live von der IOC-Krönungsmesse

„Good morning, good evening, good afternoon“, hat er gerade gesagt, der IOC-Präsident Thomas Bach (FDP, UDIOCP). Das IOC habe die gesellschaftliche Relevanz des Sports für die gesamte Welt gestärkt, sagt er. Mindestens. Die internationale Gemeinschaft stehe geschlossen hinter dem IOC und dem Sport und der gewaltigen Rolle, die dem Sport bei der Bekämpfung der Pandemie zukomme – und natürlich für den Weltfrieden. „The G20 leaders expressed in their final declaration their strong support for Tokyo 2020 and for the Olympic Winter Games 2022.“

Merken Sie etwas? Bach hat die skandalösen Winterspiele bei den KZ-Betreibern in China gleich inkludiert. Propaganda. Das IOC steht geschlossen hinter „our Chinese partners and friends“.

Willkommen in der olympischen Familie.

Da ich der 137. IOC-Session sowieso folge, kann ich auch gleich wieder eine kleine live-Berichterstattung anbieten, wie so oft.

Viel Vergnügen.

Empfehlung: Seine Olympische Heiligkeit: Thomas Bach (FDP)

Der Tickethändler Spyros Capralos, der die Session eigentlich in Athen ausrichten wollte (und der in Kürze EOC-Präsident werden will, wenn ich nichts verpasst haben sollte), steht gerade allein im alten Olympiastadion.

Screenshot IOC Media, Youtube.

12.22 Uhr: Und nochmal zu China. Excellent. Super. Fantastisch. „We can say already now with great confidence that the Organizing Committee is ready.“

Jetzt wird Coubertin zitiert und das Völkchen lauscht ergriffen:

Screenshot IOC Media, Youtube.

„Stand united! Share the confidence in our strength and our values in great unity!“

12.30 Uhr: Nun einige Worte für verstorbene ehemalige Mitglieder. Günther Heinze, alter DDR-Apparatschik, der 1991 einst den Weg frei gemacht hat für andere deutsche Mitglieder [sic], den Mega-Bestecher und schwer korrupten Samsung-Boss Lee Kun Hee, für Walther Tröger und andere. Muss ich an dieser Stelle wieder erwähnen: Als Roland Baar verstarb, der sich dem heutigen IOC-Imperator immer mal widersetzte, gab das IOC nicht einmal eine Erklärung heraus. Kein Wort, wie sonst bei ehemaligen Mitgliedern üblich.

Hayley Wickenheiser nimmt als einzige der 101 nicht selbst-suspendierten Mitglieder nicht an der Session teil. Sie hat damit längst abgeschlossen.

12.35 Uhr: Der Bericht des Präsidenten. Liegt schriftlich vor, aber natürlich nicht der Öffentlichkeit. Da er noch über seine bizarre neue Agenda 2020+5 reden will und ohnehin schon eine fundamentale Eröffnungsrede gehalten hat, verzichtet er jetzt auf weitere Worte. Eins ist auch klar: In den letzten Jahren wurde es immer unergiebiger, der Session zu folgen, weil immer weniger Berichte vorgetragen werden, stattdessen wird mehr auf Schriftliches verwiesen, was nicht öffentlich ist. Früher fanden sich für sportpolitische Gourmets immer mal interessante Details in den Präsentationen.

Das ist vorbei. Alles ein großer Bluff.

Es gibt keinen einzigen Bericht irgendeiner Kommission – und auch keine einzige Frage aus dem Wahlvölkchen.

Das finde ich lustig, Regiefehler:

12.53 Uhr: Das Werbevideo zu Olympic Solidarity (#Stronger Together) muss man sich mal anschauen. Propaganda pur. Sektenmäßig.

So sieht die Session in Lausanne aus:

Screenshot IOC Media, Youtube.

Ground-breaking! Peking 2022 voll auf Kurs, sagt Generaldirektor Christophe De Kepper, dessen Entwicklung zum Prätorianer des Präsidenten ein Jammer ist. Er ist der Aufpasser, er attackiert Abweichler, mitunter in Windeseile. Gerade preist er China und Peking und die Legacy der Winterspiele 2022 – die 300 Millionen Chinesen, die ab sofort begeistert Wintersport betreiben. Angeblich.

13.12 Uhr: Interessantes Detail, aber vielleicht wieder nur der Dummheit des IOC-Propagandachefs geschuldet:

Einfache Rechnung, kann der IOC-Direktor Christian Klaue nicht wissen:

  • 103 Vollmitglieder zurzeit
  • Pat Hickey self suspended
  • Sheikh Ahmad self suspended
  • Hayley Wickenheiser hat Wichtigeres zu tun, wahrscheinlich im Krankenhaus
  • Es können also nur 100 Mitglieder dabei sein. Es sei denn, Klaue hätte ausnahmsweise Recht, das wiederum wäre ein Skandal, weil Hickey und Ahmad ja angeblich selbst suspendiert sind und damit eine knallharte selbst ausgesprochene IOC-Strafe verbüßen.

