Olympiakriminalität: Im Reich des Bargelds

Duzbrüder: IOC-Präsident Thomas Bach, IWF-Ganove Tamás Aján, langjähriges IOC-Mitglied – beim Treffen im IOC-Hauptquartier nach der gekauften Wiederwahl Ajáns 2017. (Foto: IWF)

Der Gewichtheber-Weltverband IWF ist seit einem halben Jahrhundert ein Hort der Korruption auf allen Ebenen. Zu diesem Ergebnis kommt der kanadische Jurist Richard McLaren, der mit seinem Team in den vergangenen Monaten die Machenschaften unter dem langjährigen IWF-Präsidenten Tamás Aján (Ungarn) beleuchtet hat. Der 122 Seiten umfassende Bericht wurde heute veröffentlicht.

Im Zeitraum von 2009 bis 2019, nur darauf konzentriert sich die Untersuchung, hat Aján 27,8 Millionen Dollar von IWF-Konten abgehoben oder Barsummen in Empfang genommen: Von Doping-Nationen, die sich damit freikauften, von Nationalverbänden für Beiträge und Lizenzen, sogar von Sponsoren. Der Verbleib von 10,4 Millionen Dollar ist ungeklärt. Die Verwendung der restlichen 17,4 Millionen ebenso skandalös.

„Ajan leitete die IWF, als wäre es sein persönliches Lehen oder seine private Firma, über die er die absolute Kontrolle hatte“, schreibt McLaren. Tamás Aján (81) war von 1975 bis 2000 IWF-Generalsekretär und danach bis Anfang 2020 Präsident. Aján war zehn Jahre lang auch Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), danach bis zum März 2020 IOC-Ehrenmitglied. „Seine Macht war absolut und berüchtigt“, erklärt McLaren, der von 2015 bis 2017 mehrere spektakuläre Berichte zum russischen Staatsdopingsystem vorgelegt hat. Aján habe alles und jeden manipuliert. Wer ihn herausforderte, wurde bestraft und gemobbt.


Der McLaren-Bericht.

Auslöser der Ermittlungen war die am 5. Januar 2020 in der ARD ausgestrahlte Dokumentation Der Herr der Heber, produziert von EyeOpening.Media, der Firma von Hajo Seppelt.

Grit Hartmann, inhaltlich federführend bei diesem Film, durchleuchtet das Reich des Tamás Aján bereits seit 2013. Recherche ist immer ein Marathon, kein Sprint. McLarens Ermittler, die ganz andere Möglichkeiten hatten, bestätigen die jüngsten ARD-Veröffentlichungen fast auf ganzer Linie (außer in Sachen HUNADO) – aber es ist alles noch viel schlimmer in der IWF.

Hier sind die drei großartigen Recherche-Texte, die Grit Hartmann im Mai 2013 in diesem Theater veröffentlicht hat:

Und hier noch einmal Der Herr der Heber:

Sendung vom 5. Januar 2020

Der McLaren-Report konzentriert sich vor allem auf finanzielle Aspekte. In der IWF sind diese stets eng mit dem nahezu flächendeckenden Doping verbunden. Von 40 weiteren Fällen von vertuschten positiven Dopingproben spricht McLaren. Detaillierte Informationen, alle Namen und Dokumente, gehen an die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA.

McLarens Team beschreibt eine „Herrschaft des Bargeldes“. An anderer Stelle ist von „Tyrannei des Bargeldes“ die Rede. Der Verdacht der Geldwäsche liegt nahe. Ein hinzugezogener Experte für Geldwäsche bringt das in dem Bericht zum Ausdruck. Es gebe keine andere Erklärung für die unglaublichen Usancen in der IWF. Stets wurden große Summen über Grenzen geschmuggelt, wobei Ajáns Diplomatenpass hilfreich war. Der Herr der Heber wurde nicht kontrolliert. 

Die Cash-Millionen, über die Aján frei verfügte, dienten vielfältigen Manipulationen. Der Stimmenkauf bei den letzten beiden sogenannten IWF-Wahlkongressen 2013 in Moskau und 2017 in Bangkok wurde von den Ermittlern detailliert nachgezeichnet. Dazu fanden sich auf dem Computer des IWF-Generalsekretärs Attila Adamfi zahlreiche Dokumente. Adamfi ist Ajáns Schwiegersohn. Adamfi nahm am Donnerstag, zwei Stunden nach der Videokonferenz von McLaren, sogar an der Videokonferenz der IWF-Interimspräsidentin Ursula Garza Papandrea (USA) teil.

