Russland nimmt Kurs auf die Winterspiele 2018 in PyeongChang: nächste Ausfahrt CAS

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Soschi 2014, das Finale: Ein russisches Trio empfängt die Medaillen nach dem Marathon über 50 km. Alexander Legkow (M.) zieht jetzt vor den CAS. Kollege Wylegschanin ist ebenfalls suspendiert - und läuft trotzdem. (Foto: President of Russia)

Soschi 2014, das Finale: Ein russisches Trio empfängt die Medaillen nach dem Marathon über 50 km. Alexander Legkow (M.) zieht jetzt vor den CAS. Kollege Wylegschanin ist ebenfalls suspendiert – und läuft trotzdem. (Foto: President of Russia)

Kein Tag ohne Dopingmeldungen aus Russland. Der Welt-Sportgerichtshof CAS in Lausanne teilt heute mit, dass die suspendierten russischen Skilangläufer Alexander Legkow und Jewgeni Below Einspruch gegen ihre vom Ski-Weltverband FIS ausgesprochenen Sperren eingelegt haben. Dies hatte ihr deutscher Anwalt Christof Wieschemann am Mittwoch via Twitter, auf seiner Webseite und schließlich über Nachrichtenagenturen verkündet.

Der Einspruch mit Beantragung eines beschleunigten Verfahrens (die Nordische WM beginnt in zweieinhalb Wochen in Lahti) erfolgte am Montag, am Donnerstag lieferte Wieschemann dem CAS die Begründung nach.

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Pressemitteilung CAS vom 3. Februar 2017

Legkow, der am Schlusstag der Winterspiele 2014 in Sotschi den Marathon über 50 Kilometer gewonnen hatte, ist einer von sechs russischen Langläufern, die im Dezember 2016 nach Veröffentlichung des zweiten Untersuchungsberichts von Richard McLaren vom Ski-Weltverband FIS suspendiert wurden. Die Doping-Kommission der FIS hatte Einsprüche der Russen in der vergangenen Woche abgelehnt.

Ich bin zu 300 Millionen Prozent ruhig. Rufen Sie meine Trainer an und fragen Sie, wie wir in jenem Jahr trainiert haben. Wo sitzt Rodschenkow, in Miami, in Los Angeles? Es ist sehr leicht, so etwas zu sagen, wenn du weit weg bist.”

Alexander Legkow, Mai 2016

Trotz der Suspendierung soll Maxim Wylegschanin, dreimaliger Silbermedaillengewinner von Sotschi, bei zwei nationalen Wettbewerben gelaufen sein, weshalb ihm die Ausweitung der vorläufigen Sperre droht.

Die wichtigsten Festlegungen der FIS seit Veröffentlichung von McLaren II:

Am Mittwoch suspendierte die Disziplinarkommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) die während der Olympischen Sommerspiele 2012 in London gedopte Rundenläuferin Antonia Kriwoschapka. Russlands Staffel (4 x 400 m) wurde die Silbermedaille aberkannt. In der vergangenen Woche, als Usain Bolts Staffelkollege Nesta Carter sein Urteil erhielt und Bolt deshalb seine Staffel-Goldmedaille abgeben musste, wurde auch die russische Drei- und Weitspringerin Tatjana Lebedewa gesperrt und muss ihre Goldmedaille von Peking zurückgeben. Insgesamt hat die nunmehrige Politikerin, die im vergangenen Jahr der WADA, der IAAF und anderen bösen Mächten eine Verschwörung gegen den unschuldigen russischen Sport unterstellte, bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften (Halle und Freiluft) acht Gold- und fünf weitere Medaillen gewonnen. Allein die WM-Titel brachten rund 300.000 Dollar ein, die Golden League hat sie auch gewonnen. Wäre interessant zu wissen, ob sie dabei jemals sauber gewesen ist. Aus dem Präsidium der Russland-nahen World Olympians Association (WOA) wurde sie flink verbannt.

Anyway. Das IOC kommt mit der Statistik kaum hinterher.

Bei den olympischen Nachtests der Spiele von Peking 2008 und London 2012 wurden bislang 103 Athleten des Dopings überführt, 31 stammen aus Russland, weiter 50 aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. Die Statistik des IOC steht momentan (3. Februar 2017) noch bei 98 Dopern und stammt vom 25. Januar:

Ergänzung am 4. Februar, 13.22 Uhr: Der aufmerksame Leser Christian Klaue, IOC-Medienaufpasser für den deutschsprachigen Raum, weist mich freundlicher Weise darauf hin, dass das IOC doch wenigstens mit dem Zählen hinterher kommt.

