live-Blog: der McLaren-Report zum russischen Dopingsystem #Sotschi2014

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Auf geht’s. Was haben der kanadische Jurist Professor Richard McLaren und sein Investigator Mathieu Holz (ehemals Interpol) zu bieten in Sachen staatlich orchestriertes Doping in Russland und Großbetrug im Dopingkontroll-Labor der Winterspiele 2014 in Sotschi? Werden die Forderungen nach einer Suspendierung des vom IOC-Mitglied und Duma-Mann Alexander Schukow geführten russischen NOK (ROC) lauter?

Es ist soweit. In Toronto tritt McLaren 15.00 MESZ vor die Medien.

In Vorbereitung habe ich in diesem Beitrag Material zusammengetragen und die erbitterten Diskussionen des Wochenendes zusammengefasst:

Einen Livestream gibt es zumindest beim Guardian. Wer andere/bessere Angebote findet, bitte in die Kommentare stellen.

Ich bette RT ein, Achtung:

Hier ist der Bericht:

Zum russischen Sportministerium:

  1. The Ministry of Sport made the determination as to which athletes would be protected by the Disappearing Positive Methodology.
  2. The Deputy Minister of Sport in his discretion made the save or quarantine order.
  3. Russian officials knew that Russian athletes competing at Sochi used doping substances.

Kernaussage:

  • The Sochi Laboratory operated a unique sample swapping methodology to enable doped Russian athletes to compete at the Games.
  • The Ministry of Sport directed, controlled and oversaw the manipulation of athlete’s analytical results or sample swapping, with the active participation and assistance of the FSB, CSP, and both Moscow and Sochi Laboratories.

Findings with respect to Witnesses

Dr. Rodchenkov, in the context of the subject matter within the IP mandate, was a credible and truthful person.

15.13 Uhr: Nicht nur Sotschi, klar: Schwimm-WM, Universiade, Leichtathletik-WM etc pp. – gewiss auch Paralympics.

Hier nochmal die olympischen Sportarten, die in Russland seit 2010 Weltmeisterschaften ausgetragen haben, seit das System nach dem blamablen Vancouver-Abschneiden neu justiert wurde:

  1. Tischtennis
  2. Turnen
  3. Ringen
  4. Eislaufen (Eiskunstlauf und Eisschnelllauf)
  5. Eishockey
  6. Moderner Fünfkampf
  7. Rugby
  8. Leichtathletik
  9. Kanu
  10. Judo
  11. Schwimmen
  12. Fechten
  13. Taekwondo
  14. Eishockey

Im Ebook “Macht, Moneten, Marionetten” liefere ich zahlreiche Statistiken und viele Dutzend Seiten dazu, wie Russland zur mächtigsten Sportmacht des Planeten aufgestiegen ist. Leseprobe:

Mein bisheriger Lieblingsbegriff, strange:

15.25 Uhr: Das nochmal so zu hören, lässt einem schon die Kinnlade runterklappen. Er sei von den bislang gesammelten Erkenntnissen sehr überzeugt, sagt McLaren. Er ist Jurist. Er wählt seine Worte mit Bedacht.

15.28 Uhr: Q & A. Ich habe mich nicht mit eingewählt, um Fragen stellen zu können, sondern verfolge das nur hier im Video.

1) Hajo Seppelt lässt es sich nicht nehmen, darauf hinzuweisen, dass IOC-Präsident Thomas Bach im Juni das russische NOK sogar gelobt und aus der Schusslinie genommen hat.

Die Antwort ist wichtig wegen Olympischer Charta. “Very intensive 57 days”, sagt McLaren. Er könne die aktive Rolle des NOK nicht belegen, aber er weist darauf hin, dass ja alle Verbandspräsidenten dem ROC angehören und dass das Ministerium das System gelenkt hat. Seppelt weißt auf eine Funktionärin hin, die im Bericht steht. Dieses Thema könnte, trotz aller erschlagender Fakten, entscheidend sein.

2) Habe nicht verstanden, wer der Fragesteller war. Er fragt, ob Rodschenkow ein glaubwürdiger Zeuge sei (das hatte McLaren schon im Juni gegenüber der IAAF und auch jetzt im Report so gesagt) und ob der Bericht wegen der Haltung von USADA, CCES, Athletenkommission zum Russland-Bann kompromittiert sei. Hört sich nach bestelltem Fragesteller an.

Ohne jeden Zweifel kann man Rodschenkows Aussagen zum Betrug in den Labors glauben. Sagt McLaren.

I am confident that there has been no leak!

(The discussion) does not infect the credibility of the report.

Die Fragen, die per Telefon eingespielt werden, sind kaum zu verstehen.

