Sportler als unpolitische Wesen? #Menschenrechte als politische Propaganda? #Sochi2014 #Putin #IOC

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Montag, 10. Februar: Mit dieser irren Zuspitzung hätte ich nicht mal gerechnet:

Mein Beitrag vom 8. Februar:

Sind Olympiasportler nur Sportler, sondern auch Menschen und damit politische Wesen? Sollen/dürfen sich Sportler zu Themen der Zeit äußern, wozu auch Fragen der Menschenrechte gehören, oder sollen/dürfen sie sich darauf konzentrieren, wofür sie ausgebildet und bezahlt werden und wovon sie träumen: von erfolgreichen Auftritten in olympischen Arenen beispielsweise. Etwa in Sotschi.

Das sind natürlich keine jungfräulichen Themen und Fragen, sondern Dauerbrenner. Derlei Fragen werden diskutiert, seit es Olympische Spiele gibt.

Ich habe heute eine BBC-Radiodokumentation gehört, in der Nick Symmonds aus den USA unprätentiös schilderte, warum er bei der Leichtathletik-WM 2013 in Moskau, auf dem ersten Höhepunkt der weltweiten Diskussionen um Homophobie und das russische Anti-Homosexuellengesetz, seine Silbermedaille demonstrativ seinen schwulen und lesbischen Freunden gewidmet und klare Worte zur Rechtslage in Russland gefunden hat.

Es war beeindruckend, ich habe mir den nächsten Parkplatz gesucht, um konzentriert zuzuhören. Ich gebe Symmonds mal frei wieder: Er sei nicht nur Sportler und keine seelenlose Maschine, die nur Training und Medaillenziele im Kopf habe. Es sei ihm zu wenig, nur Runden zu drehen, er fühle sich  verpflichtet, sich zu grundsätzlichen Fragen der Menschenrechte zu äußern. Das sei er der Gesellschaft, die seinen Sport finanziert, geradezu schuldig.

Symmonds ist jetzt 30 Jahre alt. Er betrachtet sich überhaupt nicht als Helden, weil er zu den wenigen Sportlern zählt, die sich zu diesen und anderen Themen äußert, die öffentlich verhandelt werden.

Ähnliche Äußerungen habe ich kürzlich (zum wiederholten Male) von Tommie Smith gelesen. Smith hat 1968 in Mexico-City nach seinem Olympiasieg im 200-m-Sprint bei der Siegerehrung für eine der spektakulärsten Gesten in der olympischen Geschichte gesorgt – gar für eine der „bekanntesten politischen Protestaktionen des 20. Jahrhunderts“, wie Wikipedia-Autoren meinen. Darüber wurden Bücher geschrieben und Filme gedreht. Smith hat in seiner Autobiografie „Silent Gesture“ erklärt, was er zuvor schon oft mit ebenso unprätentiösen Worten wie Symmonds gesagt hat, die mich tief beeindruckten.

Wer die Geschichte nicht so gut kennt, dem empfehle ich als erste Lektüre beispielsweise das Interview, das der Schweizer Journalist Peter Hossli vor einigen Jahren mit Smith geführt hat.

Hossli: An der Siegerehrung reckten Sie die Faust zum Black-Power-Protest. Wann fiel der Entschied dazu?

Smith: Kurz vor dem Rennen. Zwar wusste ich schon lange, dass ich meine Demut und meine Menschlichkeit zum Ausdruck bringen wollte. Da ich kein Mikrofon hatte, bot sich mir die Siegerehrung als Bühne für eine sichtbare Geste an. Damit zeigte ich meinen Leuten und der Welt meinen Glauben an Menschenrechte. Um mehr ging es gar nicht.

Irre klar, oder?

Noch mal:

Damit zeigte ich meinen Leuten und der Welt meinen Glauben an Menschenrechte. Um mehr ging es gar nicht.

Ich habe das dutzende Male gelesen – und immer wieder bleibt mir die Luft weg.

Tommie Smith sagte auch, auf schwarze Athleten bezogen:

Es ging um Menschenrechte, nicht um schwarze Rechte. Schwarze sind Menschen bevor sie Rechte haben.

Die Sportler liegen heute in schweren Ketten. Mit sehr viel Geld hat man ihr Schweigen gekauft. Um das Geld beneide ich sie nicht, denn ich konnte reden.

Ich denke, diese Sätze lassen sich durchaus auf das Jahr 2014 beziehen.

„Schwarze“ kann man getrost mit „Homosexuelle“ oder mit anderen Vokabeln ersetzen.

Darüber kann man mal nachdenken. Darüber, was bei Olympia möglich ist, können auch Sportler mal nachdenken.

Nachdenken sollte ihnen niemand abnehmen.

Ich glaube nicht, dass Sportlern, die sich in Sotschi für kleine oder ähnlich spektakuläre (oder besser doch: ähnlich mutig menschliche) Gesten entscheiden, ein Schicksal droht wie einst Tommie Smith und John Carlos. Die wurden 1968 von den Olympischen Spielen verbannt. Der weiße US-Amerikaner Avery Brundage, damals IOC-Präsident, brandmarkte die Aktion als…

… the nasty demonstration against the American flag by negroes.

So war das damals. Brundage war ein ausgewiesener Nazi-Freund und spielte schon 1936 in der Boykott-Diskussion um die Nazi Olympics in Berlin (und Garmisch-Partenkirchen, wo er seinen Lebensabend verbrachte) eine mitentscheidende Rolle. Der entschiedene Boykottbefürworter Ernest Lee Jahncke wurde auf der IOC-Session 1936 in Berlin aus dem IOC geschmissen – Brundage nahm seine Position ein, und er hatte überhaupt nichts gegen die Millionen Nazi-Grüße in Berliner Arenen und gegen Hitler, erhobene schwarze Fäuste aber erregten ihn Jahrzehnte später sehr.