Es gibt also ein aktuelleres Factsheet vom 1. Februar 2017, das besagt:

Man muss sehr aufmerksam sein, noch viel aufmerksamer als ich, der das Zeug nun wirklich mehrfach gelesen hat.

Nach meinem telefonischen Nachhilfeunterricht hier die wichtigsten Daten aus dem Zahlenwerk, das leicht misszuverstehen ist, wie ich finde:

  • Bei allen bisherigen Nachtests für Peking (2009, 2016) und London (2015, 2016) gab es insgesamt 107 positive Fälle.
  • Davon tauchen in der Statistik 5 Fälle der 2009er Nachtests (Peking) und 1 Fall der 2015er Nachtests (London) auf.
  • Also ergaben die 2016er Nachtests (Peking und London) 101 positive Fälle.
  • Von diesen 101 Fällen sind 95 (56 Peking, 39 London) namentlich bekannt und von der IOC-Disziplinarkommission abgeurteilt.
  • Es stehen also noch sechs Verfahren und sechs Namen aus, die in den nächsten Tagen/Wochen veröffentlicht werden.
  • Bei den 101 positiven Nachtests aus dem Jahr 2016 sind bislang 30 Russen aufgeflogen (17 Peking, 13 London).
  • Separat laufen (s.u.) die Nachtests für Vancouver 2010 und Sotschi 2014.

Das steht alles in dem Papier, nur könnte man es etwas besser zusammenfassen.

Aber jetzt weiter im eigentlichen Text:

Wenigstens beziehen sie die erste Welle der Peking-Nachtests aus dem Jahr 2009 korrekt mit ein. Ich muss unbedingt immer wieder darauf hinweisen, dass die Peking-Proben 2008 wochenlang im Machtbereich der KP-Apparatschiks lagerten. Auch deshalb ist der Sache nicht zu trauen. Verantwortlich für das Testprogramm in der Olympic Period: seit jeher das IOC, nicht die WADA. Das ändert sich erst in PyeongChang.

Und um PyeongChang, um die nächsten Winterspiele, die am 9. Februar 2018 beginnen, geht es derzeit vor allem. Es wiederholen sich, nur mit etwas mehr Zeit, das IOC spielt auch mächtig auf Zeit, Vorgänge, die wir schon aus dem wilden Sommer 2016 kennen.

Am Beispiel der Langläufer lassen sich die Probleme bei der Aufarbeitung des russischen Staatsdopings bestens illustrieren. Christof Wieschemann, Sportrechtler aus Bochum und Anwalt von (Noch-)Olympiasieger Legkow, wird nicht müde, einen „Mangel an Rechtsstaatlichkeit des Verfahrens“ zu brandmarken. „Es scheint so, als würden die Athleten zu Sündenböcken gemacht, die tatsächlichen Probleme aber an anderer Stelle liegen“, schreibt Wieschemann auf seiner Webseite, wo er die Kritik in Richtung WADA und des Kronzeugen/Whistleblowers Grigori Rodschenkow fokussiert.

Anwalts-Gehabe. Daily Business.

„Aus Sicht des einzelnen Athleten spielt es keine Rolle, ob die Beschreibung des Manipulations-Systems in Sotschi durch den McLaren Bericht richtig ist, oder nicht“, schreibt Wieschemann. Es gebe „keinen überzeugenden Beweis für eine unmittelbare oder aktive Beteiligung eines einzelnen Sportlers daran“. Letzteres hatte er bereits Ende Dezember dargelegt und wird es auch im CAS-Schriftsatz tun.

Kein Beweis individueller Schuld?

Das gehört wohl zu den Säulen eines ausgeklügelten Betrugssystems, wie es inzwischen in zwei WADA-Berichten (November 2015, Januar 2016/Fokus IAAF), zwei McLaren-Berichten (Juli 2016, Dezember 2016), den Darlegungen von Zeugen und Whistleblowern und ungezählten medialen Enthüllungen und Berichten beschrieben wurde: Der Nachweis in Form einer positiven Probe fällt naturgemäß (mitunter) schwer – Sotschi mit den Dopingkontrollen unter Oberhoheit des IOC, nicht der WADA, ist so ein Fall. Und das Schweigegelübde greift bis auf wenige Ausnahmen, Whistleblower werden vom System verunglimpft und bekämpft.