Die Entlassung von Adamfi steht ebenso bevor wie der Umzug der IWF-Geschäftsstelle von Budapest nach Lausanne, wo die Mehrzahl der derzeit 40 olympischen Weltverbände ihren Hauptsitz hat. Ursula Papandrea wollte sich aus juristischen Gründen nicht zur Verantwortung von Aján und Adamfi äußern. Wie zuvor Richard McLaren bei seiner Videokonferenz machte sie aber klar, dass zahlreiche der im Bericht aufgeführten Vergehen zu Kriminalermittlungen führen dürften. „Wir werden alles an die Strafverfolgungsbehörden der jeweiligen Länder weiterleiten und vollumfänglich kooperieren“, sagte sie. 

Dies beträfe wohl zuerst Ungarn und die Schweiz, eventuell auch die USA – denn die Hauptgeschäfte wurden in US-Dollar getätigt, auch richtete die IWF mehrfach Weltmeisterschaften in den USA aus. Das erinnert alles an die FIFA-Strafermittlungen in den USA. Über weite Teile liest sich der Bericht wie eine Kopie aus FIFA-Anklageschriften. Und einer der wichtigsten Ermittler im FIFA-Komplex, der Amerikaner Steve Berryman, langjähriger Agent der Steuerbehörde IRS, hat als Ermittler nun McLarens Team verstärkt.

Die Ermittlungen wurden nicht nur durch die Coronakrise erschwert. IWF-Offizielle haben die Aufklärung auf allen Ebenen behindert. Dokumente wurden vernichtet, Informationen manipuliert – das volle Programm. Nur zwei der fünf IWF-Vizepräsidenten, nur einer von fünf Kontinentalpräsidenten und nur vier von 20 kontaktierten Präsidenten von Nationalverbänden haben mit den Ermittlern kooperiert. „Appetit an Aufklärung war praktisch nicht vorhanden“, schreibt McLaren.

Diese Unkultur erinnert ebenfalls an die FIFA. Einige Regeländerungen hat sich die IWF bereits verpasst, fundamentale Reformen stehen bevor – doch diese global verbreitete Kultur von Doping und Korruption zu ändern, wird Jahrzehnte dauern. Ursula Papandrea glaubt dennoch, aus der IWF könne zeitnah eine olympische Vorzeige-Organisation werden: „Das ist der erste Schritt.“

Jene 23,2 Millionen Dollar, die das IOC aus den olympischen Vermarktungserlösen seit 1992 an die IWF gezahlt hat, wurden zumindest nicht sauber deklariert. Inwieweit hier und bei den 27,8 Cash-Millionen persönliche Bereicherung im Spiel ist, wird vielleicht nie geklärt. Auch wird es kaum tiefgehende Ermittlungen der Jahre 1975 bis 2008 in der Schreckensherrschaft des einstigen IOC-Mitglieds Aján geben. Das IOC, das durchaus frühzeitig Kenntnis von dubiosen Machenschaften hatte, regierte am Abend mit einer Pressemitteilung. Man werde weitere Aufklärung und IWF-Reformen unterstützen. François Carrard, langjähriger IOC-Generaldirektor und immer noch juristischer Berater, hat einst auch Aján vor dem Welt-Sportgerichtshof freigepaukt und dessen Machenschaften damit gestützt. Daran erinnert man sich in Lausanne nicht mehr.

Die Aufarbeitung des IWF-Kriminalfalls wird noch lange dauern. All die atemraubenden Zahlen können nur die Spitze des Eisberges sein, denn die Ermittler wurden behindert, Bücher vernichtet, eine komplettre elektronische Buchführung existiert nicht. Viele Geldflüsse sind nicht mehr nachzuvollziehen. Das liegt in der Natur der Sache, so war es gedacht – im Reiche des Bargelds des Tamás Aján.

Und ja, auch das war harte und gute Arbeit von Journalisten:


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