Die Doppelmoral-Falle des Helmut Digel

Helmut Digel galt einst als ein Vordenker des deutschen Sports. Als Ruheständler blickt er gewissermaßen auf die Trümmer seiner Funktionärslaufbahn: Den Makel der langjährigen engen Zusammenarbeit mit dem kriminellen Diack-Clan wird er nicht los. Das schmerzt. In wirren Elaboraten, die seine Universität Wissenschaft nennt, wettert Digel gegen Sportler, Politiker, Funktionäre, Journalisten – und fordert „Solidarität mit IOC-Präsident Dr. Thomas Bach“. Faktentreue muss sich der Freizeitturner dabei nicht nachsagen lassen. Aus Anlass des Prozesses gegen Lamine Diack et al. in Paris: Eine Textkritik – ein aktualisierter Beitrag aus dem Magazin Sport & Politics.

Ausschnitt aus dem Magazin SPORT & POLITICS, Heft 2, Mai/Juni 2020: die langjährigen IAAF-Funktionäre Helmut Digel und Lamine Diack beim Händedruck
SPORT & POLITICS, Mai/Juni 2020

Der Pensionär Helmut Digel (76) hat dem DOSB-Präsidenten Alfons Hörmann (59/CSU) einst in einem Brief vorgeworfen: „Sie setzen ein Gerücht in die Welt, ohne einen einzigen Beleg auf den Tisch zu legen.“ 

Merken wir uns das Wort: Beleg.

Was war passiert?

Hörmann hatte Digel auf der DOSB-Mitgliederversammlung im Dezember 2015 in Hannover scharf kritisiert. Er sprach über die Strafermittlungen in den Weltverbänden FIFA und IAAF (heute World Athletics, WA), die in jenen Tagen weltweit Schlagzeilen machten – und bis heute brandaktuell sind. 

Hörmann führte u.a. aus: 

„Wie konnte es Professor Digel als einem, der uns im deutschen Sport im Monatsrhythmus mitteilt, was besser zu machen ist, was schlecht gelaufen ist, wie konnte es ihm, wie er es im ZDF-Sportstudio vor kurzem mitgeteilt hat, passieren, in einer Mischung aus Naivität und Gutgläubigkeit diese Entwicklungen nicht zu erkennen?“ 

Es reiche nicht aus, nur auf Podien zu referieren und in Medien zu parlieren, sagte Hörmann:

„Das ist keine verantwortungsbewusste Wahrnehmung internationaler Positionen. So dürfen wir Deutschland international nicht repräsentieren und präsentieren.“

Er werde sich „nicht mehr öffentlich gegen haltlose Anschuldigungen rechtfertigen“, antwortete Digel prompt – in einem offenen Brief, auf Briefpapier der Universität Tübingen.

Digel verlangte von Hörmann eine „Entschuldigung für Ihre Entgleisung, die für mich einer persönlichen Verleumdung gleicht“. In der FAZ wetterte er zudem:

„Hörmann spricht damit den Verdacht der Mitwisserschaft aus. Das werde ich nicht hinnehmen. Würde er so auch über IOC-Präsident Thomas Bach sprechen, der jahrelang mit dem Präsidenten des Internationalen Leichtathletik-Verbandes, Lamine Diack, befreundet war?“

Es ist nicht nur aus heutiger Sicht ungemein komisch, das nachzulesen. Es war schon damals schräg.

Ich kenne deutsche Verbandspräsidenten, die Anwälte erfolgreich gegen Kommentare vorgehen ließen, in denen sie der Freundschaft zu diesem oder jenen Sportganoven bezichtigt wurden. Bach, der jahrelang u.a. von einem bekannten Drohanwalt aus Berlin vertreten wurde, wäre es zuzutrauen, gegen eine solche Behauptung zu klagen. 

Bach soll „befreundet“ gewesen sein mit Lamine Diack, IOC-Mitglied und Chef eines schwer kriminellen Clans? 

Quatsch, Bach kennt ihn doch kaum.

Was meinen Sie, wie schnell Digel für so eine Behauptung vor gewissen Pressekammern, unterliegen würde? Das könnte sehr teuer werden.

Journalisten verstehen, was ich hier skizziere. Denn so ist das im realen Leben, wo Gesetze gelten und wo Gerichte mitunter die albernsten Verfügungen erlassen. Das nennt sich Presserecht. Mit derlei juristischen Attacken und schrägsten Schriftsätzen hat man es regelmäßig zu tun. Dieses Hintergrundwissen wird angehenden Journalisten an der Uni Tübingen sogar beigebracht. Dieser Sachverstand aber geht Digel ab. Wie ich gleich weiter ausführe.

Viereinhalb Jahre sind vergangen, seit Helmut Digel dem IOC-Präsidenten eine Freundschaft zu Lamine Diack unterstellt hat, um sich zu verteidigen. Ich habe selbst oft genug zu beschreiben versucht, dass der Ganove Diack für Bach einige wichtige Stimmen versprach, nicht nur aus Afrika – dass der Senegal in der DOSB-Sportförderung gut wegkam und schließlich vom IOC, trotz Diack und der Weigerung, dessen Sohn Papa Massata an Frankreich auszuliefern, ohne Not mit der Austragung der Olympischen Jugendspiele 2022 geehrt wurde. Da bestehen gewisse Zusammenhänge, wie oft im Leben – oder, wie Thomas Bach formulieren würde:

Vielfältige Lebenssachverhalte.

Ich nenne Diack schon deshalb einen Ganoven, weil er bereits 1993 nachweislich Schmiergeld von der Bestechungsagentur ISL erhalten hat, dem IOC aber 18 Jahre später erzählte, das Geld habe er angenommen, weil sein Haus Opfer von Flammen geworden sei. Die IOC-Führung, inklusive des heutigen Präsidenten Bach, hat das akzeptiert und Diack nur verwarnt. Er blieb IOC-Mitglied, wurde 2014 Ehrenmitglied, nach Erreichen der Altersgrenze, und blieb das bis 2015, als er unter Hausarrest gestellt wurde.

