Journalist stellt Fragen – der DOSB lässt Anwalt Bergmann antworten

Mal wieder Post vom Anwalt. Bin ja schon froh, ab und zu überhaupt so etwas Antwortähnliches vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) zu bekommen – und nicht gleich verklagt zu werden.

Man hat sich längst daran gewöhnt: Auf Fragen an den DOSB antworten Advokaten vom Kurfürstendamm.

Kein Scherz.

Das ist normal im DOSB. Wer bezahlt eigentlich die beträchtlichen Anwaltskosten?

Und das ist die erbärmliche Geschichte, eine Geschichte, die so und ähnlich zahlreiche andere Journalisten im Umgang mit dem DOSB erleben – seit gut einem Jahrzehnt:

Im Dezember hatte ich eine kleine Liste von Fragen an die Vorstandsvorsitzende Veronika Rücker zu Olympiabewerbungen und zur Nationalen Strategie Sportgroßveranstaltungen geschickt. Frau Rücker ging auf die meisten Fragen nicht ein, sondern übermittelte lediglich einige recht unkonkrete Einlassungen – die Quintessenz ihrer Zeilen habe ich am 12. Januar 2021 in einem Beitrag für den SPIEGEL zitiert, der auf tausenden Seiten von Dokumenten beruhte, die ich auf Grundlage des Informationsfreiheitsgesetzes (IFG) im Bundesinnenministerium studiert hatte: „Der Millionenstreit über Olympia in Deutschland“.

Als Sachverständiger zur öffentlichen Anhörung des Sportausschusses des Bundestages (3. März 2021) zum Thema Nationale Strategie Sportgroßveranstaltungen habe ich in meinem umfangreichen Papier auch die dubiosen Usancen der DOSB-Kommunikation erwähnt. Das Papier wurde von DOSB- und BMI-Verantwortlichen übrigens gut gelesen und ausführlich zitiert – während der Anhörung und vor allem am Abend zuvor in einem recht hektisch und überraschend anberaumten Video-Hintergrundgespräch.

Wobei, wenn ich richtig hingehört habe, wichtige Details, die ich im 37 umfassenden Dokument für den Bundestag aufgeführt hatte, ausdrücklich bestätigt wurden – und zwar gleich mehrfach vom DOSB-Vizepräsidenten Kaweh Niroomand (Mitglied im Netzwerk Sport der CDU) und vom Parlamentarischen Staatssekretär Stephan Mayer (CSU).

Korrekt, was denn sonst.

Wer sich einlesen möchte, hier nochmal das Papier. Ansonsten einfach drüber hinwegsehen und diesen Beitrag weiter lesen …

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… Das BMI sieht sich seit Februar plötzich außerstande, mir weitere Akten zur Verfügung zu stellen (auf Grundlage des Informationsfreiheitsgesetzes wohlgemerkt) und verweigert mittlerweile sogar weitere Akteneinsicht zum Komplex Olympiabewerbung NRW 2032.

So ein Zufall.

Das ist lustig, denn die absurden Zuspitzungen von Ende Februar/Anfang März, als hochverantwortliche NRW-Menschen (MP Armin Laschet/CDU, Michael Mronz/FDP) und DOSB-Verantwortliche (Veronika Rücker, Präsident Alfons Hörmann/CSU) sich und dem IOC irgendwie gegenseitig Falschdarstellungen vorgeworfen hatten, es jetzt aber offenbar nicht mehr ganz so genau wissen wollen, hat ja unter anderem diese Erkenntnis(se) gebracht:

  • Es gab noch gar keine offizielle Olympiabewerbung, weil der DOSB diese nicht mit einem Beschluss einer Mitgliederversammlung verabschiedet hatte. Insofern befand sich der DOSB an diesem Punkt (nach langen Auseinandersetzungen) offenbar in Einklang mit dem BMI.
  • Das BMI hatte bis Dezember 2020 keinen wirklichen Vorgang NRW 2032 geführt, im Sinne: Es wurde nicht aktiv an 2032 gearbeitet und auch nicht verhandelt! (Ich habe alle Akten dazu gesehen – sollte man mir etwas vorenthalten haben, wäre das ein Gesetzesverstoß.)
  • Da sich das IOC auf Brisbane festlegte, gibt es auch keine deutsche Bewerbung für 2032 mehr, die es ohnehin nicht offiziell gegeben hat.
  • Es gibt auch keinen Beschluss für 2030 oder 2034 (Winter) oder für 2036 ff. (Sommer).

