live aus Rio (24): die Verhaftung des Patrick Hickey

 •  • 34 Comments

BARRA DA TIJUCA. Na da schau her. Eine Sondereinheit der brasilianischen Polizei hat gegen 6.30 Uhr Ortszeit im Windsor Marapendi, dem IOC-Hotel, den berüchtigten Geschäftemacher Patrick Hickey verhaftet, den Stammleser dieses Blogs ausgesprochen gut kennen. Pat Hickey musste ganz schnell ins Krankenhaus, weil ihm irgendwie unwohl war. Aus Polizeikreisen verlautete, Hickey habe einen alten, kranken und sehr erschrockenen Eindruck vermittelt, weshalb man nichts riskieren wollte und ihn zunächst zu einer Untersuchung ins Krankenhaus brachte.

Die Meldung twitterte mein Freund Jamil Chade exklusiv:

Zwei weitere brasilianische Journalisten waren morgens am Hotel.

Hickey ist Präsident des NOK Irlands, Präsident der European Olympic Committees (EOC), IOC-Mitglied und Mitglied des IOC-Exekutivkomitees. Neben vielen anderen Funktionen.

Hickey war und ist natürlich ein wichtiger Unterstützer des deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach sowie Gefolgsmann des kuwaitischen IOC-Strippenziehers Scheich Ahmad Al-Fahad Al-Sabah. Und er ist dubioser Geschäftspartner des NOK-Präsidenten von Aserbaidschan, Staatschef Ílham Alijew, dem er mit der Austragung der European Games 2015 die Möglichkeit zur Abzweigung weiterer Reichtümer für den Familienclan bot. Derzeit will Hickey unbedingt die European Games 2019 in Russland austragen lassen, koste es was es wolle.

Thomas Bach hat nicht gezögert, für Hickey eine neue Position zu schaffen: Er machte den schon immer zweifelhaften Iren zum “Delegate Member for Autonomy”. In dieser Funktion berichtet er, der Kumpel von Alijew, seither regelmäßig über die Liaison von Sport und Politik bzw. über die “Autonomie des Sports” und über Good Governance. Eine der schrägsten Fehlbesetzungen unter den trilliarden Fehlbesetzungen in der Geschichte des IOC.

Nach den spektakulären Verhaftungen bei der FIFA in Zürich im Mai und im Dezember 2015 haben wir nun also auch mal eine ordentliche Verhaftung beim IOC. Dass es Hickey trifft, ist durchaus logisch.

Foto: Jamil Chade, Folha de S.Paulo (Twitter: @JamilChade)

Foto: Jamil Chade, Folha de S.Paulo (Twitter: @JamilChade)

Es geht um Tickethandel, natürlich. Nicht zum ersten Mal bei Hickey.

Eigentlich müsste ich einige der älteren Texte hier jetzt hinter eine Paywall stellen. Die Hintergründe der Hickey-Verhaftung hat Andrew Jennings, wie so oft, schon vor Jahren hier im Blog vorweggenommen.

Ich habe kürzlich in Lesebefehlen auf die Ticket-Geschichten und Berichte irischer Tageszeitungen hingewiesen. Ralf hat in wie immer erstaunlicher Schnelle in den Kommentaren gerade die wichtigsten Texte zusammen getragen:

Melde mich gleich aus dem Windsor Marapendi und fange vor dem IOC-Frühstücksraum Reaktionen ein. Als einer von wenigen Journalisten habe ich Zugang zum Hotel, aber wer weiß, vielleicht gilt das jetzt nicht mehr.

Wie charakterisierte der inzwischen verstorbene IOC- und ANOC-Fürst Don Mario Vázquez Raña einst Pat Hickey?

I do not consider him a person with the minimum ethical and moral qualities.

Was sagte der frühere irische Sportminister Jim McDaid einst über Hickey?

A national embarrassment.

Bin noch auf dem Weg, da kommt, was ich erwartet hatte: Das IOC entzieht diese Sonder-Akkreditierungen und verweigert den Zutritt zum Windsor Marapendi:

Am Hotel dann alles sehr komisch.


BARRA DA TIJUCA. Na da schau her. Eine Sondereinheit der brasilianischen Polizei hat gegen 6.30 Uhr Ortszeit im Windsor Marapendi, dem IOC-Hotel, den berüchtigten Geschäftemacher Patrick Hickey verhaftet, den Stammleser dieses Blogs ausgesprochen gut kennen.…
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Ralf #1
Ralf #2

Cian Murray für den Irish Independent: Pat Hickey’s arrest: What the Brazilian police are saying

When police spoke to Mrs Hickey in the accommodation they were staying in, she told them Pat had already returned to Ireland.