Nun soll er vier Jahre ins Gefängnis, berichtet Reuters gerade aus Paris:

„French financial prosecutors on Wednesday sought a four-year jail sentence for Lamine Diack, the former head of athletics’ governing body, on trial for corruption and money laundering linked to a Russian doping scandal. (…) The prosecution sought a five-year prison sentence for Papa Massata Diack, who fled France for his native Senegal after the French investigation began and was tried in absentia.“

Digels fürstlicher IAAF-Nebenverdienst

Im Dezember 2011, als die IOC-Führung Diack nur die Gelbe Karte zeigte, diente Digel noch unter Diack im Council der IAAF. Während jener IAAF-Vorstandszeit, er war auch eine Weile Vizepräsident, bekam er nicht nur die üblichen Tagesspesen von der IAAF (die konnten sich, je nach Aufwand, problemlos auf mehrere Zehntausend Dollar jährlich addieren), sondern zusätzlich eine monatliche Apanage. Über mindestens fünf Jahre sei das so gelaufen, berichteten ein dreiviertel Jahr nach Hörmanns Kritik Johannes Knuth und Thomas Kistner in der Süddeutschen Zeitung. „Dubioser Geldfluss an Sportfunktionär Digel“, hieß es. 3.000 Dollar pro Monat sollen es gewesen sein. Die IAAF bestätigte demnach einen merkwürdigen Vorgang. Helmut Digel aber schwieg sich gegenüber der SZ aus.

Auf meine Anfragen teilte Digel am 6. April 2020 über (s)einen Mitarbeiter der Universität Tübingen mit, er habe sich mehrfach vor Gremien des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) erklärt – und im Brief an Hörmann (in denen er allerdings nicht ins Detail ging, sondern nur schimpfte). Er habe sich stets an die „bestehenden hochschulrechtlichen, steuerrechtlichen und verbandsrechtlichen Regularien“ gehalten.

„Während meiner Tätigkeit im Council der IAAF betrug das Tagegeld 200 bzw. 300 US$. Für meine Führung der Arbeitsbereiche Marketing und Television erhielt ich von Oktober 2007 bis Juli 2015 eine Aufwandsentschädigung von monatlich 2.000 US $.“

Sollten Digels Angaben stimmen, wäre die Summe, die er zusätzlich zum IAAF-Tagegeld erhielt, sogar höher, als es 2016 in der Süddeutschen Zeitung skizziert worden war.

Das Protokoll des DLV-Verbandsrats

Laut Protokoll einer Sitzung des Verbandsrats des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) vom 16. Februar 2018 in Bochum, aus dem ich erstmals ausführlich zitiere, sei Digel vom DLV-Präsidium mehrfach vergeblich aufgefordert worden, zu den Sachverhalten Stellung zu nehmen. Digel bestritt das und erklärte in der Sitzung, er sei nicht gefragt oder aufgefordert worden, sonst hätte er sich früher erklärt. An jenem Tag kassierte er eine schmerzhafte Niederlage:

Die Landesverbände hatten einstimmig gefordert, seine Kandidatur für die Anti-Doping-Kommission zu überdenken. Seine Nähe zu Diack und die ungeklärten Schlagzeilen über Nebenverdienste spielten dabei eine wichtige Rolle.

Digel verstand das zurecht als Misstrauensvotum.

Er bezeichnete es als „Skandal, wenn mein Engagement im Anti-Doping-Kampf vom DLV-Verbandsrat infrage gestellt wird. Ist dies tatsächlich der Fall, stelle ich meine Ehrenpräsidentschaft zur Verfügung.“ 

Wenn Digel etwas nicht gefällt, wird das schnell mal zum Skandal hochgejazzt. Der damals noch ganz frische DLV-Präsident Jürgen Kessing, angeblich relativ nah an Digel, beruhigte den aufgebrachten Altkader: Seine Ehrenpräsidentschaft stehe nicht in Frage.

Diack: „kriminelles Oberhaupt“

Zu den mafiosen Praktiken in der IAAF sagte Digel – zweieinhalb Jahre nach ersten Razzien und Festnahmen der französischen Justiz, die in einer Anklage wegen bandenmäßiger Kriminalität gegen die Diack-Sippschaft mündeten -, er habe nichts „von dem einmalig skandalösen Doping-Betrug gewusst“. Er erwähnte seinen offenen Brief an Hörmann und holte weit aus: 

„Ich möchte darauf hinweisen, dass es eine ganze Reihe von Mitgliedern im DLV gibt, die ein sehr viel näheres Verhältnis zu Herrn Diack gehabt haben  als ich selbst. Wer weiß, wie Herr Diack und ich uns gegenseitig bekämpft haben, wer weiß, wie er meine Wiederwahl zum Vizepräsidenten verhindert hat und damit auch durchgesetzt hat, dass Bubka Vizepräsident wurde, der weiß um das Verhältnis zwischen ihm und mir. Für mich ist es bis heute nicht nachvollziehbar, dass es möglich ist, dass ein Präsident des wichtigsten olympischen und internationalen Verbandes positiv getestete Dopingproben verkauft und zwar in Millionenhöhe und damit zum kriminellen Oberhaupt des größten Dopingskandals in unserer Geschichte wird.“

Ich zitiere Digel insgesamt auf  rund 200 (Druck-)Zeilen. Er bekommt seine Chance. 

„Ich möchte noch etwas anderes hinzufügen. Es wurde ja dann auch, und das finde ich noch verletzender, kolportiert, dass die Staatsanwaltschaft und die Ethik-Kommission der IAAF gegen meine Person ermitteln. Bis heute hat weder die IAAF-Ethik-Kommission, die es ja noch gar nicht so lange gibt, mit mir ein einziges Wort diesbezüglich ausgetauscht, noch gibt es irgendeine andere Form eines juristischen Verfahrens, in dem meine Person in Frage gestellt ist. Wer dies öffentlich behauptet, der beleidigt und verletzt mich persönlich, und ich weiß, dass einige diese verletzenden Behauptungen gegenüber der Presse aufgestellt haben. Ich halte es auch für skandalös, dass ich in diesem Zusammenhang bei der DOSB-Mitgliederversammlung in Köln keine Rückendeckung durch den eigenen Verband erhalten habe und der Verband ganz offensichtlich einer massenmedialen Meinung folgt, ohne mit mir darüber gesprochen zu haben. Dies ist für mich inakzeptabel.“

Mit „Köln“ meinte er den DOSB-Konvent in Hannover. Geschenkt. Fakten sind halt nicht sein Ding.