McLarens Truppe hat Experimente durchgeführt:

mcl1mcl2

Hab mich nicht verguckt: Empfehlungen hat McLaren im Bericht nicht ausgesprochen. Er hat sich auf die korrekte Wiedergabe von Fakten/Erkenntnissen konzentriert. Alles andere sei nicht sein Job.

3) Spricht jetzt eine Russin? Die Frau behauptet einen “Leak”, der überhaupt nicht bewiesen ist, und fragt natürlich nach politischen Hintergründen, Kalter Krieg etc. Oh Gott. Kann den Quark nicht mehr hören.

Richard McLaren:

The report was not leaked!

… What others did was all speculation. As you can now see some of it was completely wrong.

… The timing actually is caused by information coming in the public domain. i don’t think there was any strategic plan.

Er hätte gern einige Wochen weiter gemacht. Da gibt es viel mehr, sagt McLaren.

4) Rebecca Ruiz (New York Times) fragt nochmal nach Empfehlungen und danach, was das russische Doping besonders macht. Und danach, ob sich der Betrug im Rio-Labor wiederholen könnte. (Witzig, denn es gibt gar kein Rio-Labor, die Proben müssen nach Lausanne geflogen werden, da wiederum gab es auch schon Skandale.)

McLaren wiederholt, dass er keine Empfehlungen macht.

5) Eddie Goldman. Fragt offenbar danach, ob sich Sportler dem System entziehen konnten.

McLaren sagt, wer nicht mitgemacht hat, hätte wahrscheinlich nicht besten Bedingungen und Trainer bekommen (alles bedingt einander). Hoffe, habe das richtig verstanden, bisschen hektisch gerade und schlechte Akustik.

Richard McLaren legt zum wiederholten Male dar:

  • Nur 57 Tage
  • Nur begrenzten Zugriff
  • Nur begrenzte Daten
  • Wir haben an der Oberfläche gekratzt
  • In einer idealen Welt hätte ich viel mehr gemacht/machen wollen …

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Dieser live-Blog und der gestrige Beitrag mit Exklusivmaterial sind bereits Teil meiner vorolympischen Berichterstattung. Einige Beiträge und Supplements werden nun wieder hinter einer Paywall verschwinden.

Ich werde vom 1. bis 21. August in hoffentlich alter Frische und bester Blog-Tradition nahe an 24/7 aus Rio de Janeiro bloggen. An Ideen und Lust mangelt es nicht, ich bin in einem magischen olympischen Dreieck zwischen IOC-Hotel, Deutschem Haus und Olympiapark in Barra da Tijuca einquartiert, werde dort viel Rad fahren, freue mich unglaublich auf das traditionelle Live-Blog von der Eröffnungsfeier im João-Havelange-Stadion und den Kollegen G neben mir. Ob die Kraft reicht, muss der olympische Geist entscheiden.

6) Toronto Star fragt, wie viele russische Medaillen und Sportarten kompromittiert sind. Jeder Sport? Wenn ich es richtig mitbekomme, antwortet Mathieu Holz (ehemals Interpol):

Etliche Medaillengewinner aus etlichen Sportarten.

Nochmal zurück zum FSB. Da steht auf Seite 20:

Once the clean urine bank was fully populated by the chosen athletes, the samples were then secretly transported by the FSB from Moscow to the FSB storage freezer in the FSB building located next to the Sochi Laboratory. The bank of clean urine sat in storage awaiting the swapping program at Sochi when required.

The swapping occurred largely as described in The New York Times article. Dr. Rodchenkov provided credible evidence that the A and B bottles would pass through the “mouse hole” from the aliquoting room inside the secure perimeter of the Sochi Laboratory into an adjacent operations room, outside the secure perimeter.

From there, FSB officer Evgeny Blokhin would take the B bottles and leave the operations room. In the meantime, clean urine from the athletes who had given their sample at a Sochi doping control venue would be withdrawn from the freezer at the FSB building and brought over to the operations room to complete its thawing there. The B sample bottle would be returned to the operations room by FSB Blokhin, open and with the cap removed.

The dirty urine disposed of and replaced by clean urine would be put in the A and B bottles. The stopper replaced in the A bottle and the B bottle cap screwed back into place; the bottles would be passed back through the mouse hole thereby reentering the secure perimeter of the laboratory aliquoting room ready for clinical bench work the following morning.