Stefan #3

Ja, machen die denn vor gar nichts halt? Sogar während der heiligen Spiele der Völkerfreundschaft. Dabei wollte der Hickey doch nur die Rendite etwas steigern, das IOC ist doch notorisch klamm.

The Brazilian police have warrants issued for three Pro 10 officials.

Upps. Weiß man da schon was Neues?

cf #4

@Stefan
Ich kann deine Empörung sehr gut nachvollziehen — sowas von undankbar, der Brasilianer. Ich hoffe, das IOC zieht unter der Anleitung seines formidablen Präsidenten die richtigen Schlüsse aus diesem Skandal und vergibt die Spiele in Zukunft nur noch in Länder mit richtiger Rechtssicherheit (für IOC-Mitglieder)!

sternburg #5

Dieser Betrug mit Tickethandel – ist das nicht sowas, wie 2016 mit Oral Turinabol erwischt zu werden?

Gibt es denn innerhalb der vielfältigen Lebenssachverhalte wirklich keine anderen Möglichkeiten, an eine kleine und für all die Mühen natürlich mehr als angemessene Aufwandsentschädigung zu kommen? Da fehlt mir dann doch die Kreativität der olympischen Familie.

Ralf #6
Stefan #7

Ich frag mich ja, wie es Typen in Mafiafilmen ergeht, die ihre Leute hängen lassen, wenn’s eng wird. Die bei “Einer für alle, alle für einen” immer gefehlt haben. Meist doch nicht gut. Weiß da jemand was?

Ralf #8

JW für SpOn: “Endlich mal der Richtige”

Thomas Kistner in der SZ: IOC-Mitglied Hickey verhaftet

Stefan #9

Wie gut, dass es in Brasilien einen Rechtsstaat gibt, mit einem tadellosen Präsidenten Temer. Sonst hätte man ja den Eindruck, da hätte jemand nicht genug vom Kuchen abbekommen und würde sich nun rächen.

cf #10

@Stefan
Was deine Mafiafilm-Assoziationen anbelangt — ich denke, die Olympier halten es da eher ganz sportlich mit den Indianern:

Wenn du merkst, dass du ein totes Pferd reitest — steig ab!

Was die Ticketfrage angeht – da gibt es nach den Spielen ja (wahrscheinlich) auch noch die Paralympics…

Rio 2016 spokesman confirms that only 12% of tickets have been sold for the Paralympics. Worrying.

— Owen Gibson (@owen_g) August 17, 2016

… wenn man das mal fix umrechnet vom wahrgenommenen Arenen-Füllstand bei 85% verkaufter Tickets, werden sie am Ende wohl noch Freiwillige engagieren müssen, damit die Stadien dann wenigstens leer sind…

Ralf #11
Roland #12

Gibt es eigentlich diesen Knebelvertrag in Rio nicht, den alle Ausrichter unterschreiben müssen und der den Mafiosi diplomatische Immunität geben soll?
Oder hatte Brasilien tatsächlich die Eier, sich darüber hinwegzusetzen?
Wenn ja, könnte sich PH darauf berufen und frei klagen?

Ralf #13

Oliver Fritsch für Zeit online: Vorsicht, Fifa, das IOC holt auf!

Ralf #14
Ralf #16

Cathal McMahon im Irish Independent: Pat Hickey’s wife has returned to Ireland – Lawyer claims

Kevin Doyle im Irish Independent: Pat Hickey: The contradictions

Ralf #17

sid: Irlands Regierung lässt Olympia-Skandal um Hickey untersuchen

Morans Kommission [soll] auch den Umgang des OCI mit Olympia-Tickets bei den Winterspielen 2014 in Sotschi und 2012 in London überprüfen.

Ralf #19

Johannes Aumüller und Thomas Kistner in der SZ: 500 Tickets für das Fußball-Finale, bitte

Weltweit gibt es 206 NOKs. Wenn jedes, wie Hickeys Iren, fürs Fußball-Finale im Maracana gerne 500 Karten bekäme, wäre das Stadion schon mehr als überfüllt – und alle einheimischen Fans müssten draußen bleiben.
[…]
Das IOC beteuerte bisher, es unterstütze die Ermittlungsarbeit der brasilianischen Behörden vollumfänglich. Nun nährt der Mailverkehr die Vermutung, dass der Präsident selbst ein wichtiger Zeuge werden könnte.