Wieschemann argumentiert, binnen fünf Wochen Anfang 2014, bis zum Beginn der Sotschi-Spiele, seien dreizehn Dopingproben von Legkow genommen und nicht nur in Moskau, sondern auch in Lausanne, Kreischa und Köln negativ analysiert worden. Dass Hunderte negative Tests gar nichts aussagen müssen, weiß man allerdings seit langem: Seit den spektakulären Dopingfällen aus den USA rund um das BALCO-Labor und um Lance Armstrong. Man frage nach bei Marion Jones – die übrigens im Zuge der BALCO-Aufarbeitung im Knast landete. Das passiert, mitunter, andernorts mit Dopern.

Der kanadische Sonderermittler Richard McLaren hat in seinen beiden Berichten auch nicht den Nachweis des Dopings einzelner Sportler geführt, sondern das staatlich orchestrierte Dopingsystem belegt, in dem mehr als 1.000 Sportler, das Sportministerium, Sportverbände, Trainer, der Geheimdienst FSB und die sogenannte Antidopingbehörde RUSADA einbezogen waren. Das IOC weigert sich dennoch, Kollektivstrafen wie einen kompletten Olympiabann Russlands auszusprechen, und delegiert die Verantwortung an die olympischen Weltverbände. Die wiederum sollen jetzt am Beispiel der manipulierten Proben bei den Sotschi-Winterspielen den individuellen Schuld-Nachweis führen und sind damit überfordert.

In diesem Winterwald aus Nebelkerzen haben Anwälte, die mutmaßliche Doper verteidigen, und die russische Propaganda relativ leichtes Spiel.

Am 9. Februar 2018 werden also die Olympischen Winterspiele in PyeongChang eröffnet. Am 9. Februar 2017 werden das IOC und die Südkoreaner den Jahres-Countdown einleiten. Traditionell lädt das IOC die anerkannten derzeit 206 Nationalen Olympischen Komitees (NOK), Kuwait ist suspendiert, formal zu den Spielen ein. Dagegen fordern 19 Nationale Anti-Doping-Agenturen, darunter die deutsche NADA, zahlreiche Funktionäre aus der zweiten Ebene und immer mehr Spitzensportler einen Ausschluss Russlands, was das IOC schon vor einem halben Jahr bei den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro erfolgreich verhindert hat.

Sport hat nichts mit Politik zu tun. Nicht in Russland. (Fotoquelle: President of Russia)

Putin, Schukow, Kozak, Mutko et al 2014 mit ihren Sotschi-Helden. (Foto: President of Russia)

Mal wieder perfide ist die Argumentation des IOC-Präsidenten Thomas Bach: Er verneint die Mitverantwortung des russischen NOK im staatlichen Dopingsystem, wozu ihm erstaunlicher Weise McLaren Argumente geliefert hat, spricht gleichzeitig aber von einer Doping-Verschwörung in Russland, die ihn angeblich erschrecke und „innere Wut“ auslöse – und fabuliert über härteste Strafen gegen beteiligte Sportler inklusive eines Olympia-Banns. Gegen den gemäß Olympischer Charta leicht zu begründenden Olympia-Ausschluss Russlands wehrt er sich vehement.

Bach überlässt die Aufarbeitung nicht nur den sieben Wintersportverbänden, wobei Curling und Rodeln derzeit nicht betroffen sind (oder habe ich was verpasst?), sondern hat in routinierter alter Bach-Tradition zwei IOC-Kommissionen benannt:

  1. Eine wird geführt vom Schweizer Denis Oswald und beschäftigt sich mit der Manipulation der Dopingproben bei den Sotschi-Spielen, wo mindestens ein Dutzend russische Medaillengewinner gedopt gewesen sein sollen. Oswald leitet außerdem die IOC-Disziplinarkommission, die gerade die russische Rundenstaffel von London, Nesta Cater und Tatjana Lebedewa suspendiert hat. Neben Oswald gehören Juan Antonio Samaranch jr und Uğur Erdener (Präsident des Bogenschützen-Weltverbandes WA) zur Disziplinarkommission. Samaranch und Erdener hatten schon im vergangenen Jahr vor Rio Top-Arbeit im Sinne ihres Chefs verrichtet, hielten Claudia Bokel in der Dreier-Kommission in Schach, die endgültig über die Teilnahme der 271 russischen Sportler in Rio entschied – und wurden dafür, gewiss kein Zufall, mit IOC-Vizepräsidentschaften belohnt.
  2. Eine zweite IOC-Kommission, geführt vom ehemaligen Schweizer Bundesrat Samuel Schmid, soll sich noch einmal mit der „institutionellen Verschwörung“ in russischen Sportverbänden, dem Sportministerium, der RUSADA und vielleicht sogar im NOK befassen. Diese Kommission wurde zunächst vom ehemaligen französischen Richter Guy Canivet geleitet, der sich zurückgezogen hat und vor wenigen Tagen von Bach den Olympischen Orden erhielt.

Schmid beginnt gerade mit seiner Arbeit. Dieser Tage will man sich wohl in Lausanne treffen, wenn ich das richtig mitbekommen habe, dann ist es zum ersten Mal (unter Schmid).

Oswald klagte bereits öffentlich über den gigantischen Arbeitsaufwand: Dokumente, Recherchen, Zeugenbefragungen, das volle Programm. Es ist unklar, ob noch in diesem Jahr Abschlussberichte vorgelegt werden – abgesehen von der grundsätzlichen Frage, ob man IOC-internen Untersuchungen überhaupt trauen darf.

Es kann also sein, dass sich das Chaos von Rio vor PyeongChang wiederholt, bis zuletzt über die russische Olympiateilnahme debattiert wird und fragwürdige Entscheidung getroffen werden.

Zudem verspricht das IOC seit Mai 2016, damals auch unter Druck von Athletensprechern wie Claudia Bokel (seinerzeit noch IOC) und Beckie Scott (WADA), die Nachtests der eingefrorenen Dopingproben von Sotschi. Mehr als die Angaben aus dem McLaren-Bericht kennt man bisher nicht. Ende Dezember versprach Bachs Administration zusätzlich die Analyse aller eingefrorenen russischen Dopingproben der Winterspiele 2010 in Vancouver und leitete 28 Disziplinarverfahren wegen manipulierter Dopingproben 2014 in Sotschi ein.

Mitte März tagt das IOC-Exekutivkomitee zum nächsten Mal, passender Weise in PyeongChang. Bis dahin wollen Oswald und wohl auch Schmid wenigstens erste Zwischenberichte vorlegen.

Es geht dann vorwärts, wenn der Druck von Öffentlichkeit und Sportlern aufrechterhalten wird. Bestes Beispiel sind jene 170 154 Biathleten, die ihren Weltverband IBU im Januar schriftlich aufgefordert haben, die Doping-Regularien zu verschärfen, das individuelle Strafmaß auf bis zu acht Jahre zu erweitern, die Geldstrafen für Nationalverbände auf bis zu eine Million Euro zu erhöhen und Doper-Nationen Quotenplätze zu streichen. Im Grunde hatte sich der russische Biathlonverband in den vergangenen Jahren schon zweimal mit Strafzahlungen freigekauft.

Nachtrag am 4. Februar 2017, 19.52 Uhr: Habe nun den Brief der Biathleten an die IBU-Führung und die Unterschriftenliste vor mir, darf es noch nicht veröffentlichen. Korrekt ist:

  • Binnen 24 Stunden haben vom 12. zum 13. Januar während des Weltcups in Ruhpolding 154 Sportler aus 22 Nationen unterschrieben – außerdem 56 Trainer aus 21 Ländern.

Im McLaren-Report werden 31 Fälle aus dem Biathlon erwähnt. Angeblich, so heißt es aus IBU-Kreisen, seien darunter allerdings auch Gewichtheber gewesen und Sportler, die seit Jahren nicht mehr aktiv sind. Die IBU sprach inzwischen die meisten Russen frei, nur gegen neun Biathleten laufen Verfahren, wobei zwei davon auch im IOC-Fokus stehen.

Nachdem sich die beiden Stars der Szene, Martin Fourcade aus Frankreich und der Norweger Ole Einar Bjørndalen, wochenlang engagierten und andere Aktive mit Boykott gedroht hatten, berief die IBU-Führung einen außerordentlichen Kongress ein, der nächste Woche unmittelbar vor Beginn der WM in Hochfilzen (Österreich) stattfinden soll. Gegenüber der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA muss sich die IBU wegen der Vergabe der WM 2021 an das russische Tjumen weiterhin rechtfertigen. Der diesjährige Weltcup in Tjumen und eine Junioren-WM wurden Russland aberkannt. Erster IBU-Vizepräsident ist übrigens der Russe Wiktor Majgurow.