Auf die „massenmediale Meinung“ komme ich zurück.

Zum Vorwurf dubioser Zusatzzahlungen sagte Digel dem Verbandsrat: 

„Ab dem IAAF-Kongress in Osaka 2007 war es üblich, dass diejenigen Kommissionsvorsitzenden, deren Kommissionsarbeit mit einem großen Zeitaufwand verbunden ist, eine Aufwandsentschädigung von 2.000 $ im Monat erhalten. Diese 2.000 $ im Monat habe auch ich erhalten. Für diese Bezahlung, die in etwa dem entspricht, was eine geprüfte wissenschaftliche Hilfskraft monatlich erhält, habe ich mich bei niemandem zu entschuldigen. Ich halte sie nach wie vor für gerechtfertigt, auch andere Kommissionsvorsitzende der IAAF haben diese Entschädigung erhalten.“

(Ich habe zum IAAF-Kongress in Osaka ein besonderes Verhältnis, denn damals wurde mir im Kongresssaal mein Smartphone geklaut. Bin noch immer erbost, doch weiter im Text.)

Wenn es so einfach gewesen sein soll, warum hatte Digel sich nicht Jahre vorher dazu erklärt? Fragen bleiben.

Lauscht man Digel und liest dessen Ausführungen, kann man den Eindruck gewinnen, er habe den Kampf gegen Doping erfunden, die Leichtathletik gerettet und auch das Marketingprogramm der IAAF erfunden und genial verantwortet.

Selbstkritik zählt nicht zu seinen herausragenden Eigenschaften.

Man lese dazu links diese Auflistung seiner Tätigkeiten für die IAAF, die dem Verbandsrat übergeben wurde. Demnach hat Digel die Marketing- und Promotionsstrategien der IAAF ausgearbeitet. Als „Chairman Marketing and Promotion Commission“, als „Leiter der Vertragsverhandlungen mit EBU und Sportfive“, als „Leiter der Vertragsverhandlungen mit Dentsu“, als „Leiter der Vertragsverhandlungen mit IMG (Fernsehvertrag Golden League)“ … u.a. …

… hat er sich über viele Jahre als geradezu allwissend verkauft. Nun aber erklärt sich der langjährige IAAF-Vizepräsident und Marketingchef als Opfer des Diack-Clans, mit dem er stets eng zusammen arbeitete.

Da wären wir wieder am Ausgangspunkt, bei der Hörmann-Kritik. 

„Wie konnte es Digel als einem, der uns im deutschen Sport im Monatsrhythmus mitteilt, was besser zu machen ist, passieren, in einer Mischung aus Naivität und Gutgläubigkeit diese Entwicklungen nicht zu erkennen?“ 

Man mag es kaum glauben.

In der FAZ schrieb Michael Reinsch im Februar 2016 die Analyse „Das Doppelleben des Helmut Digel“. Schon die Unterzeile erklärte vieles:

„Zwischen moralischem Fundament und pragmatischer Geschmeidigkeit: Der frühere Leichtathletik-Funktionär hat stets ausgeteilt. Dabei war er Teil einer Organisation, für die Korruption zum Geschäft gehörte.“

Erneut verteidigte sich Digel, der in seinen IAAF-Funktionen auch mit dem mutmaßlichen Kriminellen Papa Massata Diack kooperierte: „Ein Mitwissen über Korruption innerhalb der Leichtathletik möchte ich jedoch in aller Entschiedenheit, auch Ihnen gegenüber, zurückweisen.“

Gegen Hörmanns Fragen und Vorwürfe hatte sich Digel mit dem Hinweis auf Bachs angebliche Freundschaft zu Diack verteidigt.

Er nimmt es so, wie er es braucht.

Merkwürdige Webseite mit Uni-Support

Im Frühjahr 2020, als sich im Grunde die ganze Welt über die Hängepartie des IOC in Sachen Tokio 2020 und die Politik des IOC-Präsidenten wundert (wie zuvor im unsäglichen Russland-Doping-Krimi), braucht es Digel halt wieder anders. Er ergreift in einer absurd resoluten Art Partei für Bach, dass man es erneut kaum glauben mag. (Inzwischen in mehreren Elaboraten.)

Seit 2017 lässt Digel eine mehr oder weniger private Webseite erstellen. Sport quergedacht heißt das Projekt, fast wie eines der Bücher, die Digel im Akkord zwischen all den Reisen veröffentlichte, oft irgendwelche Sammelwerke. Im Header der Webseite, die angeblich Kosten von 20.000 € jährlich verursacht, weshalb Digel zu Spenden aufruft und „bei Bedarf“ Spendenbescheinigungen der Uni verspricht, steht: Helmut Digel.

Das Impressum ist nicht privat, sondern die Adresse des Instituts für Sportwissenschaft.

Halbprivat gewissermaßen, und rechtlich fragwürdig.

Recht komisch dies:

  • Am Institut betrachtet man die Webseite als Privatprojekt. So wurde es mir erklärt.
  • Die Uni sieht das Projekt dagegen als offiziell an und sogar als Wissenschaft.

Digel benutzte auch im Text an Hörmann Briefpapier der Eberhard Karls Universität. Die Veröffentlichungen auf der Webseite kreisen um Digel, der mich nach meiner Anfrage gewohnt arrogant belehrte:

„Ich überlasse Ihnen die weiteren Recherchen zu Rechten und Pflichten emeritierter und pensionierter Professoren in Baden-Württemberg, zur Verwaltung von Drittmitteln und zu Spendeneinwerbungen. Ich darf Sie allerdings beruhigen: Ich bin nach wie vor Angehöriger meiner Universität, habe dort einen Arbeitsplatz und habe deshalb auch eine Dienstadresse.“

Sport quergedacht?

Es stimmt schon, vor Jahrzehnten galt Digel als Querdenker. Quergedacht sind seine jüngsten Publikationen nur insofern, als dass diese Pamphlete zu großen Teilen keiner Überprüfung standhalten.

