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Auch in Peking 2022: Relativ schwache Medaillenausbeute der SportsoldatInnen

Siegerehrung Viererbob. (Foto: Imago)

Das Abschneiden der deutschen Athleten1 in Peking in 2022 ist insgesamt mit 27 Medaillengewinnen und dem zweiten Platz im Nationen-Ranking erfreulich. Die folgenden Ausführungen sollen dies nicht in Abrede stellen, sondern einen Beitrag leisten, dass die AthletInnen aus denjenigen deutschen Sportverbänden mit relativ wenig Medaillen in Zukunft bessere Bedingungen vorfinden.2

Vor zehn Jahren wurde für London 2012 erstmals anhand von Statistiken darauf hingewiesen, dass SportsoldatInnen – entgegen einer allgemeinen Wahrnehmung – weniger erfolgreich bei Olympischen Spielen abschließen als andere Berufsgruppen.3

Geändert hat sich (zu) wenig: 55 SportsoldatInnen konnten sich für Peking 2022 qualifizieren; damit stellten die SportsoldatInnen 37% der insgesamt 150 AthletInnen starken deutschen Olympiamannschaft (Bundeswehr 2022).4 Die Berufsgruppe der SportsoldatInnen ist am stärksten vertreten, gefolgt von den 30 PolizistInnen und 26 VollzeitsportlerInnen.

Allerdings erwiesen sich die SportsoldatInnen auch in Peking 2022 im Vergleich mit anderen Berufsgruppen erneut als weniger erfolgreich.

In Peking 2022 gewannen 17 von ihnen eine Medaille; 30,9% der SportsoldatInnen kommen mit einer Medaille nach Hause.5 Fünf SportsoldatInnen gewannen mehr als eine Medaille.

Am erfolgreichsten war die Gruppe der (meist von der Stiftung Deutschen Sporthilfe geförderten) SchülerInnen, Studierenden und normal Berufstätigen: Zehn aus dieser kleinen Gruppe von nur 14 SportlerInnen gewinnen Medaillen, also 64,3%. Drei der Athleten aus dieser Gruppe gewannen mehr als eine Medaille. Die Erfolgsquote der SchülerInnen, Studierenden und normal Berufstätigen ist mehr als doppelt so hoch als diejenige der SportsoldatInnen.

Die zweierfolgreichste Berufsgruppe waren die PolizistInnen. Hier kehren 10 von 30 Olympiastarterinnen mit einer Medaille heim.

Die erfolgloseste Berufsgruppe war übrigens diejenige der Vollzeitsportler: 26 Starter, aber keine Medaille. Mit Ausnahme der Snowboarderin Annika Morgan handelt es sich bei den Vollzeitsportlern ausschließlich um Eishockeyspieler. Dies veranschaulicht die partielle Sensitivität derartiger Statistiken: hätte die Eishockeymannschaft eine Medaille gewonnen, beliefe sich die Erfolgsquote der VollzeitsportlerInnen auf 96%.

Die relativ schwache Medaillenausbeute der SportsoldatInnen in Peking 2022 bestätigt nicht nur die oben genannten Erfahrungen bei den Olympischen Sommerspielen 2012; das Ergebnis reiht sich lückenlos in Sommer- und Winterspiele seit in Sotschi ein.6

Sportsoldaten-2022-V2-2022-02-20-12-30-verschoben

Die geminderte Erfolgsbilanz der SportsoldatInnen ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass vor allem Sportler, die in ihren jungen Jahren zu den erfolgreichsten gehörten, die Bundeswehr-Stellen erhalten.7

Es spricht einiges dafür, dass sich AthletInnen bei der Bundeswehr sportlich schlechter entwickeln, als dies ohne Bundeswehr möglich wäre.

Dies könnte das Ergebnis eines Sozialisationseffektes sein. Die fehlende Forderung in bzw. die fehlenden Anregungen aus anderen Lebensbereichen können auch die Leistungsfähigkeit in der eigenen Spezialdisziplin verringern. Insbesondere Langdienende könnten sich sportlich besser entwickeln, wenn sie sich nicht bei der Bundeswehr auf die scheinbare Perfektion einer einzigen Leistungsdimension, den Sport, konzentrieren würden. Das SportsoldatInnentum, welches de facto ein ScheinsoldatInnentum ohne militärische Aktivitäten ist, füllt die AthletInnen nicht aus. Durch die Verengung des Sportleralltags können Medaillen verloren gehen.8

Das SportsoldatInnentum ist darüber hinaus in vielerlei anderer Hinsicht problematisch (Völker 2010):

Der Sport gibt seine Staatsferne auf; das klassische Bild ganzheitlich entwickelter AthletInnen wird zugunsten des Staatsamateurs à la Ostblock aufgegeben.

