#London2012 (XXIII): Warum Olympiawettbewerbe acht oder gar zwölf Jahre dauern
LONDON. Ein Kleinod meiner Dichtkunst. Ließe sich ausbauen, verlinken, mit Fakten, Dokumenten und herrlichen Episoden noch viel viel besser beschreiben. Dazu fehlt aber leider die Zeit. Habe in den Katakomben des Olympiastadions die schweren Jungs gesehen, die den Hammer werfen. Da fiel mir dann dies ein:
Es gibt olympische Wettbewerbe, die etwas länger dauern als ein Sprint von 9,63 Sekunden wie der von Usain Bolt. Manche Wettbewerbe dauen Jahre. Erst kürzlich wurden die Medaillen der 4 x 400-m-Staffel der Sommerspiele 2000 in Sydney neu vergeben. Weil ein Amerikaner, Antonio Pettigrew, wegen Dopings nachträglich aus dem Verkehr gezogen wurde, erhielten die Nigerianer die Goldmedaillen.
Blöderweise war einer aus diesem Quartett, Sunday Baba, bereits gestorben.
Einer der derzeit am längsten währenden Olympiawettbewerbe ist das Hammerwerfen der Olympischen Spiele 2004 in Athen. Es dürfte in wenigen Tagen entschieden werden. Nachdem das Internationale Olympische Komitee (IOC) im Frühjahr unter öffentlichem Druck einige der 2004 eingefrorenen Dopingproben geöffnet und neu analysiert hatte, gilt Iwan Tichon aus Weißrussland als einer der fünf Athleten, die nachträglich gesperrt und damit für Athen auch disqualifiziert werden.
Tichon, der für London gemeldet hatte, wurde vom Weltverband IAAF kurz vor der Qualifikation der Hammerwerfer vorsorglich aus dem Verkehr gezogen. In der offiziellen Startliste stand er noch. Seine langjährigen Kontrahenten Kristijan Pars (Ungarn), Primoz Kozmus (Slowenien) und Koji Murofushi (Japan), die am Sonntag in dieser Reihenfolge die Medaillen gewannen, wurden natürlich dazu befragt. Murofushi sagte gar nichts. Kozmus grinste nur. Pars erklärte, er habe keine Ahnung, was mit Tichon sei, den er eigentlich auf der Startliste gesehen habe. Dann überlegte er und ließ seinen Betreuer übersetzen: „Jetzt habe ich endlich bekommen, was man mir vor vier Jahren genommen hat.“
Und jetzt wird es kompliziert:
Denn in Peking gewann Kozmus vor den Weißrussen Wadim Dewjatowski und Tichon – Vierter wurde Pars vor Murofushi.
Bei den Nachuntersuchungen der Pekinger Dopingproben wurden Dewjatowski und Tichon des Testosteron-Dopings überführt. Doch die Schwergewichte klagten erfolgreich beim Welt-Sportgerichtshof CAS, das vor zwei Jahren entschied, das Duo dürfe die Medaillen behalten, weil die Doping-Analysen nicht dem internationalen Standard entsprochen hätten. Pars war erst Vierter, dann Zweiter, dann wieder Vierter – obwohl das IOC versprochen hatte, trotz des CAS-Urteils einen eigenen Weg zu gehen.
Deshalb sagt Pars nun: Die Weißrussen haben ihm die Silbermedaille gestohlen.
Und jetzt wird es noch komplizierter: Denn bei den Spielen 2004 in Athen gewann, so dachte man, der Ungar Adrian Annus vor Murofushi, Tichon, dem Türken Apak, Dewjatowski, Pars und Kozmus.
Annus verweigerte dann eine Dopingprobe und wurde sein Gold wieder los. Das ist die Story in Kurzfassung, die durch einen weiteren Dopingfall, den des vermeintlichen ungarischen Siegers im Diskuswerfen, Robert Fazekas, der einen anderen ins Uringlas pinkeln ließ, und eine spektakuläre Flucht erweitert wurde. Auch Fazekas wurde in Athen seine Goldmedaille los.
Fazekas, Annus und Pars trainieren übrigens alle in Szombathely. Fazekas wurde nach seiner Sperre sogar Trainer von Annus Annus wurde nach Fazekas’ Sperre Trainer seines besten Kumpels – und Fazekas flog Anfang 2012 wegen Steroid-Dopings (Stanozolol) auf.