Digel schimpft auf alles und jeden, außer auf Bach und das IOC.

Aber selbst da ist er flexibel, was kümmert ihn sein Geschwätz von gestern.

Auffallend dabei, dass er diejenigen, die er attackiert, selten beim Namen nennt. Insofern ist das alles nicht nur äußerst unpräzise, sondern auch noch feige. Medien, Journalisten, seine ehemaligen Rivalen in der Funktionärswelt, seine Lieblingsfeinde, alle irgendwie blöde, faul, hinterhältig. Auf jeden Fall unfähig, Digels Genialität zu erfassen. 

Seine kruden Meinungsanhäufungen, wie jener Text, den ich gleich ausführlich bespreche, haben Nullkommanichts mit Wissenschaft zu tun.

Ein mit der Materie sehr gut vertrauter Absolvent des Tübinger Studiengangs schrieb mir:

„Digel würde mit seinem Pamphlet nicht mal den Einführungskurs an seinem alten Sportinstitut bestehen.“ 

Die Universität aber bezeichnet das als „wissenschaftliche Tätigkeit“. Sollte Digel mit seinem „mit dem Finanzdezernat abgestimmten Spendenaufruf“ erfolgreich sein, erklärte die Uni:

„Soweit die Voraussetzungen im Einzelfall vorliegen, werden Spendenbescheinigungen für die Förderung von Wissenschaft und Forschung ausgestellt.“

Sehen wir uns an, was von Digel unter dem Label Wissenschaft veröffentlicht und was als Förderung von Wissenschaft und Forschung bezahlt wird.

Digel wird als Soziologe gehandelt. Hat er eigentlich je Soziologie studiert?

Faktentreue ist jüngsten Veröffentlichungen nicht zu bescheinigen. Von Belegen hält er gar nichts. 

Digels Tiraden, die sich lesen wie der Propagandamaschine des IOC entsprungen, werden in Funktionärskreisen wahrgenommen und von interessierten Kreisen verbreitet. Leider springen noch immer Journalisten darauf an und geben ihm Platz für weitgehend substanzfreies Wortgestanze. Diesmal brachte er den Spin seiner Webseite bei Lokalzeitungen in Stuttgart und Dresden unter. Deshalb werde ich den Nachweis der Substanzlosigkeit in einer Text- und Quellenkritik führen.

Vielleicht muss man Digel zu verstehen versuchen. Da sitzt er mit seinen 76 Jahren im Unruhestand in seiner Eigentumswohnung in Unterwössen im Chiemgau, grübelt, hätte vielleicht gern etwas mehr Einfluss, so wie früher mal, und vielleicht auch gern so eine tolle Visitenkarte wie der langjährige DOSB-Generaldirektor Michael Vesper, dem er sich intellektuell immer überlegen fühlte. Irgendwas mit Berater des IOC steht auf Vespers Kärtchen, in Englisch. Berater des IOC, das wär’s. Berater werden sehr gut bezahlt.

Darf man sich das so vorstellen? 

Auf Digels universitärer Privat-Webseite schrieben vor einigen Wochen der Hausherr selbst, dann ein gewisser Rainer Hipp, ehemals Geschäftsführer des Landessportverbandes Baden-Württemberg. Beide schlugen verbal um sich und verteidigten ihren Dr. Thomas Bach gegen alles und jeden – auch gegen jene, die Bach gar nicht angegriffen hatten.

Hipp war halt mal Sportfunktionär, Hauptamtlicher, da wird der Glaube an den großen, unfehlbaren Sportführer mitunter mit der Muttermilch aufgesogen. Liegt in den Genen.

Digel dagegen nennt sich Wissenschaftler.

Auf welchen „wissenschaftlichen Erkenntnissen“ beruhen seine Tollereien?

Wenn man sich ganz wichtig und gebildet darstellen möchte, nennt man wirre Elaborate am besten Essay. Passiert im Journalismus leider oft. Bei Digel hat es System. Viele seiner schwer verdaulichen und sich durch weitgehende Beleg- und Argument-Abstinenz auszeichnenden Texte nennt er Essay. Zuletzt hieß im Grunde alles Essay: Texte über das Trainerwesen, die Zukunft Olympischer Spiele, über Journalismus und Massenmedien – alles nicht sonderlich überzeugend und vor allem selten einmal belegt.

Ich fasse einige Aussagen des Duos Digel & Hipp zusammen. Die beiden Texte wurden unmittelbar nach der Verlegung der Sommerspiele in Tokio veröffentlicht.

Digels Bach-Eloge

Helmut Digel dichtet unter der Überschrift „IOC-Präsident Dr. Bach – Buhmann der Nation“: Bach habe „getan, was von einem IOC-Präsidenten getan werden muss.“

Das ist seine Meinung und in Ordnung.

Doch schnell unterlaufen ihm Fehler und Behauptungen, die keiner Überprüfung standhalten.

Bach habe  „den Kontakt zu der Athletenkommission aufrechterhalten, die auf demokratische Weise die Interessen aller Athleten weltweit repräsentiert“. Wirklich? „Auf demokratische Weise … Interessen aller Athleten weltweit“? So lautet die IOC-Propaganda. Viele unabhängige Athletenkommissionen, Vereine und Thinktanks sehen das ganz anders. Ich komme gleich auf die Athletenkommission zurück.

Digel behauptet: Bach „äußerte sich erst dann öffentlich, als Experten ihm eine Verschiebung empfohlen haben“.

Falsch. 

Bach hat sich mehrfach öffentlich geäußert. Woher will Digel wissen, dass „Experten“ eine Verschiebung empfohlen haben? Welche Experten meint er?

Er bleibt Belege schuldig.

Digel behauptet, Bach hätte sich mit allen Parteien abgestimmt. Er kennt offenbar die Fakten nicht. Vertragspartner des IOC im Host City Contract ist nicht Ministerpräsident Shinzo Abe (auch wenn die größten Kosten aus der Staatskasse beglichen werden), Vertragspartner sind Tokio bzw Tokyo Metropolitan Government (TMG) sowie das Japanese Olympic Committee (JOC). Die Nachrichtenagentur Kyodo berichtete Anfang April unter Berufung auf JOC-Offizielle, dieser Vertragspartner sei von der Entscheidung ausgeschlossen gewesen. In der Tat wurde das JOC in den Veröffentlichungen zur Olympia-Verschiebung nicht erwähnt.

