Gegen die Wand (2): Brisbane und #NRW2032

November 2020, Tokio: John Coates, Thomas Bach, Premier Scott Morrison, Botschafterin Jan Adams (Foto: IOC/Greg Martin)

Ich liebe und hasse Queensland. Ich hatte das Glück, dort 2019 zehn Tage an der Gold Coast zu verbringen, zum Weltsportgipfel SportAccord. Einfach grandios. Atemraubend. Jeden Morgen stundenlange Spaziergänge am Strand. Und es gibt dort viele Kilometer Strand. Andererseits sind da einige verdammt ekelhafte Sportfunktionäre aus Queensland, die meiner Freundin und Kollegin Bonita Mersiades, einer verdienten FIFA-Whistleblowerin, das Leben zur Hölle gemacht haben und sie vernichten wollten. Hier geht es zu den Texten, die ich gemeinsam mit James Corbett dazu veröffentlicht habe.

SportAccord war damals, ein Jahr nach den Commonwealth Games, eine wichtige Station auf dem Weg zu den Olympischen Sommerspielen 2032, die nun so nah sind – für Brisbane und Queensland, nicht aber für NRW. Das sportpolitische Thema dieser Tage. Das Scheitern, das neuerliche Scheitern, hatte ich im Grunde bereits zum Auftakt der NRW-Kampagne vorhergesagt, in diesem Text: Gegen die Wand.


Die jüngere Geschichte deutscher Olympiabewerbungen ist eine unwürdige Ansammlung von Skandalen, der Verschwendung von Steuermitteln und allerlei anderen traurigen Konstanten. Sechsmal in Folge waren deutsche Bewerbungen seit 1986 erfolglos gewesen und scheiterten zuletzt zweimal am Bürgerwillen (München 2022, Hamburg 2024). Nun muss die Offerte von Nordrhein-Westfalen für die Sommerspiele 2032 eingestellt werden, selbst wenn sich Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) am Dienstag absurder Weise noch zuversichtlich zu den hochfliegenden Plänen geäußert hatte. Am Mittwochabend bestätigte das Internationale Olympische Komitee (IOC), dass die Spiele 2032 höchstwahrscheinlich in Brisbane stattfinden, im australischen Bundesstaat Queensland. 

Deutschlands Möchtegern-Olympiabewerber wurden auf allerlei Ebenen brutalst überrascht. Es ist ein neuer Tiefpunkt in den Jahrzehnten der Bewerbungs-Peinlichkeiten.

Offiziell gibt es weiterhin nur eine sogenannte Privatinitiative Rhein-Ruhr, geführt von Michael Mronz (FDP), Sportvermarkter und Mitinhaber der nicht unumstrittenen PR-Agentur Storymachine.

Auch IOC-Präsident Thomas Bach ist FDP-Mitglied.

So war vieles an den NRW-Hirngespinsten mit der unausgesprochen Hoffnung verbunden, der Große deutsche IOC-Vorsitzende werde es irgendwie schon richten.

Eine absurde Fehleinschätzung.

In Laschets Staatskanzlei zieht als Sport-Abteilungsleiter ein gewisser Bernhard Schwank die Fäden. Für Schwank ist dies in verschiedenen Funktionen (zuvor als NOK-Generalsekretär, als DOSB-Direktor und Olympia-Geschäftsführer) bereits die fünfte Olympia-Pleite: Leipzig 2012, München 2018, München 2022, Hamburg 2024 und nun NRW 2032. Nur an den Projekten Berchtesgaden 1992 und Berlin 2000 war Schwank nicht beteiligt.

Inoffiziell liefen hinter den Kulissen in diesen Wochen dezente Verhandlungen von Laschets Abgesandten mit dem für Spitzensport zuständigen Bundesinnenministerium BMI. Nach Informationen des SPIEGEL soll es dabei um gewaltige Summen gegangen sein, die das von Horst Seehofer (CSU) geleitete Ministerium für den nächsten Bundesetat einstellen sollte. Verschiedene Infrastrukturmaßnahmen, die man irgendwie mit Olympiaplanungen verbindet, sind seit Jahrzehnten höchst umstritten. Die Begierde war auch diesmal groß, es soll um vier Milliarden Euro gegangen sein – zunächst, als Anfang.