Das BMI argumentiert ausgerechnet jetzt aber, Akten könnten nicht mehr zur Verfügung gestellt werden, weil es sich „bei der Initiative RR 2032 um ein laufendes Verfahren handelt“.

Im Grunde ist das eine Enthüllung – denn offiziell existierte bis einschließlich 3. März (Anhörung vor dem Sportausschuss) kein Verfahren und dürfte es erst recht keines geben, weil ja keinerlei Voraussetzungen für ein solches Verfahren gegeben sind, außer dass Michael Mronz (FDP) und der CDU-Vorsitzende Armin Laschet sich so etwas wünschen.

Ausgerechnet jetzt soll aber ein Verfahren existieren.

Offenbar wird hinter den Kulissen schwer über eine deutsche Olympiabewerbung, über das Projekt Rhein Ruhr City (RRC 2032), das vom BMI-Justitiar nun als RR 2032 bezeichnet wird, oder was auch immer verhandelt.

Das mag damit zu tun haben, dass das BMI, dass auch NRW nicht will/wollen, dass Details über jenen Finanzplan öffentlich werden, den Mronz um den Jahreswechsel herum in einer Videoschalte erstmals skizziert hatte.

Ebenso wenig sollen Details jener merkwürdigen Verhandlungen zwischen BMI und NRW öffentlich werden, bei denen es darum gehen soll, in den Bundeshaushalt 2022 letztendlich beträchtliche Summen für dieses NRW-203220362040-Projekt (oder die üblichen begleitenden Infrastrukturmaßnahmen) einzustellen, von dem Laschet und Mronz offenbar träumen.

Im Grunde hatte ich das in meiner Ausarbeitung für den Sportausschuss des Bundestages bereits skizziert.

Ich hatte darin auch skizziert, dass das BMI im Vergleich zum DOSB eigentlich recht – nun ja – transparent agiert bzw per Informationsfreiheitsgesetz wenigstens ab und zu Akten herauszugeben hat. So will es halt der Gesetzgeber.

Ich schrieb u.a.:

47. Im Vergleich zum BMI, das wenigstens teilweise einer gesetzlichen Auskunftspflicht (siehe IFG) nachkommen muss, gleicht der BMI-Partner DOSB einem intransparenten Tanker. Vielleicht sollte ich besser sagen: einem Kriegsschiff, denn die Zahl der juristischen Drohgebärden, verleumdungsähnlichen Schriftstücke und albern-ärgerlichen Verfahren, mit denen DOSB-Präsident Alfons Hörmann (CSU) und der DOSB freie und fest angestellte Journalisten und Medien überziehen, steigt in Besorgnis erregende Höhen.

48. Etliche Journalisten können davon berichten, dass Anfragen an den DOSB oft gar nicht oder nur lückenhaft beantwortet werden/wurden. Ich bin noch am Zählen der juristischen Auseinandersetzungen, es macht ganz den Eindruck, als habe der DOSB unter dem Präsidenten Hörmann zuletzt mehr Verfahren eingeleitet, als Antworten auf brisante Fragen gegeben.

49. Es wäre interessant zu wissen, aus welchen Kassen die vielen juristischen Attacken bezahlt werden.

50. Für den DOSB gelten keine Transparenzgesetze wie das IFG, obgleich mit dem Sport ein öffentliches Gut verwaltet wird, das in Deutschland alljährlich insgesamt mit mehr als vier Milliarden Euro aus Steuermitteln alimentiert wird (Bund, Länder, Kommunen, Summe ohne Aufwendungen für Schul- und Hochschulsport).

51. Zum Themenfeld Nationale Strategie und Olympiabewerbungen habe ich selbstverständlich auch dem DOSB eine umfangreiche Liste von Fragen zukommen lassen. Konkretes kam nicht zurück, nur Allgemeinplätze. So erleben es viele Journalisten, die ernsthafter recherchieren.

52. Inzwischen habe ich beim DOSB um Einsicht in das Archiv des NOK zu Olympiabewerbungen und in DOSB-Dokumente gebeten. DOSB-Vizepräsident Kaweh Niroomand, der als Sachverständiger auftritt und als Mitglied der Leitungsrunde eine Schlüsselrolle bei der Erstellung der Nationalen Strategie einnahm, wird diesen Antrag im Sinne der Transparenz gewiss unterstützen.

