Classics: Warum die Fußball-EM paneuropäisch ausgetragen wird

Ich liebe den Blick ins Archiv. Man vergisst ja so schnell. In Vorbereitung auf ein Dossier Politik mit Ingo Lierheimer auf Bayern 2, das heute Abend ausgestrahlt wird und auch als Podcast zu hören ist, kam mir ein Text vom Dezember 2012 in die Hände, damals geschrieben für den SPIEGEL. Darin hatte ich skizziert, warum die EM 2020 (2021) paneuropäisch ausgetragen wird.

So wie ich unlängst alte aber immer noch hochinteressante Bücher als E-Books aufbereitet habe (Korruption im Sport, Der olympische Sumpf, Das Milliardenspiel, Muskelspiele), werde ich ab jetzt immer mal wieder alte Beiträge neu auflegen, wenn nötig ergänzen. Classics. Natürlich aus der Vor-Corona-Zeitrechnung.

Alors ici, en mémoire de Monsieur Michel Platini:


Die Idee, eine Fußball-Europameisterschaft in einem Dutzend europäischer Metropolen auszutragen, entspricht dem Naturell des Michel François Platini. Es ist die französische Lösung. Eine mit Charme. Eine wirklich europäische und vor allem: eine problemlos finanzierbare Lösung. Das Problem aber bleibt bestehen. Denn es ging Platini nur darum, das Gesicht zu wahren und seine aufgeblähte EM zu retten.

Michel Platini in besseren Zeiten: 2014 in Gibraltar mit Verbandschef Desmond Reoch (Foto: InfoGibraltar/CC BY 2.0).

Der 57jährige Platini, Präsident der Europäischen Fußball-Union (UEFA), war Spielmacher und Torjäger, einer der weltweit besten Akteure der achtziger Jahre. Er lebte von seiner Intuition. Wenn er mit hängenden Stutzen über den Platz schlurfte, die Abwehrspieler ihm bissig folgten und in die Fersen traten, verblüffte er mit genialen Momenten. Ein öffnender Pass aus dem Fußgelenk, ein raffinierter Schuss – schon lenkte er sein Schicksal in geordnete Bahnen.

Als Sportfunktionär handelt Platini ähnlich. 

Seit 2007 amtiert er als Präsident der UEFA. Er begann seinen Job in Nyon an den Gestaden des Genfer Sees mit einem sinnfreien, ärgerlichen Beschluss: Die UEFA erhöhte die Teilnehmerzahl der EM-Endrunde ohne Not von 16 auf 24 Teams. Platini bedankte sich damit bei seinen Wahlhelfern in den kleinen Nationen, vor allem im Osten und Süden Europas. Und das zu einer Zeit, da bereits die Austragung einer EM mit 16 Nationen kaum zu finanzieren war. So errichtete Portugal für die Euro 2004 etliche Investruinen, das dreiwöchige Turnier kostete Milliarden. Die Stadien in Guimarães, Coimbra, Aveiro oder Leiria sind ein Ärgernis, nur Ballast für den Steuerzahler. Selbst in der reichen Schweiz, in Platinis Wohnort Genf, bereitet die Nachnutzung des Stade de Genève Probleme. Und in Polen und der Ukraine – ob in Wroclaw, Danzig oder Lemberg – werden die Arenen der Euro 2012 auf lange Sicht ebenfalls noch viel Geld verschlingen.

Die erste EM mit 24 Teams richtet 2016 Frankreich aus. Ein Mammutprojekt, garniert mit zahlreichen Skandalen. Die Rechnung geht, wie immer, an die Steuerzahler. Für die 24er Euro hatte Platinis UEFA mal eben die Anforderungen erhöht: Neun Stadien mussten es nun sein, darunter zwei Arenen für 50.000 Besucher, drei für mindestens 40.000 und vier mit 30.000 Plätzen. Von den sonstigen Bedingungen im Pflichtenheft nicht zu reden: Fünfsternehotels, Verkehr, Bevorzugung der UEFA-Adligen. 

Nicht alle Euro-Interessenten waren so klug wie die Schotten und Waliser oder die Schweden und Norweger, die ihre Offerten wieder zurückzogen. Und selbst im Siegerland Frankreich, das vom UEFA-Exekutivkomitee gegenüber der Türkei und Italien den Vorzug erhielt, gab es Rückzüge: Straßburgs Stadtverwaltung teilte mit, die von der UEFA verlangten Investitionen seien weder aufzubringen noch zu rechtfertigen.