Ich sage sogar ziemlich überzeugt, dass Sportlern, die sich in Sotschi mit Gesten und Worten äußern, keine Gefahr droht. Nicht einmal vom IOC.

Man kann diesem Gremium und seinem Präsidenten Thomas Bach vieles nachsagen, vieles zurecht und gut dokumentiert, auch den verlogenen Doppelpass mit Putin. Aber es gibt im IOC, im Umfeld des IOC-Präsidenten und, zum Beispiel, in den Chefetagen der IOC-Sponsoren viele Schwule und Lesben, logisch – schon deshalb herrscht größtes Verständnis für das Problem. Man will nur irgendwie davon kommen. Das halte ich, weil es auf dieser Ebene neben dem privaten längst einen politischen Faktor gibt, für kritisierenswert – zurückhaltend formuliert.

Natürlich wünsche ich mir, jemand aus dem Inner Circle der olympischen Macht möge sich outen. Ich wünsche mir genau so, dass sich Sportler klar äußern und „Arsch in der Hose“ haben, wie ich es gerade flapsig bei Jung & Naiv im Interview mit Tilo Jung formuliert habe.

Dabei bleibt es dann schon.

Ich würde es mir wünschen. Mehr nicht.

Ich kenne Schwule und Lesben im IOC, aber ich denke selbstverständlich nicht daran, die zu outen. Ich habe nicht einmal nach Interviews zum Thema gefragt, weil diese Personen klug und erfahren genug sind, selbst zu entscheiden, wie sie in dieser Frage agieren wollen.

Sie haben es im Übrigen viel leichter als Olympiasportler.

Erinnern wir uns an die Leichtathletik-WM, an andere Äußerungen und Gesten von Emma Green Tregaro und Jelena Isinbajewa. Tregaro wurde von Funktionären gemaßregelt, nachdem sie mit regenbogenfarben-lackierten Fingernägeln die Qualifikation bestritt. Isinbajewa wurde von Medien weltweit gemaßregelt, nachdem sie auf der Pressekonferenz nach ihrem Sieg erklärte, Schwule und Lesben seien irgendwie – widernatürlich, in Russland seien die Leute anders, da sollten Männer Frauen und Frauen Männer lieben, aber eben nicht Männer Männer oder Frauen Frauen.

In Russland sind Aussagen wie die von Isinbajewa vielleicht mehrheitsfähig, kann sein, es mag auch sein, dass Isinbajewa, die gestern bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele zu den linientreuen Athleten zählte, die mit dem olympischen Feuer hantierten, sich politisch missbrauchen ließ und lässt – das ist nicht mal mein Thema. Auch für Isinbajewa gilt natürlich die Meinungsfreiheit. Ich möchte viel mehr über jene Wenigen nachdenken, die sich äußern, die sich geäußert haben und nicht verdächtig sind, sich vor einen politischen Karren spannen zu lassen.

Warum ist das so?

Sportler werden zu einer gewissen Konformität erzogen. Sportler haben zu funktionieren. Das ist einer von vielen Gründen. Sportler werden kollektiv missbrauch – ich glaube nicht, dass diese These noch eines Beweises bedarf, das belegt die gesamte olympische Geschichte. Ich halte es auch für eine Art Bevormundung, um eine unverfänglichere Vokabel zu benutzen, wenn jetzt wie bei anderen Anlässen immer wieder argumentiert wird, Sportler wollten nichts als Sport betreiben und seien nur deshalb in Sotschi.

Das stimmt für viele. Aber genau da beginnt bereits die Verlogenheit und Instrumentalisierung.

Darüber hatte ich am Nachmittag eine kleine, harmlose Diskussion mit einem Regionaldeputierten von Bündnis 90/Die Grünen (ausgerechnet), der mir vorwarf, ich würde versuchen, „Sportler für politische Anliegen zu instrumentalisieren“.

Ich?

Wer mag, kann die Diskussion in meiner Twitter-Timeline (rechts) nachlesen.

So ein dummes Zeug. Als würde ich, der sich mündige Sportler wünscht, einer, sagen wir 14jährigen Eislauf-Maus vorschreiben, dass sie in Sotschi dem KGB-Mann Putin und seinen diskriminierenden Gesetzen, einem Mann, der die Menschenrechte mit Füßen tritt und seine besten Kumpels Milliarden aus dem Olympiageschäft schöpfen lässt, mal so richtig die Meinung sagt.

Wie absurd.

Aber wenigstens von einigen erwachsenen Menschen darf man doch wohl Gesten und Worte erwarten, oder? Oder besser: davon träumen.

Ich verlange gar nichts. Ich beobachte.

Dass ausgerechnet deutsche Athleten traditionell zurückhaltend sind in derlei Fragen, hat meines Erachtens auch System. Aber selbst das ist jetzt mal nicht mein Thema. Ich möchte mich auf positive Ausnahmen, sozusagen auf best practice Beispiele konzentrieren. Wenngleich mir das manchmal schwer fällt, denn ich habe in mehr als zwanzig Jahren bei mehr als zwanzig dieser Mega-Events, von denen ich live berichtet habe, zu viele Enttäuschungen erlebt. Oft habe ich mit Kollegen darüber debattiert, wie sehr wir uns mündige, aufgeweckte, kluge Sportler wünschen. Das waren oft Doping-Themen, zunehmend aber, je mehr ich mich von Doping-Themen entfernt habe, Fragen der Menschenrechte oder der Good Governance.

