Tokio, was vom Tage übrig bleibt (21. Juli 21)

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Wer zuletzt lacht: Rheinländer Mronz, Rücker, Laschet – Profi Bach. (Foto: IOC/Greg Martin)

Tokio Newsletter 3

URAYASU/TOKYO. Ich hatte eigentlich vor, mit einem anderen Bild aufzumachen. Aber herrje, Ehre wem Ehre gebührt – konzentrieren wir uns zunächst auf die deutsche Tragödie, die sich hinter der heutigen Vergabe der Spiele der XXXV. Olympiade an Brisbane versteckt. Hat ja genug Schlagzeilen über die sportpolitischen Narrenspiele gegeben in den vergangenen Monaten. Drei der vier Deutschen da oben waren noch vor wenigen Wochen absolut davon überzeugt, das IOC würde frühestens im Sommer 2022 die Olympischen Spiele 2032 vergeben. Oder eben später. Irgendwann.

Jetzt stellen Sie sich vor, eine Person von den vieren dort oben würde demnächst Bundeskanzler, eine andere Person schaffte es tatsächlich, den Friedensnobelpreis zu akquirieren, eine dritte Person nähme für Olympia 2036 neuen Anlauf, wahrscheinlich sogar mit Bundesmitteln unterstützt, und eine vierte Person bliebe im Amt an der Spitze der DOSB-Administration, obwohl sie Unfähigkeit hinreichend unter Beweis gestellt hat und mitverantwortlich ist für ein Klima der Angst in der Belegschaft.

Sie möchten sich das nicht vorstellen? 

Sie wollen lieber auswandern?

Es ist Ihre Entscheidung. Handeln Sie bitte nicht übereilt!

Jedenfalls, den nationalen Aspekt der Krönung von Brisbane heute auf der 138. Session habe ich für den SPIEGEL skizziert (Letzte Ohrfeige für die deutschen Bemühungen). Einen zweiteiligen live-Blog liefere ich Ihnen wie gewohnt unter dem Label SPORT & POLITICS:

Auf dieser Pressemitteilung des TOCOG steht ganz oben rechts, in feiner japanischer stempelähnlicher Art: EMBARGOED. Das war mir wurscht, als die Mitteilung gegen Mittag (Ortszeit) im Postfach landete, lange vor der endgültigen Wahl von Brisbane. Habe den obigen Screenshot getwittert (“Hilarious”), weil es mir als weiteres lustiges Dokument der Zeitgeschichte wichtig schien. Die Nachricht wurde gut angenommen – mit weit mehr als 100.000 Impressions.

Twitter misst da sehr genau, und mein unmaßgeblicher Standpunkt ist: 100.000 Impressions sind 100.000 Impressions gegen IOC-Propaganda, also gut.

Läuft.

Jetzt müssten nur noch mehr Tokio-Pässe dazu kommen, damit ich nach dieser Reise nicht draufgezahlt habe. Aber das ist eine andere Geschichte, ich will wirklich nicht mit der Tür ins Haus fallen, sondern Sie halbwegs unterhaltend vernünftig informieren.

Am Dienstag hatte IOC-Sprecher Mark Adams im Main Press Center noch den offiziellen Quatsch verbreitet, für 2032 sei längst nichts entschieden, man könne ja nie wissen, die Präsentation sei wichtig, geheime Abstimmung, der Mond ein grüner Käse, die Erde eine Scheibe und … all that Olympic jazz

Nonsens.

Ich war im Mai 2019 in Queensland, beim Kongress SportAccord an der Gold Coast – welch atemraubende Destination. An einem dieser Tage fuhr Thomas Bach (FDP) mit seinem IOC-Kumpel John Coates die paar Kilometer nach Brisbane rauf. Es war, wie immer, ein kleiner Staatsbesuch. Spätestens da musste jedem klar sein, was hier lief.

Einen Monat später auf der IOC-Session in Lausanne, als Mailand die Winterspiele 2026 zugesprochen wurden, verabschiedete die IOC-Vollversammlung die neuerliche Änderung des Bewerbungsprozesses. Aus The New Norm, vor allem auf technische Kriterien fokussiert, machte man The New Approach, und da wurde es grundsätzlich.Ich erinnere mich sehr gut an die Gespräche mit Freunden und Funktionären, als Coates The New Norm im SwissTech Convention Center vorgestellt hatte.

Wir wussten, dass die wenigstens IOC-Mitglieder die Tragweite dessen begriffen, was sie da beschlossen, einstimmig, worauf Bach seither gern hinweist, wenn zaghafte Kritik geäußert wird. 

Die Mitglieder haben sich selbst kastriert, ohne es zu merken. 

Eine sportpolitische Meisterleistung.

