live-Blog aus Kuala Lumpur: Olympische Winterspiele 2022 in Peking #NoHumanRights

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KUALA LUMPUR. Um den Witz des Tages vorwegzunehmen: Nachdem die IOC-Wahlkommission ein blödes Gefühl hatte mit den Gerätschaften und dem elektronischen Wahlsystem, wurde die erste Abstimmung über die Winterspiele 2022 gerade für ungültig erklärt. Das IOC hat noch einmal abgestimmt – und zwar schriftlich auf Zettelchen.

Mal was Neues.

Und nun weiter so, wie ich es seit vielen Stunden notiere:

2.47 Uhr: Hach, Richard Pound muss man einfach mögen. Wenn man ihn mit den Worten begrüßt „Mr. former Vice President, nice to see you again“, dann lacht er und antwortet: „I am a former … pretty everything.“

Und damit willkommen im olympischen Panoptikum.

Buchen Sie ruhig eine Eintrittskarte. Es lohnt sich.

Es steht an: die Vergabe der Winterspiele 2022.

Gestern musste ich es bei dem Beitrag von Craig Lord belassen. Habe mich den ganzen Tag umgeschaut, mir den Mund fusselig geredet, zugehört und Termine gemacht.

Nur 85 von derzeit ohnehin bloß 100 IOC-Mitgliedern stimmen heute ab:

voting process and membership

Im Laufe der Jahre haben sich hier im Blog ja tausende Tags und Kategorien eingeschlichen. #DichtungundWahrheit heißt eine, #Parallelgesellschaft eine andere. Dichtung und Wahrheit, das ist heute natürlich wieder ein großes Thema.

Die Frage der Menschenrechte in China und Kasachstan wird auf der 128. IOC-Session gewiss nicht debattiert. Dazu noch einmal die jüngste Zusammenfassung von Human Rights Watch:

Darin heißt es u.a.:

Since 2005, Human Rights Watch has documented serious human rights abuses by Olympic host countries and hosts of other major sporting events in the preparations and staging of games, including in China, Russia, Azerbaijan, Iran, and Qatar. When China hosted the 2008 Summer Olympics, authorities forcibly evicted thousands to build Olympic sites without due process or adequate compensation, and violated its obligations to respect press freedom and allow peaceful protest. The 2008 Beijing Games were also a catalyst for government violations of labor rights and its expansion of abusive, unaccountable domestic security forces.

The IOC visited both countries earlier in 2015 to evaluate conditions as part of the bid process. But the official reports did not adequately identify the serious human rights concerns. The China report says the inspection commission raised media freedom and Internet access with Chinese authorities and obtained “written assurances” that there would be “no restrictions,” concluding that there are “no … identified” risks to “media operations.” But China is a leading Internet censor, and has recently shuttered even the virtual private networks used by many journalists. There is no indication that the commission consulted individuals or groups in China that could provide an independent or critical view of the government’s policies. One such group, the anti-discrimination nongovernmental organization Yirenping, has faced repeated harassment, and authorities detained its representatives during the country’s Olympic bid evaluation period. IOC commission members neither met with the group nor publicly expressed concern about government hostility toward a group whose work is critical to monitoring the government’s compliance with nondiscrimination commitments.

For Kazakhstan, the inspection commission report fails to acknowledge serious potential risks regarding worker rights protections, media freedom, and freedom of assembly. Its report claims that the government provided “assurances regarding the right to demonstrate, media freedom to report on the Games and Games preparations with no restrictions on the Internet, labor rights, and displacement.” But it doesn’t elaborate on the content of such assurances, despite extensive evidence that the government doesn’t adequately protect these rights. In recent years the government has shuttered numerous independent media outlets, interfered with peaceful strikes, jailed labor activists, and routinely broken up peaceful protests. Just after the commission’s visit in mid-February, parliament passed discriminatory anti-lesbian, gay, bisexual, and transgender (LGBT) legislation and sent it to President Nursultan Nazarbaev for his signature, in clear contradiction of Olympic prohibitions on discrimination. Although Kazakhstan’s Constitutional Council later ruled that the law was unconstitutionally vague, one lawmaker has suggested introducing a new version later this year.

Und nun live rein in die 128. IOC-Vollversammlung im Kuala Lumpur Congress Centre (KLCC).