Sieht fast so aus, als müsse Digel auch japanische Journalisten einer Verschwörung und Kampagne gegen den IOC-Präsidenten verdächtigen.

Digel schreibt:

„Folgt man den deutschen Massenmedien so ist Dr. Thomas Bach als IOC-Präsident längst zu einem Buhmann geworden, für den sich die deutsche Gesellschaft zu schämen hat. Die massenmediale Kampagne gegen Bach reicht sehr lange zurück.“

So reden gewöhnlich AfD-Unholde und Vollidioten, die das dreckige Narrativ von der Lügenpresse bedienen. Das machen übrigens die IOC-Kommunikationschefs Mark Adams und Christian Klaue ebenso gern, die mitunter Fake news und Lückenjournalismus behaupten, wenn ihnen etwas nicht passt – und dabei munter die Wahrheit beugen. Ich habe das einige Male beschrieben, bestens dokumentiert, zum Beispiel hier: 

„Textkritik zur IOC-Propaganda #ThomasBach #Ferrostaal“.

Schönste Spiele, größte Krise

Mit den IOC-Propagandisten befindet sich Digel in unguter Gesellschaft.

  • Wie definiert der Professor Emeritus den Begriff der Medien-Kampagne, hat er dafür Belege, kann er irgend etwas beweisen?
  • Wer hat diese Kampagne weshalb gestartet, wie lange „reicht die massenmediale Kampagne gegen Bach zurück“?
  • Was hat die Hängepartie des IOC mit einer mysteriösen, nicht näher skizzierten „sehr lange“ zurückreichenden Kampagne zu tun?

Digel fabuliert. 

Er hat keine Argumente.

Er raunt weiter: 

„Seine (Bachs/d.A.) berufliche Tätigkeit bei einem führenden Sportartikelhersteller, seine erfolgreiche Führung einer Wirtschaftskanzlei, seine Tätigkeit als Athletensprecher im IOC, seine Mitgliedschaft im IOC, seine DOSB-Präsidentschaft und bis heute seine IOC-Präsidentschaft wurde mit ständigen Vermutungen und Verdächtigungen begleitet, ohne dass ihm auch nur eine einzige Verfehlung nachgewiesen werden konnte.“

Keine Angst, auf Bachs Zeit bei Adidas an der Seite von ISL-Gründer Horst Dassler gehe ich erst in späteren Heften wieder ein. Digel bedient auch hier ein lupenreines IOC-Narrativ. Lesen Sie dazu gern in diesen Beitrag, ist wichtig: 

„Das Freund-Feind-Syndrom – IOC-Bach und der Journalismus“

Ich kann mich übrigens gut an Gespräche mit Digel erinnern, in denen er über Bachs Vergangenheit geraunt und kaum ein gutes Wort am heutigen IOC-Präsidenten gelassen hat – einigen Kollegen geht es ebenso.

In den folgenden Passagen, die ich ausführlich zitiere und mit anderen Äußerungen konterkariere, zeigt sich die erschreckende Janusköpfigkeit Digels. Er schreibt: 

„Thomas Bach übernahm die Führung des IOC zu einem Zeitpunkt als sich das IOC in seiner mehr als 100-jährigen Geschichte in seiner größten Krise befand.“

Wie kommt er plötzlich darauf? Von welcher „größten Krise“ redet Digel?

Was hat er eigentlich 2013, als Bach Präsident wurde, geschrieben über die angeblich „größte Krise“?

Im Herbst 2013, kurz nach Bachs Amtsantritt, wurde ein Text Digels zur Lage des IOC veröffentlicht (offenbar zunächst in der DOSB-Presse, ich habe das Original dort nicht gefunden inzwischen hat mir ein Leser die Ausgabe geschickt), in dem er komischerweise vergessen hatte, die „größte Krise“ in der IOC-Geschichte zu erwähnen. Stattdessen lobhudelte der Professor:

„Jacques Rogge konnte als IOC-Präsident die Blütezeit des modernen Olympismus erleben. In seiner zehnjährigen Amtszeit präsentierte mit China die größte Nation die größten Spiele aller Zeiten und die Spiele von London darf man wohl zu Recht als die schönsten Spiele der Neuzeit bezeichnen. Jacques Rogge arbeitete auf den Schultern eines Riesen, in gewisser Weise verwaltete er die Erfolge von Samaranch. Doch er zeichnete sich auch mit besonderen Initiativen im globalen Kampf gegen Doping aus.“

Größte Spiele. 

Schönste Spiele.

Blütezeit des Olympismus.

Sehr wissenschaftlich.

In Digels Text von 2013 war also nicht von einer „größten Krise“ die Rede, wie es ihm jetzt leicht über die Tastatur geht. 

Damals schrieb er lediglich:

„Das IOC befindet sich in diesen Tagen ohne Zweifel unter einem enormen Modernisierungsdruck. Eine ethisch fundierte strategische Führung ist dringend vonnöten. Wichtig wird jedoch auch sein, dass man sich einem visionären Leitbild stellt, das für das alltägliche Handeln praktische Richtschnur und Maßstab ist. Dr. Thomas Bach ist zu dieser strategischen Führung durchaus befähigt und er ist sich jeder der genannten Herausforderungen bewusst. Er verfügt über die notwendige Macht und die wichtigsten Entscheidungsbefugnisse. Im Interesse des modernen Olympismus ist ihm Glück und Erfolg zu wünschen.“

Wieder so ein Begriff: „moderner Olympismus“. Was aber heißt das?

„Im Interesse des modernen Olympismus ist ihm Glück und Erfolg zu wünschen.“

Das muss Wissenschaft sein, oder?

Mit derlei leeren Formeln können Professoren wie Helmut Digel weltweit Karrieren aufbauen und finanzieren?

Das ist ein großes Problem in diesem Business – darauf gehe ich an anderen Beispielen demnächst ausführlicher ein.