In der DOSB-Presse 2/2021 vom 26. Januar 2021 hatte ich einen interessanten Text über das angeblich ausgezeichnete Archiv von DOSB und NOK (fusionierte 2006 mit dem DSB zum DOSB) gelesen. Darin wurde behauptet:

„Wie gut, dass der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) nach seiner Gründung vor fast 15 Jahren ein neues, geräumigeres Hauptquartier im Frankfurter Stadtwald hat bauen lassen. Wo sonst als in dem 2016 bezogenen Neubau hätte Ulrich Schulze Forsthövel als Sachwalter vom ‚Gedächtnis des Sports‘ genügend Platz gefunden für die von ihm betreuten rund 15.000 Aktenordner? Der Bestand vergibt aneinandergereiht bestimmt 1,5 Kilometer, aufbewahrt und gelagert ist er in einem Dutzend langer Roll-Regale im Keller der DOSB-Zentrale. Platz wird hier nicht nur für alle möglichen schriftlichen Unterlagen und Dokumente aus der Geschichte des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland (NOK) und des Deutschen Sportbundes (DSB) sowie für die seit Ende Mai 2006 aufgelaufenen Dokumente des neuen Dachverbandes benötigt.
Ebenso nützlich ist, wenn Interessenten hier die Möglichkeit haben, mit dem Archiv-Material zu arbeiten: Seien es in erster Linie die eigenen DOSB-Mitarbeiter selbst, seien es Sporthistoriker oder andere Wissenschaftler, Buchautoren, Journalisten oder auch Filmemacher und Studenten, die ihre Haus-, Diplom- und Bachelor-Arbeiten schreiben. Sie alle werden im ‚historischen Sport-Keller‘ des DOSB je besser und schneller bedient, je präziser sie ihre Themen zu formulieren wissen.“

Ich bin Buchautor und Journalist, im praktischen Sinne auch Sporthistoriker, also formulierte ich mein Thema präzise in einer Email an die DOSB-Pressestelle am 26. Februar 2021:

Hallo,
mit Interesse habe ich kürzlich in der DOSB-Presse einen Artikel über das top-gepflegte Archiv inklusive des NOK-Archivs gelesen.
Ich würde gern folgende Akten aus dem NOK-Bestand einsehen:

  • Olympiabewerbung Berchtesgaden 1992
  • Olympiabewerbung Berlin 2000
  • Olympiabewerbung Leipzig 2004

Pro forma bitte ich auch um Einsicht in Unterlagen zu München 2018, München 2022, Hamburg 2024 und NRW 2032.
Ich bitte darum, mir den Eingang dieser Anfrage zu bestätigen und mir zeitnah Auskunft zur Akteneinsicht zu erteilen.
Merci und beste Grüße
Jens Weinreich

Eine Antwort bekam ich darauf fast einen Monat lang nicht.

Das „Gedächtnis des Sports“ steht also doch nicht jedem Antragsteller zur Verfügung.

(So wie ich auf meine Anfrage vom 21. Januar 2021 an den „lieben Herrn Schirp“, den man wohl als amtierenden DOSB-Sprecher bezeichnen kann, zu fünf aktuellen Fragen für den SPIEGEL in Sachen Tokio 2021 bis heute keine Antwort bekommen habe. Zum Beispiel.)

Am 22. März 2021 habe ich deshalb nachgefragt:

Guten Tag nach Frankfurt,
einige Punkte, ich darf um zeitnahe Beantwortung bitten.

  1. Ich bitte um Beantwortung der Email vom 26.02.21 (s. unten).
  2. Andere Anfragen in diesem Jahr wurden ebenfalls nicht beantwortet. Ist das inzwischen Hauspolitik? Keinerlei Antworten auf Anfragen, nur juristische Drohungen?
  3. Wenn ich einen aktuellen dpa-Text richtig deute, gab es vergangenes Wochenende eine Präsidiumssitzung. Gibt es nach derlei Sitzungen keine Pressekonferenzen o.ä. mehr? Werden dazu nur ausgewählte Journalisten eingeladen/informiert?
  4. Was passiert mit dem Deutschen Haus in Tokio? Wie ist der Stand der Planungen? Wird das Projekt eingestellt? (…)

Drei weitere Fragen (Fragen 5-7) zu einer laufenden Recherche lasse ich an dieser Stelle heraus, auch aus juristischen Gründen.