Es begann am frühen Morgen mit den Präsentationen von Brașov und Lausanne für die Youth Olympic Games 2020. Denn über die Winter-Jugendspiele wird heute auch entschieden. Ich weiß nun so viel über Hotelkapazitäten und den Straßenverkehr in Transsilvanien, dass ich eine Doktorarbeit (ab)schreiben könnte (so wie der gewesene ungarische Staatspräsident Pál Schmitt und der Südkoreaner Moon Dae-Sung ihre Doktorarbeiten zusammenkopiert und geklaut haben – IOC-Mitglieder blieben sie trotzdem und stimmen heute auch ab).

Um das kurz abzuschließen: Lausanne, seit dem 10. April 1915 und für die nächsten tausend Jahre Heimat der IOC-Administration, wird die Youth Olympic Games 2020 austragen.

3.55 Uhr: Almaty beginnt mit der 45minütigen Präsentation. Flink die Basics, jedenfalls die olympischen Papiere:

Eines von (wie ich später merke) ganz wenigen Videos. Man konzentriert sich auf Worte, weniger auf Bilder. Scheint mir das Charakteristikum heute zu sein.

# a new vision for the Winter Games. olympic spirit fills the air

# Almaty means city of apple trees in Turkey

# winter wonderland Nach zwei Minuten das erste Mal: „Keeping it real!“

Das werden wir so noch hundert Mal hören. Kaum geschrieben, schon zwei Mal mehr: „Keeping it real!“

Der Außenminister Kasachstans, Erlan Abilfayizuly Idrissov, spricht gutes Englisch und frei. Das sind nicht unwichtige Kleinigkeiten. So manche Präsentation ist schon an Sprachproblemen krepiert, tatsächlich. (Ich habe seit 1991 von vierzehn Entscheidungen zwölf live vor Ort verfolgt.)

Vielen von Ihnen wird Almaty nicht so vertraut sein. Wir sagen in Kasachstan: Du kannst jeden lieben lernen. Aber zuerst muss Du dessen Geschichte hören.“

Der Amerikaner Terrence Burns (Teneo), der als Zeremonienmeister schon viele große Bewerbungen (Olympia, Fußball) zum Erfolg geführt hat, zuletzt etwa PyeongChang 2018, versprach in der Nacht an der Bar im Mandarin Oriental eine attackierende Präsentation, wie es sie noch nie gegeben habe. Gegen die chinesische Übermacht kann nur die Flucht nach vorn helfen.

Nun Andrej Krjukow, Bewerbungschef Almatys und einer aus dem Lager des Scheichs und des künftigen FINA-Präsidenten Husain Al-Musallam (Krjukow ist in der FINA für Wasserball zuständig und will die Disziplin demnächst revolutionieren).

The olympic movements needs facts. Now more than ever. We want to present the facts that you can make the right decision for athletes.“

# In Almaty wird kein Bus oder Zug vier Stunden zu einer Wettkampfstätte fahren.

Das geht natürlich gegen Peking. Nun zählt Krjukow mehrere Minuten alle Hotelkapazitäten auf, die Almaty in der Tat hat, die in den Hügeln von Zhangjiakou aber fehlen.

Die Frage ist: Wählt das IOC einen Wintersportort oder die teuersten Winterspiele aller Zeiten – denn Peking/Zhangjiakou würde ein Mehrfaches der gigantischen Summe von Sotschi kosten, auch wenn die offiziellen Zahlen etwas anderes sagen.

Almaty offeriert die nachhaltigsten Winterspiele seit 30 Jahren. 70 Prozent der Sportstätten stehen schon … sagen die Kasachen.

Wann haben sie das zum letzten Mal von einem Bewerber gehört, fragt der Minister.

Gehört schon, aber es hat selten gestimmt.

Kasachstan will dem IOC helfen, nicht eine Supermacht wählen zu müssen, die Dutzende Milliarden in das Sportfest investieren muss.

Wurde tatsächlich so gesagt. Nett und deutlich.

Einen sprachgewandten Sportler kann Almaty auch bieten: Denis Ten, den Bronzemedaillengewinner 2014 im Eiskunstlaufen.