Präsident Anders Besseberg aus Norwegen war für mich nicht zu sprechen.

Hier auch die wichtigsten Mitteilungen der IBU seit McLaren II:

Die Lage wird dadurch verkompliziert, da im überschaubaren Wintersport, der nur ein einigen Dutzend Nationen weltweit professionell betrieben wird, die Seilschaften besonders eng wirken. Man kennt sich, man versteht sich. Sportler und Offizielle bewegen sich im Weltcup-Zirkus viele Wochen auf engstem Raum zusammen. Das Verständnis ist groß. Im Biathlon zum Beispiel fungiert der vielfach vergoldete deutsche Staffelheld Ricco Groß als russischer Nationaltrainer und fährt, wenn man vielen Geschichten und Äußerungen glauben darf, dort eine Nulltoleranz-Politik (gewissermaßen wie das IOC).

Oder, eine andere Wintersportart: Der Schweizer René Fasel zum Beispiel, IOC-Mitglied, Präsident des Eishockey-Weltverbandes IIHF und traditionell gut in Russland vernetzt, auch im Kreml, zweifelt McLarens Erkenntnisse öffentlich grundsätzlich an. So erklärte er im August 2016:

Ich zweifle den McLaren-Report an. Die Vorwürfe stützen sich in erster Linie auf die Aussagen eines Whistleblowers, dessen Glaubwürdigkeit nicht über alle Zweifel erhaben ist. (…) Diese ganze Angelegenheit hat auch einen politischen Hintergrund und dient dem Interesse der anglo-amerikanischen Welt. Sport war halt schon immer auch Politik.”

Immer nah an Putin: Eishockey-Präsident Renè Fasel. (Foto: President of Russia)

Immer nah an Putin: Eishockey-Präsident Renè Fasel. (Foto: President of Russia)

Nicht nur im Biathlon wurden provisorische Sperren aus Mangel an Beweisen bereits aufgehoben.

So darf der des Dopings verdächtige Skeleton-Olympiasieger Alexander Tretjakow längst wieder auf die Bahn. Am vergangenen Wochenende gewann er den Weltcup am Königssee, wo Mitte Februar auch die Weltmeisterschaften im Skeleton und Bob stattfinden. Der Weltverband IBSF hatte diese Titelkämpfe nach Veröffentlichung des zweiten McLaren-Berichts von Sotschi abgezogen und nach Bayern verlegt. Auch diese Entscheidung kam nur unter Druck etlicher Sportler zustande, die mit einem Boykott der WM in Sotschi gedroht hatten.

Der zweifache Bob-Olympiasieger von Sotschi Alexander Subkow, einer der Lieblingssportler Wladimir Putins, ist inzwischen zum Präsidenten des russischen Verbandes aufgestiegen und steht unter akutem Dopingverdacht. Er sieht sich ebenfalls als Opfer böser Mächte. Zur Abschlussfeier der Sotschi-Spiele, als dem Langläufer Alexander Legkow die Goldmedaille überreicht wurde, durfte Subkow auf der Ehrentribüne neben Putin sitzen.

Schlussfeier Sotschi 2014: Sportkameraden Subkow (Noch-Olympiasieger), Bach, Putin, Medwedjew. (Foto: President of Russia)

Schlussfeier Sotschi 2014: Sportkameraden Subkow (Noch-Olympiasieger), Bach, Putin, Medwedjew. (Foto: President of Russia)

Subkows ehemaliger Anschieber, der längst zurückgetretene Olympiasieger Dmitri Trunenkow, wurde am Dienstag von der RUSADA für vier Jahre gesperrt – wegen eines Vergehens aus dem Jahr 2016, nicht wegen Sotschi.

Hier auch noch die Erklärungen der IBSF seit McLaren II, ein Auf und Ab – IBSF-Vizepräsident für Kommunikation ist lustiger Weise der Russe Georgi Bedschamow.

