141.967.500,93 CHF: „Das Thema von ISL ist in Zug, wir sind hier in Zürich“

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Ich habe eine weitere Analyse des ISL-Korruptionssystems und der Implikationen für die FIFA versprochen. Daran arbeite ich noch – in Deutsch und Englisch. Anbei schon mal jener Text, der heute in einigen Tageszeitungen von mir veröffentlicht wurde – es gibt viel mehr zu sagen, gerade nachdem Sepp Blatter in seinen 5 Fragen und Antworten auf der FIFA-Webseite sich weiter in Lügen und Unwahrheiten verstrickt – auch diese Propaganda werde ich Satz für Satz auseinander nehmen. Viel Spaß am Sonntag bei der Lektüre, @SeppBlatter #fifacorruption

Ein Kleinod habe ich noch ausgegraben. Während der ersten Runde des ISL-Strafprozesses im März 2008 in Zug, den ich komplett im Gerichtssaal verfolgt habe, hatte ich einen Abstecher nach Zürich gemacht zur Exekutivsitzung der FIFA – und danach zwei Fragen an Blatter gestellt. Die Tonqualität bitte ich zu entschuldigen:

Er sagt also:

Das Thema von ISL ist in Zug, wir sind hier in Zürich“

Das war schon damals dämlich.

Mensch, Sepp, so kannst Du Dich täuschen.

Eine Analyse (am Donnerstag geschrieben), tiefgründigere und bessere folgen am Wochenende in diesem Theater. Ich denke dennoch, dass ich einige wichtige Punkte anreiße, die in der Diskussion derzeit zu kurz kommen:

  1. wir müssen die Zahl des belegten Schmiergeldes nach oben korrigieren: 141.967.500,93 CHF von 1989 bis 2001
  2. nun hält endlich auch mal ein offizielles Dokument fest, was einige Journalisten seit vielen Jahren beschreiben: auch vor 1989 wurde gezahlt, wie viel, das weiß niemand
  3. die tatsächliche Schmiergeldsumme der ISL ist also viel höher. Und über andere Firmen wird noch gar nicht geredet, die ebenfalls gezahlt haben.
  4. die Einstellungsverfügung beschreibt, dass die ISL-Millionen quasi nur Spielgeld waren, um auf den nationalen Märkten (Teixieira, Havelange, Brasilien) erst richtig abzukassieren. Eine sehr wichtige Anmerkung.
  5. die Einstellungsverfügung beschreibt, dass es sehr wohl strafrechtliche Handhabe gab, Havelange und Teixeira in den Knast zu bringen. Zwar nicht wegen Sport-Korruption, aber wegen Veruntreuung u.a. (Insofern sind Blatters aktuelle Einlassungen erneut Wahrheitsbeugungen.)

Das bislang größte Korruptionssystem der olympischen Sportgeschichte lässt sich seit Mittwoch noch besser beschreiben. Mit mindestens 142 Millionen Schweizer Franken hat die einstige Sportmarketingagentur ISL/ISMM zwischen 1989 und 2001 hochrangige Sportfunktionäre aus dem IOC, etlichen olympischen Weltverbänden und vor allem dem Fußball-Weltverband FIFA systematisch geschmiert. Bereits in den Jahren davor leistete die ISL-Gruppe „Vorinvestitionen in Millionenhöhe“, heißt es in einer so genannten Einstellungsverfügung zum ISL-Korruptionssystem, deren Veröffentlichung von der FIFA und den beiden Hauptschuldigen Funktionären lange Jahre mit aller Macht verhindern wollten.

Doch das Schweizer Bundesgericht entschied nun letztinstanzlich, dass das Papier vom Mai 2010 veröffentlicht werden muss, was am Mittwoch geschah. Journalisten und Medien aus der Schweiz und England hatten die Herausgabe verlangt. Fast alle Namen und Firmen wurden anonymisiert, FIFA-Ehrenpräsident Joao Havelange und dessen ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Teixeira aber werden als Empfänger von insgesamt 22 Millionen Franken Schmiergeld genannt. Die Transfers sind bestens belegt – aber nur die Spitze des Eisberges, das gesamte Treiben der 2001 Konkurs gegangenen ISL bleibt nur zu erahnen.