Ralf #20

Cathal McMahon für den Irish Independent: Judge orders Pat Hickey be released from prison on health grounds

Mr Hickey can’t leave the country and his passports remain with the relevant authority.

sternburg #21

Der Belfast Telegraph (wer?) heute eher beiläufig in einem Text über die skandalöse Hexenjagd des brasilianischen Unrechtsregime gegen unseren knuddeligen Ticket-Bär:

Police investigator Aloysio Falcao said officers wanted to talk to IOC president Thomas Bach about email exchanges between him and Hickey related to ticket allocations to Ireland but learned that he had cancelled his trip to Brazil for the Paralympic Games. The IOC said Mr Bach had to attend the official state mourning ceremony for Walter Scheel, the former West German president.

Hajo Seppelt macht daraus auf Twitter:

IOC undermines ticket investigation? Bach runs away from BRA police?Wants to question him but he cancelled Rio trip.

“Bach runs away from BRA police?” Ich denke, wir alle kennen eine der Hauptregeln der modernen Mediennutzung: Steht ein Fragezeichen in einer Überschrift, dann ist die Antwort Nein.

Ich weiß nicht, ob diese Regel auch für Twitter gilt. Und ich kann diesen Vorgang schwer bewerten. Fest steht aus meiner Sicht: Mit der Scheel-Zeremonie hat Bach als FDP-Kader natürlich eine wichtige Verpflichtung. Das würde ich kaum anzweifeln. Und selbst der Präsident des IOC dürfte auf der Veranstaltung des IPC offiziell ein Gast wie jeder andere sein.

Andererseits… ich weiß nicht. Aber für mich hat ein IOC-Präsident auf der Eröffnungsfeier der Paralympischen Spiele zu erscheinen. Und zwar so sehr, dass er selbst für die Beerdigung eines engeren Bekannten an diesem Tag unabkömmlich ist. Hier fände ich die Formulierung des IOC “had to” (korrektes Zitat vorausgesetzt) deutlich angebrachter.

Ich muss aber zugeben, dass alles nicht beurteilen zu können. Wie war das denn bisher? Bricht Bach hier mit einer Tradition? Hat bisher noch jeder IOC-Präsident der Schwesterveranstaltung seinen Segen gegeben? Oder lagen die auch früher schon nach Anschluss der olympischen Spiele erschöpft in Genfer Betten, beschäftigt mit Geldzählen der Erholung von der schweren Verantwortung?

(via)

JW #22

Sehe da (noch) keine Ticketing-Gefahr. Es geht um ein grundsätzliches Statement gegen das IPC.

Unfassbar.

cf #23

@sternburg
Ich setze mal diesen Artikel auf insidethegames (von gestern) darunter: “Exclusive: IOC President to miss Opening Ceremony of Paralympic Games for first time in 32 years”

The German has appointed South Africa’s Sam Ramsamy as the official representative of the IOC at the Opening Ceremony. […]

Bach’s predecessor Jacques Rogge was in attendance at the Opening Ceremonies of the three Summer Paralympics that took place during his time at the helm from 2001 to 2013 – Athens 2004, Beijing 2008 and London 2012.

The man who served before him, Juan Antonio Samaranch, was present at the curtain raisers for Seoul 1988, Barcelona 1992, Atlanta 1996 and Sydney 2000. […]

duesseldorfer #24

Wirklich? Hat Bach ein so geringes Selbstbewusstsein oder Selbstwertgefühl um sich auf so eine Geste einzulassen. Das ist armselig.
Andererseits Führungskräfte aus der Generation Putin, Johnson. Was soll man erwarten, außer einem gefühlten Anspruchsdenken. Wofür eigentlich? Putin war mittelmäßiger KGB-Agent und war zur rechten Zeit am rechten Ort[1]. Johnson war in Eton und Journalist in Brüssel. Dort hat er es fertig gebracht nicht einen fehlerfreien Artikel zur EU zu schreiben. Dagegen verblasst selbst Bach als ewiger Adjutant. In China würde man ihn als Prinzling bezeichnen.

[1] Ignorieren wir mal gesprengte Hochhäuser und ekelerregendere Gerüchte.