Erfahrene, richtige Olympier wie Dick Pound hatten das natürlich gleich begriffen. Die Session gab noch mehr Macht an das dem Präsidenten hörige Exekutivkomitee ab. Aus dem in den 1990ern festgezurrten Bewerbungs-Prozedere (Applicant Phase, Candidate Phase, Candidature Acceptance Working Group, Evaluation Commission etc), das ständig technisch schlechte Bewerber favorisierte, weil Politik eben doch dominierte, das aber wenigstens einen klaren Ablaufplan hatte, an dem sich die Öffentlichkeit orientieren konnte, aus diesem System wurde The New Norm thanks to Agenda 2020 and Agenda 2020+5.

Der IOC-Präsident nominierte im Oktober 2019 zwei Future Host Commissions, eine geleitet vom aufstrebenden Rumänen Octavian Morariu (Winter), die andere geführt von der aufstrebenden norwegischen Reederstochter Kristin Kloster Aasen. Raffiniert band Bach auch den mitunter widerspenstigen Richard Pound ein. 

Zack, zack, es ging jetzt alles sehr schnell. 

Wenn ich mich recht erinnere, hatte die Truppe von Morariu nur eine Sitzung gebraucht, um dem Exekutivkomitee nach allumfassender Prüfung den Gastgeber der Olympischen Jugend-Winterspiele 2018 vorzuschlagen: die Provinz Gangwon in Südkorea, wo 2018 bereits die richtigen Winterspiele stattfanden, rund um das Örtchen PyeongChang.

Targeted dialogue hieß es nun. Continued targeted dialogue. Undsoweiterundsofort. Für jedes Problem fand sich ein Buzzword. Das zählt zum System Bach. 

Man hätte also gewarnt sein können im deutschen Sport, in NRW und beim DOSB. Aber dafür müsste man ja mit offenen Augen und Ohren und mit minimalen fachlichen Kenntnissen agieren.

Ende Februar 2021 fielen sie dann aus allen Wolken. Der Rest ist bekannt und in diesem Theater umfassend dargelegt.

Es folgten unvergleichlich clowneske Pressekonferenzen und gegenseitige Schuldzuweisungen. Das IOC hat weitere Gespräche mit dem DOSB auf Eis gelegt. Kristin Kloster Aasen verlangte vom DOSB-Chef Hörmann, keine „Fehlinformationen“ zu verbreiten und seine „unrichtigen Aussagen“ zu korrigieren. Sie tat das mit Billigung von Bach, der im Mai selbst einen Brief an die deutsche Sportführung schrieb. Das Verhältnis von DOSB und IOC bedürfe „einer Heilung“, formulierte Bach: „Die Stellung des DOSB in internationalen Sportorganisationen hat weiter gelitten.“

Dennoch kündigte Hörmann Mitte Juni auf einer Videokonferenz mit deutschen Verbandsvertretern so eine Art Enthüllung zum IOC an: „Die Stunde der Wahrheit und Klarheit wird noch kommen“, behauptete er kryptisch. Er wolle das aber „nicht tiefer begründen“.

Nicht heute, doch noch einige Male werde ich diese Geschichten aufbereiten. Sie können sich im Herbst auf mindestens ein Heft von SPORT & POLITICS freuen, in dem auf Grundlage der kompletten Akten des Bundesinnenministeriums und anderer Behörden sämtliche sieben seit 1986 gescheiterten deutschen Bewerbungen aufgearbeitet werden: Berchtesgaden, Berlin, Leipzig, München, München, Hamburg und NRW. Was der DOSB nicht macht, liefere ich Ihnen – eine umfassende Analyse auf Grundlage von tausenden Dokumenten. Der DOSB, Sie werden es kaum anders erwarten, lässt sich nicht in die Akten schauen. Für den DOSB gilt leider kein Informationsfreiheitsgesetz (IFG) wie für Bundesbehörden.

Wer beim DOSB um Archivzugang bittet, bekommt Post von jenem Anwalt, der mich und den SPIEGEL in einer mit Olympiabewerbungen verbundenen Berichterstattung zur Nationalen Strategie Sportgroßveranstaltungen im Auftrag von Hörmann und DOSB verklagt hat. 

Gerichtstermin soll im Februar 2022 sein, während der Winterspiele in Peking.

Was bleibt vom 21. Juli 2021, von einer IOC-Entscheidung, die gemäß DOSB- und NRW-Experten, die sich bestens in Fahrt wähnten, erst im kommenden Jahr fallen sollte?

Es bleibt, dass in Tokio die ersten drei Goldmedaillen vergeben wurden, lange vor der Eröffnungsfeier:

Die erste Goldmedaille geht an Brisbane, Queensland und Australien. Mögen Sie reich und glücklich werden mit den Olympischen Spielen, die gemäß Gouverneurin Annastacia Palaszczuk “ein goldenes Zeitalter” auslösen.

Damit verbunden geht die zweite Goldmedaille an die olympische Skandalnudel John Coates, Thomas Bachs Buddy.

