürlich ein bißchen schockiert über die Art und Weise der Führung des Kongresses und über die Randerscheinungen“.

Gecko #11

Nach der rauschenden Wahlparty der Faustkampf-Funktionäre in Thailands Hauptstadt hatte er sich um das Seelenleben seiner Dolmetscherin gesorgt. Die Dame sei „natürlich ein bißchen schockiert über die Art und Weise der Führung des Kongresses und über die Randerscheinungen“.

Looooooooooooooooool – koks und nutten satt – um das mal so derb auszudrücken

danke für den einblick

dazu fällt mir nur eins ein: „stranger than fiction“

enrasen #12

Pffffffffhhhhhhhh – geschafft.

Da komme ich von meinem Kurztrip wieder und hier schlagen etliche Blogeinträge auf, die ich nachlesen muss. Diesen habe ich mir zuerst reingezogen in meiner Mittagspause.

Herrlich. Danke.
Das ist der Grund hier dabei zu sein.

cf #13

London calling: Allegations of deal to fix 2012 Olympic boxing medals

Aber ich mag ja Dementis wie das vom WSB-COO Ivan Khodabakhsh — „we are a very transparent organisation“ — kolportierte:

I deny that I have offered anyone two gold medals or have any understanding that anybody else has offered two gold medals to Azerbaijan

Ralf #14
Jens Weinreich #17

Ich hätte Probleme, mit der AIBA und Großganoven wie Gafour Rachimow zu kooperieren.

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