In der DOSB-Presse mochte Digel damals also seine fundierte Analyse zur „größten Krise“ partout nicht unterbringen. Wenige Tage später aber fand er die „schönsten Spiele der Neuzeit“ in London schon nicht mehr so toll, in einem seiner vielen Interviews dichtete er: „Es müssen wieder Freiräume geschaffen werden, in denen man vor und nach den Wettkämpfen Zeit hat für andere Aktivitäten. Mal ehrlich, 2012 in London sind Sie und ich doch nur von Wettkampf zu Wettkampf gerast.“

Nun weiter im Text vom März 2020: „Sämtliche Verfehlungen des IOC in der Vergangenheit werden Bach angelastet, obgleich er dafür nicht verantwortlich war“, grindelt Digel.

Ein Beleg dafür, dass „sämtliche Verfehlungen des IOC“ seit 1894 Thomas Bach „angelastet werden“, wäre ganz nett, bleibt aber aus. Dabei hätte das gewiss nicht nur mich interessiert.

„Die deutschen Tageszeitungen übertreffen sich dabei in ihrer Bach-Kritik. Sportjournalisten schreiben Kommentare über Bach, obgleich sie ihm noch niemals persönlich begegnet sind. Es wird gegenseitig abgeschrieben ohne dass eigenständig recherchiert wurde.“

Abgeschrieben wird viel, klar. Im Journalismus wie in der Wissenschaft.

Eigenständige Recherche mag mancher vermissen lassen – vor allem aber der Professor. Sonst hätte er derlei Pauschal-Behauptungen gewiss belegt. 

Es wäre mir neu, dass man keine Kommentare über das Handeln von Personen schreiben darf, denen man „noch niemals persönlich begegnet“ ist. Für wen auch immer das zutreffen mag, Digel weiß es. Digel behauptet weiter:

„Jeder Interviewpartner wird mit entsprechenden Fragen zu einer negativen Äußerung über Bach genötigt. ARD und ZDF haben längst die allumfassende Bach-Kritik in stereotyper Weise übernommen. Von Eurosport und allen anderen Privatsendern konnte kaum etwas Anderes erwartet werden.“

Tatsächlich?

„Jeder Interviewpartner“ wird „zu einer negativen Äußerung über Bach genötigt“?

Tatsächlich?

„Allumfassende Bach-Kritik“ in ARD und ZDF?

Tatsächlich?

„Eurosport und alle anderen Privat­sender“ betreiben Kritik und Kampagnen gegen den IOC-Präsidenten?

Eingeschlafen am Röhren-TV?

Ich kann mir eher vorstellen, dass Digel zu selten Fernsehen geschaut, dabei nie aufgepasst oder zu oft eingeschlafen ist vor dem Röhrengerät. Belege für seine Behauptungen bleiben selbstverständlich aus.

Seit wann dominieren bei den TV-Rechteverwertern Olympias, den wichtigsten Geschäftspartnern des IOC, kritische Berichte?

Sodann attackiert Digel seine Lieblingsfeinde (neben den Journalisten): Clemens Prokop, seinen Nachfolger als DLV-Präsident, und Dagmar Freitag (SPD), die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag. Natürlich nennt Digel auch Prokop („ein ehemaliger Verbandspräsident“) und Freitag („eine mit diesem ehemaligen Verbandsfunktionär befreundete Bundestagsabgeordnete“) nicht namentlich, dazu schätzt er sie nicht genug.

Namentlich nennt er nur Dr. Bach.

Digel kann von den Aussagen Prokops und Freitags halten, was er will. Er kann seine Meinung haben. Wäre besser, er könnte Meinungen mit Argumenten unterlegen. Nur dann ließe sich etwas wie eine Debatte führen. Aber das interessiert Digel nicht, den Besitzer der absoluten Weisheit. Kommentarfunktionen gibt es auf seiner privaten Uni-Webseite ohnehin nicht.

Die Passage zu Frau Freitag beendet Digel mit einem abrupten Themenwechsel und einem merkwürdigen Satz, der einen sprachlos macht.

„Sie schmeichelt sich vielmehr öffentlichkeitswirksam bei den Athleten ein, indem sie behauptet: ‚Die Sportler holen sich ihre Spiele zurück’. Sie tut dies wohlwissend, dass es die Sportler und Sportlerinnen sind, die neben Ärzten, Pharmakologen, Dealern, Trainern und kriminellen Funktionären die größte Schuld am umfassenden olympischen Dopingbetrug tragen.“

Pauschal-Attacke auf Sportler

Jetzt geht es also mit voller Breitseite gegen Sportler. Was hat eine nicht näher beschriebene „größte Schuld am umfassenden olympischen Dopingbetrug“ mit der aktuellen Diskussion zu tun? Wie kommt Digel darauf, so einen Unsinn zu behaupten und an dieser Stelle als Argument einzuführen?

Arbeiten wie Die Dopingfalle von Karl-Heinrich Bette und Uwe Schimank, eines der Standardwerke, haben das Beziehungsgeflecht vor vielen Jahren eindrücklich analysiert. Das weiß jeder Studienanfänger. Nahezu im Wochenrhythmus veröffentlichen Medien in aller Welt seit Jahrzehnten weitere atemraubende neue Details und Beispiele zum Systemproblem Doping und Verstrickungen von Sportlern – Details, die unser Bild von der Dopingfalle vervollkommnen. In allen Facetten.

Digel, gefangen seit vielen Jahren in seiner Doppelmoral-Falle, macht hier nichts anderes, als mündige Athleten zu diskreditieren. Ähnlich kalt wie sich Thomas Bach in Rio de Janeiro im Sommer 2016 zur Whistleblowerin Julia Stepanowa geäußert hatte, die um ihr Leben fürchtete. „Wir sind nicht verantwortlich für die Gefahren, denen Frau Stepanowa ausgesetzt sein mag“, sagte Bach.

Warum schreibt Digel so etwas Bösartiges, Perfides, Niederträchtiges?

Will Digel damit sagen, dass jene Sportler, die eine andere Meinung als er und Bach haben und den IOC-Präsidenten kritisierten – darunter einige olympische Legenden wie Hayley Wickenheiser oder Matthew Pinsent -, „die größte Schuld am umfassenden olympischen Dopingbetrug tragen“?