13.19 Uhr: Kaffee- und Pinkelpause. Danach 2020+5, dann die mit Hochspannung erwartete „Wahl“ des Präsidenten.

Und Klaue hat es begreifen müssen.

13.35 Uhr: Ich schrieb 2020+5. Falsch. Es geht erst um Agenda 2020. Bach zieht selbst Bilanz und kommt, völlig überraschend, zum Ergebnis, es sei eine gigantische Erfolgsgeschichte gewesen. Das leitet in Kürze über zur Krönungsmesse.

Jetzt spricht er doch über das Virus, obwohl das ja nichts mit seiner Agenda 2020 zu tun hat.

Das IOC kämpft gegen das Virus for the athletes.

Es geht jetzt um true sustainability through solidarity und den Umweltschutz. Das IOC arbeitet da ganz hervorragend und hat 350.000 Bäume gepflanzt, auch im Senegal bei Diack.

„With Agenda 2020 we are living solidarity. We put our money where our mouth is!“

„Olympic solidarity fuels our mission to make the world a better place through sports!“

„Our accounts are audited at a much higher standard than legally required.“

„No organization in this world is immune against misconduct.“

Misconduct ist das neue Korruption ist das neue Kriminalität.

„We made the Ethics Commission independent from the IOC.“

LOL

„With Agenda 2020 we have done what you can expect from a responsible organization.“

ITA ist das fantastischste und unabhängigste Dopingkontrollsystem der Welt.

Der Olympic Channel ist ein Game Changer.

Die Vereinten Nationen haben im Konsens aller 193 Nationen erklärt: „sport is a global accelarator of peace and sustainable develpment for all. The resolution supports the leadership role of the IOC and our mission … and the independence and autonomy of sport. It recognizes our political neutrality.“

usw usf etc pp

„I have nothing to add.“

Sagt Bach. Bislang der gehaltvollste Satz, oder?

14.38 Uhr: Die Feierlichkeiten haben begonnen.

  1. Danka Bartekova ist glücklich. Denn die Agenda 2020 hat ihr Leben verändert, sagt sie. „Thank you for giving me the privilege to be the first one to congratulate you!“ Sie darf die erste sein heute.
  2. Um es vorwegzunehmen – es wurden 38 Ergebenheitsadressen, wenn ich richtig gezählt habe. Wobei ich einmal durcheinander gekommen bin. Da aber Robin Mitchell zweimal geredet hat, sollte die 38 stimmen. Obwohl sich einmal auch Karl Stoss geäußert hatte, der Österreicher. Mag sein, dass es da technische Probleme gab oder diese Sekunden für mich zu kompliziert waren beim Multi-Tasking. Knapp 40: damit wurde doch wieder das unsägliche Niveau vom Juli 2020, von der 136. Session erreicht.

15.15 Uhr: Die Huldigungen versuche ich erneut, in Tweets zu fassen.

Was andere so beobachten:

16.17 Uhr: Done. Eine Gegenstimme. Vier Enthaltungen, ja da schau her.

Wobei die Zahlen komisch sind – denn wie schon bei Klaue werden die beiden selbst-suspendierten mutmaßlich kriminellen Mitglieder Hickey und Al-Sabah mit gezählt, oder stehe ich auf dem Schlauch?

17.14 Uhr: Nachdem die Huldigungen erledigt sind, 38 Mitglieder waren es, wenn ich nicht durcheinander gekommen sein sollte. Bei den Stimmen war meine erste Beobachtung, mein erster Gedanke/Tweet offenbar falsch. Mal schauen:

Endlich online, nach einigen technischen Problemen bei den Freunden in Dänemark:

Ein Tweet noch zum Tagesabschluss. Das reicht dann für heute. Morgen mehr vom zweiten Tag der Session. Entspannt.

Bach hat auf der Pressekonferenz erzählt, dass er Coubertin getroffen habe, im Garten. Er habe ihn etwas gefragt, der vor bald einem Jahrhundert Verstorbene habe gütig gelächelt.

In diesem Sinne, gute Nacht:


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5 Gedanken zu „live von der IOC-Krönungsmesse“

  1. Seit den 70er Jahren kämpft er um Athleten-Rechte. Er erwähnt den 80er-Boykott nicht, aber jeder geneigte Zuhöhrer weiß, was gemeint ist. Wie bei den Stones, ohne „satisfaction“ geht es nicht.

    Es ist eine Folter, ihm auf Englisch zuzuhören.

  2. Francis Nyangweso

    Den Boykott und seinen vergeblichen Kampf dagegen erwähnt er doch sonst ständig.

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