Es gibt zum Thema Sotschi mittlerweile einige Beispiele couragierter Sportler (aber eher nicht aus Deutschland). Ich möchte den olympischen Bogen etwas weiter spannen.

Ad hoc fallen mir zwei Begebenheiten ein, die mich schwer beeindruckten und über die ich berichtet habe. (Es gab gewiss noch einige mehr, aber das ist hier kein wissenschaftliches Werk, das Anspruch auf Vollständigkeit erheben könnte.)

Das erste Erlebnis verdanke ich einer Sportlerin, die olympische Geschichte geschrieben hat. Das zweite Erlebnis einem Olympiaathleten und späteren Athletenvertreter im IOC – als solcher hat er, wie ich es mir wünsche, „Arsch in der Hose“ bewiesen und aus meiner Sicht ebenfalls Geschichte geschrieben.

Es geht um Cathy Freeman und Roland Baar.

Cathy Freeman hat mir zweimal den Atem genommen. Natürlich im Herbst des Jahres 2000, als das Stadium Australia bebte und dieses zierliche Persönchen, zuvor Flammenzünderin einer atemraubenden Eröffnungsshow, jene Goldmedaille im Rundenlauf holte, die der Großteil ihrer Nation erwartete. Drei Jahre zuvor war Cathy Freeman in Athen Weltmeisterin geworden und hatte sich danach eine Flagge zur Ehrenrunde geschnappt, die ich noch nicht kannte.

Meine Seite 3 damals für die Berliner Zeitung, ich finde, die Länge darf mal sein, sorry:

Wie sich die Aboriginee Cathy Freeman in den Wirren von Sport und Politik bewegt

Viel Kraft habe sie in diesen Sekunden nicht mehr verspürt, hat Catherine Freeman gesagt, als sie sich zaghaft der Haupttribüne näherte. Ein 400-m-Lauf hatte ihre Beine so wacklig wie Pudding gemacht. Trotzdem schleppte sich die frischgekürte Weltmeisterin durch das Olympiastadion. Der Beifall war nicht gerade überschwenglich, es wurde höflich applaudiert, man sieht ja dieser Tage so viele Sieger in Athen.

Doch plötzlich wurden der Läuferin von der Tribüne, nur wenige Meter entfernt von den VIPs, den besonders wichtigen Menschen, zwei Fahnen entgegengereckt. Eine war die australische, die Zuordnung der anderen Flagge fiel auch weitgereisten Zuschauern offenbar nicht leicht. Der ehemalige Botschafter Juan Antonio Samaranch jedenfalls, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), nahm umgehend sein Fernglas zu Hand, um genau zu beobachten, was zwanzig Meter vor ihm geschah.

Die ermattete Freeman griff nach beiden Bannern, zuerst nach dem australischen, dann nach der Fahne der Ureinwohner des fünften Kontinents. Deren drei Farben wollte Cathy Freeman in den glücklichen Momenten nicht missen. „Es war eine Überraschung, diese wunderschönen Farben zu sehen.“ Jede ein Symbol. Schwarz für die Menschen, Rot für die Erde, dazwischen ein gelber Kreis, der für die Sonne steht, die über der Ortschaft Mackay in den Outbacks von Queensland, wo Freeman vor 24 Jahren geboren wurde, glüht.

„Heute abend“, hat Cathy Freeman nach ihrem Wettkampf gesagt, „werde ich ein sehr stolzes Mädchen sein.“ Freeman ist eine besondere Siegerin. Eine Aboriginee, die, was immer sie tut, Neuland betritt. „Es ist wohl mein Los, ständig die erste zu sein.“

Ihr Volk, das unter den achtzehn Millionen Australiern etwa 300 000 Menschen zählt, hatte in Evonne Goolagong-Cawley 1974 im Tennis eine Wimbledon-Siegerin. Eine Weltmeisterin in der Leichtathletik gab es noch nicht. Auch war Freeman 1992 als erste Aboriginee in ein australisches Olympiateam gelangt. 1996 gewann sie in Atlanta hinter der Französin Marie-Jose Perec die Silbermedaille. Wieder war sie auf ihre Art die Nummer eins. Daß zwei weitere Aborigines hochdekoriert aus Atlanta zurückkehrten ­ der Hockeyspieler Choppy (Bronze) und seine Kollegin Nova Peris (Gold) ­ wurde eher am Rande notiert. Die Öffentlichkeit ist auf Cathy Freeman fixiert. Eine zarte Person mit schnellen Beinen und bezauberndem Blick.

Zweieinhalb Jahrzehnte nach dem Tennis-Wunder wird Freeman ganz anders als damals Goolagong-Cawley verkauft. Der Sport wurde ein Milliardengeschäft, und die Olympischen Spiele in Sydney stehen bevor. „Es wird Cathys Olympiade sein“, sagte ihre Kontrahentin Marie-Jose Perec schon in Atlanta. „Es werden im Jahr 2000 Freemans Spiele, alle großen Marketingagenturen wissen das“, erklärt der Aborigine Mark Ella, ein früherer Rugbyspieler, der im Sportmarketing sein Geld verdient. Natürlich hat sich das olympische Organisationskomitee (SOCOG) Freemans Dienste gesichert. Die Fluggesellschaft Quantas wirbt mit ihr, der Sportartikelgigant „Nike“ sowieso.

