Tokio 2020: Schmiergeld für IOC-Stimmen

Die Debatte, auf welchen Wegen Tokio an die Olympischen Spiele 2020 gekommen ist, erhält neue Nahrung. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, auch unter Berufung auf das japanische Monatsmagazin Facta, von weiteren dubiosen Millionenzahlungen des vormaligen Bewerbungskomitees aus Tokio. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte die Sommerspiele auf seiner Session im September 2013 vergeben. Tokio gewann damals gegen Istanbul (60:36 IOC-Stimmen in der Finalrunde) und Madrid. 

Dokumentiert sind nun diese Zahlungen des Tokioter Bewerbungskomitees:

  • 8,2 Millionen Dollar flossen an eine Firma des einflussreichen Sportvermarkters Haruyuki Takahashi.
  • 1,3 Millionen wurden an das Kano Institut des ehemaligen japanischen Ministerpräsidenten Yoshiro Mori gezahlt, der heute als Präsident des Olympia-Organisationskomitees TOCOG amtiert. 

Takahashi ist Mitglied der TOCOG-Geschäftsleitung. 

Die Transaktionsdetails zu den ominösen Zahlungen sind Teil der Ermittlungsakten der französischen Justiz, der Finanzstaatsanwaltschaft Parquet National Financier (PNF), die seit Jahren zum weltumspannenden Bestechungssystem im Olympia-Business ermittelt. Im Fokus stehen dabei der Leichtathletik-Weltverband WA (bis 2019 IAAF), die Vergabe der Olympischen Spiele an Tokio und Rio de Janeiro sowie die Vergabe der Fußball-WM 2022 an Katar. Die Ermittlungen überlappen, zumal Figuren wie Lamine Diack (Senegal), anderthalb Jahrzehnte IAAF-Präsident und IOC-Mitglied, in die meisten Geschäfte involviert waren. Der Prozess gegen Diack und seine Mitverschwörer hatte im Januar in Paris begonnen und war sofort auf Juni verschoben worden, weil neue Unterlagen in die Verhandlung eingeführt werden mussten.

Diack steht seit 2015 in Paris unter Hausarrest, sein Sohn Papa Massata, der ebenfalls angeklagt ist, hat sich rechtzeitig nach Dakar zurückgezogen und konnte bislang die Auslieferung an Frankreich verhindern.

Schon vor Jahren war eine dritte verdächtige Zahlung der Tokioter Olympiabewerber publik geworden: 2,3 Millionen Dollar gingen an die in Singapur ansässige Briefkastenfirma Black Tidings. Über diese Geschichte stolperte bereits Tsunekazu Takeda, Mitglied der kaiserlichen Familie, war lange höchster Olympiafürst Japans – er musste 2019 als IOC-Mitglied und Präsident des japanischen NOK zurücktreten. Bis dahin war Takeda zugleich Chef der Marketingkommission des IOC, eingesetzt von Thomas Bach. Takeda verweigerte sogar dem japanischen Parlament detaillierte Auskünfte zu Black Tidings.

Der Vorwurf lautete schon damals: Stimmenkauf von IOC-Mitgliedern, abgewickelt über Diack junior und den Senior. Die nun publizierten Millionen erhärten den Verdacht. Takedas Anwalt und das IOC erklärten, sie wüssten nichts darüber und seien ohnehin an Verschwiegenheitsklauseln gebunden – die üblichen Floskeln. Takahashi musste die Summe bestätigen und sprach von Geschenken an Diack und ans Wahlvolk, darunter Kameras und eine 46.500 Dollar teure Uhr. Nach IOC-Regeln waren damals Geschenke in jedweder Höhe verboten.

Die Olympia-Organisatoren behaupten, es habe sich bei den 8,2 Millionen um Kommissionen für Takahashis Arbeit bei der Gewinnung von Sponsoren gehandelt. Beim Wort Kommissionen sollte man aufhorchen, denn dieser Begriff ist in der Branche ein eindeutiges Synonym für Bestechung. Kommissionen wurden auch die 142 Millionen Schweizer Franken Bestechungsgeld genannt, die im bislang größten Korruptionsprozess des olympischen Sports 2008 in der Schweiz verhandelt wurden. Damals ging es um den Konkurs der ISL-Gruppe, die mehr als 20 Jahre den Weltsport dominierte und milliardenschwere Verträge mit dem IOC sowie den Weltverbänden im Fußball (FIFA), Leichtathletik (IAAF/WA), Schwimmen (FINA), mit der UEFA und vielen anderen unterhielt. 

Und hier schließt sich der Kreis, denn mit 49 Prozent war an der ISL Worldwide der japanische Werbe-Gigant Dentsū beteiligt. Es war ebenjener Haruyuki Takahashi, der an der Seite des einstigen Adidas-Chefs Horst Dassler († 1987) das weltweite olympische Marketingsystem aufgebaut und Jahrzehnte lang Verbände wie die FIFA, die IAAF und teilweise auch das IOC mit dominiert hatte.

