Die gestrengen Urteile der FIFA-Ethiker zu Beckenbauer, Schmidt und Zwanziger #Sommermärchen

Es wird immer lustiger. Erst die olympische Pleite für NRW 2032, nun drei Schriftstücke der putzigen FIFA-Ethikkommission zu Franz Beckenbauer, Horst R. Schmidt und Theo Zwanziger in der Sommermärchen-Affäre.

Viel Vergnügen bei der Lektüre, bin gespannt auf Eure/Ihre Beobachtungen und gehe am Abend auf einige Punkte ein. Bitte ganz nach unten scrollen …

Franz Beckenbauer:

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Horst R. Schmidt:

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Theo Zwanziger:

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Die Ethikkommission der FIFA hat die Verfahren gegen die drei ehemaligen deutschen Top-Funktionäre Franz Beckenbauer, Horst R. Schmidt und Theo Zwanziger wegen Verjährung eingestellt. Ermittelt wurde wegen der vom SPIEGEL im Oktober 2015 enthüllten Sommermärchen-Affäre. Zum Verbleib der ominösen 6,7 Millionen Euro wurden keine neuen Sachverhalte bekannt. Im Frühjahr 2020 hatte bereits das Schweizer Bundesstrafgericht die Verfahren gegen Schmidt, Zwanziger und Wolfgang Niersbach eingestellt. Die Schlüsselperson Beckenbauer musste sich wegen seines angeblich angegriffenen Gesundheitszustands gar nicht erst als Angeklagter verantworten. 

Geradezu süffisant gehen die FIFA-Richter um den Griechen Vassilios Skouris jetzt auf Beckenbauer und seine öffentlichen Auftritte im vergangenen Jahr ein. Es gebe keinerlei unabhängige medizinische Gutachten zu seinem Gesundheitszustand, heißt es. Beckenbauers Interviews und andere Auftritte hätten keinesfalls den Eindruck eines schwerkranken Menschen vermittelt – im Gegenteil, er sei munter gewesen und habe sich an viele, Jahrzehnte zurückliegende Details recht gut erinnert.

Wie auch immer: In der vielfältigen juristischen Aufarbeitung des Sommermärchen-Skandals war Beckenbauer von partieller Amnesie befallen und gesundheitlich fast durchweg verhindert gewesen.

Inhaltlich bringen die drei am Donnerstag veröffentlichen Entscheide nichts Neues. Die FIFA-Ermittlungskammer hatte vor einem halben Jahr erklärt, Beckenbauer, Schmidt und Zwanziger hätten sich bei der getarnten Zahlung von insgesamt 6,7 Millionen Euro (10 Millionen Schweizer Franken) an das FIFA-Exekutivmitglied Mohamed Bin Hammam der Korruption schuldig gemacht. Nun erklären die FIFA-Richter, im Falle Beckenbauer sei die Verjährung bereits 2012 eingetreten, bei Schmidt und Zwanziger im Jahr 2015, und könnten nicht weiter verfolgt werden. Gegen Bin Hammam war gar nicht erst ermittelt worden. Ein weiteres entscheidendes absurdes Detail des Vorgangs. 

Das Wortungetüm Ethikkommission des Fußball-Weltverbandes FIFA ist eines der absurdesten Antonyme des 21. Jahrhunderts. FIFA und Ethik, natürlich geht das nicht zusammen. Die US-Justiz rollte die großen Strafverfahren gegen Dutzende hochrangige FIFA-Fürsten auf Grundlage des RICO-Gesetzes zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität auf. Dafür steht die FIFA. Auf allen Kontinenten laufen diverse Ermittlungen in zahlreichen Strafsachen gegen Funktionäre des Weltverbandes und der Kontinentalverbände. Die sogenannten FIFA-Ethiker aber nehmen es traditionell nicht so genau – weder unter dem aktuellen Präsidenten Gianni Infantino noch unter dessen Vorgänger Joseph Blatter.

Blatter war es, der Anfang des Jahrtausends eine erste Kommission einführte, die sich mit Fairplay und Ethiksachen beschäftigen sollte, all diesem Teufelswerk in der FIFA. Dieses illustre Gremium hat Anfang 2006, einige Wochen vor der Fußball-WM in Deutschland, den Autor dieser Zeilen zur persona non grata erklärt, zur unerwünschten Person.

Wofür?

Weil die Wahrheit über Blatter und seine Geschäftsethik und die Strafuntersuchungen zum gigantischen ISL-Schmiergeldsystem veröffentlicht wurde. Zu jenen gestrengen FIFA-Ethikern zählte damals ein gewisser Mohamed Bin Hammam. Jener Mann also, der 2011 wegen Korruption lebenslang gesperrt wurde und als Synonym für all die mit seiner Heimat Katar verbundenen Fußball-Verbrechen gilt, und der auch unbehelligt im Zentrum der Sommermärchen-Affäre steht.

