Jacques Rogge sagt: „reports are confidential“ und „a warning is not a sanction“

 •  • 15 Comments

LAUSANNE. In zwei Jahrzehnten als IOC-Berichterstatter habe ich gewiss schon viele absurde, deprimierende Momente erlebt. Die gerade beendete, äußerst bizarre Pressekonferenz mit einem geradezu leblos argumentierenden IOC-Präsidenten Jacques Rogge gehört sicher dazu – irgendwo in den Top 20.

Das muss Mann erst mal verdauen.

Jedenfalls, Rogge, einst als Erneuerer angetreten [und von mir auch als solcher promotet], hätte nicht peinlicher agieren können. Unfassbar. Eigentlich hätte an seiner Stelle auch Samaranch sitzen können, das macht keinen Unterschied. Zu den Feinheiten: Rogge vermied es, die Vokabel „Korruption“ zu benutzen [ich sage es einmal mehr: das Wort Korruption taucht auch in der Olympischen Charta des IOC nicht auf], er erwähnte auch nicht den Korruptionskonzern ISL/ISMM.

Als wäre nichts gewesen.

Schockierend.

Unanständig.

Es war natürlich Andrew Jennings, der überraschender Weise zwei Mal ans Mikro durfte und flink noch erwähnte, dass wir hier über ein kolossales Betrugssystem reden, das den gesamten, nunmehr von Rogge präsidierten, olympischen Weltsport umfasste. Mehr als 140 Millionen Schweizer Franken wurden nachweislich an Schmiergeld gezahlt. Die Dunkelziffer ist weitaus höher. Und die Bevorteilten, korrupte Funktionäre, sind zu großen Teilen noch in Amt und Würden, hundertmal angemerkt.

Nach etwa zwölf Minuten war die Freakshow beendet. Rogge behauptete:

We will not hesitate to act. The wider world will acknowledge that the IOC means business and is accountable and transparent“

Ich muss es gleich nachhören – und werde mich erneut gruseln.

Nebenbei definierte Rogge die Gelben und Roten Karten im Fußball neu, oder auch die Ethikregeln. Oder beides. Es war so verworren. So verlogen.

a warning is not a sanction

a repriment is a sanction

you could compare it to red card and yellow card in football.

Also:

  • Lamine Diack (Senegal/IOC-Mitglied und Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF) hat insgesamt 52.880 CHF von der ISL erhalten. Er wurde verwarnt.
  • Issa Hayatou (Kamerun/IOC-Mitglied, FIFA-Vizepräsident, CAF-Präsident) hat 24.700 CHF von der ISL erhalten. Er wurde ermahnt.

Beide, Diack und Hayatou, beschäftigen übrigens bis heute den ISL-Schmiergeldboten Jean-Marie Weber, der einst jene 140 Millionen verteilt hat.

Doch, sorry, Rogge sagte erneut …

Mr Havelange is not an IOC member anymore. For us he is a private person.

Und deshalb gibt es dazu keine Informationen.

Die Ermittlungsergebnisse der Ethikkommission bleiben natürlich auch geheim.

Rogge sagte:

reports are confidential, the proposals are public

Die beiden dünnen Papiere folgen in Kürze.

19.37 Uhr: Denke ich über positive Aspekte nach, fällt mir schon mal dies ein:

  • Die wenigen Journalisten, die sich in den vergangenen Jahrzehnten mit der ISL-Korruption befasst und wirklich recherchiert haben, beschrieben nichts als die Wahrheit.
  • Die Dokumente sind echt.
  • Die Zahlen stimmen.
  • Das IOC nennt exakt jene Daten und Zahlen, die Andrew Jennings – ergänzend zum bereits vorliegenden – vor einem Jahr in der BBC-Panaroma-Sendung vorgelegt hat.
  • Diese Fakten können auf Dauer weder IOC noch FIFA negieren.
  • Die historische Wahrheit bleibt die historische Wahrheit. Sie lässt sich auch von diesen milliardenschweren und intransparenten Sportkonzernen nicht beugen.
  • Die Wahrheit lässt sich auch von Propagandisten und als Journalisten getarnten Idioten nicht beugen.
  • Man könnte sogar sagen: Journalismus lohnt sich. Mann sieht, ab und an, Resultate. Wenn auch bescheidene.

Weitere Resultate werden folgen.