Wenn Worte eine Bedeutung haben, und Digel bringt ja zweifellos viele Worte in irgendwelche Zusammenhänge, liegt diese Frage auf der Hand. 

Weiter im wirren Buchstaben-Salat des Helmut D. Jetzt geht es um Medien, die Sportler sprechen lassen, denn das geht irgendwie gar nicht: 

„Welches Mandat haben die zu Wort gekommen Athleten? Wie haben sie sich bei ihrer Meinungsäußerung gegenüber ihrer Athletenschaft abgesichert? Warum wird eine Athletenkommission des IOC, die auf geheimen und demokratischen Wahlen beruht und demokratischen Prinzipien folgt, infrage gestellt nur, weil sie nicht die erwünschten Meinungen der Massenmedien erfüllen?“

In der Welt des Wissenschaftlers Digel also brauchen all jene, die in Medien zitiert werden, ein Mandat und müssen sich „bei ihrer Meinungsäußerung gegenüber ihrer Athletenschaft“ absichern. Klingt ebenfalls nach Bach, der seine olympische Familie gern mit „einer Stimme“ sprechen lassen will.

Einheit geht über alles.

Digel verbreitet natürlich auch den Spin zur IOC-Athletenkommission, die angeblich „auf geheimen und demokratischen Wahlen beruht und demokratischen Prinzipien folgt“. Ach, Helmut Digel, wie inhaltlich falsch er doch durch die olympische Welt irrlichtert, die er als einziger in Gänze zu verstehen glaubt.

Der Fall Astrid Jacobsen

Die IOC-Athletenkommission besteht mitnichten nur aus jenen Sportlern, die während der Olympischen Spiele (Winter und Sommer) bei sogenannten Wahlen (unter mitunter dubiosen Umständen) gemäß IOC die meisten Stimmen erlangt haben. 

Der IOC-Präsident bestimmt selbst einige Sportler, er sucht sogar Favoriten für eine IOC-Mitgliedschaft aus. Ich möchte an eine Episode erinnern, die zu Unrecht weltweit kaum berichtet wurde. Dafür gibt es dieses Magazin.

Während der irregulären Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi hat das IOC dem norwegischen Team das Tragen von Trauerbändern verboten, was gemäß Olympischer Charta quasi als politische Demonstration gewertet wurde. Der Bruder der Langläuferin Astrid Uhrenholdt-Jacobsen war kurz vor den Spielen verstorben.

Vier Jahre später, bei den Winterspielen in PyeongChang, stellte sich Astrid Jacobsen der Wahl zur IOC-Athletenkommission. Sie bekam 808 Stimmen und wurde damit Dritte hinter der Finnin Emma Terho (1.045) und der Amerikanerin Kikkan Randall (831) – vor Hong Zhang (China/787), Armin Zöggeler (Italien/761) und Ander Mirambell (Spanien/664).

Am Schlusstag der Spiele nahm die IOC-Session satzungsgemäß Terho und Randall für acht Jahre als IOC-Mitglieder auf. Auf Vorschlag des IOC-Präsidenten Bach, wie es in derlei Fällen heißt, wurde zusätzlich die Chinesin Zhang ins IOC aufgenommen. 

Eine Chinesin. Nur die Vierte der sogenannten Athleten-Wahl. Nicht etwa Astrid Jacobsen, die Dritte. Vor wenigen Tagen hat Bach Frau Zhang auch zur Chefin der IOC-Kommission für die Olympischen Jugendspiele 2024 gemacht – das freut China.

Der Vorgang ist entlarvend. Oder, übersetzt in Digels Sprachgebrauch: „demokratischen Prinzipien“ folgend.

Unter Bach hätten sich „die demokratischen Strukturen des IOC ganz wesentlich verbessert“.

Sagt Digel.

Und Amen! 

Astrid Jacobsen übrigens, das sagt einiges über sie, studiert derzeit Medizin und übernahm im Frühjahr in der größten Coronakrise, freiwillig Zusatzschichten im Krankenhaus Bærum.

In seinem Elaborat schönt Digel die Abläufe der Wochen rund um die Tokio-Verlegung. Er erweckt den Eindruck, es wäre kaum (und wenn, dann bösartig und ahnungslos) darüber berichtet worden und finisht mit einem Appell, im grammatikalischen Wirrwarr des Originals, ohne Korrekturen von mir:

„Dass endlich einige Funktionäre, die in deutschen Sportorganisationen in direkter Verantwortung einer olympischen Sportart befinden, endlich der unhaltbaren öffentlichen Bach-Kritik widersprechen und sich durch zwei Werte auszeichnen, die eigentlich in einer wünschenswerten Kultur des Sports einen herausragenden Stellenwert besitzen: Solidarität mit IOC-Präsident Dr. Thomas Bach und Fairplay wären in diesen Tagen mehr als wünschenswert!“

Und noch eine Attacke auf mündige Athleten

Ein paar Tage später – auf der eminent wissenschaftlichen Webseite der Uni Tübingen hat es Digel auch nicht so mit Datumsangaben – dichtet Rainer Hipp unter der Überschrift „Ein Plädoyer für IOC-Präsident Thomas Bach“.

Im Dienste der Wissenschaft!

Das Grauen beginnt so: „Wenn sich alle für oder gegen einen verschwören, regt sich bei dem Schreiber der nachfolgenden Zeilen Widerspruch. Genetisch bedingt oder durch Sozialisation, bisher nicht nachweisbar.“

Hipp sollte einen Facharzt konsultieren, vielleicht lässt sich doch etwas nachweisen. Hipp verteidigt Bach vor allem mit einem Argument.

Bachs Vita.

Wirklich. 

„Wer kann solch eine Vita von den Kritikern vorweisen“, fragt Hipp.

Übersetzt: Nur wer mal IOC-Präsident war, darf Bach kritisieren.

Tolle Idee. Würde Bach gewiss gefallen. Denn von den acht Vorgängern als IOC-Präsident in der Menschheitsgeschichte sind sieben verstorben und einer, Jacques Rogge, nicht mehr in der Lage, seinen Nachfolger zu kritisieren.

