Fussball-WM mit 48 Teams: Sieg für João Sepp Infantino

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Foto: President of Russia

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Der Fußball-Weltverband FIFA steht vor der bislang schlagzeilenträchtigsten Entscheidung unter dem Präsidenten Gianni Infantino. Der 46jährige Schweizer ist seit 26. Februar 2016 im Amt. Am Dienstag tagt ab 9 Uhr der FIFA-Vorstand, neuerdings Council genannt. Das Council wird Infantino nicht nur mit großer Mehrheit, sondern wohl sogar einstimmig unterstützen: Ab 2026 wird das Finalturnier der Männer-WM, wahrscheinlich in den USA, mit 48 Mannschaften gespielt.

Infantino schreibt Sportgeschichte.

Er bewegt sich damit in der Tradition eines seiner Vorgängers, des schwer korrupten Brasilianers João Havelange. Dieser hatte sich 1974 unter anderem mit dem Versprechen zum FIFA-Präsidenten wählen lassen, die Endrunde von 16 auf 24 Teams auszuweiten. Ein 24er Turnier wurde von 1982 bis 1994 gespielt. Als sich Havelange nach 20 Jahren gegen einen Putschversuch seines damaligen Generalsekretärs Joseph Blatter wehren musste, rettete er sich in seine letzte vierjährige Amtszeit, in dem er das WM-Turnier ab 1998 mit 32 Mannschaften austragen ließ.

An derlei Usancen der Stimmenbeschaffung knüpfte Infantino an, als er im Herbst 2015, damals noch Generalsekretär der Europäischen Fußball-Union UEFA, seine Kandidatur für den FIFA-Vorsitz eröffnete. Infantino kannte das Spiel: Denn in der UEFA war die Endrunde ebenfalls ausgeweitet worden, von 16 auf 24 Mannschaften, weil der damalige Präsident Michel Platini sein Wahlvolk bedienen musste. Infantino hatte diesen Beschluss durchzusetzen.

Als die UEFA später Schwierigkeiten hatte, Bewerber für das kontinentale Mammut-Turnier zu finden, zauberten Platini und Infantino die Lösung aus dem Hut, die Euro 2020 in dreizehn Ländern auszutragen. Die EM 2024 wird dann wohl wieder von einer Nation ausgerichtet. Die größten Chancen hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) mit seiner Bewerbung. Und diese Offerte ist untrennbar mit dem Beschluss des FIFA-Councils am Dienstag in Zürich verbunden.

Es läuft auf die von Infantino favorisierte Variante mit 4 Teams in 16 Dreiergruppen hinaus. Im Zirkular (oben) waren vier Optionen übermittelt worden. In Meldungen aus Zürich ist heute Abend gar die Rede von einer fünften Option. Bislang also je zwei Turnierformen im 40er und im 48er Format. Die WM soll in allen vier Varianten weiter nur 32 Tage dauern. Allerdings wird sich die Zahl der Spiele von derzeit 64 auf mindestens 76 bis maximal 88 erhöhen. 88 Spiele wären eine Variante mit 40 Nationalmannschaften, die in acht Fünfergruppen die 16 Teilnehmer des Achtelfinals ausspielen. Infantino bevorzugt 48 Mannschaften, die zunächst in 16 Dreiergruppen 32 Teilnehmer der K.o.-Runde ausspielen, dann geht es in der gewohnten Ausscheidungsrunde weiter. So käme man auf 80 Spiele.

Die Schande von Gijon lässt grüßen.

Denn es gibt bei Dreiergruppen halt immer ein Team, das am letzten Spieltag zuschauen muss.

Bei der WM 1982 waren das in der Vorrunde die Chilenen Algerier, die das schändliche 1:0 zwischen BR-Deutschland und Österreich beobachten mussten. Erst danach wurde verfügt, dass die letzten Vorrundenspiele (in Vierergruppen) immer parallel stattfinden. Die WM 1982 war auch das letzte Turnier mit diesen komischen Dreiergruppen – nämlich in der Zwischenrunde, aus vier Dreiergruppen qualifizierten sich die Halbfinalisten Italien, Deutschland, Belgien und Polen. Auch diese Dreier-Konstellation wurde aus guten Gründen abgeschafft.

DFB-Präsident Reinhard Grindel (CDU) hat vergangene Woche auf der Homepage seines Verbandes erklärt, er wünsche sich eine längere Beratungszeit über die WM-Pläne der FIFA. Doch diese Positionierung des ehemaligen Journalisten und einstigen Bundestags-Abgeordneten ist taktischer Natur – und hatte den erwünschten Erfolg: Die Schlagzeilen stellten Grindel fälschlicherweise als eine Art Widerständler dar.