Ein Zufall aber auch.
Und jetzt wird es richtig kompliziert:
Die Reihenfolge des Hammerwerfens von Athen lautet also derzeit: Murofushi vor Tichon (positiv in Peking, was ohne Folgen blieb, positiv auch in Athen, was noch ausgewertet wird), vor Apak, Dewjatowski (positiv in Peking), Pars und Kozmus.
Doch das wird sich in Kürze ändern. Acht Jahre nach dem olympischen Finale.
Der Slowene Primoz Kozmus sagt dennoch:
Wir sind nicht die Schmuddelkinder! Wir gehören auch zur IAAF-Familie.“
Denn die Hammerwerfer haben nicht nur ein Imageproblem, sie haben auch finanzielle Sorgen. Preisgeld gibt es nur bei Weltmeisterschaften, wo etwa der Doper Tichon dreimal Gold und die Prämie kassieren durfte. In der Diamond League aber will niemand was vom Hammerwerfen wissen. Es ist ja schon schwierig genug, ständig die Medaillen neu zu verteilen. Geld, erst einmal überwiesen, ist kaum mehr zurückzuholen.
[Habe ich etwas wichtiges vergessen? Bitte ergänzen!]
Pingbacks (4)
- Too much information - Papierkorb - Guten Morgen | 07.08.2012
- #London2012 (XXXII): Lollipop-Gate : jens weinreich | 12.08.2012
- #London2012 (XXXIV): Wenn das Feuer verlischt, gehts weiter : sport and politics | 15.09.2012
- Cycling boss JimPat McQuaid’s Apartheid Secrets : sport and politics | 28.02.2013






Nochnochnoch komplizierter oder einfach: Fazekas – wusste ich gar nicht, dass der als Trainer beschäftigt ist – ist ein selbstdopender Dopertrainer. Auch gerade aufgeflogen, wollte in London antreten, bei vorolympischen Dopingtests. Ihm droht das UNDURCHSETZBARE: lebenslang.
Echt alles Banane hier.
Ach, siehst Du, da haben wir mal wieder einen Fehler in einem meiner Texte entdeckt. Ist schon korrigiert: Denn Annus ist Trainer von Fazekas – so wird ein Schuh draus.
Aber es geht bestimmt noch komplizierter.
Hielt das für gut möglich, dass Fazekas der Trainer ist. Sie wirken alle wie Autoritätspersonal. Und, Option: Er könnte doch jetzt Trainer werden im Gespann mit Annus, die Kraft der vier Bizepse.
Und was macht Pars?
Pars wird medizinischer Berater in Szombathely! ;-)
Da kann er sich dann mit Annus und Fazekas austauschen.
Kleine Bitte / Hinweis an den Hausherren,
lass doch die (mittlerweile inflationär benutzen) Hinweise auf
- nicht verlinkt
- ausbaufähig
- könnte man besser beschreiben
einfach weg.
Das wissen wir doch und wer es nicht weiß bemerkt es nicht.
Das von dir als “rudimentär” empfundene ist für die Leserschaft mehr als anderswo……
Danke – Weitermachen!
Wer muss eigentlich eine Dopingprobe abgeben ? Alle Athleten oder nur die weit vorne platzierten ? Was würde passieren wenn z.B. für Athen ein damals nicht getesteter Athlet nachrückt ?
@ enrasen: Zu Befehl! Ist eine meiner Macken, kriegt Mann einfach nicht raus. An dieser Geschichte hätte ich gern einen Tag gesessen. Und machmal ist es mir halt wirklich peinlich, keine Links anzubieten.
@ AndreasE: Ich denke, damals in Athen wurden schon alle Medaillengewinner getestet, Ausnahme Teamsportarten. Dazu wurde immer noch ausgelost im Finalfeld, das gebe ich ungeprüft wieder. Es ruecken also eher Leute nach, die nicht getestet wurden.