Auch wenn die meisten Details über die Höhe der Bestechungsgelder, die wie Lohn gezahlt und kassiert wurden, Dank journalistischer Enthüllungen bereits öffentlich geworden waren, ergeben sich aus der 41 Seiten umfassenden Verfügung weitere brisante Sachverhalte – vor allem wird klar, dass Korruption an der FIFA systemisch und keineswegs die Ausnahme war. „Es steht nicht in Frage, dass die FIFA Kenntnis von Schmiergeldzahlungen hatte.“ Auch Joseph Blatter, 1981 bis 1998 Generalsekretär, danach Präsident und Alleinzeichnungsberechtigter, wird in dem Papier als Mitwisser indirekt belastet. Demnach hatte ein Person, die anonymisiert „P1“ genannt wird, 1997 Kenntnis von einer irrtümlich auf einem FIFA-Konto gelandeten Million für Havelange. Vergleicht man die Angaben in diesem Dokument mit der ISL-Anklageschrift aus dem Jahr 2008, so dürfte es sich bei „P1“ um niemanden anders als Blatter handeln, der seinerzeit gemeinsam mit dem damaligen FIFA-Finanzchef Erwin Schmid in große Hektik geriet – das ISL-Schmiergeld wurde umgehend vom FIFA-Konto an Havelange transferiert.

(Das habe ich in diesem Zeitungstext vorsichtig formuliert, obwohl ich es besser weiß, seit acht Jahren aber berichte ich darüber, dass es Blatter war, der 1997 die Havelange-Million weiter leiten ließ auf dessen Privatkonto. P1 ist Blatter, das habe ich am Mittwoch auch über Twitter so kommuniziert.)

Die Staatsanwaltschaft macht deutlich, dass jene Millionen, die Havelange und Teixeira (und andere FIFA-Exekutivler sowie Vorständler etlicher Weltverbände) kassierten, quasi nur Spielgeld war, um weitere unsaubere und noch lukrativere Geschäfte zu betreiben auf ihren jeweiligen Heimatmärkten: Teixeira war bis zu seinem Rücktritt im Frühjahr 2012 Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees, Brasiliens Verbandschef und Boss der WM-Organisation 2014. Er ist in etliche andere Korruptionsskandale verstrickt. Havelange inzwischen 96 Jahre alt, trat im Dezember 2011 aus dem IOC zurück, wohl wissend, dass das ISL-Dokument irgendwann öffentlich würde. Die Frage ist nun, ob die IOC-Ethikkommission gegen „P1“ ermittelt, denn Blatter ist auch IOC-Mitglied.

Die Vergehen werden in dem Dokument als „sittenwidrige“, „unrechtmäßige“, „unlautere“, „widerrechtliche“ und „pflichtwidrige“ persönliche Bereicherung klassifiziert. Der „Tatbestand der ungetreuen Geschäftsbesorgung“ sei erfüllt. Die FIFA-Anwälte widersprachen im Laufe der Jahre sämtlichen Darlegungen der Staatsanwaltschaft und verstiegen sich zur Argumentation, Schmiergeldzahlungen gehören in Südamerika und Afrika „zum üblichen Grundeinkommen eines Großteils der Bevölkerung“. Offiziell aber, auch darauf verweist die Verfügung, schreibe sich die FIFA „völkerverbindendes Tun auf die Fahne“.

Havelange und Teixeira hatten Freiheitsstrafen zu fürchten, die FIFA war einerseits Geschädigte, andererseits ergab sich aus extremen „Organisationsmängeln“ auch eine Mittäterschaft, führt die Staatsanwaltschaft aus. Die FIFA wollte immer eine Veröffentlichung der Korruptionspraktiken verhindern. Dieser „gordische Knoten“, so wird formuliert, wurde durch Zahlung einer Widergutmachung und Übernahme der Gerichtskosten durch Teixeira, Havelange und die FIFA verhindert. Die Justizkasse erhielt 2010 insgesamt 5,5 Millionen Franken, die Einstellungsverfügung sollte mit allen Mitteln geheim gehalten werden – bis das Bundesgericht am 3. Juli 2012 entschied.