In einem zweiten Komplex von Fragen habe ich zudem ausführliche Informationen zu den Stasi-Überprüfungen zu Leitungspositionen in deutschen Teams bei Olympischen Spielen, Olympischen Jugendspielen und European Games erbeten. Das sind insgesamt 59 Fragen zu Großereignissen seit 2008 gewesen und zu diesen Daten, die ich nur vom Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen kenne, aber eben nicht vom DOSB – und die ich in diesem Beitrag ausführlich zitiert und aufbereitet habe:

59 Fragen hört sich erstmal viel an. Doch es sind jeweils kleine Komplexe zu den jeweiligen Events (siehe unten). Der DOSB sollte die Antworten eigentlich parat haben – das ist man der Öffentlichkeit schuldig.

Journalisten kennen das:

Man muss halbwegs geschickt fragen, das nervt einen selbst, weil man doch weiß, dass gar keine oder extrem ausweichende Antworten gegeben werden – wenn man einiges nicht gefragt hat, wird sofort juristisch gedroht oder irgendein komischer Rechtsweg beschritten.

Das handhabt Präsident Alfons Hörmann (CSU) nicht anders als sein Vorgänger Thomas Bach (FDP, IOC).

Das wurde in diesem Theater sehr oft beschrieben, beide lassen/ließen dieselbe Kanzlei aus Berlin antworten/agieren – mit dem kleinen Unterschied, dass für Hörmann derzeit meist ein gewisser Simon Bergmann „antwortet“, wogegen für Bach meist ein gewisser Christian Schertz „antwortete“, Nebelkerzen zündete und, ja, so empfinden das Journalisten, gern auch drohte und mit dem Säbel rasselte.

Heute Nachmittag schrieb nun wieder Bergmann.

Hier sein Pamphlet, ich lasse (siehe oben) nur drei Punkte weg – dieselben Punkte (5-7), die ich oben auch in meiner Email weggelassen habe:

Sehr geehrter Herr Weinreich,
wie Ihnen bekannt ist, vertreten wir die rechtlichen Interessen des DOSB. Vor diesem Hintergrund hat uns unsere Mandantschaft darum gebeten, Ihre Fragen vom 22.03.2021 bzw. 26.02.2021 zu beantworten.

Zu 1: Unsere Mandantschaft gewährt grundsätzlich Dritten keine Akteneinsicht in vertrauliche Unterlagen.

Zu 2: Unsere Mandantschaft beantwortet regelmäßig auch kritische Fragen der Presse, soweit mit einer journalistisch objektiven Berichterstattung zu rechnen ist und die Fragen gemessen an ihrem Umfang und dem gesetzten Zeitraum realistischerweise beantwortet werden können. Um einschätzen zu können, worum es geht, bedarf es entsprechend der üblichen journalistischen Praxis einer Darlegung des anfragenden Journalisten zum Thema der geplanten Berichterstattung. Ihre Fragenkataloge erfüllen diese Vorgaben in den seltensten Fällen. Regelmäßig teilen Sie nicht mit, zu welchem Thema Sie recherchieren. Häufig werden extrem kurze Stellungnahmefristen gesetzt und derart viele Fragen gestellt, dass eine Beantwortung von vornherein quasi unmöglich gemacht wird (so beispielsweise der Fragenkomplex zum Thema Stasi, der 66 Fragen (!) umfasst). Zudem lassen Sie regelmäßig übliche Umgangsformen vermissen, wofür beispielhaft Ihre Anfragen vom 26.02.2021 steht (Anrede: „Hallo“). Hinzu kommt, und dies zeigt insbesondere die jüngste Vergangenheit, dass mit einer sachorientieren und objektiven Berichterstattung durch Sie nicht zu rechnen ist.

Unsere Mandantschaft wird sich dennoch bemühen, auch Anfragen von Ihnen zu beantworten. Die Bereitschaft würde aber erhöht, wenn Sie künftig den oben genannten Gepflogenheiten folgen.

Zu 3: Unsere  Mandantschaft informiert die Presse, wie in den vergangenen Jahren auch, weiterhin anlassbezogen nach Präsidiumssitzungen oder sonstigen wichtigen Gremienentscheidungen. Darüber hinaus kommt unsere Mandantschaft regelmäßig auch durchaus sehr zeitnah den vielschichtigen Wünschen nach Einzelinterviews nach.

Zu 4: Unsere Mandantschaft wird die Öffentlichkeit zu diesem wie auch zu allen sonstigen Themen im Zusammenhang mit der Vorbereitung der Olympischen Spiele in Tokyo zeitnah informieren, sobald es wesentliche Weichenstellungen gibt. (…)

Wir gehen davon aus, dass Ihr jüngster Fragenkatalog hiermit hinreichend beantwortet ist und verbleiben mit freundlichen Grüßen
Bergmann
Rechtsanwalt

Zu einer der Fragen einer Recherche behauptete und drohte Bergmann noch:

„Einmal mehr scheinen Sie Spekulationen anzustellen oder Fehlinterpretationen vorzunehmen, die wir ggf. mit allen erforderlichen rechtlichen Mitteln verfolgen werden.“

Herrje. Im Aufplustern ist er so groß.

