Thomas Bach, Fleisch gewordene Interessenkonflikte und ‚the innocent new generation of clean Russian athletes‘

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Wenn du glaubst, es geht nicht schlimmer, kommt Thomas Bach mit einem weiteren seiner dubiosen Olympic Summits daher.

Ich hatte es angekündigt und in der vergangenen Woche mehrfach vor der sogenannten Declaration des Bach-Gipfels gewarnt, im SPIEGEL, in der Berliner Zeitung und hier im Blog.

Die Doping-Passage aus dem Propaganda-Elaborat:

Following a presentation to the Olympic Summit by WADA President Sir Craig Reedie, the Summit discussed the forthcoming WADA Executive Committee meeting. For this part of the Summit, Stanislav Pozdnyakov, President of the Russian Olympic Committee (ROC), was not present.

The participants in the discussion strongly condemned those responsible for the manipulation of the data from the Moscow Laboratory data before it was transferred to the World Anti-Doping Agency (WADA) in January 2019. It was agreed that this was an attack on sport and that these actions should lead to the toughest sanctions against those responsible. It was stressed by the participants that full justice must be finally done so that the guilty ones can be properly punished and the innocent ones are fully protected.

The Russian authorities were requested to deliver the raw data on which this case is based. The delivery of the fully authenticated raw data will ensure that full justice can finally be done, with the guilty properly punished and the innocent new generation of clean Russian athletes fully protected from suspicion.

The participants of the discussion fully endorsed the IOC statement from 26 November 2019.

At the same time, the Summit looked forward to clarification of the proposed implementation of sanctions.

The Summit welcomed the IOC’s decision to give up to an extra 10 million US dollars to the fight against doping. The IOC has initiated a global long-term storage and re-analysis programme, also for samples collected during the pre-Games testing period. To make this step possible, the IOC is financing the necessary storage facilities for the IFs and NADOs for the tens of thousands of samples collected during the pre-Games testing period.

The IOC has also asked the ITA to collect the appropriate samples during the Games to be analysed by the new genetic sequencing. The analysis will be carried out as soon as these methods are fully validated. The Summit welcomed the fact that the pre-Games testing programme for the Olympic Games Tokyo 2020 will be the most extensive programme ever, aimed at maximising both detection and deterrence.

The IOC is giving another 2.5 million US dollars to the latest research programme, to bring some of these projects, like the new genetic sequencing and the Dried Blood Spot Test, to full fruition.

The IOC also proposes to strengthen the investigative powers of the WADA Intelligence and Investigative Unit. Governments have been invited to join the programme, to which the IOC would then commit another 2.5 million US dollars for the next Olympiad.

Following a presentation by Valérie Fourneyron, Chair of the International Testing Agency, the Summit welcomed the fact that the International Testing Agency (ITA), whose creation was supported by the Olympic Summit four years ago, is already working with more than 40 International Federations, and 11 IFs have handed over their sanctioning to the newly created anti-doping division of CAS.

Declaration of the 8th Olympic Summit

Von Teilnehmern früherer Summits weiß ich, dass an den vorbereiteten Deklarationen bis kurz vor dem Ende der Veranstaltungen gewerkelt wird. In der Regel nicken die Herrschaften, auserwählt von Bach, das Zeug dann ab, das bis zuletzt vom IOC-Generaldirektor Christoph de Kepper redigiert wird.

Falls es jemand überlesen haben sollte, eine von vielen wahnsinnigen Behauptungen – da ist die Rede von …

the innocent new generation of clean Russian athletes fully protected from suspicion.

Auf die Passage hat mich erst Nick Butler hingeweisen. Die ist mir gestern, als ich aus dem Zug von Frankfurt nach Berlin zum Summit twitterte, so genau gar nicht aufgefallen.

Überhaupt waren es harte Tage. Müsste man nach so vielen Jahren in diesem Metier eigentlich gelassener nehmen. Oder eben mit Galgenhumor: Mir ist es ganz lieb, dass ich mich über derlei PR-Dreck und die vielen schmutzigen Deals und Finten noch aufrege – wenn ich mich empöre, weiß ich, dass ich noch lebe.