Das SOCOG führte im Herbst des vergangenen Jahres zudem ein neues Logo ein ­ drei Bumerangs, die einen Läufer symbolisieren ­, das etwa 100 Millionen Dollar Lizenzeinnahmen bringen soll. Ein Diebstahl aus der Aborigine-Kultur sei dies, protestierten die Wortführer der Ureinwohner daraufhin und riefen zum wiederholten Mal zu einem Boykott des weltgrößten Sportfestes auf. „Das Aborigine-Problem wird ausgeschlachtet. Der Sport und das SOCOG können nicht die Probleme von 200 Jahren lösen“, sagte der australische Olympia-Funktionär John Coates.

Sie will in den Busch Australien und seine Ureinwohner seien „zwei und dasselbe“, sagt Cathy Freeman. Sie hat ihre persönliche Formel gefunden. Lebt in einer anderen Welt, in der sie „viele Probleme überhaupt nicht mitbekommt“, dennoch weiß sie genau Bescheid. Kennt selbstverständlich die Zahlen, fast 50 Prozent der Aborigines sind arbeitslos. Das Völkchen wird von Alkoholismus und Kriminalität geplagt. Die Lebenserwartung liegt nahezu zwanzig Jahre unter der der weißen Bevölkerung. Gemeinsam mit ihrer Mutter Cecilia Barber, die in Brisbane als Sozialarbeiterin tätig ist, zog Cathy Freeman nach den Olympischen Spielen von Atlanta durch Schulen und sprach den Kids Mut zu, wie sie sagt. „Ich zeige den Kindern, daß jeder eine Chance hat.“ Natürlich ist Freeman auch für Politiker interessant. Warwick Parer etwa, der für die Minderheiten zuständige australische Minister, erklärte nach dem WM-Gewinn: „Cathy ist eine große Botschafterin Australiens, und sie wird eine große Botschafterin der Olympischen Spiele in Sydney sein.“ Schon meldet sich auch die andere Fraktion. „Es ist schade, wenn sich Leute, die an die Spitze gekommen sind, plötzlich nicht mehr für unsere Sache einsetzen“, wetterte Charles Perkins, der stellvertretende Vorsitzende der Selbstverwaltungsbehörde der australischen Ureinwohner. „Was will Cathy eigentlich sein? Eine schwarz-weiße Person?“

Was will sie sein? Was kann sie sein? Später, nach dem Sport, plant sie, „in den Busch zu gehen, um dort Zeit mit meinen Vorfahren zu verbringen. Ich möchte irgendwann zu meinen Wurzeln zurückkehren.“ Vorerst aber läuft sie die Stadionrunde, so schnell es geht. Das fällt nicht immer leicht. Heckenschützen lauern überall. Hatte nicht vor kurzem die unabhängige Parlamentsabgeordnete Pauline Hanson gefaselt, Aborigines würden ganz gern ihre Frauen und Kinder verspeisen? Warum wurde ausgerechnet Cathy Freeman als Fahnenträger für die Spiele in Sydney nominiert? Warum schert sie ihr Haar so stoppelkurz? Warum hat sie nie ein großes Rennen gewonnen? All dies wurde sie, vor der WM, daheim gefragt. „Es gibt viele Vorurteile gegen Cathy“, sagte nun in Athen die WM-Zweite Sandie Richards (Jamaika), die ihr zur Seite sprang: „Aber sie kämpft dagegen an.“

Um sich optimal vorbereiten zu können und während der Meetingserie in Europa nicht ständig zwischen den Kontinenten hin- und herjetten zu müssen, hat sich die Athletin in London ein Haus gekauft. Anwesen in Melbourne und Brisbane besaß sie schon. Sie unterhält einen Manager, den Franzosen Nick Bideau, der kaum von ihrer Seite weicht. Natürlich, die Geschäfte gehen gut. Nach Atlanta wurden Einnahmen von einer halben Million Dollar pro Jahr prognostiziert. Für den Weltmeistertitel kamen in Griechenland 60 000 Dollar hinzu. Mit ihren Erfolgen hat sie nicht nur den eigenen Wohlstand gemehrt. Daß im Januar 1996 mit Unterstützung der Regierung (5,1 Millionen Dollar) eine Organisation gegründet wurde, die den Sport unter den Aborigines fördern soll, ist auch Cathy Freemans Verdienst.

Sie hat sich nicht nur im sportlichen Wettkampf durchgesetzt. Vielleicht auch in den Minuten danach. Denn ihre Flaggenrunden sind hinlänglich bekannt in der olympischen Welt. Bei den Commonwealth-Spielen vor drei Jahren in Victoria (Kanada) sollte sie für die Ehrenrunde mit der Aborigines-Fahne von den eigenen Funktionären zunächst bestraft werden. In einer Zeitungsumfrage zeigte die überwältigende Mehrheit Verständnis für die Aktion. Trotzdem riet ihr vor den Olympischen Spielen in Atlanta das australische IOC-Mitglied Phil Coles, die Finger vom schwarz-rot-gelben Textil zu lassen: „Die olympische Charta erlaubt keine politischen Demonstrationen. Wenn du dich nicht dran hältst, wirst du disqualifiziert.“

Natürlich wurde ihr in Atlanta wieder die Fahne angeboten. Freeman griff aus Angst nicht zu. Aber auch dafür wurde sie kritisiert. „Sie hat uns den Rücken zugedreht“, erklärte Charles Perkins. Diesmals nahm die Tennisheldin Evonne Goolagong-Cawley die Läuferin in Schutz: „Sie hat sich richtig verhalten. Ich durfte damals in Wimbledon auch nicht im schwarzen Dreß spielen.“

In Athen schien es alles viel einfacher zu sein. IOC-Präsident Samaranch hat den Flaggenlauf nicht unterbunden, auch der Leichtathletikchef Primo Nebiolo nicht. Möglich, daß die beiden Rentner nun insgeheim bei den Australiern intervenieren, öffentlich werden sie es vermutlich kaum tun. Sind sie doch als Liebhaber schnulziger Momente bekannt. In diesem Sinne wurden sie von Cathy Freeman wahrlich erfreut. Als die Athletin am späten Abend auf dem Siegerpodest stand und die Hymne erklang, wurde auf den Großleinwänden im Stadion eine Schmuseszene eingespielt. In Superzeitlupe ließ sich Cathy Freeman da einen Fahnenstoff über das Gesicht gleiten und lachte dabei. Als sie dieses Einspiel sah, hat Cathy Freeman geweint. Es war die australische Flagge, und nicht die der Aborigines.