Habe keine Strichliste geführt. „Keeping it real“ dürfte einige Dutzend Mal gesagt worden sein. Bisher. #NoHumanRights darf als Hashtag des Tages gelten. Darüber wird nicht gesprochen. Kein IOC-Mitglied wird das thematisieren.

Davon abgesehen schien die Präsentation von Almaty doch einigermaßen real zu sein. Man kann Kasachstan und seinem Diktator Nursultan Äbischuly Nasarbajew gewiss vieles nachsagen, aber nicht, dass es keine Wintersporttradition und keinen Schnee habe.

Kärim Qaschymqanuly Mässimow, der Premierminister beginnt in Deutsch – und spricht Bach an. Dann brennt er sein Feuerwerk ab …

Innovation can also mean risk. Einige mögen glauben, es sei ein Risiko. Aber Almaty liefert eine Offerte der Fakten. not with fabrication! everything is true – it is real!“

# There is no doubt about Kazakhstan financial stability. Hm.

The IOC can sleep well at night for the next seven years!“

Nice.

When have you ever slept well?“

Nicer. Er lobt das IOC für viele Entscheidungen (Tokio 1964, Moskau 1980 und Peking 2008) der „humanity“ und Weisheit.

Hä?

# Our bid is based on facts.

Almaty is not a risky choice for 2022. In fact we are quite the opposite. We are a golden opportunity! We are a golden opportunity to help make olympic Agenda 2020 come to live.“

Oh, das hört Thomas Bach gern.

A golden opportunity for you and for us. We bare helping you keeping Agenda 2020 real!“

Bin gegen Ende absolut nicht mehr mitgekommen.

Attacke, Attacke, Attacke. Tatsächlich. Real.

Q & A Session.

Natürlich beginnt Prinz Albert (was heißt beginnen: es gibt niemand anderen, der was wissen will). Fragt danach, ob tatsächlich nur zwei Sportstätten gebaut werden müssen. PM Massimow sagt, man habe seit der Präsentation im Juni in Lausanne die Hausaufgaben gemacht.

Krjukow sagt: „Die Antwort ist sehr einfach. Bis zur Winter-Universiade bauen wir schon zwei Sportstätten. Nach der Winter-Universiade 2017 müssen wir lediglich eine Rodelbahn und eine neue Eishalle bauen.“

Das war es dann schon. No other question. Und es gibt das übliche Diplom des IOC für Almaty.

Kasachstans Premier Kärim Mässimow, IOC-Chef Thomas Bach.

Pause.

5.55 Uhr: Nun Peking. Es beginnt mit einer Demonstration der Macht: Chinas Staats- und KP-Chef Xi Jinping in einer Grußbotschaft per Video. Er verspricht:

China wird ein fantastisches Fest organisieren!“

IOC-Vizepräsident Yu Zaiqing, einer der Verbündeten von Bach 2013, führt durchs Programm. Weil die Chinesen Bach unterstützten, wurde Yu 2014 in Sotschi Vizepräsident. Xi Jinping den olympischen Orden umzuhängen, war eine der ersten Amtshandlungen Bachs schon im Herbst 2013.

We are committed of making the world better for next generations.“

OMG. Aber das wollen sie hören.

Making the world better.

Einen Joke haben sie auch einstudiert.

Und noch ein Joke:

Da sind Zauberer am Werk. 100 Kilometer von Peking ins Hügelland sollen in 20 Minuten zurückgelegt werden können in 2022. Das Problem ist: Straßen und Schnellzugverbindungen müssen erst in die Landschaft gefräst werden. Experten gehen von Kosten in einer dreistelligen Milliardenhöhe aus.

Die Chinesen und das IOC sagen natürlich, derlei Kosten seien allesamt nicht olympiabedingt. Peking und Zhangjiakou, ich sagte es bereits, würden wohl die teuersten Spiele aller Zeiten, rechnete man die Infrastrukturmaßnahmen tatsächlich ein.

Allow me a few words about snow … will build on our existing snow making facilities … use less than one per cent of the local water supplies with minimal environmental impact.“

Im Grunde sagen die Chinesen nur das, was sie dem IOC immer erzählt haben, schon in den Bewerbungen 2000 und 2008:

  • Wir machen alles was ihr wollt.
  • China ist mächtig.
  • China hat Power.
  • Wir liefern.