Ich habe das am Sonntag, als kleine Vorschau auf die WADA-Sitzung am Montag in Lausanne, dennoch mal in ein paar Zeilen gegossen.

Erwarten Sie/erwartet Ihr bitte nicht zu viel von der Entscheidung des WADA-Exekutivkomitees. Natürlich wird es keinen blanket ban of Russia geben.

* * *

Konflikte sind Sir Craig Collins Reedie ein Gräuel. Der 78jährige Commander of the British Empire zieht Whisky und eine gepflegte Party Golf jeder Auseinandersetzung vor. Als sich dieser Bilderbuch-Schotte vor sechs Jahren, damals war er zugleich Vizepräsident des Internationalen Komitees (IOC), zum Boss der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) wählen ließ, wusste er nicht, was ihm blüht: Die schlimmste olympische Krise des Jahrhunderts, eine den Weltsport spaltende Auseinandersetzung um das russische Staatsdopingsystem.

Inzwischen ist Reedie IOC-Ehrenmitglied. Die Sitzung des WADA-Vorstands am Montag in Lausanne, auf der erneut über Sanktionen gegen die russischen Dauer-Betrüger entschieden wird, ist seine letzte. Ab 1. Januar 2020 übernimmt Polens Sportminister Witold Bańka die WADA-Präsidentschaft.

Nichts könnte die andauernden Interessenkonflikte, die Arroganz der IOC-Führung um den deutschen Präsidenten Thomas Bach (FDP) und die Absenz guter Unternehmensführung besser illustrieren als die Ereignisse derzeit in Lausanne: Am Samstag erstattete Craig Reedie zunächst vor dem sogenannten Olympic Summit Bericht, einer vom Bach handverlesenen Runde von Sportführern – vor IOC-Führern, Weltverbandspräsidenten sowie den NOK-Präsidenten aus den USA, China und Russland.

Der Olympic Summit ist ein Gremium ohne Beschlussrecht – in der Charta, dem Grundgesetz des IOC, ist der Summit nicht erwähnt. Dieses Gipfeltreffen ist ein quasi-privates Politik- und Propagandainstrument des IOC-Präsidenten, mit dem Bach Fakten schaffen und die Dinge beeinflussen will – in der Russland-Frage sogar mehrfach: vor den Sommerspielen 2016 zum Beispiel, als es um einen Komplett-Ausschluss der Russen ging, was das IOC verhinderte: Olympic Summit: die schmierigen Finten des Putin-Kumpels Thomas Bach #Rio2016

Für eine Präsentation des WADA-Präsidenten auf dem Privat-Gipfeltreffen von Thomas Bach gab es keinerlei satzungsgemäße Gründe. Pseudo-transparent erwähnte das IOC in der „Deklaration“ des Summits, Russlands NOK-Präsident Stanislav Pozdnyakov habe während Reedies Vortrag den Raum verlassen. Als würde Pozdnyakov nicht sämtliche Details erfahren, die von der WADA-Führung debattiert werden.

Vor zwei Wochen, unmittelbar nachdem die Empfehlungen des WADA-Compliance-Komitees an den Vorstand verschickt worden waren, weilte Pozdnyakov ebenfalls in Lausanne – auf dem Kongress des Fecht-Weltverbandes FIE, geführt vom russischen Milliardär Alisher Usmanow, einem Mann von Putins Gnaden.

Da verlieh Bach seinem Fecht-Kumpel Usmanow die „Trophäe der olympischen Werte“ des IOC. Usmanow ließ zwei Wochen später, am Tag vor der WADA-Sitzung, nun einen Brief an Reedie verbreiten, in dem er neuerliche Sanktionen gegen Russland als Doppel-Verurteilung und Lynchjustiz brandmarkt.

Natürlich beruft sich Usmanow, dessen Gattin Irina Viner-Usmanow von Bach bereits den Olympischen Orden erhielt, dabei auf: die Olympische Charta und den WADA-Code. Das „fundamentale Recht sauberer russischer Sportler auf die diskriminierungsfreie Teilnahme an internationalen Wettkämpfen“ dürfe nicht beschnitten werden, fordert der Milliardär des Kreml.

