IOC-Countdown (23 Tage): Achtung, Interviewritis. Vorsicht, PR!

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Der denkende aufgeklärte Teil der Menschheit muss jetzt sehr sehr tapfer sein. Eine Welle von großflächigen Interviews beginnt die Altmedien zu überschwemmen. Der scheidende IOC-Präsident Jacques Rogge erklärt seine herausragenden Leistungen der vergangenen zwölf Jahre (basically: Reformen weiter geführt, die sein Vorbild und ehemalige Gönner, der Oberreformer und vermutlich gewesene KGB-Mann Juan Antonio Samaranch eingeleitet hat), der kommende IOC-Präsident bzw Noch-Präsidentschaftsfavorit Thomas Bach erläutert, nur gelegentlich von eingestreuten Kritik-Sprengseln unterbrochen, wie er sich das so vorstellt als Chef des Olympiakonzerns.

Kurzum:

Wenig davon ist ernst zu nehmen.

Interviewritis.

Als Journalismus getarnte PR.

Nonsens statt Recherche.

Heute zum Beispiel macht in der altbackenen und noch immer dominierenden PR-Wortfetzenverwertungsmaschinerie absterbender Medien folgende Titelstory bzw das dazugehörige Interview mit dem IOC-Präsidenten aus der Berliner Zeitung Der Tagesspiegel die Runde:

Tagesspiegel, S.1 18. August 2013

Tagesspiegel, S.1, 18. August 2013

Huch. Da sind Wladimir Putin und seinesgleichen bestimmt ganz aufgeregt, wenn der „IOC-Chef“ etwas „fordert“.

(Wenigstens steht in der Zeitung, dass Rogges „Forderungen“ bei den chinesischen KP-Bonzen und KP-Milliardären vor fünf Jahren nicht ganz so erfolgreich waren.)

Dementsprechend hat Putins Sportminister und langjähriger Intimus Witali Mutko, FIFA-Exkomitglied, ein Mann aus Putins ersten Jahren als Politiker in St. Petersburg, nach der KGB-Karriere, heute auf der Abschlusspressekonferenz der Leichtathletik-WM klein bei gegeben und die Forderungen erhört.

#justkidding

Ich erspare mir Romane. Dem Thema Medien widme ich mich ausführlich im Buch „Macht, Moneten, Marionetten“.

Lesen wir kurz, was der homophobe Hardliner Mutko heute gesagt hat:

Witali Mutko:

We want to protect our young generation, whose psyche has not been formed,“ Mutko said at Luzhniki Stadium on the last day of the championships, which began August 10. „We want to protect them against the propaganda of drunkenness, drugs and non-traditional sexual relations. When they grow up and become adults, they have to define what they want for themselves.“

Und:

„I’ve had to repeat this question numerous times and I should like to clarify once again, this law does not deprive any citizen of their rights, whether it’s an athlete, a participant, an organizer or guests who may arrive in Russia,“

Dann ist ja alles klar.

Dann muss ja Rogge gar nichts mehr „fordern“. Dann können seine Möchtegern-Nachfolger ja endlich ihre Meinung sagen, sollten sie Meinungen zum Anti-Homosexuellen-Gesetz haben (und zu anderen Themen), und müssen nicht länger schweigen.

Absurd.

Größtenteils auch falsch. Unsinn.

Denn Jacques Rogge hat als Chef des Olympiakonzerns vieles in der Hand. Dem IOC gehören die Olympischen Spiele. Es legt die Regeln fest und könnte, theoretisch, auch den Russen sagen, wie das 2014 in Sotschi zu laufen hat.

#justkidding

Dafür müsste man aber noch Herr im eigenen Haus sein bzw hätte nicht schleichend die Macht an Putin, Ölscheichs und Oligarchen abgeben dürfen.

Dazu braucht es überdies: Prinzipien.

Stattdessen werden aufmüpfige Athleten, wie in Moskau zum Beispiel die Schwedin Emma Green Tregaro von der IAAF und dem IOC-Mitglied und ISL-Geldempfänger Lamine Diack an die Kandarre genommen.

Zum Beispiel.

Das kann man alles wissen, wenn man seinen Job ernst nimmt.

Es gibt tausend Dinge mehr anzuführen.

Aber ist ja wurscht, Hauptsache Interviews machen „Schlagzeilen“.

Neben den Interviews werden uns in Kürze gewiss auch so genannte „Meinungsbeiträge“ von Rogge, Bach & Co peinigen. Wie das läuft hat der IOC-Kommunikationsverhinderungs-und-Propaganda-Direktor Mark Adams auf IOC-Sessionen mehrfach ausgeführt. Ich habe das vor Jahren schon, 2009, in Artikeln und Radiobeiträgen (hach, waren das noch DLF-Zeiten …) thematisiert.

Zum Beispiel:

In Kopenhagen hat das IOC kurzzeitig versucht, Berichterstatter auszusperren und hatte verschiedene Kategorien des Zugangs zu IOC-Mitgliedern erfunden. Nach Protesten einiger Journalisten hob man diese Restriktionen auf.

Beim Olympischen Kongress räsonierte Mark Adams, seit Frühjahr PR- und Kommunikationsdirektor des IOC, über neue Formen der Öffentlichkeitsarbeit. Stolz berichtete er über einen PR-Coup: Das IOC hatte einen Meinungsbeitrag des IOC-Präsidenten ungefiltert in weltweit in fünfzehn großen Tageszeitungen platziert, in Deutschland in der „FAZ“, und hatte damit rund 20 Millionen Leser direkt erreicht. Adams nannte das „proaktive Kommunikation“.