Die Verhandlungen hatten mit der Installation Laschets zum CDU-Vorsitzenden im Januar an Fahrt aufgenommen. Seither gab es einige Merkwürdigkeiten. Hochrangige BMI-Vertreter, die namentlich nicht genannt werden wollen, sprachen vertraulich davon, dass der Minister seinem Koalitionspartner Laschet, dem möglichen Kanzlerkandidaten, schwerlich etwas ausschlagen könne. Diese Thematik überschattete zuletzt die Erstellung der Nationalen Strategie Sportgroßveranstaltungen. Das 2,4 Millionen Euro teure Konzept sollte eigentlich Anfang März vorgelegt werden.

Ich habe im Januar im SPIEGEL auf Grundlage interner Dokumente über die inhaltlichen Kämpfe zwischen Ministerialen und dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) berichtet. Dabei spielte die Olympiabewerbung NRW 2032 eine zentrale Rolle.

Das ist nun alles Makulatur. Nach Aussagen der Norwegerin Kristin Kloster Aasen, die die IOC-Kommission für künftige Sommerspiele leitet, habe der DOSB erst vor wenigen Tagen erklärt, man werde derzeit nicht in weitere Gespräche mit dem IOC eintreten. Formal handelte der DOSB diesmal absolut korrekt und in Übereinstimmung mit den Abmachungen zwischen DOSB und BMI, denn es gab weder einen Beschluss einer DOSB-Mitgliederversammlung für eine Olympiabewerbung noch eine Bürgerbefragung. Die Möchtegern-Olympiagastgeber in NRW aber waren auch davon überrascht.

Das IOC-Exekutivkomitee hat erwartet einstimmig eine Empfehlung der zehnköpfigen Arbeitsgruppe für künftige Sommerspiele bestätigt, ab sofort exklusive „zielgerichtete Verhandlungen“ mit Brisbane aufzunehmen, das ein „exzellentes Konzept habe“, das weit über allen anderen Interessenten stehe. Wenn die Regierungen von Queensland und die Zentralregierung in Canberra die nötigen Garantien geben, könnte die von Aasen geleitete Kommission, handverlesen und fast ausschließlich mit absoluten Bach-Fans besetzt, jetzt jederzeit sagen: Wir sind uns mit Brisbane einig. Das Exekutivkomitee würde die Entscheidung fällen und der IOC-Vollversammlung zur Bestätigung vorlegen.

Das Papier zu Brisbane, zu anderen Interessenten wurde nichts veröffentlicht, ja nicht einmal die Namen bestätigt (Doha, Budapest, Jakarta etc):

IOC-Feasibility-Assessment-Brisbane-1

So einfach geht das inzwischen im IOC. Wer wann mit wem spricht, auf welcher Grundlage was diskutiert wird, wer welche Konzepte bietet – kaum etwas ist noch zu überprüfen. Das war schon im alten System schwer, aber da war es noch möglich, die Olympia-Offerten ansatzweise miteinander zu vergleichen. Das ist mittlerweile für die Öffentlichkeit völlig unmöglich geworden. Die Regeln dazu wurden auf der Session im Juni 2019 geändert.  Bach verkauft das neue System natürlich als „Revolution“, diese Vokabel benutzte er am Mittwoch erneut.

Auf der virtuellen IOC-Session in zwei Wochen, auf der Bach für weitere vier Jahre im Amt bestätigt wird, dürfte Brisbane noch nicht Olympiastadt werden. Vielleicht aber schon im Juli auf der Session in Tokio – oder im Januar kommenden Jahres in Peking.

Die olympische Welt fragt sich, warum das IOC jetzt unbedingt eine Entscheidung für 2032 wollte? Überzeugende Antworten darauf gibt es nicht. Einerseits ist da die Argumentation Kloster Aasens, Tochter eines steinreichen Reeders, wonach man Interessenten für 2032 ausgiebig geprüft habe, beispielsweise in Zoom-Meetings – was absurd klingt. Den gesamten Kommissionsbericht hat das IOC nicht veröffentlicht, sondern nur die dürre Empfehlung für Brisbane. In Queensland fanden 2018 die Commonwealth Games statt. Im Mai 2019 tagte an der Gold Coast der Weltsportgipfel SportAccord mit mehr als 100 Weltverbänden und der IOC-Führung. Bach hatte damals die 80-Kilometer-Reise nach Brisbane gemacht, um das Projekt zu loben.