2025 soll das Volumen der Sportindustrie in China 800 Milliarden Dollar umfassen. Kürzlich haben sie einen Entwicklungsplan für diesen Sektor in Höhe von 300 Milliarden verabschiedet.

Another shining page in the history of the olympic movement.“

… sagt Liu Yandong, die stellvertretende Ministerpräsidentin, und unterstreicht noch einmal die volle Unterstützung der KP. Sie darf dann auch das Diplom entgegennehmen.

Mittagspause. Stay tuned.

6.41 Uhr: Die Pressekonferenz Pekings leitet Bürgermeister Wang Anshun so ein:

China steht für politische Stabilität, wirtschaftliche Prosperität und soziale Harmonie.“

10.55 Uhr: Schon erstaunlich, dass dieser Tag noch eine kuriose Wendung genommen hat. Diskutiert wurde nicht groß, weder nach der kurzen Präsentation der Evaluierungskommission YOG 2020 (Yang Yang) noch zur Vorstellung des Evaluierungschefs 2022, Alexander Schukow aus Russland. Im Grunde hat es den ganzen Tag über nur eine vernünftige Frage gegeben – von dreien insgesamt, glaube nicht, dass ich mich verzählt habe, oder?

Danach wurde es also kurios. Denn die Wahlkommissäre um die karibische Bach-Fanin Nicole Hoevertsz (Aruba) misstrauten dem elektronischen Wahlsystem, weil es bei zu vielen Mitgliedern Probleme gegeben hatten und die Tablets gewechselt werden mussten. Mehr dazu werden wir später gewiss erfahren. Denn die Peinlichkeit für das IOC, da derzeit soviel über ein digitales Zeitalter und den neuen Olympic TV Channel schwadroniert, muss schon mal begründet werden. Jedenfalls: Es wurde ein neuer Wahlgang angesetzt und die 85 wahlbrechtigten Mitglieder schrieben den Namen ihres Favoriten auf Zettelchen.

Ob alle „Almaty“ oder „Beijing“ richtig geschrieben haben, werden wir leider nie erfahren.

Vor zehn Minuten wurde der Spaß als erledigt deklariert. In 27 Minuten beginnt die Zeremonie der Olympiasieger YOG 2020 und Winterspiele 2022.

11.04 Uhr: Die Frage aller Fragen lautet nach wie vor: Warum sollte das IOC mit einer Entscheidung für Peking die eigene Reform-Propaganda torpedieren bzw entlarven?

Warum sollte sich Bach das antun?

Ich bin mir unsicher. Fast alle rechnen mit Peking. Ich enthalte mich der Stimme und sage nur: Almaty wäre das kleinere Übel. Almaty ließe sich für das IOC viel besser verkaufen. In vielerlei Hinsicht wäre Almaty vernünftig. Sogar in Fragen der Menschenrechte wäre was möglich, kann ich mir vorstellen. Denn anders als 2008 in Peking und 2014 in Sotschi, als die IOC-Präsidenten Jacques Rogge und Thomas Bach die willigen Juniorpartner von Hu Jintao und Wladimir Putin gaben, handelt es sich bei Kasachstan um keine Supermacht. Nazarbajew wird die Spiele vielleicht nicht mehr erleben. Möglich, dass Lausanne bis 2022 in die Offensive geht und auf den neuen Host-City-Vertrag pocht.

Das ist mal so ein lauter Gedanke.

Andererseits kann das dämlich gewesen sein, so etwas auch nur in Betracht zu ziehen. Denn erinnern wir uns an die European Games in Baku: Da hat sich das EOC/IOC (identische Funktionäre, allen voran Pat Hickey) auch nicht interessiert, was Ílham Alijew dort treibt.

Jene Propagandastücke, die Thomas Bach heute in einigen Zeitungen veröffentlichen ließ (El Pais, Tages-Anzeiger, FAZ etc) lassen sich durchaus als Entschuldigungsbrieflein interpretieren, so wie er es hier in Kuala Lumpur auch einige Male vorgebracht hatte. Nach dem Motto: Das war die letzte Bewerbung, die vor der Agenda 2020 begann. Das hörte sich immer etwas nach Flucht an, so als bemühe er sich, die Entscheidung für Peking zu begründen. Denn angeblich halte er es doch mit den Chinesen, denen er nach seiner Wahl durchaus noch etwas schuldig ist.

