CAS-Urteil zum Russland-Doping: Der große Bluff

Eine erste flinke Analyse zur Mitteilung des Court of Arbitration for Sport (CAS) in Sachen Russland, gedichtet vor einigen Stunden für den SPIEGEL („Was von der Strafe übrig blieb“). Wie immer bei solchen Themen sieht man mit etwas Abstand gewiss mehr. Hier das bislang recht lumpige Papier, das komplette Urteil gibt es (noch) nicht:

Eine Kammer des Weltsportgerichtshofes hat den partiellen Bann der Dopingnation Russland am Donnerstag auf zwei Jahre halbiert. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) hatte Russland im Dezember 2019 für den Zeitraum von vier Jahren teilweise von Großereignissen ausgeschlossen.

Die Formulierungen ließen damals allerlei Schlupflöcher. Das ist mit dem Schiedsspruch der dreiköpfigen Kammer das CAS nicht anders. Auf allen Ebenen haben die CAS-Richter Mark Williams (Australien), Luigi Fumagalli (Italien) und Hamid Gharavi (Frankreich/Iran) die Sanktionen aufgeweicht, in vielerlei Hinsicht gestrichen oder bis zur Unkenntlichkeit reduziert.

Ob das 186 Seiten umfassende Urteil in Gänze veröffentlicht wird, bleibt unklar, das werde nun mit den beteiligten Parteien diskutiert, teilte der CAS lediglich mit. Russland und seine Sportorganisationen können vor das Schweizer Bundesgericht ziehen.

Der vom IOC-Vizepräsidenten John Coates (Australien) geführte CAS veröffentlichte bislang lediglich eine fünfseitige Mitteilung in der Russland-Causa. Beim CAS handelt es sich keinesfalls um ein unabhängiges Gremium, denn der Sportgerichtshof wird vom IOC dominiert und finanziert. Präsident Coates ist der wichtigste Vertraute des IOC-Präsidenten Thomas Bach. CAS-Urteile reflektieren oft genug die Interessen des IOC. Der skandalerprobte Berufsfunktionär Coates leitet unter anderem jene IOC-Kommission, die sich mit den Olympischen Sommerspielen 2021 in Tokio befasst. Zugleich bewirbt sich Coates mit Queensland für die Sommerspiele 2032. Derlei Interessenkonflikte prägen die olympische Welt, sie sind wichtig zum Verständnis der Zusammenhänge.

Die restlichen Sanktionen gegen Russland treten sofort in Kraft und gelten bis zum 16. Dezember 2022. Sollte das Bundesgericht den Beschluss nicht kippen, was im Grunde nur bei groben Verfahrensfehlern passieren kann, bleibt die russische Anti-Doping-Agentur (RUSADA) gemäß WADA-Beschluss suspendiert. Russland wird an den Sommerspielen 2021 in Tokio und an den Winterspielen 2022 in Peking teilnehmen, nur nicht in allen Ehren. Die Teilnahme russischer Sportler, die sich einem Dopingkontrollregime unterwerfen und als unbelastet gelten dürfen, wird wie 2016 und 2018 von WADA, IOC und den jeweiligen Sportfachverbänden abgesegnet. 

Wie in Rio de Janeiro und PyeongChang darf man also einige Hundertschaften von Russen erwarten, diesmal unter dem Label „neutrale Athleten“. Russische Flaggen und Hymnen sollen in den Arenen von Tokio und Peking offiziell nicht erlaubt sein. Das gilt gewissermaßen nur für die Spielfelder, nicht für Zuschauer auf den Rängen. Nach dem Olympiasieg im Eishockey 2018 in PyeongChang grölten die Russen allerdings auch auf dem Eis die Nationalhymne.

Viele der Punkte, die von den ursprünglich verhängten Sanktionen noch geblieben sind, werden die Russen auch künftig routiniert übergehen – und die sauberen Athleten anderer Nationen schauen hilflos dabei zu. Die Russen sind ähnlich einfallsreich im Umschiffen vermeintlicher Verbote wie die drei Richter des CAS. Hieß es vor einem Jahr noch, der Name Russland dürfe nicht auf Trikots auftauchen, unterbreiten die CAS-Juristen dieses großzügige Angebot: Auf Sportklamotten darf Russland stehen – nur sollen die Worte neutrale Athleten dort „ebenso prominent“ auftauchen. Russlands Ausrüster werden raffinierte Lösungen finden.