Im Gegensatz zu Digels Machwerk sind die Zeilen von Hipp dennoch minimal satisfaktionsfähig und nachprüfbar. Denn Hipp nennt einige Medien, Funktionäre und Politiker beim Namen, davon abgesehen, dass das Schriftstück in Gänze eine Predigt auf die Weisheit des IOC-Präsidenten ist.

Hipp behauptet, in der „Berichterstattung über Durchführung, Absage oder Verschiebung der Spiele in Tokio“ sei „keine Rede“ von den Gesprächen des IOC mit NOK und Fachverbänden gewesen. Keine Ahnung, was der Mann gelesen hat – offenbar nur das Falsche. (Ich darf einigermaßen zurückhalten anfügen, dass ich darüber ziemlich ausführlich und durchaus auch ziemlich exklusiv für den SPIEGEL und Play the Game berichtet habe – fast alle Texte sollten sich hier im Blog finden, lesen Sie gern nach.)

So falsch wie seine Behauptung. 

Sportjournalisten mag Hipp nicht. Sportler aber auch nicht. Die jammernden „armen deutschen Athleten“ kommen zu oft in bösen Medien zu Wort: 

„Die Sportler seien enormen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt, die Ungewissheit zehre an der Psyche, es gebe keine Planungssicherheit, manche Athletenexistenz sei bedroht, Motivationsprobleme, etc. Man muß sich vergewissern, die deutschen Athleten betreiben ihren Sport freiwillig. Niemand zwingt sie. Sie sind keine Arbeitnehmer der Fachverbände oder des DOSB. Sie müssen nicht zu Olympischen Spielen. Aber die Lamentos der Sportler waren nicht zu überhören.“

Beschränkt sich Digel noch darauf, den Sportlern in der Diskussion über die Tokio-Verlegung die Hauptschuld am Doping-Dilemma zuzuschreiben (aus welchen Gründen auch immer), geht Hipp etwas weiter. Im Grunde sind die Sportler das störende Element in der olympischen Familie, die doch vom weisen, unfehlbaren IOC-Präsidenten durch den Corona-Tunnel in Richtung des Lichts der olympischen Flamme geführt wird.

„Natürlich sind die Sportler die (Haupt-) Darsteller bei den Olympischen Spielen. Aber ohne die vom IOC gewährte Plattform der Olympischen Spiele könnten die Athleten ihre Leistung nicht zeigen und erfolgreich sein. Kein Künstler auf der Welt reüssiert ohne Bühne. Das beinhaltet die mediale Resonanz und daraus folgernd, die Vermarktung des Erfolgs. Der Verfasser hat größte Bedenken, ob eine Selbstorganisation der Athleten eine solche Veranstaltung wie die Olympischen Spiele stemmen könnte.“

Ich habe auch so meine Bedenken. 

Am Zustand des Verfassers.

Dafür will Professor Digel also 20.000 € an Spenden auf ein Konto der Universität Tübingen einwerben und Spendenbescheinigungen ausstellen.

Wie Digel wiederholt Hipp die IOC-Propaganda von der „demokratisch gewählten Athletenkommission“ quasi als einziges legitimes Sprachrohr von Sportlern, mit denen es Hipp sonst ja nicht so hat. Es sei denn, die Sportler sind im IOC und halten zu Dr. Bach:

„Begeben sich die Athletenvertreter dann nicht in Opposition zu dem Präsidenten, wie im Falle der Verschiebung von 2020 auf 2021 die Olympiasiegerin Britta Heidemann aus Deutschland, dann wird sie von hiesigen Journalisten und einigen ihrer Athletenkollegen als ‚Bachs Hofschranze‘ tituliert. Es passt halt nicht in das Bild, wenn man für Bach ist.“

Rainer Hipp packt seine beiden Feindbilder, Journalisten und Sportler, in einen Topf, knallt nochmal den Deckel drauf und fasst zusammen:

„Das Angenehme am Status des (Sport-)Journalisten und am Dasein des Athleten ist, sie sind von jeder Last der Verantwortung befreit. Sie haften für nichts, es werden keine Regressansprüche geltend gemacht, sie können sanktionsfrei Personen und Institutionen angreifen. Und sie schenken sich gegenseitig das Gehör, das ihnen genehm ist. Der Athlet steht sich selbst am Nächsten.“

Wie dämlich und absurd falsch es ist, über einen rechtsfreien Raum für Medien und Kritik zu orakeln, habe ich am Beispiel des Experten Digel schon erwähnt. Hipp macht es nicht anders.

„Auffällig in den Angriffen gegen Thomas Bach ist die Uniformiertheit, die in einem ‚Mainstream’ der Medien gegen den IOC-Präsidenten endet. Der Schreiber hat sich die Mühe gemacht, alle elektronischen und Printmedien nach positiver Beurteilung von Bach zu durchsuchen, er wurde nicht fündig. Thomas Bach ist der Buhmann des Sports!“

Wenn Hipp nach Recherche in „allen“ Medien nichts Positives gefunden hat – ich könnte ihm da helfen.

Beenden möchte ich den Exkurs in die Untiefen der als Wissenschaft der Uni Tübingen getarnten olympischen Verbal-Erotik mit einem Zitat, das auf wundersame Weise den Bogen spannt zum eingangs erwähnten Disput von Alfons Hörmann und Helmut Digel.

Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob Bach-Fan Rainer Hipp begreift, was er da geschrieben hat:

„Verantwortliche und Medien sollten endlich damit beginnen, möglichst objektiv über die prinzipielle Notwendigkeit von Dachorganisationen des Sports und ihrer Funktionäre aufzuklären, was – allseits – geübte Kritik einschließt. Das wäre ein wichtiger Beitrag zur (sport-)politischen Kultur in Deutschland.“

Ich bin zwar kein Verantwortlicher, betreibe aber ein kleines Medium. Genau deshalb, Meister Hipp, gibt es das Magazin Sport & Politics: Es geht um sportpolitische Bildung. Da können Sie und Meister Digel viel lernen – und es beim nächsten Mal besser machen.

Oder, noch besser: Sie können es sein lassen.


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