Da die SportsoldatInnen für Trainer und Funktionäre bequem einzusetzen sind, verdrängen sie andere Berufsgruppen. Zu viele der SportsoldatInnen gehen keinerlei geregelter Ausbildung nach; oft stehen sie nach vielen Jahren Spitzensport vor dem Nichts. Es ist ein Problem für den (Spitzen-)sport, wenn sich das Bild festigt, dass Spitzensportler nach der Sportkarriere kaum angemessene gesellschaftliche Partizipationsmöglichkeiten haben. Es werden langfristig bildungsaffine Milieus vom Spitzensport ferngehalten, was langfristig der Leistungsentwicklung des Spitzensportes schadet. Ordnungspolitische/ordnungspolitische Probleme aufgrund solcher Scheinarbeitsverhältnisse kommen hinzu.

Es ist die Aufgabe der Sportführung, Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen die AthletInnen ihre Leistungspotentiale voll entwickeln und möglichst zu MedaillengewinnerInnen werden. Die Diskussion sollte ergebnisoffen, aber auf der Basis angemessener Daten und Statistiken geführt werden. Die Struktur-Diskussion mag herausarbeiten, dass auch der Bundeswehr eine gewisse Rolle in der Sportförderung zukommen kann. Dies mag unter Umständen gelten für

  • einige Regionen (z.B. Alpen mit wenig Ausbildungs- und Studienplätzen)
  • einige Disziplinen, bei denen die Bundeswehr besondere Expertise beisteuern kann (Biathlon und Schießsport) – unter dem Gesichtspunkt der Subsidiarität allerdings nur, wenn die AthletInnen nicht über hinreichende anderweitige Finanzierungsquellen wie Sponsoring-Einnahmen verfügen
  • für begrenzte Zeiträume in AthletInnenkarrieren (6 bis 12 Monate vor Olympischen Spielen, insgesamt pro AthletIn in der gesamten Karriere aber für einen maximalen Zeitraum von beispielsweise 24 Monaten)
  • bei gleichzeitiger systematischer Ausbildungsförderung und -forderung für BundeswehrsoldatInnen. Es genügt nicht, dass die Bundeswehr die Möglichkeit geschaffen (hat), neben Bundeswehr und Spitzensport ein Studium oder eine zivile und/oder militärische Ausbildung zu absolvieren. Die SportsoldatInnen sollten zu solchen Ausbildungen angehalten werden.

Allerdings: selbst wenn bei Vorliegen solcher Ausgestaltungen (mehr) Erfolge der Bundeswehrförderung generiert werden könnten, so bedeutet dies noch nicht, dass sie unter ökonomischen Gesichtspunkten sinnvoll ist. Nicht sinnvoll wäre das SportsoldatInnentum insbesondere dann, wenn solche Erfolge kostengünstiger – und unter Vermeidung der oben genannten unerwünschten Nebeneffekte – über andere Förderwege, beispielsweise über die Deutsche Sporthilfe erreicht werden können.

Es könnte sich anbieten, sich einem Optimum der Anteile verschiedener Förderwege des Sportes über einen Tatonnement-Prozess anzunähern: Solange die Erfolgsquoten der verschiedenen Förderwege voneinander abweichen, sollten schrittweise die entsprechenden öffentlich finanzierten Fördervolumen von den weniger erfolgreichen Systemen zu den erfolgreicheren Systemen umgeschichtet werden. Beispielsweise könnten nach jeder Olympiade 10 % des Fördervolumens von den weniger erfolgreichen Systemen (in diesem Fall: Bundeswehr) zu erfolgreicheren Systemen (in diesem Fall: Sporthilfe) umgeschichtet werden. Selbstverständlich kann auch die Forderung des ehemaligen Vorsitzenden der Athletenkommission Max Hartung, weitere Förderinstitutionen einzubeziehen (sid 2017), diskutiert werden.

Nachweise zu den geminderten Erfolgsbilanzen gibt es seit nunmehr zehn Jahren. Angesichts des wiederkehrend fehlenden Nachweises der Sinnhaftigkeit der Bundeswehr-Sportförderung in der derzeitigen Ausgestaltung stellt sich die Frage, weshalb Sport und Politik auf der Fortführung insistieren.

Ein Erklärungsansatz könnte in Budgetrestriktionen und Haushaltsgrundsätzen liegen. Wenngleich es aus gesellschaftlicher Sicht sinnvoll ist, Teile der Mittel der Bundeswehr zur Deutschen Sporthilfe zu verlagern, dürfte es mit Problemen verbunden sein, das Bundeswehr- Budget zu kürzen, und das Budget des Bundesinnenministeriums entsprechend zu erhöhen, damit dieses es beispielsweise der Sporthilfe zukommen lassen kann. Allerdings sind Haushaltsgrundsätze letztlich dazu da, eine effiziente Verwendung der öffentlichen Gelder sicher zu stellen – ggf. müssten sie angepasst werden.

