Olympiasiegerin Thanou?

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Walter bringt in den Kommentaren mal wieder eine Frage auf, die den olympischen Weltsport schon lange beschäftigt und doch längst geklärt sein müsste. Aber das IOC-Exekutivkomitee kann sich nicht entscheiden. Die Frage ist, ob Ekaterini Thanou, die griechische Motorrad-Doperin, anstelle der BalcoDoperin Marion Jones mit der Goldmedaille für den 100-m-Sprint bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney geehrt werden sollte.

Die Frage ist offenbar schwierig zu beantworten.

Das IOC-Exko hat Jones im Dezember 2007 in Lausanne nachträglich für die Olympischen Spiele 2000 und 2004 disqualifiziert. Im April 2008 wurden in Peking auch den USA-Staffeln von Sydney die Medaillen aberkannt. Der Eiertanz um die Weiterreichung der Medaillen wird im Prinzip seit der Balco-Affäre betrieben. In der offiziellen olympischen Geschichtsschreibung sieht das Medaillentableau von Sydney (in Athen nahm Jones nur am Weitsprung teil und wurde Fünfte, aber auch dieses Resultat ist anulliert) durchaus kurios aus – hoffentlich kommt niemand auf die Idee, sämtliche Dopinggeschichten zu allen aufgeführten Medaillengewinnern aufzulisten, das würde dann noch etwas komplizierter und absurder, als es ohnehin schon ist:

Ich spare mir jetzt nachzusehen, auf wie vielen Sitzungen das IOC-Exekutivkomitee den Fall Jones/Thanou schon vertagt hat. Mag sein, dass das Thema Mitte Juni in Lausanne abgeschlossen werden soll. Ich weiß es nicht, ist mir im Moment auch egal. Dank Walters Neugier habe ich mir noch einmal die Empfehlungen der IOC-Disziplinarkommission und das Urteil des Exekutivkomitees zum Fall Thanou vom August 2008 durchgelesen. Ich denke, darin finden sich einige Hinweise – eher, nun ja, moralischer Natur -, die mich sagen lassen: Thanou, die für die Sommerspiele 2004 „zurückzog“ und 2008 nicht zugelassen wurde, wird die Goldmedaille von Sydney nicht bekommen. Keine Sorge.

Hier zunächst die entsprechenden Dokumente (allesamt im Original als pdf-Datei):

Ich denke, im Fall Thanou macht das IOC einmal das, was es selten macht (und viele Male hätte machen sollen/müssen): Es nutzt sein Hausrecht. Dem IOC gehören die Spiele, folglich kann es entscheiden, welche Athleten, welche Verbände/Sportarten und welche Nationen es teilnehmen lässt. Hier trifft es, ja: ausnahmsweise, mal die Richtige, finde ich. Einige der Punkte aus den Empfehlungen der Disziplinarkommission werden wir so ähnlich in einer Begründung wiederfinden, warum Thanou nicht mit der Sydney-Goldmedaille geschmückt wird – wenn so eine Begründung überhaupt gegeben wird. Zum Beispiel:

7. The issue in question is to determine whether Ms Thanou should be declared ineligible for one or several editions of the Olympic Games. In August 2004, the scope of the ruling by the IOC Executive Board was to leave open any decision against Ms Thanou until she would apply for participation in a subsequent edition of the Games. Such is now the case.

8. In order to assess the situation, one must take into account not only Ms Thanou’s personal behaviour at the time of the 2004 Athens Olympic Games, but also all further circumstances, facts or developments.

10. First of all, it must be recalled that through her unacceptable behaviour on the occasion of the 2004 Athens Olympic Games, even if she did not finally participate therein, Ms Thanou caused a very serious prejudice to the Olympic Movement by being the cause of a major scandal which was widely covered and reported in the world media. She put the Olympic Movement into disrepute.

11. Some of the acts which Ms Thanou committed at the time – and which resulted into her currently awaiting a criminal trial in Greece – are the following, apart from escaping doping controls:

  • repeatedly pretending she had a traffic accident;
  • giving false testimony to the authorities under oath in relation to such non-existent traffic accident;
  • causing medical doctors Kounelis, Fragakis and Mpaltopoulos to issue false medical certificates;
  • causing six medical doctors to hospitalise her for five days in order to avoid IOC controls;
  • postponing her appearance in front of the IOC Disciplinary Commission, thus seeking to avoid a sanction of disqualification from the 2004 Athens Olympic Games and possible exclusion from future Olympic Games (Exhibit 9).

