Tokio, was vom Tage übrig bleibt (20. Juli 21)

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Tokio Newsletter 3

11th-hour cancellation of the Olympic Games?

Klar kenne ich die alte Regel, wonach Fragezeichen besser nicht in Überschriften gehören. Aber jede Regel ist dazu da, um sie zu brechen. Und diese Frage, wie das TOCOG-Chef Toshiro Muto vor wenigen Stunden gemeint haben könnte, ob er eine Absage der Corona Games in letzter Minute tatsächlich nicht ausgeschlossen haben sollte, diese Frage beschäftigt seither Tokio. Die Meldung wurde von der Nachrichtenagentur Reuters verbreitet. Wenn ich es richtig sehe, dann ist die Konkurrenz von AP nicht darauf eingestiegen, noch nicht vielleicht. Ein Kollege schrieb mir, Reuters hatte mehrere Reporter bei der Pressekonferenz mit Muto, auch native speaker. Insofern ist ein Übersetzungsfehler ausgeschlossen.

Es ging um die mittlerweile 67 Fälle von Corona-Infizierten unter für die Sommerspiele akkreditierten Personen seit dem 1. Juli 2021. Das ist die Reuters-Passage im englischen Original:

Asked at a news conference if the global sporting showpiece might still be cancelled, Toshiro Muto said he would keep an eye on infection numbers and liase with other organisers if necessary. „We can’t predict what will happen with the number of coronavirus cases. So we will continue discussions if there is a spike in cases,“ said Muto.

Ob das nun diese Überschriften rechtfertigt, die gerade um die Welt gehen und gewiss am Mittwoch noch Thema sein werden, sei mal dahingestellt. Reuters selbst titelte: “Tokyo 2020 chief Muto doesn’t rule out cancelling Games“.

Es ist wie es ist bei Mega-Events wie diesem: Die Spirale dreht sich, ich sage bewusst erstmal nicht: die Nachrichtenspirale. Denn vielleicht wird ja das, was wie eine Nachricht daher kommt, als eine Null-Nachricht entblößt. Von einer Ente will ich in diesem Fall nicht reden.

Vielleicht ist aber auch alles ganz anders.

Last minute cancellation? Sehr schwer vorstellbar bis unvorstellbar, stimmt’s?

Ausnahmen, Sonderregeln – was darf man glauben?

Natürlich bleibe ich jetzt bei Fragezeichen in den Überschriften. Von Muto komme ich schnell zu dessen Geschäftspartner im olympischen Joint Venture: Mir schien, dass der IOC-Präsident am ersten Tag der 138. IOC-Vollversammlung eine eher zurückhaltende Rede gehalten hat. Man hat Thomas Bach (FDP) oft viel forscher erlebt. Deshalb habe ich vorhin für den SPIEGEL (“Propaganda gegen das Virus”) u.a. notiert:

Bach hat den Anlass genutzt, um verbal das ganz große Rad der Geschichte zu drehen, wie man es von ihm kennt. Der Weltfrieden. Das Licht der olympischen Flamme am Ende des dunklen Pandemie-Tunnels. Das Flüchtlingsteam. All diese Themen, in die das IOC propagandistisch eine Menge investiert und diese Spiele der XXXII. Olympiade, wie sie offiziell heißen, gewaltig überhöht. Man wird das am Freitag bei der Eröffnungsfeier ebenfalls sehen.

Bach hat seine Botschaften allerdings schon viel offensiver und rücksichtsloser verbreitet. Seine Rede auf der IOC-Session war vergleichsweise nachdenklich inszeniert, mit sehr gewollten leisen Tönen. Und das lag gewiss nicht nur daran, dass es ihm als Chef eines Konzerns, der mit den Tokio-Spielen rund vier Milliarden Dollar erlöst, sehr wichtig ist, Empathie zu zeigen. Bach ist klug genug um zu erkennen, dass trotz aller umfassenden Anti-Corona-Maßnahmen, trotz der Restriktionen und Playbooks, trotz des verordneten Ausnahmezustands, ein gewaltiges Risiko besteht. Er sagt das nur nicht so deutlich, dafür ist er zu sehr Politiker.

Ich beschäftige mich dann mit der Frage, warum wir eigentlich den Organisatoren glauben sollten, dass diese knallhart auch Superstars wegen Corona-Infektionen oder Kontakten aus dem Wettbewerb nehmen könnten. Oder ob man da – im Verbund vielfältiger und vor allem geschäftsschädigender Interessen – nicht zwei Augen zudrücken könnte. Im Dopingbereich erleben wir das ja seit Jahrzehnten, nachweislich.