Bereits 2004 hatte Teixeira 2,5 MillionenFranken im Rahmen eines so genannten Korruptionsverdunklungsvertrages an den damaligen ISL-Konkursverwalter gezahlt. Bestandteil jenes Deals, der maßgeblich von einem FIFA-Anwalt verhandelt und abgewickelt wurde, war ebenfalls, die Namen der korrupten Funktionäre zu verheimlichen. Die FIFA unter dem Präsidenten Joseph Blatter unternahm jahrelang Maßnahmen zum „Schutz der Betrüger“. Dass der Milliardenkonzern FIFA unter dem Schutz des Schweizer Vereinsrechts agiert, wird als „äußerst schlanke“ gesetzliche Regelung gerügt.

Ralf #1
Hein #2

Da sich mein Vertrauen in die Ethik-Kommision des IOC in Grenzen hält, glaube ich nicht, daß man da viel mehr als heiße Luft produzieren wird. sonst müßte man sich doch über kurz oder lang im „öffentlichen“ Fokus über das eigene Gebaren auseinandersetzen (auch wenn es kaum einen interessieren würde). Vermutlich werden Bedienungsanleitungen von Papiershreddern zur Pflichtlektüre. Eher könnte ich mir vorstellen, daß, wenn überhaupt, bei Sepp dem Alter entsprechende Gründe demnächst zu einer krankheitsbedingten Demission führen. Das ist ja wohl ein gern gegangener Weg, sich zu entziehen. Andererseits: A Hund, und zäh is er scho. Würde mich nicht wundern, wenn er ähnlich wie Hoover interessante Dossiers im Privatsafe hat. Und daß er sein bester Nachfolger ist, ist ja wohl klar. Und all seine Stiefellecker werden das nach entsprechenden Kabalen auch gerne bekunden.

Jens Weinreich #3

Völlig korrekt, Hein. Von der so genannten IOC-Ethikkommission, die Havelange schon aus der Schusslinie nahm und Hayatou und Diack davon kommen ließ (Entschuldigung: tadelten), ist nichts zu erwarten. Guckst Du hier:

http://www.jensweinreich.de/2011/12/06/wie-jacques-rogge-ioc-und-joseph-blatter-ioc-fifa-die-offentlichkeit-verarschen/

http://www.jensweinreich.de/2011/12/08/jacques-rogge-sagt-reports-are-confidential-und-a-warning-is-not-a-sanction/

Das haben in Deutschland nur wenige Journalisten anders gesehen, die Rogge stets abfeiern.

firedo #4

Hallo,

Was ich nicht verstehe ist folgendes:
Die Korruption ind er FIFA ist allgemein bekannt , und zum großen Teil sogar bewiesen.
Warum geht es trotzdem weiter?
Jeder weiß es, aber nix passiert.

Davidoff #5

Das ist ja das perverse an der Korruption, für die direkt Beteiligten ist es eine Win-Win Situation. Der wahre Schaden entsteht ja erst mittelbar und teilweise ohne das die Leute es merken.

Aber zu erwarten das sich eine Elite, nix anderes sind ja die Sportfunktionäre auf der Ebene, selbst reinigt halte ich für sogut wie ausgeschlossen. In meinen Augen müsste da einfach die Strafverfolgung zuschlagen und das dann auch durchhalten bis zum Urteilsspruch und nicht wieder vorher einknicken und eine Strafzahlung akzeptieren.

Alternativ müsste wer aus der FIFA selber auspacken, allen Verschwiegenheitsklauseln zum trotz und damit dem Laden zum Einsturz bringen, nur, wer gräbt sich sein eigenes Grab? (FIFA ist ja ne Familie und so…)

Dennoch möchte ich festhalten, Respekt an die Journalisten die versuchen diesen Sumpf zu zeigen wie er ist. Hut ab!

