live-Blog aus Lausanne: das Olympia-Doppel Paris 2024, Los Angeles 2028

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LAUSANNE, SWISSTECH CONVENTION CENTER. Gerade spricht Emmanuel Macron. Frankreichs Präsident redet über Moral, Werte und Verantwortung, was sich immer etwas komisch anhört in dieser Umgebung: In der Parallelgesellschaft des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), schwer erschüttert von Kriminalfällen, Doping, Gigantismus und Korruption. Macron lobt einmal mehr die Bewerbung seiner Hauptstadt für die Olympischen Sommerspiele 2024. Neben ihm einer der vielen personalisierten Interessenkonflikte in diesem Business: Tony Estanguet, IOC-Mitglied und Chef des Bewerbungskomitees, und Bürgermeisterin Anne Hidalgo.

Die Franzosen haben vor einer Stunde vor der außerordentlichen IOC-Session präsentiert. Nach den Amerikanern. Los Angeles wartete natürlich nicht mit einem leibhaftigen Präsidenten auf. Ist auch besser, den orangenen Twitter-Trottel aus dem Spiel zu halten. Wer weiß, was der anrichten würde. Zudem ist der Sport in den USA ohnehin nicht so politisch aufgeladen und verquickt wie in Frankreich oder Deutschland. Dort gibt es durchaus eine beachtliche Tradition, Großereignisse mit vergleichsweise wenig öffentlichen Mitteln auszurichten. Darin sind die Amerikaner durchaus Weltklasse. Die Sommerspiele 1984 in Los Angeles haben jedenfalls Maßstäbe gesetzt – die ersten mit einem wirklichen Profit, nicht mit einem schön gerechneten und mittels waghalsiger Buchhalter-Tricks in den schwarzen Zahlenbereich gezauberten, wie es danach fast überall geschah und es quasi im IOC-Grundgesetz verankert ist.

Die Amis waren verdammt beeindruckend. Da musste ich schon Superlative bemühen:

Natürlich waren beide Präsentationen nicht öffentlich. Natürlich durften Medienvertreter auch die anschließenden Q&A-Runden nicht verfolgen. Das IOC will erst später zwei Video-Versionen der Präsentationen veröffentlichen. So weit geht die Transparenz im Reich des allseits geschäftstüchtigen Thomas Bach dann doch nicht.

Am Nachmittag aber, und zwar in wenigen Minuten ab 13.30 Uhr, darf das Medien-Fußvolk hier im Pressezentrum die Session verfolgen, auf der Bach die Lösung für die Doppelvergabe der Sommerspiele 2024 und 2028 präsentieren will – und außerdem Details zum veränderten Bewerbungsprozess für die Winterspiele 2026 vorträgt.

Ein kleines Live-Blog vom Ort des Geschehens.

Viel Vergnügen.

14.32 Uhr: Kurze, etwa zehnminütige Rede des IOC-Präsidenten, der kürzlich Olympiabewerbern und Olympiagastgebern gemäß Agenturmeldungen “indirekt Gier” unterstellt hat.

Ganz wichtig:

  • our accounts are fully transparent
  • our goal: to make the world a better place through sport
  • we will discuss separate but related decisions
  • a moment to shape the future of our movement
  • discussion from a position of strength and stability

Die IOC-Propagandisten, die detaillierte Fragen so gut wie nie beantworten und stattdessen lieber Drohanwälte in die Spur schicken, lesen aufmerksam mit:

15.02 Uhr: Es wird nun doch über 2024/28 diskutiert. Wow. Bach lässt seinen dicken Kumpel John Coates (Australien) vortragen. Schwer zu folgen, weil ich mich auf Twitter parallel ein bisschen herumärgere. Ist auch sonst alles schwierig zu verfolgen, weil nicht ein Chart eingeblendet wird. Weder zu den IOC-Finanzen zuvor, noch zu den heute zu debattierenden Kernfragen. Zufall oder nicht?

Eine Kaffeepause ist nun auch angekündigt. Bach versucht sich an einem verkrampften Witz und fragt, ob der Saal bis morgen gemietet worden sei. Dabei ist man noch immer nicht richtig beim Thema. Warum hat er sie denn eigentlich alle zusammen kommen lassen?

Franco Carraro aus Italien, der ewige Chef der olympischen Programmkommission. Was er nun wollte? Ist bei Carraro immer schwer auszumachen. Ich gebe zu: Auch diesmal konnte ich ihm nicht folgen.