(Das war zehn Jahre vor der Entschuldigung des Premiers Kevin Rudd bei der stolen generation und, wie gesagt, in der Hektik eines Stadions geschrieben.)

So war der Text überschrieben:

Heute Abend werde ich ein stolzes Mädchen sein.

Diese Überschrift war mir wichtig, normalerweise hat man als Reporter, der seine Texte aus entfernten Gegenden einschickt, ja wenig mit Überschriften zu tun.

Mein zweites ausführlicheres Beispiel, das ich gewiss nie vergessen werde:

Moskau 2001, IOC-Session, eröffnet auch damals von Wladimir Putin; Jacques Rogge wurde Nachfolger von Juan Antonio Samaranch als IOC-Präsident – und Peking als Olympiagastgeber 2008 gewählt. Ich habe im Frühjahr 2008, auf dem Höhepunkt der Diskussion über Tibet und Menschenrechte in China, eine Geschichte für ein SPIEGEL-Special geschrieben: „Das moralische Versprechen“. Eine Passage daraus:

Roland Baar, Ingenieur aus Gifhorn und fünfmaliger Ruder-Weltmeister, hat sich am 13. Juli 2001 seinen Platz in den Annalen der Sportpolitik gesichert. Denn er war am Tag, als sich das IOC für Peking entschied, der Einzige, der die Menschenrechte thematisierte.

Baar ist nicht sonderlich stolz auf seinen Auftritt damals im Sitzungssaal des Moskauer World Trade Center. Er war aufgeregt. Er fand nicht die richtigen Worte. Er verlor den Faden. „Aber ich kann in den Spiegel schauen“, sagt er heute. Auf der 112. IOC-Session sprach er vom „ethischen Hintergrund“, den Olympische Spiele gewähren müssten. Er signalisierte den chinesischen Bewerbern, die gerade eine einstündige, schönfärberische Präsentation geboten hatten, es sei unpassend, die olympischen Beachvolleyball-Wettbewerbe auf dem Platz des Himmlischen Friedens auszurichten.

Wie reagierten die Chinesen? Sie lächelten. Und erklärten, gemeinsam mit dem IOC und dem Volleyball-Weltverband einen geeigneten Standort zu finden.

118 IOC-Mitglieder waren an jenem Freitagnachmittag zugegen. Dazu sämtliche Präsidenten der 35 olympischen Weltverbände. Aber nur ein Abgeordneter des Sports touchierte jenes Thema, das den Planeten bis heute elektrisiert: Roland Baar.

Er bat, unzufrieden mit seiner fahrig vorgebrachten Frage und der nichtssagenden Replik der Chinesen, noch einmal ums Mikrofon. Doch der Chef oben auf dem Podium, Präsident Samaranch, wollte nichts mehr hören. Der Boss betrachtete Baars Auftritt als Majestätsbeleidigung. Das IOC-Exekutivkomitee hatte fünf Monate zuvor in der senegalesischen Hauptstadt Dakar demonstrativ beschlossen, Menschenrechtsfragen im Zusammenhang mit der chinesischen Bewerbung nicht zu diskutieren.

„Samaranch hat über mich hinweggesehen“, erinnert sich Baar. „Dabei hat ihn seine Vizepräsidentin Anita DeFrantz darauf hingewiesen, dass ich noch etwas sagen möchte.“ Aber der Spanier winkte ab. Er hatte es eilig. Alles funktionierte bislang so wunderbar. Niemand sollte den vorgegebenen Ablauf stören. Nicht noch einmal.

„Samaranch“, sagt der langjährige IOC-Vizepräsident Richard Pound aus Kanada, „wollte in Moskau keine Diskussion, sondern nur eine Wahl.“ Die Wahl Pekings. (…)

Auf seiner Abschiedssession als IOC-Präsident in Moskau, wo er 1980 die Macht übernommen hatte, wollte er vier Ziele verwirklichen: Peking die Olympischen Spiele bescheren, seinen Sohn Juan Antonio Junior ins IOC bugsieren, seinen langjährigen russischen Freund Witalij Smirnow zum IOC-Vizepräsidenten machen – und seinen Günstling Jacques Rogge zu seinem Nachfolger küren.

Die Session geriet zu einer Hommage an den großen Vorsitzenden. Samaranch erfüllte sich alle vier Wünsche – und noch einen fünften: Ein Pingpongspiel mit seiner Lieblingssportlerin, der viermaligen Tischtennis-Olympiasiegerin Deng Yaping.