In Lausanne zeigte sich nun erneut, was das IOC, Adams und Rogge unter „proaktiver Kommunikation“ verstehen. Pressekonferenzen gibt es nur noch einmal am Tag – statt zweimal, wie seit Jahrzehnten üblich. Die Mitglieder des Exekutivkomitees verweigerten sich an beiden Tagen fast geschlossen den entscheidenden Fragen etwa zur Entscheidung über die Neuverteilung der Olympiamedaillen der im Jahr 2000 in Sydney gedopten Marion Jones. So etwas hatte es selbst unter Rogges Vorgänger Juan Antonio Samaranch nicht gegeben.

In der IOC-Zentrale ist man offensichtlich der Meinung, es brauche keine Journalisten mehr, um die Nachrichten ungefiltert unters Volk zu streuen. Man übernimmt diese Aufgabe selbst. „Es gibt einen Hunger nach guten Nachrichten aus der olympischen Welt“, behauptet Adams. Über diverse neue Medienkanäle – etwa Youtube, Flickr, Twitter und Facebook – probiert man neue PR-Kampagnen aus. Derlei Tools sind laut Rogge „die besten Erfindungen seit der Erfindung des Fernsehens“.

Derlei pseudo-journalistische Angebote klammern pikante Themen natürlich aus. Zu kritischen Anfragen und Themen verweigert man gern Informationen und Interviews. Etwa zum größten Bestechungsskandal der olympischen Geschichte, dem ISL-Skandal. IOC-Direktor Adams erklärte, nicht einmal ein Hintergrundgespräch mit der Sekretärin der zuständigen IOC-Ethikkommission sei möglich, schon gar kein Interview.

Das ist eine Art von “Journalismus”, die niemand vermissen wird, irgendwann in naher Zukunft.

Nicht einmal PR-Leute aus dem IOC (ersetze wahlweise durch FIFA, DFB etc) werden das vermissen, weil die ihre Kundschaft längst selbst viel besser und noch ungefilterter erreichen.

* * *

Es wird immer schlimmer.

Wollen Sie etwas anderen Journalismus?

Nur für Sie, hier im Blog, künftig in Dossiers und Ebooks?

Dann finanzieren Sie diesen Journalismus. Finanzieren Sie Recherche.

Sagen Sie es weiter.

* * *

Und nicht vergessen: Wählen!

Who should become the 9th IOC president? - Wer soll am 10. September 2013 in Buenos Aires IOC-Präsident werden?

  • Der Stabhochspringer: Sergej Bubka (Ukraine)

    40.4%

  • Der Ruderer: Denis Oswald (Schweiz)

    18.7%

  • Der Lobbyist: Thomas Bach (FDP)

    18.6%

  • Der Segler: Ser Miang Ng (Singapur)

    8.6%

  • Der Banker: Richard Carrión (Puerto Rico)

    8.4%

  • Der Architekt: Ching-Kuo Wu (Taiwan)

    5.2%

Lade Umfragedaten…

JW #1

Wie ist eigentlich dieser Kuss zu werten?

Steht darauf Gulag?

ha #2

Das ist eine Art von “Journalismus”, die niemand vermissen wird … Nicht einmal PR-Leute aus dem IOC werden das vermissen, weil die ihre Kundschaft längst selbst viel besser und noch ungefilterter erreichen.

Sei Dir da mal nicht so sicher, dass der Verlust des Grundrauschens nicht auch schmerzen würde ;) Wer in #Neuland säuselt denn bitte zwischen den „Statements“ so schön-devote „Fragen“ wie zum Beispiel dieser ZDF-Mensch heute beim Bach-Interview?

ZDF-Sportreportage: „Führe den Wahlkampf für meine Idee“

JW #3

Ich fasse zusammen:

Doktor Thomas Bach ist seit 1981 der härteste Dopingbekämpfer der Welt.

Doktor Thomas Bach sagt: „Ich glaube, man sieht sehr deutlich, dass ich diese Dopingstudie initiiert habe, um die Historie, die Geschichte des Dopings klarzustellen.

Doktor Thomas Bach hat Visionen.

Doktor Thomas Bach stellt das Wohl der Athleten über alles.

Doktor Thomas Bach fühlt sich einsam (bei den Vorkämpfen im Stadion).

Doktor Thomas Bach kann mit gewonnen Wahlen keine Wunden schließen (selbst er nicht, der doch eigentlich über Wasser gehen kann).

Doktor Thomas Bach stellt sich Herausforderungen. Immer wieder.

Doktor Thomas Bach befindet sich vier Wochen vor der Wahl im Bereich der Testwettkämpfe.

Doktor Thomas Bach hat viele Freunde, mit denen er gemeinsam Null Toleranz fordert.

Und, hey, ich erkenne die Plastik aus meinem Crowdfunding-Pitch wieder, in diesem Beitrag, der durchaus anders tönende Passagen enthält:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1966174/Fuehre-den-Wahlkampf-fuer-meine-Idee#/beitrag/video/1966266/Bachs-Konkurrenten-schlafen-nicht

Klaus #4

Zusammenfassung zu Mutko auf Deutsch:
Putins Vertrauter versteht Kritik an Russland nicht

ha #5

Nicht zu vergessen:

Doktor Thomas Bach bietet ein authentisches Programm.

Doktor Thomas Bach ist authentisch.

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