Die Einschläge kommen in Tokio schon ziemlich nah. Am Montag wurde der positive Test einer Ersatzturnerin aus den USA bekannt. Hat Kara Eaker etwa nie etwas mit Superstar Simone Biles zu tun gehabt? Absolut keine Kontakte, nichts? Müsste Simone Biles als Teamkollegin nicht in Quarantäne? Würden die Organisatoren also, im Fall der Fälle, wirklich konsequent handeln und Stars wie Biles oder andere aus dem Wettbewerb nehmen? Wie würden die Manager des TV-Giganten NBCUniversal reagieren, die 1,4 Milliarden Dollar für die TV-Rechte in Tokio bezahlt haben? Oder könnte es den Organisatoren mehr als eine Überlegung wert sein zu sagen: Okay, hat doch bisher ganz gut geklappt, da drücken wir vor dem Finale mal ein Auge zu.

Man muss das beobachten, so gut es geht.

Und da sind wir wieder am Ausgangspunkt aller journalistischen Überlegungen: Das ist verdammt schwierig in Tokio (Vom Wert des Journalismus bei den Propagandaspielen in Tokio) und wird sogar immer schwieriger (Tokio, das war der Tag (19. Juli 21) – weitere Einschränkungen für Pressevertreter).

Was hat Ágnes in ihrem Jahrhundert gesehen?

… so beginnt ein Werbeclip des IOC, über den auf Twitter schon mehrfach diskutiert wurde. Nun wurde dieser Film am Dienstag auf der IOC-Session erneut eingespielt. Christoph Becker kommentiert in der FAZ (“Schamlose Werbung”):

Das IOC feiert sich in Tokio in einem Werbefilm mit Riefenstahl-Bildern und einer Holocaust-Überlebenden, deren Familienschicksal mit keiner Silbe erwähnt wird. Es ist ein entgrenzender Tabubruch. (…) Es ist das dritte Mal seit Juli 2020, dass das IOC unter seinem deutschen Präsidenten Thomas Bach in schamloser Art und Weise mit den Nazi-Spielen Werbung macht. Ein erster Clip aus dem Juli 2020 wurde noch gelöscht. Ein Vermarktungsfilmchen mit Riefenstahls Propagandabildern unter dem Motto Freundschaft vom 29. Januar 2021 dann schon nicht mehr. Und nun wird das eigene Geschichtsbild zur Selbstvergewisserung der eigenen Klientel und Millionen Followern in aller Welt vorgeführt. (…) Wer auch immer beim IOC diesen Film, in den auch Bilder aus Riefenstahls Propagandafilm „Fest der Schönheit“ zwischengeschnitten sind, abgenommen hat, tat es in dem Wissen, dass die Spiele in einem halben Jahr in die nächste Diktatur ziehen, nach China. Auf dem Weg dorthin sendet das IOC abstoßende Schlaglichter auf das eigene Weltbild. In Tokio applaudierten seine Mitglieder dem Film.

Hat Thomas Coubertin wieder mit Pierre de Bach gesprochen?

Da geht einiges Durcheinander in dieser Überschrift, glauben sie?

Ach Quatsch. Ob Thomas oder Pierre, ob Bach oder Coubertin, das ist doch dasselbe. Die beiden halten gern einen Plausch. Thomas Bach hat im März, als er sich für die nächsten und wahrscheinlich letzten vier Jahre zum IOC Supremo krönen ließ, ausführlich von einem (oder waren es mehrere) Gespräch mit Pierre de Coubertin draußen im Garten des Olympic House zu Lausanne berichtet.

Und da der Fechtmeister für lange Zeit bleibenden Eindruck hinterlassen will, hat er am Dienstag das olympische Motto ändern lassen.

Es heißt jetzt nicht mehr nur Schneller, höher, stärker.

Jetzt heißt es: Schneller, höher, stärker – gemeinsam!I

Im Live-Blog hatte ich statt gemeinsam ursprünglich falsch zusammen geschrieben. Es vergingen nur wenige Minuten, da wies mich der Corporate Communications and Public Affairs Director of the IOC darauf hin.

Ich freue mich, dass nicht nur IOC-Mitglieder und Weltverbandsfürsten, sondern auch hochbezahlte IOC-Direktoren mir während der IOC-Session beim Bloggen/Berichterstatten zusehen. Deshalb heißt mein Projekt SPORT & POLITICSolympisches Bildungsmagazin.

