live aus Buenos Aires (V): im Paralleluniversum des Dr. Bach

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IOC-Vorsteher Bach 2016, Rio de Janeiro, Casa Italia. (Foto: Stratos Safioleas)

BUENOS AIRES. Buenos Aires hat eine besondere Bedeutung im Leben des Sportfunktionärs Thomas Bach. Darauf weist der 64 Jahre alte Franke immer wieder hin. In Argentiniens Hauptstadt nahm er als Florettfechter vor 45 Jahren an seiner ersten Junioren-WM teil. Über das Resultat möchte er lieber schweigen, erzählte er dieser Tage. Hier wurde er 1977 Team-Weltmeister. Hier erklomm er am 10. September 2013 den höchsten Gipfel des Weltsports und wurde neunter Präsident in der Geschichte des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Fünf Jahre später macht der Olympia-Tross erneut Station am Rio de la Plata. Noch bis 18. Oktober finden die dritten Sommer-Jugendspiele statt, die Youth Olympic Games (YOG). Das IOC beendete gerade seine 133. Vollversammlung.

Bach hatte diesmal eine zweitägige Konferenz vorgeschaltet, das Olympism in Action Forum, zu dem einige wenige kritische Geister geladen waren. Dies haben IOC-Propagandisten als Zeichen des neuen Geistes und einer neuen Gesprächskultur verkaufen wollen. Bach selbst konterkarierte diese Parolen auf einer Pressekonferenz hier im Hilton Hotel in Puerto Madero in einer unnachahmlich arroganten Art, so dass es selbst lang gedienten Olympiern und einigen Mitarbeitern die Sprache verschlug.

In einer der Gesprächsrunden hatte Chris Dempsey, Initiator der erfolgreichen Nolympia-Initiative in Boston, unter anderem gesagt, das IOC habe das Geschäftsmodell bei der Austragung Olympischer Spiele noch immer nicht grundlegend geändert. Die Zeche müsste nach wie vor größtenteils aus Steuermitteln beglichen werden. Bach erklärte daraufhin, er finde es komisch, wenn jemand, der nie Olympische Spiele organisiert habe, glaube, alles besser zu wissen.

So ist das mit der Diskussionskultur im IOC. Derlei verbale Widerstände hatte Bach auf der 133. Session nicht zu überwinden. Diese Vollversammlung war die achte unter dem Präsidenten Bach (nach Sotschi, Monte Carlo, Kuala Lumpur, Rio de Janeiro, Lausanne, Lima und PyeongChang). Alle Sessionen waren durchkomponiert, nichts wurde je dem Zufall überlassen, stets waren zahlreiche Promotion-Videos produziert und eröffneten Claqueure aus den eigenen Reihen das Feuer auf jeden, der zaghafte Kritik anbrachte.

Nichts dergleichen in Buenos Aires, wo erstmals seit drei Jahren auch nicht mehr erbittert über das russische Dopingsystem gestritten wurde. Nicht einmal mehr der Kanadier Richard Pound, dienstältestes IOC-Mitglied, konnte sich zu einem nachhaltigen Debattenbeitrag aufraffen. Auch über die neue Athletencharta wurde nicht gekämpft, alles war angerichtet. Die IOC-Athletenkommission ist unter der Schwimm-Olympiasiegerin Kirsty Coventry, neuerdings Sportministerin in Simbabwe, stramm auf Bach-Kurs. Die dezidierten kritischen Stellungnahmen auch der deutschen Athletenkommission werden maximal als Minderheiten-Meinung angesehen. Dieser Konflikt bleibt.

Neun neue Mitglieder wurden aufgenommen, darunter die erst 24jährige Afghanin Samira Asghari. Zurzeit zählt das IOC 103 Mitglieder, fünf scheiden Ende des Jahres als Altersgründen aus.

(Auf der IOC-Webseite wurden bis heute Nachmittag noch 95 Mitglieder geführt: plus 9 macht 104, minus 1/Gian Franco Kasper, dessen Mitgliedschaft ab sofort in eine Ehrenmitgliedschaft gewandelt wurde, macht 103. Ausführlich gehe ich darauf kommende Woche im neuen Monatsmagazin Sport & Politics ein. Und gleich muss ich noch etwas nachtragen: Malagòs Mitgliedschaft gilt erst ab erst 1. Januar 2019 und ist selbst dann noch eine besondere Mitgliedschaft, bis beide derzeitigen italienischen persönlichen Mitglieder ausgeschieden sind, Mario Pescante und Franco Carraro. Es sind also derzeit 102.)

Seit 2013 wurden rund ein Drittel neuer Mitglieder kooptiert, kein IOC-Präsident zuvor hat das Gremium derart zügig neu gemischt. Bach wird so weiter machen. Seine erste Amtszeit läuft bis 2021, dann wird er satzungsgemäß für vier Jahre verlängern und 2025 als Präsident ausscheiden.