Stefan #25

Nachdem man in Brasilien eh nichts mehr zu verlieren hat und da offenbar nicht zimperlich ist mit der Verhaftung von IOC-Granden, wurdert mich das nicht.

sternburg #26

@JW: Verstehe ich Dich richtig: Du stimmst Seppelts vorheriger These zu, Bach erscheine dort nicht, weil er den Ausschluss Russlands durch das IPC ablehnt?

Oder vielleicht – ich zweifele nicht daran, dass solche Denkweisen auf dieser Ebene vorherrschen – also Dolchstoß empfindet? Damit er selber blöd dasteht?

Jetzt mal vom inhaltlichen völlig abgesehen. Wäre ein solches Verhalten nicht vor allem ziemlich dämlich? Hilflos wirkende, beleidigte Geste die vor allem den fehlenden eigenen Einfluss unterstreicht? [Bitte hier Wehner-Zitat Ihrer Wahl einfügen]

sternburg #27

@cf: Danke. Dann wäre das geklärt.

Ralf #28

Johannes Aumüller und Thomas Kistner in der SZ: Brisante Mails an Thomas Bach

JW #29

sternburg: wie viele Thesen gibt es denn da, wie viele Thesen hat er aufgestellt?

Die “These”, Bach weiche einer Ticket-Anhörung aus, ist Quatsch.

Ich sage: es ist nur die Rache und das Signal an und gegen das IPC.

Bach hat damit in kürzester Zeit einmal mehr der ganzen Welt gezeigt, wie er tickt und wer er ist. Wie schon sein Verhalten gegenüber Stepanowa wird auch dieses unvergleichliche Verhalten eines IOC-Präsidenten, das IPC mit Nichtachtung zu bestrafen, negative Folgen für ihn haben.

Abwarten.

sternburg #30

Okay.

Dann zurück zu meiner These: Das ist schon, ähm, ziemlich peinlich oder?

Mich interessiert mehr die Auffassungen innerhalb des Ufos. Du kennst die Leute doch besser als ich. Glaubst Du, bei denen kommt diese Geste ähnlich als Zeichen der Schwäche an wie bei mir?

Ich meine, von einem ordentlichen Diktator erwarte ich, dass er sich dort auf die Tribüne setzt, ordentlich an den richtigen Stellen klatscht und die Kreml-Auguren über die Anzahl seiner nicht hochgezogenen Mundwinkel rätseln lässt.

JW #31

Sehr schön, sternburg, sehr schön:

Ich meine, von einem ordentlichen Diktator erwarte ich, dass er sich dort auf die Tribüne setzt, ordentlich an den richtigen Stellen klatscht und die Kreml-Auguren über die Anzahl seiner nicht hochgezogenen Mundwinkel rätseln lässt.

duesseldorfer #32

AP: Rio police want IOC head to explain Ireland’s games tickets. (via Twitter)

The Olympic Council of Ireland received 296 more tickets after exchanges between Thomas Bach, head of the International Olympic Committee, and Patrick Hickey […] police said on Thursday. […] they [the police] found a July 2015 text from Hickey to Bach requesting more tickets for the opening and closing ceremonies, as well as for the football, basketball and 100-meter finals.
The Associated Press obtained the log of those text messages, in which Hickey lays out his “wish list.”
Falcao said police retrieved information from spreadsheets by OCI sports director Martin Burke, who was named on Thursday as a suspect, showing how the allocation of tickets had gone up last year. There was no record of a text sent in response to Hickey’s request.

Wenn es jetzt keine unbefleckte Empfängnis bei Tickets gibt, muss es dafür eine Erklärung finden – zumindest eine mit der intellektuellen Tiefe, die der DFB zum Kulturprogramm geliefert hat.

Und dann frage ich mich, ob die Wahrnehmung verzerrt, aber ich habe den Eindruck das AP und Reuters in letzter Zeit einen relativ guten Job im Bereich “investigativ” machen. Gut, der Artikel ist jetzt keine große Leistung, aber man könnte den Inhalt auch einfach im Ticker verschwinden lassen. Und sie gehen kein Risiko, AP und Reuters kann man nicht so einfach von Pressekonferenzen ausschließen.

Ralf #33

Irish Times (15.10.): Olympic ticket touting inquiry will not meet deadline

A Government inquiry into the Olympic ticket touting controversy may not report until next Easter.

Ralf #34

Grit Hartmann und Robert Kempe für sport inside: Zwischen Autokraten und Strafverfolgern

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