Der Engländer Adam Pengilly, der als Vizepräsident Internationales ebenfalls dem IBSF-Exekutivkomitee angehört, war übrigens auf der IOC-Session im August 2016 in Barra da Tijuca das einzige IOC-Mitglied, dass dem Präsidenten Bach in der Russland-Frage die Gefolgschaft verweigerte. In einem Jahr in PyeongChang muss Pengilly turnusgemäß aus dem IOC scheiden.

Darin liegt eine Logik.

Relativ hart bleibt bislang der Ski-Weltverband FIS, gegen den Legkow und sein ebenfalls suspendierter Gefährte Gefährte Jewgeni Below mit deutscher Anwaltshilfe nun vor den CAS ziehen. FIS-Präsident Gian Franco Kasper (Schweiz) lehnt Kollektivstrafen zwar ebenfalls ab, leistet sich aber eine eigene Meinung und fordert zum Beispiel auch die FIFA (gleiches Recht für alle) und eine Diskussion über den Confederations Cup 2017 und die Fußball-WM 2018 in Russland.

Das Weltcup-Finale der Langläufer lies Kasper problemlos von Tjumen nach Quebec in Kanada verlegen. Auch der Eislauf-Weltverband ISU verlegte sein Weltcup-Finale im Eisschnelllaufen: von Tscheljabinsk nach Stavanger in Norwegen. Derlei kosmetische Operationen sind das eine, die juristisch wasserdichte individuelle Würdigung eines Dopingsystems ist etwas anderes.

„Wir brauchen Beweise“, sagt Gian Franco Kasper am Telefon. „Wir können auf Dauer nicht spekulieren. Wir müssen die Frage beantworten: Waren die Athleten in Sotschi gedopt oder nicht.“

Kasper ist IOC-Mitglied und zugleich Präsident der Vereinigung aller olympischer Wintersportverbände, AIOWF genannt. Der Dachverband AIOWF versprach am vergangenen Wochenende, alles zu tun, um die Integrität der laufenden Weltcup-Wettbewerbe, der bevorstehenden Weltmeisterschaften und anderer internationaler Wettkämpfe zu wahren.

Zugleich geht es in vielen Disziplinen um die Qualifikation für die Winterspiele 2018 in PyeongChang. Vor diesem Hintergrund bekräftigte die AOIWF das Offensichtliche: die absolute Dringlichkeit.

Am 21./22. Februar soll es eine Krisensitzung der AIOWF mit der WADA geben, wahrscheinlich in Lausanne. Kasper wird nicht dabei sein, er ist mit der Alpinen WM in St. Moritz und der darauffolgenden Nordischen WM in Lahti schwer eingebunden. „In den Daten, die wir bisher bekommen haben, waren zu viele Fehler“, sagt Kasper, „die Verbände wollen endlich mehr Informationen haben.“

Jener Gang vor das Sportgericht CAS, den Legkows Anwalt Wieschemann nun betreibt, dürfte richtungsweisend sein. Wie schon vor den Sommerspielen in Rio de Janeiro:

Jetzt müsste das CAS die Frage beantworten, ob die Suspendierung von Legkow & Co. auf Grundlage des McLaren-Berichts berechtigt ist. Das würde aber zunächst nur für die WM in Lahti gelten. Die Kernfrage der Teilnahme russischer Sportler an den Winterspielen in einem Jahr in PyeongChang wird weiter vertagt.

“Ich werde sicher nicht sagen, ich will keine Russen bei den Winterspielen“, sagt Ski-Präsident Gian Franco Kasper. „Wer dort nicht teilnimmt, sollte nicht wegen seines Reisepasses gesperrt sein, sondern wegen nachweisbarer Vergehen.“

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Eine kurze Version des Textes erschien auf Spiegel Online: Anti-Doping-Kampf im Wintersport: “Wir brauchen Beweise”

JW #1

Einspruch abgelehnt.

THE COURT OF ARBITRATION FOR SPORT (CAS) REJECTS THE URGENT REQUESTS FOR PROVISIONAL MEASURES FILED BY FIVE RUSSIAN ATHLETES

Lausanne, 21 February 2017 – The Court of Arbitration for Sport (CAS) has today rejected urgent requests for provisional measures filed by five Russian cross country skiers – Alexey Petukhov, Evgenia Shapovalova, Maxim Vylegzhanin, Alexander Legkov and Evgeniy Belov. The athletes sought to stay the execution of the decisions taken by the FIS Doping Panel on 25 January 2017 (Alexander Legov and Evgeniy Belov) and on 6 February 2017 (Alexey Petukhov, Evgenia Shapovalova and Maxim Vylegzhanin), which confirmed their provisional suspensions, in order to be able to compete at the 2017 FIS Nordic World Ski Championships that will take place in Lahti, Finland from 22 February to 5 March 2017. Consequently, the athletes remain provisionally suspended.