Ich will mir eigentlich Spitzfindigkeiten wie diese sparen: Bergmann behauptet falsch, ich hätte 66 Fragen zum Stasi-Komplex gestellt – es waren 59. Aber ich verlange deshalb keine Unterlassung, ich heiße nicht BachHörmannScherzBergmann, keine Gegendarstellung, ich verklage ihn nicht – ich stelle nur öffentlich richtig.

Halten wir fest:

NOK- und DOSB-Akten zu den kolossal gescheiterten Olympiabewerbungen, die in Summe zu gewaltigen Teilen vom Steuerzahler finanziert wurden, sind also: „vertrauliche Unterlagen“.

Der DOSB beantwortet offenbar nur noch Fragen, wenn „mit einer journalistisch objektiven Berichterstattung zu rechnen ist“.

Was „journalistisch objektiv“ ist, bestimmt der DOSB bzw ein vom DOSB beauftragter Advokat.

Dieser Advokat moniert und/oder verlangt zudem, das Thema der Recherche umfassend darzulegen. Als ob sich das oder die Themen nicht aus den Fragen ergeben.

Der Advokat behauptet zudem falsch, es würden „häufig extrem kurze Stellungnahmefristen gesetzt und derart viele Fragen gestellt, dass eine Beantwortung von vornherein quasi unmöglich gemacht wird“.

Unsinn.

Beschämend, wenn der Anwalt auch falsch behauptet (inklusive Original-Flüchtigkeitsfehler), es sei mit einer „sachorientieren und objektiven Berichterstattung durch Sie nicht zu rechnen“.

Was „sachorientiert“ ist und was „objektiv“, das legen der DOSB, die Propagandabeauftragten des DOSB und deren Anwaltskanzlei fest.

Wenn man keine Argumente hat, dann kommt man halt mit besonders blödem Zeug.

Zum Thema Stasi-Überprüfung von Leitungsfunktionen in deutschen Teams hat übrigens Tilo Jung (Jung & Naiv) heute auf der Bundespressekonferenz den BMI-Sprecher Steve Alter gefragt:

Quelle: Jung & Naiv, Bundespressekonferenz vom 24. März 2021

Das ist leider auch nicht erhellend.

Hier kurz noch meine unbeantworteten Fragen an den DOSB zur Stasi-Inzidenz unter den überprüften Führungskadern von DOSB-Teams seit 2008, alles sachorientiert und objektiv aus den Tätigkeitsberichten des Bundesbeauftragten entnommen:

  1. Vor den European Games 2019 und den YOG 2020 ergaben sich in 8 Fällen von 81 Überprüfungen von Leitungspersonen des deutschen Sports Hinweise auf eine Tätigkeit für den Staatssicherheitsdienst. Wie schlüsseln sich diese 8 Fälle auf EG und YOG auf?
  2. Was passierte mit diesen Personen nach den Überprüfungen?
  3. Um welche Art der Stasitätigkeit handelte es sich – bitte einzeln aufschlüsseln.
  4. Aus welchen Verbänden/Institutionen/Organisationen kamen diese Personen?
  5. Warum hat sich die Ethikkommission nicht mit allen Fällen befasst?
  6. Mit welchen Fällen hat sich die Ethikkommission befasst?
  7. Wurden Leitungspersonen die Tätigkeit im deutschen Team bei den EG 2019 verwehrt?
  8. Gehörten stasibelastete Leitungspersonen zum deutschen Team bei den EG 2019?
  9. Wurden stasibelasteten Leitungspersonen die Tätigkeit im deutschen Team bei den YOG 2020 verwehrt?
  10. Gehörten stasibelastete Leitungspersonen zum deutschen Team bei den YOG 2020?
  11. Vor den YOG 2018 ergaben sich in 3 Fällen von 49 Überprüfungen von Leitungspersonen des deutschen Sports Hinweise auf eine Tätigkeit für den Staatssicherheitsdienst. Was passierte mit diesen Personen nach den Überprüfungen?
  12. Aus welchen Verbänden/Institutionen/Organisationen kamen diese Personen?
  13. Um welche Art der Stasitätigkeit handelte es sich – bitte einzeln aufschlüsseln.
  14. Warum hat sich die Ethikkommission nicht mit allen Fällen befasst?
  15. Mit welchen Fällen hat sich die Ethikkommission befasst?
  16. Wurden stasibelasteten Leitungspersonen die Tätigkeit im deutschen Team bei den YOG 2018 verwehrt?
  17. Gehörten stasibelastete Leitungspersonen zum deutschen Team bei den YOG 2018?
  18. Vor den OWS 2018 in PyeongChang ergaben sich in 3 Fällen von 86 Überprüfungen von Leitungspersonen des deutschen Sports Hinweise auf eine Tätigkeit für den Staatssicherheitsdienst. Was passierte mit diesen Personen nach den Überprüfungen?
  19. Aus welchen Verbänden/Institutionen/Organisationen kamen diese Personen?
  20. Um welche Art der Stasitätigkeit handelte es sich – bitte einzeln aufschlüsseln.
  21. Warum hat sich die Ethikkommission nicht mit allen Fällen befasst?
  22. Mit welchen Fällen hat sich die Ethikkommission befasst?
  23. Wurden stasibelasteten Leitungspersonen die Tätigkeit im deutschen Team bei den OWS 2018 verwehrt?
  24. Gehörten stasibelastete Leitungspersonen zum deutschen Team bei den OWS 2018?
  25. Vor den OSS 2016 in Rio de Janeiro ergaben sich in 6 Prozent von 223 Überprüfungen von Leitungspersonen des deutschen Sports Hinweise auf eine Tätigkeit für den Staatssicherheitsdienst. Um wie viele Personen/Fälle handelte es sich genau?
  26. Aus welchen Verbänden/Institutionen/Organisationen kamen diese Personen?
  27. Um welche Art der Stasitätigkeit handelte es sich – bitte einzeln aufschlüsseln.
  28. Was passierte mit diesen Personen nach den Überprüfungen?
  29. Gehörten stasibelastete Leitungspersonen zum deutschen Team bei den OSS 2016?
  30. Wurden stasibelasteten Leitungspersonen die Tätigkeit im deutschen Team bei den OSS 2016 verwehrt?
  31. Vor den EG 2015 in Baku ergaben sich in 8 Prozent von 217 Überprüfungen von Leitungspersonen des deutschen Sports Hinweise auf eine Tätigkeit für den Staatssicherheitsdienst. Um wie viele Personen/Fälle handelte es sich genau?
  32. Aus welchen Verbänden/Institutionen/Organisationen kamen diese Personen?
  33. Um welche Art der Stasitätigkeit handelte es sich – bitte einzeln aufschlüsseln.
  34. Was passierte mit diesen Personen nach den Überprüfungen?
  35. Gehörten stasibelastete Leitungspersonen zum deutschen Team bei den EG 2015?
  36. Wurden stasibelasteten Leitungspersonen die Tätigkeit im deutschen Team bei den EG 2015 verwehrt?
  37. Vor den OWS 2014 in Sotschi gab es 91 Überprüfungen von Leitungspersonen des deutschen Sports im Hinblick auf eine Tätigkeit für den Staatssicherheitsdienst. Gemäß BStU gab es 4 Ablehnungen. Bei wie vielen Personen ergaben sich Hinweise auf eine Tätigkeit?
  38. Aus welchen Verbänden/Institutionen/Organisationen kamen diese Personen (abgelehnte und möglicherweise nicht abgelehnte)?
  39. Um welche Art der Stasitätigkeit handelte es sich – bitte einzeln aufschlüsseln.
  40. Was passierte mit diesen Personen nach den Überprüfungen (abgelehnte und möglicherweise nicht abgelehnte)?
  41. Gehörten stasibelastete Leitungspersonen zum deutschen Team bei den OWS 2014?
  42. Vor den OSS 2012 in London wurden auf Antrag des DOSB 254 Leitungspersonen und auf Antrag von Fachverbänden 3 Personen überprüft. Bei wie vielen Personen ergaben sich Hinweise auf eine Stasitätigkeit?
  43. Aus welchen Verbänden/Institutionen/Organisationen kamen diese Personen?
  44. Um welche Art der Stasitätigkeit handelte es sich – bitte einzeln aufschlüsseln.
  45. Was passierte mit diesen Personen nach den Überprüfungen?
  46. Gehörten stasibelastete Leitungspersonen zum deutschen Team bei den OSS 2012?
  47. Wurden stasibelasteten Leitungspersonen die Tätigkeit im deutschen Team bei den OSS 2012 verwehrt?
  48. Vor den OWS 2010 in Vancouver wurden auf Antrag des DOSB 146 Leitungspersonen sowie auf Antrag von Fachverbänden und OSP (5/1) Personen überprüft. Bei wie vielen Personen ergaben sich Hinweise auf eine Stasitätigkeit?
  49. Aus welchen Verbänden/Institutionen/Organisationen kamen diese Personen?
  50. Um welche Art der Stasitätigkeit handelte es sich – bitte einzeln aufschlüsseln.
  51. Was passierte mit diesen Personen nach den Überprüfungen?
  52. Gehörten stasibelastete Leitungspersonen zum deutschen Team bei den OWS 2010?
  53. Wurden stasibelasteten Leitungspersonen die Tätigkeit im deutschen Team bei den OWS 2010 verwehrt?
  54. Vor den OSS 2008 in Peking wurden auf Antrag des DOSB 288 Leitungspersonen sowie auf Antrag von Fachverbänden 13 Personen überprüft. Bei wie vielen Personen ergaben sich Hinweise auf eine Stasitätigkeit?
  55. Aus welchen Verbänden/Institutionen/Organisationen kamen diese Personen?
  56. Um welche Art der Stasitätigkeit handelte es sich – bitte einzeln aufschlüsseln.
  57. Was passierte mit diesen Personen nach den Überprüfungen?
  58. Gehörten stasibelastete Leitungspersonen zum deutschen Team bei den OSS 2008?
  59. Wurden stasibelasteten Leitungspersonen die Tätigkeit im deutschen Team bei den OSS 2008 verwehrt?