Die Zahlen stimmen, vor allem die Finanzen: Unter Bach wurden Verträge mit TV-Stationen und Sponsoren im Wert von etwa 14-15 Milliarden Dollar abgeschlossen, zuletzt mit dem Allianz-Konzern bis 2028. Vielleicht sogar mehr, auf Heller und Pfennig lässt sich das nicht aufschlüsseln, weil das IOC Details zu Einzelverträgen kaum veröffentlicht.

Auf Bach letzter Session als IOC-Präsident im Jahr 2025 würden normalerweise die Sommerspiele 2032 vergeben, für die sich in Nordrhein-Westfalen Bachs FDP-Parteifreund Michael Mronz, ein Sportvermarkter und Medienunternehmer, mächtig ins Zeug wirft. Aber in Sachen Olympiabewerbungen ist nichts mehr normal im IOC, nachdem in den vergangenen Jahren in demokratischen Nationen mehr als ein Dutzend Bewerbungen am Widerstand der Bevölkerung und sogar der Skepsis von Politikern gescheitert sind. Weil für die Sommerspiele 2024 mit Paris und Los Angeles nur zwei Kandidaten blieben, hatte Bach schon den historischen Doppelbeschluss eingeleitet: die Spiele 2024 wurden an Paris, die für 2028 an Los Angeles vergeben.

Sportkameraden Thomas Bach (FDP, IOC), Kim Jong-Un (PdAK) im Frühjahr 2018. (Foto: KCNA)

Momentan deutet alles darauf hin, dass für 2032 Spiele auf der koreanischen Halbinsel die erste Option sind. Bach schrieb seinem IOC, und damit vor allem seiner Politik, gerade erneut die Annäherung zwischen Nord- und Südkorea auf die Fahnen. Die gemeinsame koreanische Eishockeymannschaft, die Teilnahme der Nordkoreaner bei den Winterspielen im Februar in PyeongChang, sei der Anfang vom Ende der Eiszeit gewesen. So äußerte er sich in Buenos Aires wieder bei jeder Gelegenheiot.

Und der Drang der IOC-Führung, dieser verzehrende Wunsch nach dem Friedensnobelpreis klingt bei alldem stets durch. Am Rande der UN-Vollversammlung traf Bach vergangene Woche in New York erneut Südkoreas Präsident Moon Jae-In. So sieht er sich gern, der IOC-Präsident, auf Augenhöhe mit den Politgrößen des Planeten. Dass Bach dann auf dem Weg nach Buenos Aires erneut nicht in Rio de Janeiro Station machte, wo IOC-Größen in spektakuläre Kriminalfälle verstrickt sind und der Olympiagastgeber von 2016 unter der Last der Milliardenkosten leidet, ist mehr als eine Randnotiz.

Die üblichen Horrormeldungen über explodierende Olympiakosten, prallen am Teflon des IOC-Präsidenten ab. So hat in Tokio, Gastgeber der Sommerspiele 2020, die Regierung vom Rechnungshof gerade eine Auflistung aller Kosten machen lassen: 26 Milliarden Dollar, vielleicht mehr. Tokios Organisationskomitee (TOCOG) sprach auf der IOC-Session aber nur von 12,3 Milliarden, zudem feiern TOCOG und IOC die Weisheit der angeblichen Reform-Agenda 2020 von Thomas Bach: Allein deshalb habe man die Kosten in Tokio um 4,3 Milliarden Dollar reduzieren können.

Bach sagte zu den jüngsten Berechnungen des japanischen Rechnungshofes nur lapidar, man werde den staatlichen Stellen schon erklären, welche Kosten olympiabedingt seien und welche nicht.

Bei den Winterspielen sieht es schlimmer aus. Es geht schlichtweg ums Überleben der Winterspiele. Drei Jahre hat das IOC gebraucht, um nach den spektakulär gescheiterten Referenden (etwa in Österreich und in der Schweiz) nun mit Calgary, Stockholm und Mailand (gemeinsam mit Cortina d’Ampezzo) drei Kandidaten für 2026 zu finden. Ob es dabei bleibt, steht in den Sternen, im November gibt es ein Referendum in Calgary, davon hängt vieles ab.

Juanito Samaranch im Februar 2018 in PyeongChang nach unserem gemeinsamen Spaziergang zum Olympic Club. (Foto: JW)

Bachs Vizepräsident Juan Antonio Samaranch, Sohn des gleichnamigen langjährigen IOC-Chefs, hielt das nicht davon ab, in Buenos Aires den äußerst bizarren Begriff der „No Costs Olympics“ zu prägen. Für den Organisationsetat werde kein Cent öffentlicher Mittel gebraucht.

„No Costs Olympics“, an diese Wortschöpfung werden sich die Steuerzahler in Olympiastädten gewiss noch lange erinnern.

Eine Version des Textes erschien auf SPIEGEL ONLINE (Das Märchen von den Gratisspielen). Viel mehr dazu, inklusive zahlreicher Daten, einzigartiger Charts und Überraschungen kommende Woche in der ersten Ausgabe meines neuen Monatsmagazins Sport & Politics. Hier können Sie unabhängigen Recherchejournalismus finanzieren:

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