20.20 Uhr: Die Papiere sind oben nun verlinkt, und außerdem hier zu begutachten:




Axel_K #1

Da verbergen sich ja herzergreifende Geschichten in den Dokumenten: politische Gegener haben das Haus des aufrechten Herrn Diack angezündet, und als humanitäre Geste hat der besorgte Herr Weber bei seinem Arbeitgeber 50.000 Franken losgeeist, um dem Freund unter die Arme zu greifen. Selbstverständlich ohne jede Gegenleistung. Blatter sollte aufpassen, dass Weber ihm nicht den Nobelpreis streitig macht.

leipo #2

als humanitäre Geste hat der besorgte Herr Weber bei seinem Arbeitgeber 50.000 Franken losgeeist, um dem Freund unter die Arme zu greifen. Selbstverständlich ohne jede Gegenleistung.

mir laufen gerade tränen der rührung die wangen herunter. danke, jean-marie, danke, fifa! das ist wahres fair play!!

ha #3

Gut, zu lesen, dass Du Dir nicht die FIFA als Maßstab nimmst und das IOC fürs Zucken des Zeigefingers belobigst. Denn das heißt in Verbindung mit Rogges höchstpersönlichem Entlastungsvortrag für Havelange ja nichts anderes, als dass Blatter nun ganz beruhigt weiter seinem Reformeifer frönen darf.

Jens Weinreich #4

@ Axel_K, leipo: Ich bin Euch sehr dankbar, dass Ihr mir die Betriebsblindheit ausgeprügelt und mich wieder auf den Pfad der Tugend getrieben habt. Es ist genau so, wie Ihr und die Ethikkommission beschrieben haben.

indykiste #5

Man könnte beim Anblick der Dokumente fast meinen, dass schon wieder Weihnachten ist. :-D

Ralf #6

Mich erstaunt am meisten, daß JMW offiziell erwähnt wird. Tauchte der schon öfter in offiziellen Dokumenten als Geldbote auf, oder ist das das erste Mal?

Jens Weinreich #7

Offizielle Dokumente sind die Gerichtsunterlagen aus Zug. Da stand er im Mittelpunkt.

Sonst, IOC, FIFA etc: fällt mir jetzt nichts ein.

Deine Beobachtung ist aber interessant.

Wolfrum #8

wo haben die eigentlich ihre Umrechnugskurse her, wurde das Geld privat getauscht ?
Die Kurstabellen der Banken geben etwas andere Beträge her, vlt ist es ja für manche Kleingeld, aber kanpp 1000 Franken haben oder nicht isat schon ein kleiner Unterschied.

Thomas Seeholzer #9

Verstehe ich nicht:

Diack gibt zu, 52.880 CHF persönlich verwendet zu haben und bekommt ein „warning“

Hayatou gibt zu 24.700 erhalten zu haben und behauptet, diese für die 40-Jahr-Feier ordentlich verwendet zu haben, und bekommt eine „sanction“

Natürlich braucht man Hayatou nicht zu glauben, aber es besteht wenigstens die Möglichkeit, dass er sich nicht selbst bereichert hat. Außerdem ist es ein kleinerer Betrag.
Müssten die Strafen nicht andersherum sein?

(natürlich sind beide Strafmaße witzlos und die Ethik-Kommission fragwürdig, aber das ist jetzt nicht der Punkt).

jw #10

Thomas, der punkt bzw die botschaft ist doch wohl nur: lasst uns in ruhe unsere drecksgeschäfte machen!

Oder?

Klaas Faber #11

Corruption is a bigger threat to sport than doping.

Not my discovery, see above.

Thomas Seeholzer #12

@jw, da hast du natürlich Recht.

Trotzdem ist die Sache irgendwie verdreht:

Bei Diack steht „Decision with recommendations“, obwohl nur eine Recommendation drunter steht.

Zum Ausgleich steht bei Hayatou „Decision with recommendation“, obwohl da ZWEI Recommendations stehen.

Wahrscheinlich nur die Textbausteine vertauscht. Kann ja vorkommen, bei solchen Lappalien.

leipo #13

die schlange pieth windet sich trickreich im basler tagesanzeiger:

Wir könnten für zwei Jahre in die Vergangenheit abtauchen und bei der Fifa alles aufarbeiten. Das ist vielleicht auch nötig, aber das ist nicht mein Job. Ich habe das Gefühl, da würde ich mich verlieren. Ich kann mit der Fifa viel mehr erreichen, wenn wir zukunftsgerichtet arbeiten.

ha #14

Wie Pieth sich „windet“ und dass man das womöglich auch anders bewerten kann, ist vollständig hier nachzulesen:

Über der FIFA ist nur der liebe Gott

enrasen #15

und was mir da noch auffällt ist immer dieser heuchlerische Unterschied zwischen entweder „war noch nicht“ oder „ist nicht mehr“ Mitglied des IOC.

Immer diese Hintertür alles zu legitimieren. Wenn es bei zB Diack also als Begründung genutzt wird nur zu verwarnen, weil er kein IOC Member war, dann sollte im Umkehrschluss doch nun der ethische Anspruch bestehen einem nachweislichen (und damals bereits wie beschrieben der olymp. Chartha unterlegenen) Begünstigten/Empfänger HEUTE auszuschließen. Weil sich halt nachweisen lässt, dass er nicht ethisch handelt.

Aber gut, das wären halt normale ethische Grundsätze, denen sich (mittlerweile) sogar mal Politiker unterziehen, wenn sie zB eine Doktorarbeit plagiiert haben.

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