Wenn ich schon dabei bin, hier gleich noch eine Anfrage vom 21. Januar 2021, harmlos, höflich und formvollendet, mit allem Verständnis für die Nöte der DOSB-Bürokratie:

Natürlich gab es darauf keinerlei Antworten.

Nicht. Eine. Antwort.

Das ist normal im DOSB.

Man muss schon froh sein, wenn ausnahmsweise nicht beim Anwalt die Kasse klingelt – und man als Journalist nicht durch dreiste, mit Falschbehauptungen gespickte und in schlechtem Deutsch verfasste Advokatenschreiben in der Arbeit gestört wird.


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2 Gedanken zu „Journalist stellt Fragen – der DOSB lässt Anwalt Bergmann antworten“

  1. Amüsant, ich muss schon sagen.

    Ich enpfinde übrigens Herrn Bergmanns Brief keineswegs als Pamphlet und auch nicht als Nebelkerze. Ganz im Gegenteil übermittelt er dort doch in dankenswerter Klarheit die Einstellung seiner Mandantschaft:

    – Alles, was der DOSB zur gemeinnützigen Bildungsaufgabe seines Archivs verlautbart hat, ist Stuss.

    – Einsichtname in Unterlagen des DOSB gestattet der DOSB in- und außerhalb seines Archivs ausschließlich Menschen, die vor der Einsichtsnahme detailiert angeben, warum genau sie was interessiert, was genau sie mit den gewonnenen Erkenntnissen anzufangen gedenken und welche Botschaft damit transportiert werden soll und nur dann, wenn dies dem DOSB in freier Willkür gefällt.

    – Ungeachtet dessen gestattet der DOSB keinesfalls Einsichtnahme in seine Unterlagen in- und außerhalb seines Archivs Menschen, deren bisherige öffentliche Äußerungen über den DOSB dem DOSB in freier Willkür missfallen haben.

    – Selbige Anforderungen gelten gleichlautend für die Motivation des DOSB, Rechercheanfragen von Journalisten inhaltlich oder überhaupt zu beantworten.

    – (Der DOSB verbittet sich grundsätzlich Kommunikation mit Bürgern, die nicht in einer formalen Höflichkeit ausgestaltet ist, die der jedem Bürger gegenüber herausgehobenen sozialen Stellung des DOSB Rechnung trägt und ihm ordentlich verbalen Tribut zollt) -> Habe ich mal eingeklammert. Weil ich mir selbst von außen ziemlich sicher bin, dass dies sowohl aus Sicht von Herrn Bergmann als auch seiner Mandantschaft nur für Menschen gilt, die bei den oben genannten Anforderungen durchfallen. Ich bin mir darüber hinaus ziemlich sicher, dass Herr Bergmann diesen Wunsch seiner Mandantschaft zähneknirschend und mit festem Blick auf sein Stundenhonorar weiter getragen hat, aber das ist Spekulation und man steckt nicht drinnen.

