Live-Blog: Super Own Goal

21.20 Uhr: Gerade läuft ein Krisen-Meeting der frisch gegründeten Super League.

Das ging aber flink.

Keine 48 Stunden hat es gedauert und schon wurde aus der historisch schärfsten Attacke auf die Monopolisten des Fußballs (FIFA, UEFA) einer der spektakulärsten Fails in der Geschichte des Sportbusiness.

Lasst uns doch ein bisschen über die Gründe spekulieren und vielleicht sogar ein paar vernünftige Gedanken sammeln.

  • Ed Woodward zurückgetreten (worden), will aber noch bis Ende des Jahres amtieren, was ihm nie und nimmer gelingt, der wird in Kürze verjagt – Manchester United
  • Andrea Agnelli wohl zurückgetreten (worden) – Juventus Turin … aber wohl beim Krisenmeeting dabei. Kann sich alles jederzeit ändern, bis vor 48 Stunden war er ja auch noch ECA-Boss und UEFA-Exko-Mitglied
  • Abramowitsch hat es sich anders überlegt – Chelsea FC
  • Manchester City zieht zurück und wird von UEFA-Ceferin freudig wieder in der Familie begrüßt
  • Barcelona zieht zurück
  • Atlético zieht zurück
  • Arsenal zieht zurück

Alles natürlich ohne Gewähr. Da waren es nur noch – fünf? Oder schon weniger?

Andere grübeln gerade ganz dolle und werden heute noch den Rückzieher machen. Zum Beispiel, wenn so etwas passiert:

Bei Liverpool, natürlich, fast vergessen, gab es das klare Statement der Spieler:

„Der Fußball lebt in den System wo wir haben“, sagt der Loddar gerade, kurz nachdem einer seiner Sky-Reporterfans live jubelte: „Das Ding haben die Bayern mitgewonnen, für den Fußball und für die Bundesliga.“

Denn um 15.55 Uhr meldete der Stern des Südens:

FC Bayern sagt Nein zur Super League
Der FC Bayern München bezieht zum Thema Super League geschlossen Stellung.
Präsident Herbert Hainer sagt: „Unsere Mitglieder und Fans lehnen eine Super League ab. Es ist unser Wunsch als FC Bayern und unser Ziel, dass die europäischen Vereine diesen wunderbaren und emotionalen Wettbewerb Champions League leben und zusammen mit der UEFA entwickeln. Der FC Bayern sagt Nein zur Super League.“
Der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge bekräftigt: „Ich darf im Namen des Vorstandes ausdrücklich feststellen, dass der FC Bayern nicht an der Super League teilnimmt. Der FC Bayern steht solidarisch zur Bundesliga. Es war und ist für uns immer eine große Freude, als deutscher Vertreter in der Champions League spielen zu können. Wir alle erinnern uns immer noch gerne an unseren Champions-League-Sieg 2020 in Lissabon, so einen glücklichen Moment vergisst man nicht. Für den FC Bayern ist die Champions League der weltweit beste Klubwettbewerb.“

Rummenigge hatte ich gestern schon als Krisengewinner ausgemacht, denn er zog für die ECA als Nachfolger von Agnelli wieder ins Exekutivkomitee der UEFA ein, vorhin auf dem Kongress bestätigt.

Der FC Bayern, PSG und Dortmund waren eingeladen zur Super League, diese Passage aus dem Vertragspapier präsentierte DER SPIEGEL gestern:

DER SPIEGEL

Weit weniger interessant als der Vertrag ist natürlich das 16 Seiten umfassende Konzept (Super League Proposal) vom Januar, das gab und gibt es in diesem Theater:

Super-League-Proposal-OCR-2021

Ich gehe davon aus, dass es im gedruckten SPIEGEL am Freitag eine große Geschichte zum Vertrag geben soll(te), dann dürfte das 167 Seiten umfassende Papier allerdings schon wieder hinfällig sein, wenn es in diesem Tempo weiter geht.

Meine derzeitige Lieblingsthese/Arbeitsthese:

Es wurde geschickt mit eingefädelt von Katar und Nasser Al-Khelaifi, um eine Weile der Schurkenrolle zu entrinnen. Dafür spricht einiges. Nur nicht, dass das Fiasko schon nach 48 Stunden kam.

Im Grunde kann Katar damit ab morgen wieder die Schurkenrolle übernehmen :) Es ging alles zu schnell. The Dirty Dozen hätte ein paar Monate durchhalten müssen.


Wenn Sie künftig im Wochenrhythmus mit Analysen, Hintergründen, Links und Dokumenten aus der olympischen Sportpolitik versorgt werden möchten: Hier können Sie den Newsletter SPORT & POLITICS abonnieren. Kostet nichts, ist ein Service des olympischen Bildungsmagazins, das Sie im Shop erwerben können.