Wolfgang Maennig ist Olympiasieger und Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Hamburg.


1 Für ausgezeichnete Zuarbeit bei der Erstellung der Datenbasis danke ich Carsten Creutzburg.

2 Von den 12 Goldmedaillen, welche für den zweiten Platz im Nationen Ranking maßgeblich sind, wurden 9 in den Bob-, Rodel- und Skeletondisziplinen gewonnen.

3 Vgl. Maennig (2012).

4 Die Bundeswehr berücksichtigt in ihrer Aufstellung Paul Fentz (Eiskunstlauf) und Joel Dufter (Eisschnellauf) nicht; auf den Seiten von Team D gelten sie hingegen ebenfalls als Sportsoldaten, vgl. https://www.teamdeutschland.de/athleten/details/paul-fentz sowie https://www.teamdeutschland.de/athleten/details/joel-dufter.

5 Wenn Paul Fentz und Joel Dufter der Gruppe der Sportsoldaten hinzugerechnet werden, erhöht sich ihre Gesamtzahl auf 57. Die Quote der Medaillen gewinnen den Sport Soldatinnen reduziert sich in diesem Fall auf 29,8%.

6 Entsprechende Berechnungen sind auf Anforderung vom Autor abrufbar.

7 Vgl., auch im Folgenden Maennig (2012).

8 Denkbar ist auch ein Selektionseffekt, bei dem Risikoscheue, weniger Bildungsaffine oder aber Sportler, die zwar in jungen Jahren besonders erfolgreich waren, aber (deshalb?) in Zukunft ihr relatives Leistungsniveau nicht halten können, den Weg des/der SportsoldatIn nehmen. Mischformen aus Selektions- und Sozialisationseffekt sind denkbar. Den Hinweis zum Selektionseffekt verdanke ich Eike Emrich, dessen Arbeiten zur Leistungsfähigkeit der Elite-Schulen des Sportes noch auf eine andere Quelle des Selektionseffektes hinweisen: AbsolventInnen von Eliteschulen des Sportes wählen besonders oft den Weg des/der SportsoldatIn. Übrigens sind auch die EliteschülerInnen – im Gegensatz zur allgemeinen Wahrnehmung – zumindest in den Sommersportarten nicht erfolgreicher als Sportler auf dem “normalen” Schulweg (Emrich et al 2009 sowie Flatau und Emrich 2011).

Literatur:

Bundeswehr (2022), Olympianominierung der deutschen Wintersportler für die XXIV. Olympischen Winterspiele Beijing 2022. 55 Spitzensportler der Bundeswehr wurden nominiert, https://www.presseportal.de/pm/114358/5135828

Drepper, D (2011), Vom Sinn und Unsinn der Sportsoldaten, http://www.zeit.de/sport/2011-02/sportsoldaten-bundeswehr-staatssportler

Emrich, E.; Fröhlich, M.; Klein, M.; Pitsch, W. (2009), Evaluation of the Elite Schools of Sport: Empirical Findings from an Individual and Collective Point of View. In: International Review for the Sociology of Sport 44, 2-3, S. 151-171.

Flatau, J.; Emrich, E. (2011), Die Organisation sportlichen Erfolgs – Zur Frage nach Markt oder Hierarchie im Spitzensport am Beispiel der Eliteschulen des Sports Sportwissenschaft 41, 2, S. 100-111.

Maennig, W. (2012), London 2012 – Das Ende des Mythos vom erfolgreichen Sportsoldaten,

Sid (2017), Athletenkommission: Sportförderung breiter aufstellen, 8.3.2017

Völker, M. (2010), Schon fast Militärfestspiele. TAZ Tageszeitung vom 6.2.2010, http://www.taz.de/Ex-Olympiasieger-ueber-Sportsoldaten/!47929/


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2 Gedanken zu „Auch in Peking 2022: Relativ schwache Medaillenausbeute der SportsoldatInnen“

  1. hallo Herr Weinreich, wir sprachen mal an der Spoho kurz miteinander, ich verfolge Ihren informativen Blog immer.
    Ihre Fakten sind gut, warum fragt die ARD oder ZDF Sie nicht öfters nach Einschätzungen? Hartmut Hettich

  2. Ich glaube, die haben einfach zu viele herausragende Experten. Ab 2015 sind dort beispielsweise ja auch FIFA-Experten wie Pilze aus dem Boden geschossen.

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