Zum Testprogramm in London hatte ich einige Notizen und Links, darunter das IOC factsheet, hier angeboten:
http://www.jensweinreich.de/2012/07/26/london2012-vi-doping-hgh-nachweis-pound-kritik-wada/
Ich hätte gerne kurz dazu eine kleine Overheadfolie, von mir aus mit verschmierten Linien. Ich blick nämlich nicht wirklich durch aber die Quintessenz
tl;dr
(Alle) Hammerwerfer dopen seit 8 Jahren und spielen mit den Medaillien “Reise nach Jerusalem” reicht glaub ich auch :-D
Daniel Drepper für den WAZ-Rechercheblog: Fährt Kristina Vogel nach Doping-Verdacht heute zu ihrem zweiten Gold?
Es draengt sich natuerlich schon etwas der Verdacht auf, dass man am wenig spektakulaeren und finanztraechtigen Hammerwerfen ein Exempel statuieren will, also hier wird mal richtig genau hingeschaut-denn wen juckt schon eine nachtraegliche Medaillenumverteilung? Ich finde es einfach schwer vorstellbar, dass Hammerwerfen so ‘unsauber’ ist, aber sagen wir mal die Fahrradwettbewerbe (bei denen dann auch Team GB ‘Helden’ Gold holen) so ‘sauber’ sein sollen…
… mit pharmazeutischer Expertise, Wettkampferfahrung, und da teilweise auch schon als Trainer gearbeitet – die Jungs sind doch prädestiniert für den DSV?
@ teekay:
Mit den Proben der Winterspiele von Turin lief das folgendermaßen ab:
Auf bestimmte Sportarten legt man sich mehr oder weniger bereits vorab fest. Außerdem ja nicht zu viele Proben auf einmal öffnen, könnten sich ja unliebsame Überraschungen ergeben. Gibt’s bereits ein paar verdächtige “böse Buben”, umso besser. Den Rest können wir uns sparen!
@ teekay:
Von den Athen-Proben wurden immerhin etwa 100 nachgetestet…
Harting ist alles geklaut worden…Was nun?
https://twitter.com/DerHarting/status/233096935857324033
Seine Medaille hatte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Kann also nicht so schlimm sein.
IOC: IOC withdraws gold medal from shot put athlete Nadzeya Ostapchuk
@ Ralf: Schön, dass Du mal wieder vorbei schaust. Viele Leute haben Dich vermisst. Ich natürlich auch.
Was meinst Du denn, woran ich gerade schreibe?
Hatte meinen Kunden ohnehin eine Geschichte darüber angeboten, wie lange die Spiele diesmal dauern und wann die ersten, wann die letzten Medaillensätze neu verteilt werden.
Riesenüberraschung! :-)
Nein, Arnesen: vielfältige Hebelverhältnisse.
Cutting out on disco is the secret to Ostapchuk’s success
Methenolon, ein Schering-Klassiker aus den 70er Jahren.
http://de.wikipedia.org/wiki/Methenolon
Da ist er ja, der Alibi-Dopingfall. Nicht zu früh und nicht zu spät. Das System funktioniert, die anderen Olympiasieger müssen sauber sein, alle sind glücklich. Yippie.
Hier das möglicherweise zu korrigierende Resultat von Sydney:
WDR: Athen 2004: Fünf positive Fälle betreffen ausschließlich Medaillengewinner aus Osteuropa
Perepetschjonow und Kriweljowa als positive Fälle sind von russischen Medien bestätigt.
http://allsportinfo.ru/archive.php?id=65750&s_s=34&s_d=26&s_m=11&s_y=2012&b=0&l=40
und http://allsportinfo.ru/archive.php?id=65738&s_s=34&s_d=26&s_m=11&s_y=2012&b=0&l=40
IOC: IOC disqualifies four medallists from Athens 2004 following further analysis of stored samples
Was ist mit dem Bronzemedaillengewinner im Gewichtheben in der 77-Kilo-Klasse, Oleg Perepetchenov?
SpOn: Hammerwerfen: Olympiasiegerin Kusenkowa unter Dopingverdacht
#27:
IOC: IOC disqualifies Russian weightlifter from Athens 2004 following further analysis of stored samples
Michael Reinsch in der FAZ: Eine Welle von Doping-Fällen?
SZ-Video: Bronze, acht Jahre zu spät!