Vom Schmiergeldzahler Bin Hammam, der Hunderte Funktionäre in aller Welt mit Petrodollars gefügig machte, zur aktuellen Ethikkommission der FIFA und deren jüngsten drei Schiedssprüchen, ist es nur ein Gedanke – oder besser ein weiterer absurder Fakt, der die Qualität der Ethikermittlungen in der FIFA belegt: Richter Skouris hatte Bin Hammam für tot erklärt. Dabei ist Bin Hammam putzmunter und genießt daheim in Doha seine Reichtümer.

„Der Haupttäter wurde wahrheitswidrig für tot erklärt. Ein unglaublicher Vorgang“, schrieb Theo Zwanziger vor wenigen Tagen an die FIFA-Ethiker. Der ehemalige DFB-Präsident Zwanziger ist jener Mann, der versucht hat, die Sommermärchen-Skandal aufzuklären. Als Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees hat sich Zwanziger als bislang einziger deutscher Fußballfunktionär auch Verdienste dabei erworben, die mit der WM 2022 in Katar verbundene grassierende Kriminalität in der FIFA aufzuklären. Zwanziger hat Katar einst als „Krebsgeschwür des Fußball“ bezeichnet, wurde von den Gesandten des Emirs verklagt – und hat vor dem Düsseldorfer Landgericht Recht bekommen. Das Krebsgeschwür Korruption darf weiter so bezeichnet werden.

Die Ethikkommission hat Zwanziger bislang nicht auf dessen jüngstes Schreiben geantwortet, in dem er auch mitgeteilt hat, in der Schweiz Strafanzeige gegen die beiden Ethikchefs Maria Claudia Rojas (Kolumbien) und Vassilos Skouris (Griechenland) gestellt zu haben – wegen Verleumdung.

Zwanziger hatte die der aktuellen Entscheidung zugrunde liegenden Berichte der Untersuchungskammer, geleitet von der Skandalnudel Rojas, schon vor Wochen heftig kritisiert. „Die im Untersuchungsbericht erhobenen Vorwürfe, ich hätte eine Bestechungshandlung der Haupttäter Franz Beckenbauer, Mohammed bin Hammam  und Fedor Radmann unterstützt, sind unwahr, von keiner auch nur annähernd sachgerechten Beweiswürdigung getragen und damit willkürlich“, schrieb Zwanziger. „Diese Vorwürfe verletzen mich in meiner Ehre, denn ich habe in meinem ganzen Leben in vielen öffentlichen Ämtern  mir nie etwas zu Schulden kommen lassen.“ Die Rojas-Truppe hatte es fertig gebracht, vier Jahre lang auf eine Vernehmung von Bin Hammam zu verzichten.

Zwanziger schlussfolgert daraus: „Eine an der Wahrheit orientierte Aufklärung ist indes  bei der FIFA auch offensichtlich nicht gewollt, da man ansonsten möglicherweise die WM in Katar in Gefahr bringen würde. Der Verdacht muss deshalb auf andere abgelenkt werden.“ Katar hat mit Zwanziger halt noch ein Hühnchen zu rupfen.

Im Vergleich der drei Entscheide, die am Donnerstag veröffentlicht wurden, hat Zwanziger gewissermaßen die Goldmedaille erhalten. Der Fall des Aufklärers wurde auf 27 Seiten abgehandelt, Silber ging an Beckenbauer und dessen 20 Seiten, Bronze an den langjährigen DFB-Generalsekretär Schmidt. Im Entscheid zu Zwanziger heißt es, Skouris habe einen Fehler gemacht und als Verstorbenen nicht Bin Hammam, sondern den langjährigen FIFA-Vizepräsidenten und Großganoven Julio Grondona gemeint. Der Argentinier, der nach Aktenlage mehr als 100 Millionen Dollar aus dem FIFA-Imperium abgezweigt hat, war 2014 unmittelbar nach der WM verstorben, zehn Monate vor den spektakulären Anklagen der US-Justiz.

In den jüngsten Entscheiden werden Beckenbauer und Bin Hammam als die Haupttäter im Korruptionsschema Sommermärchen bezeichnet. Zitiert wird eine schriftliche Stellungnahme von Zwanziger aus dem September 2020. Demnach seien die Millionen an Bin Hammam im Jahr 2002 für die Wiederwahl von Blatter verwendet wurden. Bin Hammam hatte damals, wie schon 1998, den Wahlkampf Blatters orchestriert. Das Duo war im Flieger des Emirs von Katar um die Welt gejettet. 2002 stand Blatter gewaltig unter Druck, nachdem ein Teil des Exekutivkomitees Strafanzeige gegen ihn gestellt hatte. Die Schweizer Justiz aber stellte das Verfahren bald routiniert ein.

Die FIFA hatte schon in jenen Jahren ein ausgeklügeltes Programm an VIP-Reisen mit besten Tickets zu Weltmeisterschaften entwickelt – für Schweizer Staatsanwälte und Richter.

Blatter gewann 2002 in Seoul die Wahl gegen den ebenfalls korrupten Issa Hayatou aus Kamerun. Ob dies tatsächlich mit jenen 6,7 Millionen Euro aus Deutschland geschah, ist wenig wahrscheinlich. Erkenntnisse von Ermittlern deuten auf andere Auflösungen des Rätsels.


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