    Nichts davon überrascht mich persönlich zwischenmenschlich oder strapaziert vorhandene Vorurteile. Gleichzeitig muss ich aber auch festhalten: Nichts davon habe ich bisher _wirklich_ objektiv gesichert gewusst. Und insbesondere konnte ich nichts davon bisher mittels einer dem DOSB und seiner Vertreter zuzurechnenden öffentlichen Äußerung nachweisen.

    Als Bürger finde ich diesen Brief also total klasse und hilfreich. Danke, Herr Bergmann.

    Ich kann mich aus dem Stegreif nicht erinnern, wann ich als Bürger das letzte Mal ein außergerichtliches anwaltliches Schreiben im Auftrag einer quasi-öffentlichen deutschen Körperschaft derart erhellend fand. Ich verspreche, ich werde in meinen zukünftigen Bewertungen und öffentlichen Äußerungen bezüglich des DOSB dieses Schreiben immer im Hinterkopf behalten und fürderhin jede Handlung und Äußerung des DOSB daran abgleichen. Diese Schreibarbeit war nicht umsonst. Immer lohnend, versierte Medienrechtler mit seiner Außen-Kommunikation zu beauftragen.

    Für Dich, Jens, und Deine Kollegen ist das natürlich beschissen, das kapier ich schon. Aber so viel Zynismus sei mir bitte gestattet: Wenn transparent durchgeführter Journalismus mir in seinem Scheitern – hier: nach meiner freien Willkür – ausreichend Mittel an die Hand gibt, um zu einer Erkenntnis und einer (neu untermauerten) Wertung zu gelangen, dann reicht mir das.

    Ich bin nämlich kein Journalist. Ich bin Bürger. Und für mich hat der DOSB die Verwendung meiner Mittel gefälligst in Bringschuld nachzuweisen. Und wenn er dies selbst dann verweigert, wenn sich Journalisten als Vertreter der Öffentlichkeit (also von mir) diese Informationen in Holschuld bei ihm erbitten, dann ist es mir – mit Verlaub – scheißegal, ob dieses abholen meiner Informationen von Jens Weinreich mit „Anrede: Hallo“ oder von Erkstraßen-Atze mit „Anrede: Hömma!“ versucht wurde. Bei mir als Bürger bleibt allein die Verweigerung hängen. Und wie das so ist: Hinter der Verweigerung vermute ich fest das Allerschlimmste, was ich mir nur vorstellen kann. Und das tue ich jetzt halt. Glückwunsch.

    ps: Nebenbei erwähnt kann ich ja mal eine der harmloseren Schlussfolgerungen andeuten, die ich aus diesen Erkenntnissen ziehe:

    Für mich steht damit fest, dass alles, was beim DOSB im weiteren Sinne mit den Bereichen Archiv, Dokumentation und Öffentlichkeitsarbeit befasst ist, komplett und ausschließlich der Eigen-PR des DOSB unterfällt.

    Und als Finanzamt Frankfurt III würde ich daher erwarten, dass sämtliche Ausgaben für diese Bereiche aus dem ideellen Betrieb heraus und in den wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb hinein gebucht werden.

    Ich erwarte nicht, dass dies passiert (auch nicht auf Hinweis). Dafür ist der track record der hessischen Finanzämter gegenüber ganz anderen Körperschaften zu eindeutig. Und ich behaupte auch nicht, dass man dies so sehen muss. Ich stelle nur fest, dass ich das daraus schlussfolgere.

  2. Ein schöner Kommentar, sternburg.

    Kleinigkeit: Du hast schon meine nette Anfrage an den DOSB vom Januar gesehen, die ich am Ende des Artikels eingestellt habe? Formvollendet und (dem DOSB) entgegenkommend, oder?

    Wenn man aber, nicht zum ersten Mal, gar keine Antworten bekommt, schreibt man halt irgendwann nur ‚Hallo‘, auch deshalb, weil ohnehin nicht klar ist, wer dort den Hut auf hat. Anyway, ich habe einiges gesagt dazu, wenn auch nicht alles – da kommt noch ein bisschen, keine Sorge bzw: viel Vergnügen. Bergmann hat halt, wie so oft, keine Argumente, da versucht er es mit Ablenkungsmanövern.

    Dass er keine Argumente hat bzw wofür der Typ steht und bezahlt wird, hast Du wie immer schön aufgedröselt. Danke.

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