Platini und seine UEFA hätten die Zeichen der Zeit erkennen und das Rad zurückdrehen müssen. Aber die Herrschaften, darunter steinreiche dubiose Figuren wie der Marios Lefkaritis aus Zypern oder Grigori Surkis aus der Ukraine (beides wichtige Platini-Gefährten) leben in ihrer eigenen Welt. Sie lassen sich die Fete und ihre Geschäfte gern aus Steuermitteln bezahlen. Finanzkrise hin und her – sie sind es nicht gewohnt, kleinbeizugeben und Fehler zu korrigieren.


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Irgendein Verbandsfunktionär und Politiker fand sich bislang immer, um Mega-Projekte auf Kosten der Steuerzahler durchzupeitschen. Das galt für alle großen Sportshows des Planeten, ob für Olympische Spiele, die Fußball-WM oder eben die Euro. Doch in den vergangenen Jahren hat sich die Bereitschaft, derlei riskante Projekte anzugehen, rapide verringert. Gewiss, russischen Oligarchen oder arabischen Ölscheichs ist noch immer nichts zu teuer – weshalb in den kommenden Jahren viele Großveranstaltungen, nicht nur die Fußball-Weltmeisterschaften 2018 und 2022, in Russland und Katar ausgetragen werden. Doch in demokratischeren Gemeinwesen herrscht akute Zurückhaltung. Seit den 1980er Jahren, seit im Sportbusiness die Kommerzialisierung begann, hat es nie so wenige Interessenten für Großereignisse gegeben. 

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte für die Winterspiele 2018 nur zwei ernsthafte Interessenten (Pyeongchang und München), und es ließ die Witz-Kandidatur aus Annecy aus kosmetischen Gründen im Rennen. Für die Sommerspiele 2020 entledigte sich das IOC dem Problem Katar und der damit verbundenen Korruption, in dem es Dohas Bewerbung in der Vorrunde aussortierte – so wird im September 2013 nur zwischen Tokio, Istanbul und Madrid entschieden. Rom hatte sich Anfang dieses Jahres verabschiedet, nachdem das Kabinett des Ministerpräsidenten Mario Monti die nötigen Milliardenbürgschaften verweigerte. „Wir müssen vernünftig sein“, hat Monti damals gesagt. Angesicht der existenziellen finanziellen Probleme des Landes sei eine Olympiabewerbung „unverantwortlich“.

Diese Olympiabewerbung 2020 ist untrennbar mit der Diskussion über die Euro 2020 verbunden. Denn der einzige ernsthafte Kandidat, den die UEFA hatte, bewirbt sich gleichzeitig um die Olympischen Spiele: die Türkei mit Istanbul. Beides aber ist in einem Jahr nicht zu stemmen. Der türkische Ministerpräsident Erdogan hatte im März 2012 beim UEFA-Kongress in Istanbul erklärt, die UEFA müsse verstehen, dass die Euro-Bewerbung aufgegeben wird, sollte Istanbul im September 2013 vom IOC den Olympia-Zuschlag erhalten. 

Platini versuchte daraufhin, den Zeitplan zu ändern und wollte die Euro-Vergabe, geplant für 2014, vor die Olympiavergabe legen, um Tatsachen zu schaffen. In der IOC-Administration war man höchst verärgert über Platinis Avancen, die dem Bewerbungsbusiness und den IOC-Geschäften schaden würden. Am Rande des Champions-League-Finals im Mai 2012 in München kam es im Hotel Bayerischer Hof zu einem Krisengipfel. IOC-Vizepräsident Thomas Bach überbrachte Platini die Botschaft des IOC-Präsidenten Jacques Rogge: der Franzose solle sich nicht in IOC-Angelegenheiten einmischen.

Seither hat Platini die Türkei abgeschrieben und trieb die Idee der paneuropäischen Euro 2020 voran. Im Sommer erklärte er am Rande der EM in Polen und der Ukraine:

„Wir müssen keine Stadien oder Flughäfen bauen, gerade jetzt in Zeiten der wirtschaftlichen Krise“.

Und das, nachdem er Stadien und Flughäfen und Fünfsternehotels bauen ließ – in Zeiten der wirtschaftlichen Krise.

Die Euro in einem Dutzend europäischer Metropolen, vielleicht auch in ein oder zwei kleineren Städten und Nationen, ist ein Befreiungsschlag. Ein Pass aus dem Fußgelenk, so wie ihn nur wenige beherrschen. 

Platini muss dafür keinen Orden bekommen. Er hat nur klug gehandelt und sich aus der Krise manövriert. Er hat aber nichts Grundsätzliches erledigt. Wie das Turnier gestaltet werden soll, weiß noch niemand. Und die absurde Entscheidung, eine Euro überhaupt mit 24 Mannschaften auszutragen, bleibt ohnehin unangetastet. 


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