Diese Meldung habe ich auch hier verlinkt:
#London2012 (XXXIV): Wenn das Feuer verlischt, gehts weiter
Die IAAF teilt mit: HELSINKI 2005 RE-TESTS REVEAL SIX ADVERSE FINDINGS
Ad hoc würde ich mal sagen, diese Vögel (sorry) sind durchweg Mehrfachtäter. Bzw halt: Doper. Die dopen immer. Die dopten immer. Insofern müsste man denen eigentlich sämtliche Platzierungen, Medaillen und Preisgelder ihrer Karrieren entziehen:
Andrei MIKHNEVICH (BLR)
Ivan TSIKHAN (BLR)
Vadim DEVYATOVSKIY (BLR)
Tatyana KOTOVA (RUS)
Nazdeya OSTAPCHUK (BLR)
Olga KUZENKOVA (RUS)
Wollte ich es gerade hier rein schreiben, da ich gestern beim Durchstöbern auf diesen Artikel gestoßen bin und schwupps, steht es schon seit einer halben Stunde drin…
Hammerwerfer Markus Esser im FAZ-Interview: „Doppelter Ritterschlag“
dts: Experte stellt Fortschritte im Antidopingkampf in Frage
aus der Print-Version:
sid: IAAF: Blutanomalien bei 17 Leichtathleten
Experte Simon Perikles spekuliert. Eine Erklärung, wie seine Einschätzung zustande kommt wäre sachdienlich.
@ gun:
Wenn das IOC, wie im Fall von Athen 2004, nur 110 von 3700 möglichen Nachtests durchführt, würde mich auch brennend interessieren, welche Sportler denn hier a priori als verdächtig galten und welche nicht!? Eine Nachtest-Quote von 3% ist doch wohl mehr als selektiv.
Hier der vollständige Artikel mit den Äußerungen von Perikles Simon:
ksta: Neues Erfolgserlebnis für die Fahnder
@gun
Simon ist natürlich in der Forderung nach Offenlegung der Zahl der Proben und der Länder, deren Athleten nachgetestet worden sind, zuzustimmen. “A selection of doping samples … from a wide range of disciplines and nations”, wie die IAAF behauptet, tut es ja nicht wirklich – insofern ist es zuerst die IAAF, die zu Spekulationen einlädt ;)
Andererseits: Falls diese Behauptung der IAAF der Wahrheit entsprechen sollte (also nicht der Verband durch Vorauswahl bestimmt, wem Medaillen aberkannt werden …), halte ich “primitiveres” Doping in manchen osteuropäischen Ländern bzw. Trainingsgruppen für eine gute Erklärung. Viele Fälle von dort legen, falls überhaupt etwas bekannt wird, nahe, dass Trainer übers Doping-Regime entscheiden. Nicht, wie anderswo und mit Ursprung in der deutschen Dopingkultur, Ärzte – mit anderem Know How zur Vermeidung positiver Tests.
Aber immerhin waren RussenWeißrussenUkrainer intelligent genug, um nicht schon 2005 aufzufliegen. Das zeigt, was möglich war, und erst recht in Ländern, die Doping “wissenschaftlich” betreiben … ;)
Michael Reinsch in der FAZ: Kenia-Premiere: Vierzig Blutproben
SpOn: Turin 2006: IOC ordnet Nachtests der Dopingproben an
sid: Russisches Trio für zwei Jahre gesperrt
leichtathletik.de: Nachträglich WM-Bronze für Nadine Kleinert?
Mich würde mal interessieren, warum deutsche Athleten während der vergangenen beiden Jahrzehnte gerade im Hammerwerfen und Kugelstoßen immer so nahe an der Weltspitze waren…
Ralf, freue Dich doch einfach mal, dass es Bronze für Deutschland gibt. Alter Mäkel-Heini!
das sind natürlich die alten germanischen werfergene. weiß man doch. spätestens seit tacitus.
außerdem sind das ja vor allem auch technik-disziplinen. und bei technik deutschland auch immer mit der weltspitzen-dna.
und überhaupt: gerade im germanischen werferlager gibt es ja mit hansjörg kofink einen leibhaftigen dopinggegner.
Ihr vergesst Diskus und Speer – da würden germanische Naturtalente noch immer alle Weltrekorde halten, wenn man UNS zwei davon nicht irgendwann durch die Einführung neuer Speere gestohlen hätte.
nolympia.de: Die gedopten Europameister von München
Eine sensationelle Aufstellung!
Die Einzelfälle sind einem meist noch in Erinnerung. Aber so geballt – herrlich.