Die dritte Goldmedaille geht an Kristin Kloster Aasen, die in der Future Host Commission for the Games of the Olympiad als IOC-Rookie routiniert die Entscheidung für Brisbane vorbereitete, selbstverständlich einzig und allein auf Grundlage eines herausragenden Konzepts der Australien und überhaupt – großes olympisches Ehrenwort darauf! Kloster Aasen wurde am Mittwoch, Stunden vor der Brisbane-Entscheidung, ins IOC-Exekutivkomitee delegiert.

Den Sprung vom einfachen Mitglied ins Exekutivkomitee hat sie in weniger als vier Jahren vollzogen. So schnell war nicht einmal Bach. Der brauchte fünf Jahre.

Das bleibt.

Sie erkennen dahinter ein System?

Ich auch. Ein bisschen habe ich dazu hier aufgeschrieben und getwittert, denn es gab ja mindestens eine weitere Goldmedaillengewinnerin dieses Tages, die es Thomas Bach ebenfalls recht gemacht hat.

Am Donnerstag folgt der Tokio Newsletter Nr. 4.

Eine richtig gute Nachricht erreichte mich noch am Mittwoch: Ich bekomme ein Ticket für die Pressetribüne bei der Eröffnungsfeier am Freitag. Dort kann ich einmal mehr neben meinem Lieblingseröffnungsfeierkollegen Holger Gertz sitzen, der für die Süddeutsche Zeitung wieder großartige Geschichten schreiben wird. Damit ist ein live-Blog von der Zeremonie am Freitag gesichert, darauf freue ich mich.

Einen Gag aber habe ich noch.

Es geht um einen weiteren deutschen Spitzenfunktionär.

Ich hatte in einigen Texten einen Senior Advisor des IOC erwähnt, der nach Tokio reist, obwohl doch – so hatte ich es verstanden – nur jene Offiziellen hier sein sollten, die für den Ablauf der Corona Games absolut unentbehrlich seien.

Eingeweihte werden den Namen des Mannes unschwer erraten haben.

Warum also Michael Vesper (Bündnis 90/Grüne) in Tokio unentbehrlich sei, wollte ich von Vespers ehemaligem Mitarbeiter Christian Klaue wissen, heute Corporate Communications and Public Affairs Director of the IOC.

Seine Antwort:

“Wie Du weißt, ist Michael Vesper Berater des IOC, der uns bei der Koordination unserer Beziehung zur WADA und bei der Bearbeitung von Governance Themen in den NOKs auf ad hoc Basis unterstützt. Beides sind bei den Spielen wichtige Aufgaben.”

Das erinnert mich etwas an das Foto ganz oben, das mit den lustig grinsenden NRW-2032-Rheinländern.

Helau!


Ich werde bis Mitte August 24/7 rund von den Corona Games aus Tokio berichten. Im Shop oder direkt via PayPal können Sie olympische Hintergrundberichterstattung buchen und meine Arbeit unter erschwerten Bedingungen unterstützen – analog zu Rio und PyeongChang gibt es jetzt den Tokio-Pass, aber mit viel mehr Content und einigen Extras wie einen täglichen Newsletter. Für absolute Gourmets und Supporter gibt es sogar ein IOC-konformes Tokio-Superpaket „Es werde Licht am Ende des Tunnels“!

Ein Gedanke zu „Tokio, was vom Tage übrig bleibt (21. Juli 21)“

  1. MetaloplastikaCvetković

    „Eine richtig gute Nachricht erreichte mich noch am Mittwoch: Ich bekomme ein Ticket für die Pressetribüne bei der Eröffnungsfeier am Freitag. Dort kann ich einmal mehr neben meinem Lieblingseröffnungsfeierkollegen Holger Gertz sitzen, der für die Süddeutsche Zeitung wieder großartige Geschichten schreiben wird. Damit ist ein live-Blog von der Zeremonie am Freitag gesichert, darauf freue ich mich.“

    Ev. wird das eine sehr kurze Feier, nachdem man in den letzten paar Stunden gewiisse Dinge, die ja nunmehr hinlänglich bekannt waren, abarbeitet.
    Ev. sollte man einfach die Feiern London zusammenschneiden. Die Mucke war eh besser, dann noch Gangam Style- oh whait Südkorea und Oly Stadion Berlin und Namen- und geritzt ist die Sache, nachher kommen noch weitere Filme ala Fr. R. vor aus 1936.
    Mann, Mann, Mann, sind die so doof oder tun die da alle nur so? Ich meine die zahlen ja , dass man eben keine Leute vorm oder hinter dem Hauptbahnhof einkauft? Egal beides schlimm! Beides zum Kotzen, wenn man im Kleinen vor Ort für Aufklärung sorgt und es dort so vehement und gross verbrannt wird. Danke noch einmal, was ich x mal schon sagte, an meine Lehrer, hatte ich Schweineglück (nein nicht mal bsichtlich, jetzt er erst gemerkt, warum das auch noch passt) offensichtlich.
    Und danke für die Berichterstattung.

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