12. The acts and events listed under Paragraph 11 above resulted in a scandalous saga which cast a most negative shadow over the 2004 Athens Olympic Games at the time of their Opening Ceremony. Ms Thanou was a key figure and perpetrator therein.

16. While the IOC has no authority of any kind to express any opinion as to the criminal nature of the charges, and while we acknowledge the principle that criminally, any indicted or accused person is presumed innocent, the fact remains that the charges against Ms Thanou constitute more than serious indications of a pattern of gross misconduct incompatible with the Olympic Charter and the spirit of Olympism.

17. The tone and threats expressed by Ms Thanou’s counsel also reveal an attitude which is totally incompatible with the Olympic spirit. Such is for instance the case of threats to use illegally recorded conversations (Exhibit 3) or to initiate „a series of different actions, legal or otherwise (Exhibits 8 and 11) against the IOC and certain individuals of the Olympic Movement“.

18. The Disciplinary Commission considers that Ms Thanou’s attitude is unacceptable. In 2004, she never acknowledged or admitted any breach of any anti-doping rules. On the contrary, she tried by all means to avoid any testing as well as escaping her responsibilities, accepting even to position herself as a victim in a highly doubtful motorcycle accident, thus escaping once more an occasion of being tested.

Ach, Frau Thanou. Ich bin ihr ewig dankbar, denn ich verdanke ihr eine der angenehmsten IOC-Pressekonferenzen meines Lebens und einen Schnappschuss, den ich auch nicht vergesse: Die damalige IOC-Sprecherin Giselle Davies mit den Akkreditierungen von Thanou, Kenteris und Trainer Tsekos. Tsekos übrigens wollte mich mal verprügeln, wirklich, aber das ist mal eine andere Geschichte.

IOC-Sprecherin Giselle Davies 2004 in Athen mit den Akkreditierungen von Thanou, Kenteris und Tsekos

Vorzeige-Objekte — Giselle Davies präsentiert die Akkreditierungen von Thanou, Kenteris und Tsekos

Walter #1

«Wir können heute mit Sicherheit bestimmen, wie viele gedopte Rennfahrer zu einer Rundfahrt starten», sagt Sottas. Mit Hilfe der Daten, die er verwendet, soll ein neuer Dopingtest eingeführt werden.

http://www.nzz.ch/nachrichten/sport/aktuell/die_blutspur_des_radsports_1.536876.html

Werden solche Tests auch in anderen Sportarten durchgeführt?

D.h.,sie wissen genau,wer dopt und wer nicht,nur ist es juristisch nicht sicher, es auch auszusprechen?

Rasmus Damsgaard sagt auch,dass er genau weiß wer „etwas“ nimmt:
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/542174

Ralf #2

Und Frau Hütthaler sieht sogar, wer was nimmt:

Ich entwickelte einen Blick dafür, welche meiner Konkurrentinnen welches Mittel genommen hat. […] Nach der Einnahme von Wachstumshormon wird die Haut dünner, das Testosteron macht sie unrein. Man weiß also Bescheid, man findet alles normal.

cf #3

Dem Radsport stehen in Kürze womöglich bis zu sechs Dopingfälle ins Haus. Nach Auswertung der Blutprofile will der Weltverband (UCI) laut Präsident Pat McQuaid „in den kommenden Tagen und Wochen“ erste[! (die Rede war von „bis zu sechs“)] Anklagen gegen Fahrer aussprechen.

…meldete am 1. März der sid unter Berufung auf die New York Times. Kinder, wie die Zeit vergeht!

Aber wer weiß… vielleicht passiert da ja doch noch mal was — irgendwann. Oder wartet man einfach darauf, dass man einen der verdächtigen Profis mit einem „normalen“ Test überführen kann, um dann mit dem Profil „nachtreten“ zu können, in der Hoffnung, dass dann der juristische Widerstand geringer ausfällt?

Ralf #4

Die New York Times hat zu dem Thema inzwischen nochmal nachgelegt: Cyclists Eager for Action on Blood-Profile Plan

It’s possible that we would be ready to go before the Tour de France, sure, but when you are dealing with something like this, there are no guarantees.