Innerhalb von nur 13 Minuten zog er am 13. Juli 2001 die Wahl Pekings durch. Diesen aufmüpfigen Deutschen im Fußvolk, Roland Baar, der unbedingt über Menschenrechte palavern wollte, bremste Samaranch locker aus. Er wollte Geschichte schreiben. Um 17.56 Uhr Ortszeit eröffnete Samaranch die Abstimmung. Um 18.02 Uhr war Osaka als erster von fünf Kandidaten gescheitert. Blieben noch Paris, Istanbul, Toronto und Peking. Oft geht es bis in die letzte Runde, diesmal aber folgte nur ein Wahlgang, dann war die absolute Mehrheit zementiert. Samaranch erklärte um 18.09 Uhr: „Die Olympischen Spiele 2008 sind an die Stadt Peking vergeben.“

Prasselnder Beifall. Der Vorsprung war gewaltig. Von 105 Stimmen erhielt Peking 56, nur 22 Mitglieder votierten für Toronto. Es war der deutlichste Abstimmungssieg seit langem. 1981 hatte Seoul gegen Nagoya mit 52 zu 27 Stimmen triumphiert.

Über Samaranchs Tabuthema, das die Wahl Pekings bis heute überschattet, wurde in Moskau erst auf der Siegerpressekonferenz geredet. „Wir setzen darauf, dass sich in den nächsten sieben Jahren in China vieles verbessert, auch die Menschenrechtssituation“, erklärte IOC-Generaldirektor François Carrard vorsorglich, noch bevor die Reporter ihre Fragen stellen konnten: „Die andere Variante wäre gewesen, China zu bestrafen. Das wollte die Mehrheit der IOC-Mitglieder nicht.“

He Zhenliang fabulierte von einer „neuen Ära der globalen Eintracht“. Peking werde das IOC „stolz machen“ auf diese „weise Entscheidung“. Samaranch sagte: „Das IOC hat der Welt einen Gefallen getan. Die Spiele werden China verändern.“

All that Jazz.

Roland Baar nahm derlei Äußerungen wie in Trance zur Kenntnis. Er war schockiert. Er war enttäuscht über viele Kollegen, auch über die anderen beiden deutschen IOC-Mitglieder, die geschwiegen hatten. Über Menschenrechte zu reden hätte doch nichts gebracht, verteidigte sich Walther Tröger: „Es wären nur die üblichen einstudierten Antworten gekommen.“ Thomas Bach variierte zwischen zwei Floskeln: Entweder behauptete er, wegen der strengen Ethik-Regularien sei ihm „die Zunge gebunden“ – oder er schwadronierte über „zwei Denkschulen“ im IOC in Bezug auf Peking.

Baar schrieb noch am selben Abend einen Brief an Samaranch. „Ich habe ihm mein Entsetzen zum Ausdruck gebracht“, erinnert er sich. „Am nächsten Tag habe ich Samaranch im Fahrstuhl getroffen. Er war ziemlich wütend.“

Für mich gehören all diese Geschichten zusammen.

Heute Abend werde ich ein stolzes Mädchen sein …

… sagte Cathy Freeman.

Fällt jemandem etwas auf?

So einfache, so klare Worte. „Unprätentiös“ schreibe ich nun schon zum dritten und letzten Mal.

So still. So privat.

Dabei hatte sie gerade mit Gesten die Welt verzaubert.

… um Menschenrechte. Um mehr ging es gar nicht …

… sagte Tommie Smith.

… ich will nicht immer nur im Kreis rennen …

… sagte Nick Symmonds.

Aber ich kann in den Spiegel schauen …

… sagte Roland Baar.

Niemand verlangt von Olympiasportlern, eine Weltrevolution zu starten.

Aber in den Spiegel schauen, das macht doch jeder.

Manchmal.

*  *  *

Habe bewusst auf Fotos und Videos verzichtet, ausnahmsweise. Ich fand diesmal, das würde ablenken.

In den Spiegel schauen, Haltung bewahren, ist natürlich auch ein großes Thema für Journalisten. Es gibt Archive, da kann man manches nachlesen und nachschauen.

badenpr #1

Vielen Dank fürs Aufschreiben. Und die Gedanken.

Matze #2

und von Sportsoldaten ist das ja noch weniger zu erwarten..

ha #3

Man kann diesem Gremium und seinem Präsidenten Thomas Bach vieles nachsagen … Aber es gibt im IOC, im Umfeld des IOC-Präsidenten und, zum Beispiel, in den Chefetagen der IOC-Sponsoren viele Schwule und Lesben, logisch – schon deshalb herrscht größtes Verständnis für das Problem. Man will nur irgendwie davon kommen. Das halte ich, weil es auf dieser Ebene neben dem privaten längst einen politischen Faktor gibt, für kritisierenswert – zurückhaltend formuliert.

Das ist die einzige (mich) störende Passage in diesem wirklich schönen Blogeintrag ;) Mir ist es vollkommen wurscht, ob es im IOC Homosexuelle gibt oder nicht, das ist ja kein Verdienst, und ob deshalb dort irgendwelches „Verständnis“ (gar größeres) herrscht. Dass sich da irgendwer outet, ist auch nicht nötig – die eigene Charta zu beachten, würde ja reichen. Nein, die IOC-Mitglieder verhalten sich unter Großreformator Bach einfach nur erbärmlich, so wie schon im letzten Jahrhundert, was ihnen erfreulicherweise sogar der UN-Generalsekretär diplomatischer attestiert hat. Erbärmlicher noch als Putin – so wie die Komplizen oft schlimmer sind als das Original.

Und Deine Argumentation verlängert, sagt auch, warum: Viele sind als ehemalige Athleten ins olympische Duckmäusertum sozialisiert. Und in Sotschi ziehen sich Bach und Co. denselben Funktionärsnachwuchs heran.

Bin Deiner Meinung, was die Athleten angeht: Die sollte keiner zur Positionierung verdonnern. (Aber es ist großartig, wenn Athleten zeigen, dass sie mehr im Kopf haben als ihren Sport.) Nur tut das ja auch keiner – insofern ist es schlicht ein Ablenkungsmanöver, wenn Bach, wo er selbst gemeint ist, dazu auffordert, dergleichen nicht „auf dem Rücken von Athleten auszutragen“.