Der IOC-Boss bügelte misstrauische Fragen nach seinem Vizepräsidenten John Coates routiniert ab. Der skandalgeprüfte Coates ist nicht nur IOC-Vize, sondern auch Präsident des australischen NOK und des Welt-Sportschiedsgerichts CAS. Coates zählt zu den wenigen IOC-Mitgliedern, die als Vertraute Bachs bezeichnet werden können. Ein Mann für alle Fälle: Er leitet für Bach die Koordinierungskommission für die Corona-Sommerspiele in Tokio – und er hat im Auftrag Bachs jene Kommission geführt, die 2019 das neue Olympiavergabe-System ausgearbeitet und vorgestellt hat.

Und dies, seine Vergangenheit als, ja, Schmiergeldzahler, um nichts anderes handelte es sich, nachzulesen auch in dieser Geschichte: Die Nacht der Nächte.

Bach hat, natürlich total neutral und ohne jeden Einfluss, dafür Sorge getragen, dass Coates’ IOC-Mitgliedschaft mit einer Sonderregel verlängert wurde, obgleich der Australier die für ihn normalerweise geltende Altersgrenze von 70 Jahren bereits überschritten hat. 

Olympia in Brisbane gilt in der Szene vor allem als unfassbar gewaltiges Dankeschön des Großen IOC-Vorsitzenden an seinen alten Verbündeten Coates. Ein Deal unter alten Kampfgefährten? Derlei naheliegende Interpretationen weist Bach routiniert von sich. „Die IOC-Session hat das neue Verfahren im Juni 2019 einstimmig beschlossen“, merkte Bach auf einer virtuellen Pressekonferenz trocken an. Weder er selbst noch Coates sei seither in die Arbeit der Kommission von Kloster Aasen einbezogen gewesen. 

Bach stellte es im Grunde so dar, als laufe im IOC absolut alles völlig unabhängig von ihm.

„John Coates hat an keiner Diskussion der Kommission teilgenommen. Er war weder direkt noch indirekt daran beteiligt“, behauptete Bach. Das Prozedere sei im Übrigen von der Compliance-Abteilung des IOC abgesegnet.

Dass er sich gemeinsam mit Coates mehrfach mit australischen Delegationen getroffen hatte, daran erinnerte Bach nicht. Zuletzt trafen er und Coates Mitte November 2020 in Tokio den australischen Premierminister Scott Morrison.

Für Freitag haben NRW-Ministerpräsident Laschet und Bachs Parteifreund Mronz in Düsseldorf zu einer Pressekonferenz geladen, auf der die Vorzüge von Rhein-Ruhr 2032 gepriesen werden sollten. Vielleicht wird der Termin nun kurzfristig abgesagt, vielleicht auch nicht. Womöglich will man sich weiter blamieren.

Fakt ist: Deutschland ist für 2032 nicht im Rennen. Die Spiele gehen zu 99,99 Prozent nach Australien. Sollte es mit Brisbane doch noch Schwierigkeiten geben und also die olympische Macht-Tektonik ins Wanken geraten, aus welchen Gründen immer, dann stünden Interessenten parat, die von heute auf morgen gewaltige Milliardensummen aufbringen können und bereits jetzt über alle nötigen Sportstätten verfügen: Katar war mit Doha ohnehin für 2032 im Rennen. Nach dem arabischen Frieden, der Anfang Januar in Al-Ula geschlossen wurde, sind panarabische Olympischen Spiele mittelfristig ein großes Thema: Die Gulf Olympics in Katar, Saudi-Arabien, Kuwait, Bahrain, den VAE und Oman. Wenn nicht noch für 2032, im Fall der Fälle als Brisbane-Ersatz, dann gewiss für 2036. Daran führt kaum ein Weg vorbei, zumal die arabischen Feudalstaaten, zu denen Bach traditionell beste Beziehungen unterhält, nicht nur die IOC-Kassen füllen, sondern auch das alte Thema vom Friedensnobelpreis auffrischen würden. 

Damit bleibt Deutschland wenigstens eine weitere peinliche Debatte darüber erspart, ob man sich für 2036 bewerben solle, 100 Jahre nach den Nazi Olympics in Berlin. Für 2040 kann man mal wieder nachdenken. Wenn überhaupt. Wenn bis dahin ein professionelles, transparentes nationales Konzept umgesetzt wurde. Sonst ist der nächste Reinfall programmiert.

Offenlegung: Ich wurde vom Sportausschuss des Bundestages für die öffentliche Sitzung am 3. März 2021 als unabhängiger Sachverständiger zum Thema „Nationale Strategie Sportgroßveranstaltungen“ eingeladen.


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4 Gedanken zu „Gegen die Wand (2): Brisbane und #NRW2032“

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