Nonsens.

Der DFB hat bislang in keinem Gremium wirklichen Widerstand praktiziert und wird das auch nicht tun. Zudem wird doch längst beraten, oder besser: Infantino ließ sich sein Projekt von vielen Dutzend Verbänden absegnen, zum Beispiel auf den neu eingeführten Regionalkonferenzen wie Anfang Dezember in Singapur.

Reinhard Grindel wird seine persönlichen Pläne, im April ins Exekutivkomitee der UEFA und dann auch ins FIFA-Council einzuziehen, genauso wenig gefährden, wie die EM-Bewerbung 2024. Es ist alles miteinander verbunden. Infantinos Einfluss in der UEFA, deren Administration er jahrelang mit harter Hand führte, ist nach wie vor groß. Er half im Spätsommer dabei, den Slowenen Aleksander Ceferin ins Präsidentenamt zu hieven. Er könnte die Pläne Grindels und des DFB gefährden, würden die Deutschen wirklich gegen die WM-Ausweitung opponieren – was sie aber nicht tun.

Grindels plötzliche Erkenntnis, dass die WM-Ausweitung vor allem kleineren Nationen zugute kommt, ist eine Binsenweisheit und belegt bestenfalls die sportfachliche Naivität des DFB-Chefs. Denn darauf waren die Pläne immer angelegt. Europa hatte zum Beispiel zwischen 1982 und 1994, als die WM-Turniere mit 24 Teams ausgetragen wurden, meist 14 Qualifikanten. Seit 1998 wird die 32er Variante gespielt, beim damaligen Turnier in Frankreich waren 15 europäische Teams dabei – 2018 in Russland werden es 14 sein. Und in einer der von Infantino nun vorgestellten 40er Turnier-Varianten lediglich 15 Teams.

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Das Gros der neuen WM-Plätze geht nach Asien, Afrika, Ozeanien und in die Karibikregion. Diese Konföderationen, die aktuell 13,5 WM-Startplätze halten (einige werden in Playoffs zwischen den Kontinentalverbänden vergeben), sollen künftig weit mehr als die Hälfte aller Turnier-Tickets bekommen. Für Infantino ist das beschlossene Sache.

Ein kleiner Abriss der bisherigen Turniere von der FIFA-Webseite, es fehlt nur 2014:

Am Dienstag – wenn alles entschieden ist, denn soweit geht die neue Transparenz dann doch nicht – wird uns die FIFA mit Dokumentationen überfluten.

Jedenfalls, in Zürich hat der Weltmeisterverband DFB keine Stimme, denn der ehemalige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach ist wegen seines Verhaltens im Sommermärchen-Skandal suspendiert. Sein Platz bleibt verwaist.

Derlei Konstellationen auszunutzen, fällt Infantino leicht. Es gibt nur einen deutschen Funktionär, der ihm Probleme bereiten könnte, das wäre Karl-Heinz Rummenigge als Präsident der Vereinigung europäischer Fußballklubs (ECA). Die ECA hat Infantino Mitte Dezember schriftlich gebeten, bei einer 32er WM zu bleiben. Seither wiederholt Rummenigge in Interviews sein damaliges Statement, man solle sich auf Sport konzentrieren, nicht auf Sportpolitik. Die Klubs aber haben keine Stimme im FIFA-Council. Zudem wird deren wichtigstes Anliegen erfüllt, denn die WM 2026, die erste mit 48 Mannschaften, soll wie Weltmeisterschaften mit 32 Teams exakt 32 Tage dauern. Die Klubs müssten ihre Profis also nicht länger abstellen. Der Rest-Widerstand wird über erhöhte FIFA-Abstellungsgebühren geregelt, das lief auch früher so. Um die neuen Preise zu verhandeln, hat man fast ein Jahrzehnt Zeit.

Apropos Geld. Infantino verspricht in einem bislang hausinternen Papier mit der WM-Aufblähung rund 20 Prozent mehr Einnahmen. Dieses Detail wurde kurz vor Weihnachten geleakt, gewiss kein Zufall. Geld zieht immer. Angeblich soll sich dadurch der Umsatz der FIFA von derzeit 5,5 Milliarden Dollar (WM-Zyklus 2018 in Russland) auf 6,5 Milliarden erhöhen. Sponsoren und TV-Stationen will man mit maßgeschneiderten Anstoßzeiten entgegenkommen, so dass künftig viele Spiele im Gastgeberland zu merkwürdigen Zeiten stattfinden, um auf den jeweiligen Märkten der beteiligten Teams zur Primetime gesendet zu werden.