Hein #6

Alternativ müsste wer aus der FIFA selber auspacken, allen Verschwiegenheitsklauseln zum trotz und damit dem Laden zum Einsturz bringen, nur, wer gräbt sich sein eigenes Grab? (FIFA ist ja ne Familie und so…)

Im Endeffekt käme da vorrangig wohl nur einer in Frage. Und wenn ich mir den letzten Kistner-Buchtitel vor Augen halte und dann an etwaige „Disziplinierungsmaßnahmen“ dieser ehrenwerten Gesellschaft denke, kann ich mir mir durchaus vorstellen, daß da in der Familie Leute, die nervös werden könnten, auch anderweitige Beruhigungsmittel in Betracht ziehen könnten. Wir reden hier schließlich wohlwollend über 9-stellige, wenn nicht noch höhe-re Zuwendungen.

Man schaue sich nur offiziell zugegebene Zahlen entsprechender Olympia/WM-Veranstalter an, die freiwillig(?) jedwedes nationale Steuerrecht, und was immer alles dazugehört, mitunter gerne mal außer Kraft setzen. (20 Cent Flaschenpfandboneinstecker oder Hartz4ler müssen da natürlich hintan-stehen). Die korrupten Lizenzgeber bis zum Abwinken hoffieren – der Volksmund hat andere Begriffe dafür -, das ist eine neue Form von Staatsraison, dafür kommt man dann beim Jubeln ins Fernseeeeehn) Da geht es nicht mehr um augenaushackende Krähen. Das sind richtig fette Deals. Und wenn pubicitygeile, schmarotzende Politiker, die Etats haben, dann wirklch mal scheitern, wie in München, versucht man es halt bald wieder. Erst recht, wenn der vorsitzende Ehrenmann, der die richtigen Ideologie, wie es scheint, schon hervorragend verinnerlicht hat, aller Voraussicht nach, bald ein Landsmann ist. Und nahezu alle nationalen, vermeintlich wichtigen und meinungsbildenden Medien werden wieder mitjubeln. Dann wird wieder alles Schland sein und Gelegenheit Termine für unpopuläre Gesetzgebungssitzungen zu finden. Schon gut, ich hör´jetzt auf.

Dennoch möchte ich festhalten, Respekt an die Journalisten die versuchen diesen Sumpf zu zeigen wie er ist. Hut ab!

UNBEDINGT!!!

Ralf #7

dpa: Niersbach geschockt über FIFA-Korruptionsaffäre

«Wenn nicht unbedeutende Entscheidungsträger der FIFA offensichtlich Geld kassiert haben und dann gesagt wird, es war damals nicht verboten, ist das eine Reaktion, von der wir als DFB uns nur total distanzieren können»

Free Wilhelm #8

Erst nach dem Frühstück eine verträgliche Lektüre, das „Interview“ der Blick mit Blatter:

http://www.blick.ch/sport/fussball/ich-sollte-mit-50-000-dollar-bestochen-werden-id1962702.html

Man hat gar nicht so viele Hände, wie man eigentlich fazial palmieren wollen würde.

Das Verständnis von Blatter, wie man gegen Korruption vorgehen sollte:

„Wurden Sie gegen den Mann wegen Bestechungsversuchs aktiv?“
„Damals hatten wir noch keine Ethik-Kommission. Er gab mir das Geld, ich gab es ihm zurück. Fertig.“

Klar, unter Ehrenmännern einer Familie gibt man sich eben nur das Geld zurück. Für so ein Verhalten wurden Handballschiedsrichter lebenslang gesperrt, oder?

Felix #9

„Kofi Annan?“
„Ja, er hat mich angerufen und gratuliert, dass wir die Torkamera einführen.“

Haha, dann wird’s ja vielleicht doch noch was mit dem Friedensnobelpreis!

Ralf #10

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