Sportkamerad Ali aus Pakistan (Nachfolger seines Vaters im IOC) will nicht umsonst um die halbe Welt geflogen sein und ergreift das Wort, wie immer auf Sessionen, Ali ist ein diskussionsfreudiges Mitglied. Was hat die Session denn noch zu tun, wenn man uns diese Aufgabe für 2028 nimmt – für uns wäre dann erst wieder in vielen Jahren eine Entscheidung über Sommerspiele möglich, viele von uns sind dann keinen Mitglieder mehr.

Das Argument hört man öfter. Es wird aber die Entscheidung nicht ändern.

15.32 Uhr: Wichtigste Aussage bisher, glaube ich. Coates sinngemäß: Wenn eine Stadt nicht mit der Vergabe für 2028 einverstanden ist, würde das bedeuten, dass wir in Lima nur über 2024 entscheiden. Ich denke, da liegt es nahe, dass sich beide Städte dafür entscheiden. Bisher aber hat das noch keiner getan. Das wird verhandelt.

Prinz Albert sorgt sich darum, dass die Ausnahme die Regel wird.

Coates sagt, bei den nächsten Winterspielen reden wir über 2026 allein, nicht über 2026 und 2030. Wenn wir allerdings zwei sensationelle Kandidaten haben sollten, schauen wir uns das gegebenenfalls an.

Bach: Das ist für 2026 das richtige Vorgehen. Welches Vorgehen? Als uninformierter Medienmensch weiß ich es nicht. Denn die Unterlagen/Vorschläge sind noch nicht verteilt/öffentlich. So läuft das im IOC.

Teilweise eine Witz-Veranstaltung.

15.51 Uhr: Detailfragen, nachrangig, wie ich finde: Muss die Charta geändert werden oder nicht. Coates sagt wohl: nein. Denis Oswald schlug gerade vor: doch. Ich finde, Oswald sollte sich auf seine Sotschi-Kommission konzentrieren.

Auch das ist interessant: Die widerspenstigen Menschen der paralympischen Bewegung (Russland-Frage) sind nicht mehr gefragt im IOC:

Eine Diskussion entwickelt sich:

15.58 Uhr: Wenn ich es also richtig verstanden habe, wird bis September zwischen dem IOC und den beiden Bewerbern verhandelt, wer welche Spiele bekommen soll. Die IOC-Session stimmt dann nur noch über diesen Vorschlag ab, der gewiss lauten wird: Paris 2024, Los Angeles 2028.

16.04 Uhr: “It buys us some time to take a longer view …” sagt Dick Pound. Natürlich ist auch er für die Doppelvergabe. Zu 2026 sagt er: Eröffnet den Bewerbungsprozess jetzt nicht, wir haben alles in der Hand.

If there is a deal, deal. I think we can safe a lot of time and money.”

Bach noch einmal: Wir entscheiden entweder über das dreiseitige Abkommen oder nur über 2024. Sie nennen es “tripartal agreement”.

17.11 Uhr: Nach einer Kaffeepause trägt Coates für des Exekutivkomitee nun das Wording für die Sonderlösung vor.

Bach wird sofort eine Evaluierungskommission für 2028 benennen. Lustig.

Ohne Gegenstimme angenommen.

17.22 Uhr: Und schon geht es mit 2026 weiter. So sieht es dort aus:

17.44 Uhr: Session closed.

Es war übrigens die 130. Session, am Ende doch keine außerordentliche Vollversammlung, wie es bis gestern noch hieß.

* * *
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Sofasportler #1

Darf man das als Drohung des IOC verstehen?

Im Interesse des IOC kann ja nur ein “Deal” als Ergebnis rauskommen oder? Sonst stehen sie ja ohne Kandidat für 2018 da, oder verstehe ich da was falsch?

JW #2

Nein. Wenn es keine Einigung gibt, wird nur über 2024 entschieden – und für 2028 dann in vier Jahren nach dem bislang gültigen Reglement.

Sofasportler #3

Ich frage nur weil ich mich meine zu erinnern, dass beide 2024 wollen.

Stefan #4

Für die Winterspiele 2026 hast sich gestern eine Lösung ergeben. Der von der Antarktis abgebrochene Eisberg wäre ideal. Der gehört zu keinem Land. Also kein teures Bewerbungsverfahren, kein Strafrecht, keine Steuern. In 9 Jahren ist der immernoch so groß wie ein halbes Saarland, was völlig ausreicht.

Roland #5

Verstehe ich das richtig, dass sich die IOC Mitglieder gerade die Möglichkeit genommen haben, sich vier Jahre lang auf Kosten der Bewerberstädte hofieren und mit Motivationshilfen aller Art versorgen zu lassen? Die müssen ja ganz schön verzweifelt sein…

JW #6

@ Roland: Manche ärgern sich natürlich. Aber wer will, richtet
seine vielfältigen Lebenssachverhalte entsprechend ein.

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