Ich hatte Katar ja ebenfalls als großen Gewinner dieser Krise ausgemacht, die keine Finte war, sondern eine gewaltige, eine echte Attacke. Das war nicht vergleichbar mit den Erpressungen der Großklubs in den vergangenen drei Jahrzehnten.

Das ist übrigens auch interessant, Entstehungsgeschichte der EPL, war mir nicht aktiv geläufig, ich habe es nicht so mit der Premier League:

Jedenfalls, gestern dichtete ich u.a. zu Katar:

Warum machen die nicht mit, ist eine der meist formulierten Fragen dieser Tage. Ich denke, das war im Grunde eine Traum-Konstellation für Nasser und seinen Freund Emir Tamim. Sie mussten gar nichts tun, sondern bloß warten. Die Fußballwelt hat jetzt andere Bösewichte, dahinter verblasst die Katar-Diskussion eine Weile. Katar und die WM 2022 ist mit dem Super-League-Crash ein bisschen aus der Schusslinie. Katar gehört jetzt quasi zu den Guten. Und sollte sich der Rauch irgendwann legen, sollte es dereinst irgendeine Super League geben, die interessant sein könnte für Katar, dann würde PSG ganz schnell akzeptiert. Wegen Neymar und Mbappé – Zirkuspferde, Attraktionen, Weltstars. Und wegen des Geldes aus Katar. Ja richtig, PSG bräuchte eine Super League finanziell nicht wirklich. PSG als ein katarisches Staatsunternehmen würde Geld in die Superliga pumpen, über andere Firmen, die unter dem Label QSI gebündelt sind.

Inzwischen wurde NAK beim UEFA-Kongress in Montreux gefeiert. Interviews hat er nicht gegeben, doch meinem Kollegen Graham Dunbar (AP) hat Monsieur Nasser auf der Straße zugeraunt: „I am a good guy.“

Das waren fünf Worte mehr, als man sonst von ihm hört.

Es gibt so ein paar Spuren, die darauf hinweisen, dass Katar (NAK & Co) die anderen sogar hat ins Verderben rennen lassen. Was wäre das für eine fantastische Geschichte.

Aber das ist alles natürlich nur ein Aspekt dieses Irrsinns. Wenngleich einer, der mich wegen seiner sportpolitischen Pointen besonders interessiert.

Lasst uns doch noch ein paar Stunden Argumente sammeln, an irren Zuspitzungen und jähen Wendungen ist jedenfalls heute Nacht kein Mangel.

Viel Vergnügen!

Und das stimmt natürlich ebenfalls, total:

22.39 Uhr: Manchester United hat die Meldung zum Rückzug von Woodward jetzt auf der Webseite. Und UEFA-Präsident Aleksander Ceferin begrüßt Manchester City bereits wieder in der UEFA-Familie:

23.31 Uhr: Etwas wirklich Wichtiges:

Und das stimmt natürlich …

… auch wenn es nicht mein Hauptthema ist, doch so einfach zur Tagesordnung übergehen, als wäre nichts gewesen?

00.11 Uhr: In fünf Minuten sind es 48 Stunden seit der ersten und bislang einzigen Pressemitteilung der Super League. Gibt es eine zweite? Die Aufgabe?

Huch, fast übersehen, kurz vor Mitternacht:

Zählen wir kurz nochmal durch:

  1. FC Liverpool
  2. Manchester United
  3. Manchester City
  4. Tottenham Hotspur
  5. FC Arsenal
  6. FC Chelsea
  7. Real Madrid
  8. Atlético Madrid
  9. FC Barcelona
  10. Juventus Turin
  11. Inter Mailand
  12. AC Mailand

Da sind vielleicht ein paar Firmen durchgestrichen, die noch gar nicht offiziell zurückgezogen haben. Dafür sind womöglich einige undurchgestrichene ausgeschert. Anyway, das Ding ist durch. Verrückt.

Auf Twitter kursierten längst Witze, dass Tottenham dabei bleibt, um endlich mal Meister zu werden.

Und siehe, Tottenham können wir auch streichen:

Mal schauen, wie viele Minuten diese Liste gilt:

  1. FC Liverpool
  2. Manchester United
  3. Manchester City
  4. Tottenham Hotspur
  5. FC Arsenal
  6. FC Chelsea
  7. Real Madrid
  8. Atlético Madrid
  9. FC Barcelona
  10. Juventus Turin
  11. Inter Mailand
  12. AC Mailand

Nick Harris hat das mal übersetzt:

Grandios:

01.24 Uhr: Das Ding ist durch. Gehe schlafen.

Hier geht es weiter, und dann wird auch nochmal richtig durchgezählt.


Sie möchten Recherche-Journalismus und olympische Bildung finanzieren?
Do you want to support first-class investigative journalism and Olympic education?

SPORT & POLITICS Shop.

Ein Gedanke zu „Live-Blog: Super Own Goal“

  1. Pingback: Super Crash. Der Tag danach. – SPORT & POLITICS

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.