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Tim #1

Ist ja schon erstaunlich, was und wie genau da erhoben werden konnte. Die Verbindungen bis ins Ministerium und zum Geheimdienst zeugen von erheblicher krimineller Energie. Die Zeugen haben sich wohl für den Polonium-Award qualifiziert.
Eigentlich wollte ich nur sagen, es ist doch nur Sport. Aber durch diese Lügerei und Betrügerei wird die Hürde schon hochgelegt und jetzt ist tatsächlich eine Kommission drüber gesprungen und hat dem russischen Sport und Russland zutiefst blamiert. Wie soll ich mich da auf Rio 2016 freuen? Was soll das mit der WM 2018 werden?
Sehr traurig.

sternburg #2

Bach hat doch dieses wunderbare Instrument der unabhängigen Einzelfallprüfungen durch eine objektive Untersuchungskommission ins Spiel gebracht.

Na? Wäre das nichts? Alle russischen Athleten und Funktionäre durch diesen Trichter schieben? Was das für Möglichkeiten eröffnet …

JW #3

Hast Du es tatsächlich bis hier unten geschafft?

Tja, alles sind gespannt, welche Trichter er morgen präsentiert.

Herr Holle #4

Der Weltruderverband FISA ist unter seinem neuen Präsidenten Rollande sehr handzahm (geworden) und äußert sich zum McLaren-Reportwindelweich.
Interessanter Nebenaspekt: Nach der Olympia-Qualifikationsregatta wurde vor wenigen Tagen ein positiver Out-of-Competition-Test eines russischen Ruderers bekannt, den die RUSADA (!) durchgeführt hat. Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Konnte Russland wegen der laufenden WADA-Ermittlungen nicht mehr so handeln wie in den Jahren zuvor? Oder ist der Athlet bzw. das disqualifizierte Boot ein Bauernopfer, um die Funktionsfähigkeit des russischen Anti-Doping-Regimes nachzuweisen? Der russische Ruderverband plant eine Klage vor dem CAS gegen die Disqualifikation des Bootes.
Das Verhalten des Weltruderverbandes ist deshalb so interessant, weil das russische Ruderteam aufgrund gehäufter positiver Tests etc. (der Klassiker: gefundene Blutbeutel im Mülleimer vom Russischen Mannschaftshotel) entsprechend den Regularien nach der WM 2007 vollständig disqualifiziert wurde. Nach Austausch einiger Verbandsoberer sowie anderer interner Maßnahmen wurde der Olympia-Bann aufgehoben und russische Boote durften sich im Mai 2008 in Luzern um letzte Plätze für Peking bewerben.

sternburg #5

@JW: Ich habe natürlich grob geschummelt und mindestens 95 % allenfalls überflogen.

Eine zum Thema sehr passende Verhaltensweise wie ich finde.

JW #6

@ Herr Holle: Was Du alles weißt! Danke.

(Aber der FISA-Präsident heißt trotzdem Rolland – wie Holland mit R oder wie Hollande mit R und E :)

Walter #7

Dachte ich es doch es ist nicht alles aus der Luft gegriffen, Hajo schätzt es so ein

Es wäre zu einfach, forensische Beweise für eine Dopingsperre zu benutzen.

Kollektive Bestrafungen sind besser ;-)

Die WADA hätte bei Claudia Pechstein auch Deutschland kollektiv bestrafen sollen ;-)

Herbert #8

Wenn man die Mühlen des CAS bedenkt , dann müssen die OS um ein Jahr verschoben werden:

https://youtu.be/cWXZ5bOr17U

Ralf #9

Berlinger Special AG: Untersuchungsbericht McLaren/WADA im Bereich der Dopingvorwürfe Sotchi 2014

Das Öffnen von verschlossenen Flaschen für Urin-Proben war und ist bei eigenen Tests (Berlinger) und bei den Tests des unabhängigen Instituts in der Schweiz nicht möglich gewesen.

JW #10

Was ist das für ein Sender, Herbert?

Sie deutet auch an, was ich in der Analyse bespreche.

Herbert #11

Von Sky News. Und Orla Chennaoui, ehemalige Dreisprung-Meisterin von Nordirland, ist eigentlich Journalismus-Experting für Olympia und Radsport.

http://www.belfasttelegraph.co.uk/life/weekend/orla-goes-for-gold-28493016.html

Walter #12

In der Aktuellen Kamera kam gerade, Bach hat vielleicht ein Hintertürchen aufgemacht. Er will nur Personen oder Organisationen einzeln bestrafen ;-)

Walter #13

Herbert,
Gott sei Dank, dachte schon, Du schaust Ostfernsehen ;-)