Überprüfbar sind derlei Behauptungen einer signifikanten Umsatzsteigerung nicht. Zurzeit geht es ohnehin an die Reserven. Anwalts- und Beraterkosten bleiben exorbitant hoch. In den USA droht weiter Ungemach von den Strafermittlungen und anstehenden Prozessen gegen ehemalige FIFA-Topleute, hinzu kommen zivilrechtliche Auseinandersetzungen mit ehemaligen Managern, hohe Abfindungen, weil Infantino die Adminstration in Zürich umgestaltet und zunehmend mit seinen Leuten besetzt. Kürzlich wurden zwei Mediatoren verpflichtet (Nirmala Maya Dias und Andreas Blattmann), die zwischen neuer Führung (Infantino und Generalsekretärin Fatma Samba Diouf Samoura aus dem Senegal) und Angestellten vermitteln soll.

Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt. Wer sich im Home of FIFA vertrauensvoll über die neuen Usancen und den Führungsstil des FIFA-Präsidenten und seiner Crew beklagt und Fakten weitergibt (man könnte auch Whistleblowing dazu sagen), läuft Gefahr, sofort gemeldet zu werden und die FIFA verlassen zu müssen – so wie der Verfasser dieses Schreibens an die Audit and Compliance Commission:

Unter dem FIFA-Präsidenten Gianni Infantino wurde erst ein wichtiger Sponsoren- oder TV-Vertrag abgeschlossen: Im Juni 2016 verpflichtete man die chinesische Wanda Group als sechsten Partner in der höchsten Sponsoren-Kategorie. Verhandlungen mit Samsung und Qatar Airways blieben bislang erfolglos. Für Infantino ist das überaus misslich, denn er hat die Zuwendungen für die aktuell 211 Nationalverbände und die sechs Konföderationen ja exorbitant erhöht – das war neben der WM-Ausweitung sein wichtigstes Wahlversprechen. Sein Herausforderer Scheich Salman aus Bahrain hatte auf dem FIFA-Wahlkongress im Februar 2016 gewarnt, dies gefährde „das Überleben der FIFA“. Die Rücklagen des Weltverbandes sind von 2014 bis 2015 bereits um 180 Millionen Dollar auf 1,34 Milliarden geschmolzen. Das ist noch immer in der Komfortzone. Infantino hat unmittelbar nach Amtsantritt ein Kostensparprogramm aufsetzen lassen, um nicht dauerhaft an die Reserven gehen zu müssen. Das sorgt vor allem in der Adminstration für Unmut, gefällt aber den Verbänden. Denn deren garantierte Zuwendungen stiegen von garantierten 1,6 Millionen Dollar im Vierjahreszyklus auf mindestens fünf Millionen – eine sogenannte Extrahilfe von einer Million ist zusätzlich möglich.

Auch darin unterscheidet sich das System Infantino nicht von den Machtsystemen Havelanges und Blatters. Insofern ist es nur konsequent, dass jener Mann, der als UEFA-Generalsekretär wichtige FIFA-Reformen verhindert hat, nun “vorschlägt”, Südamerika (CONMEBOL) und Nordamerika/Karibik (CONCACAF) könnten künftig gemeinsam die WM-Qualifikation ausspielen. Havelange und Blatter hatten immer alle Stimmen dieser beiden Konföderationen zusammen, ähnlich wie Infantino. Die bislang in den US-Strafverfahren angeklagten 40 Personen, denen jahrzehntelange Haftstrafen drohen, haben ausnahmslos in Amerika ihr Unwesen getrieben.

Das Jahr eins der Ära Infantino war von zahlreichen Alleingängen geprägt (wie der Inthronisierung der Quotenfrau Samoura), von hohen Spesenrechnungen des neuen Präsidenten, von einer erfolgreichen Verschwörung gegen den damaligen FIFA-Chefaufseher Domenico Scala, von unwürdigen Gehaltsdiskussionen, teuren Beratern, von Infantinos Nennung in den Panama Papers, von einem an die Öffentlichkeit gelangten Tonband-Mitschnitt einer Councilsitzung im Mai, in dem der nette Herr Infantino sich selbst als Intrigant und brutaler Machtmensch enttarnt.

Wenn das Council nun die Umgestaltung der WM absegnet, ist Infantinos Position an der Spitze des Fußballkonzerns gefestigter denn je.

Rasante Wendungen sind allerdings nicht ausgeschlossen. Denn die kriminalistische Aufarbeitung des FIFA-Betrugssystems dauert an. Altlasten lauern überall, auch und vor allem an Infantinos einstiger Wirkungsstätte UEFA.

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(Eine kurze Variante des Textes, ohne die obigen Dokumente und Links, erschien auf Spiegel Online.)

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