Takahashi ist ein Hochkaräter, einer der Pioniere des modernen Sportmarketings. Im hohen Alter von 75 Jahren wird er überraschender Weise gesprächig und gibt viele Interviews.

So hatte er vor Wochen als Erster hochrangiger TOCOG-Vertreter eine Olympia-Verlegung thematisiert. Nun stellt er sich als entscheidender Stimmenbringer für Tokio dar.

Im achten Lebensjahrzehnt sind derlei Verkündungen von dubiosen Figuren nicht selten. Vor ihm haben bereits legendäre Olympia-Abenteurer wie der Franzose André Guelfi oder der Usbeke Gafur Rachimow, der 2019 als Präsident des Box-Weltverbandes AIBA zurücktreten musste, in Interviews darüber geprahlt, wie sie Olympische Spiele nach Peking und Sotschi geholt hätten. Guelfi war einst ebenfalls Geschäftspartner von Horst Dassler und in den neunziger Jahren kaum weniger einflussreich als Takahashi – auch dies ist gerichtsfest dokumentiert.

Takahashi hat als Dentsū-Mann über eine halbe Ewigkeit Olympiaverträge in Japan betreut, war in nahezu alle großen Events seit Ende der 1970er Jahre involviert. Er startete 1977 mit der Organisation des Abschiedsspiels von Pelé in Tokio, richtete 1979 die zweite Junioren-WM der FIFA aus, kontrollierte seither alle japanischen Exekutivmitglieder der FIFA und Funktionäre im IOC und allen großen Weltverbänden, er kontrollierte den langjährigen FIFA-Präsidenten João Havelange, dealte mit dessen Nachfolger Joseph Blatter, er makelte die Fernsehrechte an Fußball-Weltmeisterschaften, dominierte die IAAF inklusive zweier Weltmeisterschaften in Japan (1991 in Tokio und 2007 in Osaka), er ist eng mit dem asiatischen Olympiakomitee (OCA) und dessen in mehrere Kriminalfälle verwickelten Präsidenten Scheich Ahmad Al-Ahmad Al-Sabah verbandelt – das volle Programm. Takahashi baute dieses Imperium nach Dasslers Tod an der an der Seite von Jean-Marie Weber auf, der das Zepter bei der ISL-Gruppe übernahm. 

Weber darf bisher als größter Schmiergeldzahler des Weltsports bezeichnet werden, denn die mindestens 142 Millionen Franken der ISL sind gerichtsfest dokumentiert. Auf der ISL-Schmiergeldliste steht nicht nur Havelange, der mehr als 20 Millionen kassierte und als IOC-Dinosaurier im Alter von 100 Jahren während der gekauften Olympischen Spiele 2016 in seiner Heimatstadt Rio de Janeiro verstarb. Auf der Liste steht ab 1993 auch der Name Lamine Diack. Doch die IOC-Ethikkommission und das damalige Exekutivkomitee inklusive des heutigen Präsidenten Thomas Bach akzeptierten im Dezember 2011 die Rechtfertigung Diacks: Ihm sei einst in Dakar das Haus abgebrannt, Weber habe mit Geld ausgeholfen. 

Diack wurde nur verwarnt, blieb noch vier Jahre IAAF-Präsident. Aus dem IOC schied er 2014 nach Erreichen des Alterslimits von 80 Jahren, er wurde Ehrenmitglied und gab diese Position erst nach Erhebung der Korruptionsanklage gegen ihn im Herbst 2015 ab.

Der Senegal und seine Funktionäre waren stets auch energische Unterstützer von Bach und Partner des DOSB. Trotz der Blockade-Haltung des Senegals in Sachen Diack-Ermittlungen vergab das IOC die Olympischen Jugendspiele 2022 an Dakar.

Schmiergeldzahler Jean-Marie Weber starb im Februar 2018 während der Olympischen Winterspiele von PyeongChang (hier mein Nachruf). Bis zu einem Schlaganfall einige Zeit zuvor war Weber auch nach seiner strafrechtlichen Verurteilung Berater der IAAF und der Diack-Sippe.

„Ich nehme meine Geheimnisse mit ins Grab“, hat Weber beizeiten gesagt und auch erklärt, er müsse um sein Leben fürchten, würde er sämtliche Personen nennen, die er bestochen hat.

Haruyuki Takahashi, Webers alter Kumpel und Geschäftspartner, will anders verfahren. Er sagte im Interview mit Reuters, er wolle „einen Tag vor meinem Tode“ auspacken und Namen nennen. Vorerst gilt für ihn und alle anderen Beteiligten: Man streitet alles ab.


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