On 22 December 2016, the International Olympic Committee (IOC) opened investigation procedures against the athletes further to evidence presented in the second McLaren Independent Investigation Report that urine samples provided by the athletes during the 2014 Sochi Olympic Winter Games may have been tampered with, by manipulation of samples in the WADA-accredited laboratory in Sochi.

The same day, the FIS Doping Panel imposed provisional suspensions on each athlete, which were confirmed in the decisions dated 25 January 2017 and 6 February 2017.

The decisions issued today are given in response to requests for provisional measures filed during the course of the athletes’ appeal arbitration procedures before the CAS. The arbitration procedures are still ongoing and the parties are currently exchanging written submissions and the process of appointing the arbitrators who will decide the matters is underway. At this early stage of the proceedings, it is not possible to determine when the final decisions will be issued.

Stefan #2

Weltfrauentag und noch keine Idee für eine passende Meldung? Vielleicht dies:

Der internationale Skiverband FIS legt Einspruch gegen die Doping-Sperre von Langlauf-Star Therese Johaug ein und fordert eine härtere Strafe.

Was war passiert? Frau Johaug hatte die falsche Zahnp KalbfleischLippencreme benutzt und wurde vom Verband so geschickt gesperrt, dass sie in Pjöngchang wieder starten hätte können.
http://www.sport1.de/wintersport/skilanglauf/2017/03/doping-fis-legt-einspruch-gegen-sperre-von-therese-johaug-ein

Herbert #3

Mal zur Abwechslung ein Blick auf die andere Seite des sauberen Planeten: Seit 2015 im Verdacht gewann das Nike-Oregon-Project in Rio – as I remember – drei Medaillen und fällt weiter auf:

“Britain’s double Olympic champion Sir Mo Farah has again denied that he broke anti-doping rules amid fresh allegations against his coach, Alberto Salazar, that also prompted questions over whether the athlete’s health was put in danger by taking prescription drugs when there was no medical need.”

https://www.theguardian.com/sport/2017/feb/25/alberto-salazar-link-mo-farah-leaked-us-report-usada-russian-hackers

Das scheint eine neue indirekte vom den gültigen Anti-Doping-Regeln nicht erfasste Methode zu sein. Der Kampf scheint hoffnungslos, aber noch nicht verloren.
Dummerweise hackten die Fance Bears einen USADA-Report. Das macht die Sache (politisch) schon komplizierter.

Hat McLaren noch freie Kapazitäten ? Oder schafft das die WADA allein ? Dazu auch im jüngsten Spiegel ein aufschlussreicher Beitrag.

Herbert #4

“Gedopte Sportlerinnen und Sportler sind nicht nur Profiteure, sondern auch Opfer einer solchen Struktur. Darauf zu beharren, sie einzeln zu überführen, heißt nicht nur, die Dimension des Betruges zu verkennen. Sondern auch, das System zu schützen.” http://www.faz.net/aktuell/sport/sportpolitik/ioc-zweifelt-an-mclaren-russland-freigespielt-14901116.html
Aber das erkläre man einen mal. Die seit Jahrzehnten geltende und regelkonforme Praxis der Überführung und evtl. Bestrafung von Einzelsportlern erscheint plötzlich als nicht angemessen. Wenn jahrelang die Verbesserung des Anti-Doping-Systems gefordert wurde, dann wurde mit dem Zeigefinger gedroht. Alles war doch so schön im längst überkommenen Lot. Und jetzt soll das System auf dem Kopf gestellt werden. Das System ist einfach fertig, seit Jahrzehnten. Das Schlimme ist, dass mit einem überkommenen System die Sauberkeit im Sport hergestellt bzw. bewahrt werden soll. Entweder man hat Mut und setzt zum großen Schlag an oder man lässt es sein und dümpelt unter Inkaufnahme von Fehlurteilen und neuerdings von politischer Einflussnahme weiter vor sich hin. Mit dem Streben nach Sauberkeit hat das jedoch rein gar nichts zu tun.

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