Ausnahme: Athleten dürfen Ansprüche an Athleten stellen ;) Auch ein feiner Text, heute im Guardian, ähnlicher Tenor wie bei den von Dir Zitierten:

Chris Kluwe: Sochi Olympic Athletes must speak up

Rainer Barger #4

Vielen Dank für diesen Beitrag.
Hoffentlich lesen das viele Funktionäre.

Tobias Langhoff #5

Danke Jens! Ein kluger und nachdenklich stimmender Kommentar.

JW #6

@ Matze #2: Hab mir mal den Hinweis auf die Sportsoldaten verkniffen, das ist natürlich ein Grund.

@ ha #3: Stimmt. Und wahrscheinlich auch das Adjektiv „erbärmlich“. Wenngleich ich noch ein wenig auf einem anderen Trip bin als diesem; was schwer fällt, denn man muss sich ja nur mal die erbärmlichen Leistungen der so genannten Olympic Journalists anschauen, die beim IOC ihr Unwesen treiben, es ist kaum zum aushalten. Hatte das am Mittwoch an einem einfachen Beispiel von der IOC-Session beschrieben – und gestern im Live-Blog zur Eröffnungsfeier einen erwähnt, der Bach gepriesen hatte, ohne Not. Oh, habe ich jetzt selbst „erbärmlich“ geschrieben?

Die IOC-Verantwortung war mir in diesem Text nicht ganz so wichtig, insofern ist dieser Aspekt etwas unterbelichtet, keine Frage. Wollte bewusst Angriffspunkte rausnehmen, hat man ja heute Nachmittag gesehen, wie das Trottelchen von Bündnis 90/Die Grünen missverstehen will; andere sind weit professioneller im Missverstehen.

„Sozialisiertes Duckmäusertum“ stimmt natürlich ebenfalls – und ergänzt sich mit dem von Matze genannten Punkt der Sportsoldaten.

Aber ich hatte „best practice“ Beispiele versprochen.

ha #7

First best practice in Sochi: die niederländische Snowboarderin Cheryl Maas

Stefan #8

Nun hat die virulente Homolobby anscheinend auch diesen Blog übernommen…

JW #9
JJ Preston #10

Bei Bach bin ich mir, trotz seiner Parteizugehörigkeit, grundsätzlich in Sachen Ethik immer unsicher: Gibt er seine Linie vor – oder wird die bloß automatisch an den Willen derer angepasst, die das Spielkreuz über ihm halten? In letzterem Falle wäre ich mit Solidaritäts- und Protestbekundungen eher vorsichtig; wissen wir doch, dass Kuwait gerade ein „Gaydar“ einführen will…

JW #11

Er passt sich an. Er lotet aus. Er nutzt Politik für sich.

Erklär mir doch flink mal „Gaydar“ bitte und nimm mir n bisschen Arbeit ab :)

JW #13

ha #14

Nicht das erste Mal, schon die Freestyler waren empört:

IOC bans Sarah Burke tribute …

Canadians took to the website Twitter to voice anger over the ban, which prevents athletes in Sochi, Russia, from wearing any symbols as a remembrance of the former Midland resident and four-time X Games champion. Burke died as a result of injuries sustained in a January 2012 training accident in Utah.

“This is absolutely disgusting,” wrote Bob Clark. “How is that even remotely a political statement?”
Sammy Gagnon took a direct shot at the IOC with his comments: “That is absolutely ruthless of the Olympic committee. They should be ashamed.”
“The IOC is a shameful money maker for a select few. It has no conscience or ethics,” added Bob McColl.

JW #15

Das steht ebenfalls in dem verlinkten Agenturtext.

ha #17

#15
Sorry, den hatte ich noch nicht gelesen. Wenigstens hatte uns der Agenturtext aber mit den Reaktionen der Freestyler verschont ;(

Stefan #18

Das IOC beklagt sich über mangelnde Stimmung in Sotschi.
http://www.sueddeutsche.de/news/sport/olympia-fehlende-olympia-atmosphaere-in-sotschi-beschaeftigt-ioc-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-140210-99-03274

„Wir sind davor gewarnt worden. Es sind nicht genügend Zuschauer, die Stadien sind nicht voll und es fehlt ein bisschen der Enthusiasmus“, sagte IOC-Marketingchef Gerhard Heiberg…“Die Organisatoren müssen nun zusehen, dass sie die Stadien füllen.“

Mit anderen Worten: Die Russen sind nicht da! Das mag für andere beruhigend wirken, für das IOC ist es ein Problem.

Es gibt aber schon Abhilfe:

  1. Trauerflore werden verboten, dann steigt die Stimmung automatisch.
  2. Wo sind eigentlich die ganzen freiwilligen Helfer hin? Die sind ausgewiesen worden weil sie Lohn haben wollten? Sofort zurück mit denen!
  3. Die ADAC-Mitglieder kriegen als Ausgleich einen 500 Euro-Tankgutschein und ein Gratis-Upgrade für die Auslandskrankenversicherung, dann sollen die mal nach Sotschi kommen.
  4. Die Schwulen und Lesben dürfen müssen nun wieder offiziell fröhlich sein. CSD in Sotschi! Zumindest bis zum Ende der Spiele.
cf #19

Also ich finde die Entscheidung des IOC durchaus… weitsichtig.