Außerdem gibt’s Neues aus Belgien in Sachen „4x100m relay Women“: Trainer 4x100m-team in opspraak voor bezit efedrine

Ralf #5

SZ: Rückkehr trotz Doping-Affäre

Zwölf Olympia-Medaillen holten griechische Gewichtheber seit 1992 – alle unter Iakovou, dem „Architekten des griechischen Gewichtheber-Dream-Teams“. Iakovou gehört zu jenen Vertretern des griechischen Trainerwesens, die in Dopingsportarten beträchtliche Erfolge feierten und dabei immer höchst verdächtig blieben. Nach den Recherchen des Journalisten Filippos Syrigos arbeitete Iakovou mit dem Leichtathletik-Trainer Christos Tsekos zusammen, den der griechische Leichtathletikverband Segas 2005 für vier Jahre sperrte, nachdem seine besten Sportler, die höchst verdächtigen Konstantinos Kenteris, 200-Meter-Olympiasieger 2000, und Ekaterini Thanou, 100-Meter-Europameisterin 2002, am Vorabend der Olympischen Spiele 2004 von Athen in wilder Flucht vor Dopingkontrolleuren getürmt waren.

Ralf #6

AFP: IOC to speed up Jones medals case, says Rogge

„We expect that by October we will have some news.“

Ralf #7
Ralf #8
Ralf #9
Ralf #10

rmc.fr: Et si les JO de Sydney n’avaient pas de championne du 100 mètres ?

En partant de cette idée, on peut se dire que vu son comportement aux Jeux d’Athènes, on estime qu’elle ne mérite pas cette récompense.

Ralf #11

CAS: New hearing dates fixed by the Court of Arbitration for Sport

Andrea Anderson, LaTasha Colander Clark, Jearl Miles-Clark, Torri Edwards, Chryste Gaines, Monique Hennagan, Passion Richardson v. International Olympic Committee

For the moment, no hearing has been fixed; however, the deadline for the communication of the final decision has been fixed by the CAS for 18 December 2009. Such deadline may however be extended.

Ralf #13

SZ: Nicht an Thanou

Das reicht, um Thanou das Gold zu verwehren, heißt es im IOC – aber offensichtlich nicht, um ihr ihre Silbermedaille wegzunehmen, weshalb im aktuellen Szenario die drittplatzierte Tanya Lawrence (Jamaika) mit einem Silber-Duplikat ausgestattet wird.

Irgendwelche Neuigkeiten zu den drei Sydney-Medaillen der Sportmedizin Freiburg?

Ralf #14

insidethegames.biz: Jones medals should not be reallocated says Conte

Conte claims that it is not fair that athletes should be upgraded when they may not have faced the same anti-doping procedures as Jones

Ralf #15

CP: IOC considers investigation into doping case involving US women’s relay team

The IOC is considering opening an investigation that could lead to another U.S. relay team being stripped of an Olympic gold medal for doping. Crystal Cox, who ran in the preliminaries for the U.S. women’s 4×400 relay team at the 2004 Athens Olympics, admitted to using anabolic steroids

Ralf #18

IAAF: IAAF Council Meeting – Doha 2010, 15 March

Crystal Cox (USA)
This athlete recently accepted a 4 year period of ineligibility and disqualification of her results from 2001 after having admitted her involvement in the BALCO conspiracy. She took part in the 4x400m US Relay team who won the Gold medal at the 2004 Athens Olympic Games. According to the IAAF Competition Rules in effect in 2004, the US Relay team results will be disqualified accordingly (Rule 39.2).

Ralf #20
Ralf #21

Michael Gernandt in der SZ: Sprinter vor Gericht – Bis zu fünf Jahre Haft

Dass die Anklage vom Athener Gericht in dieser Woche abgewiesen wird, der Unfall nicht vorgetäuscht war, um der dritten Kontrolle zu entgehen: höchst unwahrscheinlich. Was aber, wenn es zu einem Deal kommt, aus dem herauszulesen ist, dass Thanou damals kein „unakzeptables Benehmen“ an den Tag gelegt und der olympischen Bewegung keine „Schande“ bereitet hat?

Derart argumentierend hatte das IOC Thanou den Start bei den Spielen 2008 in Peking untersagt und ihr, der offiziell Sauberen, 2009 das Gold verweigert, das sie nach Platz zwei bei Olympia in Sydney von der überführten Marion Jones hätte übernehmen sollen.

trebor #22
Ralf #23
Ralf #25
Ralf #26
Gun #27

Doping als Kavaliersdelikt……..Dieses Urteil ist ein Witz! Es zerstört die Glaubwürdigkeit des Sports und der Griechischen Richter.

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