Hier der komplette Brief Usmanows, der mir am Sonntagmorgen von der Londoner PR-Firma Finsbury zugestellt wurde. Aus Gründen.

Alisher-Usmanov-letter-to-Sir-Craig-Reedie

Nochmal, bitte nicht Usmanows Gattin vergessen:

Ein anderer Putin-Vertrauter, der Milliardär Arkady Rotenberg, Weltmeister der Staatsaufträge, der beispielsweise mit Steuermitteln die Brücke auf die Krim errichtete, war vor einigen Tagen ebenfalls sportpolitisch tätig: Rotenberg, Jugendfreund und Judo-Partner Putins, sitzt im Vorstand von SportAccord, einer Institution des Dachverbandes von rund 130 Welt-Sportverbänden (GAISF genannt), die alljährlich den wichtigsten sportpolitischen Kongress ausrichtet. Obwohl also das WADA-Compliance-Komitee erneute Sanktionen gegen Russland forderte, vergaben Rotenberg und seine drei Vorstandskollegen die Konferenz SportAccord für 2021 an Jekaterinenburg.

Neben dem Milliardär Rotenberg gehören zum Exekutivkomitee: René Fasel (Schweiz), Putin-naher Präsident des Eishockey-Weltverbandes IIHF und IOC-Mitglied, sowie die beiden Italiener Raffaele Chiulli (Präsident von GAISF, SportAccord, ARISF und UIM) und der ebenfalls Putin-treue Francesco Ricci Bitti.

Der nächste Interessenkonflikt:

Jener Ricci Bitti, einst IOC-Mitglied und Präsident des Tennis-Weltverbandes ITF, derzeit vor allem Präsident des Dachverbandes aller olympischen Sommersportverbände (ASOIF), entscheidet am Montag auch über die Russland-Sanktionen als Mitglied der WADA-Führung.

Jener Ricci Bitti nahm natürlich auch am Olympic Summit teil und referierte über Good Governance und derlei Themen. Die entsprechende Passage aus der Declaration:

The Summit welcomed the findings of the “Future of Global Sport” study presented by Francesco Ricci Bitti, President of the Association of Summer Olympic International Federations (ASOIF).  The report addresses the changing role of the International Federations and the consequences of this with regard to their authority and governance.  The report stresses that IFs are not just event organisers but must also ensure the long-term development of their sports by investing in youth, education, anti-doping and other social activities.

The study notes that IFs must demonstrate an exemplary standard of governance in order to maintain the confidence of the media, governments, business and the public at large, while also protecting the integrity of their sports. It found that IFs will need to develop a more proactive, creative, commercially driven and collaborative mindset, re-evaluating their role and strategies in favour of increased partnership with the private sector;

Declaration of the 8th Olympic Summit

Auf einen ausführlichen Fragenkatalog zur dubiosen Vergabe der Konferenz nach Jekaterinenburg verweigerten Ricci Bitti sowie ein Dutzend weiterer Top-Funktionäre Antworten.

Meine Fragen und die dürftige, arroganten Ausflüchte hatte ich bereits als Twitter-Thread veröffentlicht.

  1. Which body took the Ekaterinburg decision?
  2. Was it the SportAccord Executive Committee?
  3. When and where was the decision taken?
  4. Who took part at the meeting/the telco?
  5. Were there other bidders?
  6. What was the result of the vote (if there was a vote)?
  7. Why was the decision taken at this (very unusual) time?
  8. Has there been a tender? Please provide the tender details and documents.
  9. If there has not been a tender and you can’t provide details: Why have you act like this – against all basics of good governance?
  10. To my knowledge at least the city of Zagreb was interested in hosting SportAccord 2021. Did you ever inform Zagreb about details of your decision process/tender at all?

GAISF-Direktor Philippe Gueisbuhler, Söhnchen des langjährigen FIG-Generalsekretärs André Gueisbuhler, meinte, mich verarschen zu können und antwortete dies:

Strictly For Background Only

Thank you for your interest in GAISF. As you may be aware GAISF and SportAccord are two legally separate entities.