Herbert #14

Walter, wo schaust Du denn Aktuelle Kamera ? Die krieg ich hier nicht mehr rein. Aber nicht so schlimm, da die Tagesschau und Heute den gleichen Effekt haben: Gleichschaltung.
Was die Russen betrifft, naschi starie drusja ;) , so geht es doch eigentlich nicht um Sport und Drogen, sondern lediglich um Putins Kopf. Schade nur, dass man dazu den Umweg über die OS in Rio machen will. Wir hatten doch schon immer- schau nur mal in die alten hot spots of discussion im Blog – den Verdacht, damals noch gegen heutige Systemkritiker, dass WADA, Verbände, Funktionäre und Labore, also dem Anti-Doping-System nicht zu trauen ist. Das System spuckte lediglich ab und zu, mal spektakulär, mal weniger Protagonisten bis hin zu Armstrong aus, blieb jedoch das gleiche intransparente Monster, faulend, stinkend und letztlich sich immer wieder regenerierend. Und jetzt sollen alle russischen Sportler wegen ihres sicherlich verkommenen Anti-Doping- Systems den Preis zahlen ? Wer von denen, die darüber entscheiden bzw. es sehnlichst herbeiwünschen, weiß denn überhaupt, was es heißt sich auf eine Olympiade über Jahre vorzubereiten ? Nur wenige schreien daher jetzt auch auf angesichts der Möglichkeit des umfassenden Banns für russische Olympiasportler, die Konkurrenten sowieso nicht, obwohl das jetzt mal passen würde. Denn, morgen können auch sie dran sein, gerechtfertigt oder nicht. Den Sport hassen möchte ich nicht, wie vllt. einige in die “Aufklärung” Involvierte fordern. Ich bin lediglich froh, dass es in D keine Sippenhaft gibt und nicht jeder Deutscher rechts ist, weil es Dödel gibt, die Dinge immer erst dann begreifen, wenn es zu spät oder gar vorbei ist.
BTW, der CAS ist nicht das adäquate Gremium, um diese komplexe, letztlich nicht nur sportpolitische Entscheidung zu treffen.

Herr Holle #15

Der Weltruderverband hat gestern nach einer Telefonkonferenz seines Councils die Stellungnahme vom Dienstag aktualisiert und konkretisiert. Demnach sollen auf Basis der Entscheidung des IOC-Exekutivkomitees ausschließlich Athleten zugelassen werden, die eine ausreichende negative Testhistorie aus Labors außerhalb Russlands haben. Außerdem bemüht sich die FISA bereits jetzt, eventuell freiwerdende Plätze durch Athleten anderer Länder zu besetzen, die in der Qualifikation hinter Russland gelegen haben. Das könnte eventuell den deutschen Para-Ruderer Johannes Schmidt betreffen, andere deutsche Boote wären nicht betroffen.

Im FISA-Anti-Doping-Code gibt es zusätzlich einen interessanten Artikel, der Sanktionen gegen einen nationalen Verband erlaubt, wenn dieser Verband von positiven Dopingtests seiner Sportler aus nationalen Labors erfährt und die Ergebnisse nicht an die FISA weiterleitet. Also käme es hinsichtlich einer pauschalen Sanktion des russischen Ruderverbands nicht auf die positiven Tests selbst, sondern auf die Beweislage in der Kommunikation zwischen RUSADA und dem russischen Ruderverband an. Aufgrund der weiter oben beschriebenen Vorkommnisse 2006-2008 im russischen Nationalteam dürfte der Weltruderverband recht scharf reagieren. Für die Mitleser mit Aluhut: Ja, das FISA-Exekutivkomitee ist aufgrund der Geschichte des Rudersports recht stark dominiert von angelsächsischen und (west-)europäischen Vertretern. Ob der FISA-Präsident Rolland – ob mit oder ohne e – einer “Russland-Fraktion” angehören könnte vermag ich nicht zu sagen. Da kennt sich der Hausherr sicherlich besser aus.

Das als Beispiel zur Situation in einem nicht so massiv wie die Leichtathletik, aber doch deutlich betroffenen Sportverband.

JW #16
duesseldorfer #18

New York Times Russian Sports Agent and U.S. Marathon Officials Under Federal Investigation

Authorities are believed to be exploring similar offenses in their inquiry into Mr. Baranov and distance running, once again elevating a sports scandal into a possible criminal case of international interest. They are investigating whether race officials accepted bribes to allow athletes using banned substances to compete in their events, and whether people knowingly entered drugged athletes into competition, possibly defrauding organized running.

Die US-Bundesbehörden in New York sind zwar im Moment leck wie die Exxon Valdez, aber gut, es ist ja interessant. Mich würde nicht wundern, wenn sowohl diese als auch die FIFA-Ermittlungen der US-Behörden ihren Ursprung in einer Ermittlung gegen die russische Mafia in New York haben.

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