Im Übrigen erinnere ich an meinen Besuch im Russischen Haus bei den Winterspielen 2018, das nicht Russisches Haus genannt werden durfte.

Man wird sehen, ob von diesem scheinbar harten Teil des CAS-Urteils etwas bleibt: Bis Dezember 2022 darf sich Russland weder um Olympische Spiele noch Weltmeisterschaften in jenen mehr als 100 Sportverbänden bewerben, die den WADA-Code unterschrieben haben. Weltmeisterschaften, die bereits an Russland vergeben wurden, sollen zurückgezogen werden. Da der Sanktionszeitraum von vier auf zwei Jahre halbiert wurde, darf Russland 2023 in Wladimir Putins Heimatstadt St. Petersburg problemlos die Eishockey-WM austragen. Nur als Ersatz für die WM 2021 und den wegen anhaltender Menschenrechtsverletzungen hoch umstrittenen WM-Gastgeber Weißrussland dürfte Russland ausfallen. Das können die Russen problemlos verschmerzen.

Im Mai 2021 ist übrigens in Jekaterinburg der Kongress SportAccord geplant. Es ist das alljährliche weltgrößte Funktionärstreffen. Mehr als 100 Weltverbände, olympische und nichtolympische, tagen gemeinsam mit vielen Dutzend IOC-Mitgliedern und allerlei anderen Dachverbänden und Organisationen. SportAccord war demonstrativ im zeitlichen Umfeld der WADA-Entscheidung vor einem Jahr vergeben worden. Was man bisher vom CAS-Urteil weiß, lässt annehmen, dass der Großkongress mit knapp 2.000 Delegierten in Jekaterinburg stattfinden darf – sollte die Pandemiebekämpfung so ein Event zu lassen. Das angeblich im Weltsport sanktionierte Russland verspricht den größten und prächtigsten Kongress aller Zeiten. Die Universiade, die Welt-Studentenspiele, in Jekaterinburg im Sommer 2023 ist nun ebenfalls gesichert.

Auch die Spiele der Fußball-Europameisterschaft 2021 in St. Petersburg sind vom angeblichen Bann Russlands nicht betroffen. Vor einem Jahr hatte die WADA in ihrem Urteilsspruch noch mit recht unüblichen Begriffen wie „Major Event“ und „International Event“ Verwirrung gestiftet. Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, mit besseren Formulierungen Klarheit zu schaffen. Die UEFA leitete daraus sofort einen Freibrief für die Spiele in St. Petersburg ab. Die Kammer des CAS spricht nun ausschließlich von Weltmeisterschaften. Bei kontinentalen Titelkämpfen, Weltcups und anderen Events gelten demnach andere Regeln. Da ist der Sport mit seinem höchsten Sportgericht äußerst flexibel, um es den Russen nicht gar so schmerzhaft zu machen. Als Weltmeisterschaft darf allerdings auch die Formel 1 gelten. Und da steht Russland mit Putins Residenzstadt Sotschi auch für 2021 im Programm. Der Automobil-Dachverband Fédération Internationale de l’Automobile (FIA) hat den WADA-Code unterschrieben. Man darf gespannt sein, welchen Ausweg für Sotschi gefunden wird.

Der Bann von hohen russischen Sportfunktionären und Regierungsvertretern wurde im Grunde vollends gekippt. In ihren „persönlichen Rollen“ als Vertreter im Internationalen Olympischen Komitee, im Paralympischen Komitee können solche Personen an Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften teilnehmen. Kein Problem. Auf Einladung von Staatsoberhäuptern oder Regierungschefs der jeweiligen Gastgeber steht einer Teilnahme hochrangiger Russen ohnehin nichts im Wege. Derlei diplomatischen Feinheiten widmet der Sportgerichtshof einen beträchtlichen Teil seines bislang veröffentlichten Elaborats.

In anderen Worten: Den politisch Verantwortlichen für das russische Staatsdoping wird ein Freibrief erteilt.


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