The reasons for SportAccord choosing Ekaterinburg as host for its 2021 event are evident from the press release issued on Saturday, which I am sure you have.

Should you wish more details on the activities of GAISF please don’t hesitate to see our website www.gaisf.sport.

In the meantime should you have any questions regarding the SportAccord event in 2021, please don’t hesitate to contact SportAccord directly.

Kind regards,

Philippe Gueisbuhler, GAISF

Natürlich hat die merkwürdige Pressemeldung KEINE meiner Fragen beantwortet.

Nis Hatt, Managing Director von SportAccord, antwortete dies:

SportAccord Statement

The decision to stage the SportAccord World Sport & Business Summit in Ekaterinburg in 2021 was taken by the SportAccord Executive Committee in full compliance with our statutes. 

The decision was taken for a variety of reasons which are summarised in the press release issued at the time [and attached again for your convenience]. 

Whilst there were other expressions of interest from other potential host cities, Ekaterinburg was by far the most advanced in terms of plans and ambition. However SportAccord has already entered into discussion with other cities with a view to hosting future editions of the World Sport & Business Summit, indicating that the future for our unique event is very bright.

Nis Hatt, SportAccord

Mein Thread vom Donnerstag, bitte öffnen:

Multi-Funktionäre wie Ricci Bitti oder Craig Reedie sind vor allem eins:

Fleisch gewordene Interessenkonflikte.

Wenige Wochen nach Reedies Antritt als WADA-Präsident machte Wladimir Putins Doping-Armada die Winterspiele 2014 in Sotschi zur Farce. Doch Reedie kooperierte noch mit den Russen und versuchte, Dinge unter den Teppich zu kehren, als der kriminelle Schwindel längst aufgeflogen war. Die Aufarbeitung des beispiellosen russischen Betruges überschattete die Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro, die Winterspiele 2018 in PyeongChang – und wird nun auch die nächsten Sommerspiele 2020 in Tokio prägen, wohl auch die darauffolgenden Spiele in Peking (Winter 2022) und Paris (Sommer 2024).

Vor 20 Jahren wurde die WADA nur unter gewaltigem öffentlichen Druck als Joint Venture zwischen IOC und Regierungen installiert. Eine Konstante zieht sich durch diese Jahrzehnte:

Nur öffentlicher Druck hat Positives bewirkt.

Inzwischen, und das hat eine neue Qualität, sind investigative Journalisten nicht mehr allein, sondern wird das Establishment von selbstbewussten Sportlern und einigen führenden Dopingfahndern attackiert.

Es ist ein Kampf der Systeme: Auf der einen Seite die Besitzstandswahrer, geführt von Bach und seinen olympischen Geschäftspartnern, zu denen Wladimir Putin, Xi Jinping oder Katars Emir Tamim Bin Hamad Al-Thani zählen, einige der mächtigsten Männer des Planeten.

Auf der anderen Seite, neben investigativen Journalisten: wenige Administratoren aus der zweiten Reihe, Dopingfahnder wie die in der iNADO vereinten NADAs und mutige Athleten – gewaltig attackiert auch von Russlands Militärgeheimdienst GRU, dessen Hacker die Accounts Dutzender Organisationen inklusive der WADA knackten.

Mittendrin: Sir Craig Reedie, der 2016 im eigenen IOC als Buhmann in der Russland-Frage ausgemacht wurde, den dieser Job fast zerrissen hat und der nur aus einem Grunde minimal abspenstig wurde: Weil ihm angelsächsische Medien die Hölle heiß machten. Reedie wollte sein Gesicht nicht völlig verlieren.

Das Resultat seiner letzten WADA-Sitzung am Montag in Lausanne wird Reedies Vermächtnis prägen.

Und das sind noch einmal die Empfehlungen des CRC (WADA Compliance Review Committee):

WADA-Compliance-Review-Committee-recommends-series-of-strong-consequences-for-RUSADA-non-compliance-_-World-Anti-Doping-Agency-1

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