Die Trauerbekundungen für Freunde oder Bekannte, Angehörige, Freunde oder Bekannte von Angehörigen oder Angehörige von Freunden oder Bekannten etc. pp. mag zwar auf den ersten Blick harmlos und unbedenklich erscheinen… ABER: wo will man da die Grenze ziehen? Und wer weiß schon, wer oder was da im Einzelfall wirklich gemeint ist? Hitler, Stalin, Mao (und Samaranch sr., um nur einige zu nennen) sind schließlich auch schon tot. Wenn man da einmal ein Auge zudrückt, droht sofort der Dammbruch, Büchse der Pandora Hilfsausdruck. Und das kann ja keiner wollen.

Wenn mich meine Erinnerung nicht betrügt, hatte das IOC sich ja schon (aus vermutlich ganz ähnlichen Gründen) gewunden, in London der Anschlagsopfer von München 1972 zu gedenken. Die Spiele sind einfach nicht der richtige Rahmen für so etwas. Nicht umsonst heißen sie ja: die Olympischen, und nicht etwa: die Trauer.

Da tut das IOC gut daran, seinen Markenkern vor derlei Beschattungen zu schützen. Sonst wird auf die Dauer auch einfach das Werbeumfeld für die Sponsoren in Mitleidenschaft gezogen. Und wer hätte im Endeffekt darunter zu leiden? — die Sportler!

Kurzum: das IOC handelt konsequent und im besten Interesse seiner Klientel.

JW #20

Deine Argumentation überzeugt mich, cf!

Nicolae Ceaușescu, Erich Honecker, Manfred Ewald und Horst Dassler, um nur einige Träger des Olympischen Ordens zu nennen, sind schließlich auch schon verstorben.

mb #21

@stefan #18, hat der ADAC nicht auch Erfahrungen mit Heli-Zubringerflügen gesammelt?

Stefan #22

@cf
Eben. Am Ende wird noch ein Sponsorenaufdruck von so einem Trauerdings verdeckt!
@mb
Stimmt, aber die meisten ADAC-Mitglieder kennen die Strecke noch.

Ralf #23

Christoph Becker in der FAZ: IOC verbietet Trauerflor

Das IOC steht mit seiner Haltung im Sport allein. Im Fußball laufen Spieler seit Jahrzehnten mit Trauerflor auf, sollte der Anlass es gebieten.
[…]
Die Aussage, die olympische Freude solle nicht gestört werden, ist entlarvend. Gestört würde allein das perfekte Fernsehbild von rackernden Athleten und strahlenden Siegern – durch ein Zeichen menschlicher Anteilnahme. Schlimmer noch: Nach der Einschränkung der politischen Äußerungen greift das IOC nun in die Intimsphäre der Sportler ein.

JW #24

Was ist denn da los in der F.A.Z.?

Neue Töne?

AX #25

Aucune sorte de démonstration ou de propagande politique, religieuse ou raciale n’est autorisée dans un lieu, site ou autre emplacement olympique.

Démonstration? Nein. Propagande politique? Nein. Propagande religieuse? Nein. Propagande raciale? Nein.
Die Rüge des IOC ist nicht nur unangebracht, sondern auch nicht von der Charta gedeckt und damit schlicht rechtswidrig.

Das Dammbruchargument zieht nicht. Denn die Trauer um einen Politiker oder um die Opfer einer politisch motivierten Tat kann man als politisch auslegen, nicht aber die um einen Angehörigen.

JJ Preston #26

@jw (bezogen auf #11)
Taugt Vice.com als Quelle? Eher als SpOn?

http://www.vice.com/de/read/kuwait-plant-ein-schwulenradar-einzufhren

JW #27

JW #28

@ JJ Preston: Ich bin mal wieder sprachlos. Schon zum zweiten Mal heute. Wie naiv renne ich denn durchs Leben?

JJ Preston #30

@JW
Gräme Dich nicht, auch ein Jens Weinreich kann nicht überall sein. Und ich kenne eh niemanden, der Vice oder SpOn liest, während er ein E-Book schreibt.

( Okay, ich kenne auch so keinen – persönlich -, der Vice liest. Oder ein E-Book schreibt… )

Ralf #31

Thomas Hummel in der SZ: Wo Menschlichkeit keinen Platz hat

Umso verheerender wäre es, wenn sich das IOC in Norwegen so unmöglich machen würde, dass auch noch die Oslo-Bewerbung ins Wanken geraten würde.
[…]
Astrid Jacobsen tritt an diesem Dienstag beim Sprint an, sie ist eine Favoritin auf eine Medaille. Dabei droht neuer Ärger. Denn alle Medaillengewinner müssen nach einer Regel des IOC anschließend zur Pressekonferenz. Jacobsen hat sich seit Freitag nicht öffentlich geäußert.

Ralf #32

Sportrechtler Paul Lambertz im Interview mit Zeit online: „Die Entscheidung des IOC ist menschlich kalt“

Die Auslegung von Regeln verlangt Fingerspitzengefühl. Das scheint beim IOC nicht vorhanden, das zeigt diese Entscheidung.

Ralf #33
Karl Napp #35

Wer immer noch nicht genug angewidert ist von diesen Umständen, dem sei empfohlen Sabine Adlers Bericht in den heutigen „Informationen am Abend“ des DLF anzuhören, um danach Frau Töpperwien zu lauschen, die die Bach’sche Linie verteidigt. Sinngemäß, so seien nun mal die Regeln. Gibt es denn wirklich nicht genug Fußballspiele, die sie erprobt sinnfrei kommentieren könnte?
Diese „Dame“ hat leider einen nicht unwichtigen Posten in der ARD-Hierarchie. … und immer wieder Max Beckmanns Fressen und Kotzen! Irgendwann gebe ich auf.

Ralf #36

SZ-Kommentar von Thomas Kistner: Das Ende der Käfighaltung

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