IOC-Direktor Christian Klaue bot gleich noch diesen Übersetzungsservice:

  • Schneller, Höher, Stärker – Gemeinsam
  • Faster, Higher, Stronger – Together
  • Citius, Altius, Fortius – Communiter
  • Plus vite, Plus haut, Plus fort – Ensemble

Wenn er sonst mal seine Arbeit vernünftig machen würde.

Ich habe den ersten Tag der IOC-Session einigermaßen ausführlich beschrieben und werde das am Mittwoch, wenn Brisbane Olympiastadt für 2032 wird, noch ausführlicher tun. In Heft 3 des Magazins SPORT & POLITICS arbeite ich die Session weiter auf, auch wenn mir hier natürlich nicht mehr viele Stunden bleiben bis zur Eröffnung. Mal schauen.

Wie reich ist eigentlich das IOC?

Das kann ich Ihnen nach einem ersten Blick in den aktuellen Finanzbericht relativ genau sagen. Vorab dies, eine Grafik mit den aktualisierten Daten. So wird das im olympischen Bildungsmagazin aufgearbeitet. Derlei Charts, das ist keine Übertreibung, finden Sie in keinem anderen Medium weltweit. Nicht einmal beim IOC selbst:

IOC-Group-März-2021-1-Kopie

Im Corona-Jahr 2020 sind die Rücklagen der IOC Group stabil geblieben. Von 2,376 Milliarden USD in 2019 ging es minimal runter auf 2,365 Milliarden. Dabei entfallen:

  • 914 Millionen direkt auf das IOC,
  • 853 Millionen auf die Olympic Foundation (OF),
  • 241 Millionen auf Olympic Solidarity (nicht zu verwechseln mit dem OS-Budget)
  • und 356 Millionen auf TOP.

Wie ich bereits vor einem Jahr korrekt prognostiziert habe, wird der Umsatz der IOC Group im mit Tokio dann abgeschlossenen vierjährigen Olympiazyklus bei mehr als 7 Milliarden USD liegen. Wahrscheinlich bei 7,2 Milliarden oder noch etwas mehr. Das wissen wir exakt erst in einem Jahr.Anyway, glauben Sie ruhig mal meiner Kalkulation. Wenn ich mich mit IOC-Finanzen befasse, dann gründlich. In Heft 2 des Magazins habe ich erstmals überhaupt die Liste aller Zahlungen des IOC an ein olympisches Organisationskomitee veröffentlicht – es ging um Rio de Janeiro. Seither wissen wir besser, was wirklich überwiesen wird und was Sachleistungen der IOC-Sponsoren sind. Schauen Sie sich das gern nochmal an, im Magazin oder in einer stark verkürzten englischen Version online. Es lohnt sich, zumal da auch einige Fragen für Tokio beantwortet werden. Vor allem die, aber dafür muss man nur in das Vertragswerk schauen, da braucht es keine exklusive Dokumente: Das IOC leistet nicht nur einen relativ bescheidenen Zuschuss für die Tokio-Spiele, im Verhältnis zu den tatsächlichen Kosten dort, es kassiert sogar, u.a. einen Anteil am nationalen Vermarktungsprogramm.

Das war es aber auch für heute. Ich halte Sie viel zu lange auf.

Dieser Newsletter ist eine Ergänzung meiner Webseite SPORT & POLITICS, des gleichnamigen Magazins, meines Twitter-Angebots und einiger anderer Produkte. In den vergangenen Tagen habe ich Ihnen diese Texte angeboten, mitunter ellenlange Abhandlungen:

Noch einmal: Zu den Corona Games kooperiere ich mit dem Journalisten und Japanologen Andreas Singler. Er ist ein ausgewiesener Fachmann in Dopingfragen (Aufarbeitung, Prävention). Andreas Singler hat gerade in zweiter Auflage sein Buch „Tôkyô 2020. Olympia und die Argumente der Gegner“ herausgebracht, das im SPORT & POLITICS Shop zu haben ist. Dieses E-Book ist Teil des Tokio-Olympiapasses, mit dem Sie unabhängige und fachgerechte Berichterstattung finanzieren können. Darüber hinaus gibt es das exklusive Tokio-Superpaket „Licht am Ende des Tunnels“ mit sieben E-Books und vier E-Papern.

Bis Mittwoch!

Ein Gedanke zu „Tokio, was vom Tage übrig bleibt (20. Juli 21)“

  1. Pingback: live von der 138. IOC-Session: Brisbane 2032 – SPORT & POLITICS

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