In ein paar Minuten wissen wir mehr.

Im Übrigen hat IOC-Propagandachef Mark Adams schon 2009 auf der Session in Kopenhagen mal erklärt, wie wirkungsvoll derlei in Leitmedien platzierte Meinungstexte von IOC-Präsidenten sind. Adams hat das ganz einfach mit Werbeplätzen und Leserkontakten hochgerechnet. Frage mich, wie tief man als Redaktion gesunken sein muss, um ausgerechnet an einem solchen Tage die Hälfte der Berichterstattung (in der FAZ) an den IOC-Präsidenten abzuschenken.

11.40 Uhr: Die Zeremonie für YOG 2020 läuft noch. Habe einige technische Probleme, es zerfetzt mir ständig das Layout der Beiträge. Kann das unmöglich jedesmal reparieren. Vielleicht mache ich nachher einfach grußlos einen neuen Beitrag auf. Bitte nicht wundern. Hat technische Gründe – nichts sonst. Sollten Sie nur diesen Beitrag gekauft haben, schicken Sie mir bitte eine Email, dann erstelle ich für den neuen Text für Sie einen Gutschein-Code, damit Ihnen nicht nochmal Geld aus der Tasche gezogen wird. Wenn Sie ein Abo haben, ist es egal, dann haben Sie zum neuen Text ohnehin Zugang.

Sorry, aber es geht kaum anders. Muss das später mal mit dem Maschinisten klären, was da ständig passiert.

11.43 Uhr:Und es ist völlig überraschend Lausanne.

11.52 Uhr: Nun aber. Denkste. Erst nochmal die Videos.

11.55 Uhr: Danach verschwinde ich eventuell eine Weile. Mixed Zone. Unterzeichnung Host City Contract. Pressekonferenz etc.

Und es ist Peking.

44:40. Sehr knapp.

Foto: IOC Media.

Foto: IOC Media.

15.20 Uhr: So, nun eine erste Zusammenfassung der Ereignisse. Ich stürze mich ins Getümmel. Muss mal schauen, ob und wie oft ich mich heute noch melde und ergänze. Auf Twitter gewiss noch oft.

Chinas Hauptstadt Peking richtet als erste Stadt nach den Sommerspielen auch die Winterspiele aus. Außenseiter Almaty aus Kasachstan musste sich bei der Abstimmung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) überraschend knapp mit 40:44 Stimmen geschlagen geben. In der Geschichte der Spiele hat es nur fünf Mal eine engere Entscheidung gegeben. Almaty punktete damit, dass nur zwei Sportstätten – eine Bob- und Rodelbahn sowie eine große Eishalle – hätten gebaut werden müssen. Kasachstan verfügt über eine große Wintersporttradition, und es gibt dort ausreichend Schnee, den die Chinesen mit gigantischen Schneekanonen produzieren müssen und dafür das im Nordosten des Landes angespannten Wasser-Reservoir enorm belasten.

Olympiaplaner, die mit den Umständen vertraut sind, gehen davon aus, dass die Spiele in Peking und der Bergregion von Zhangjiakou die Kosten der Winterspiele 2014 in Sotschi von 50 Milliarden Dollar bei weitem überschreiten und vielleicht sogar einen dreistelligen Milliardenbetrag fordern. Offiziell aber werden die Infrastrukturprojekte wie Autobahnen und eine Schnellzugstrecke nicht den Olympia-Etats zugerechnet – neben anderen Unstimmigkeiten. Insofern bleibt das IOC in seiner Tradition des Gigantismus treu, obwohl doch Präsident Thomas Bach mit seiner so genannten Agenda 2020 angeblich auf Nachhaltigkeit und Kostenreduzierung setzt. Elementare Fragen der Menschenrechte in den Bewerberländern Kasachstan und China wurden auf der 128. IOC-Vollversammlung gar nicht erst thematisiert.

Bach entschied auf Vorschlag seiner Wahlkommission, der ersten Runde, bei der mit einem elektronischen Wahlsystem abgestimmt worden war, eine zweite folgen zu lassen: diesmal schriftlich. Angeblich hatte es Probleme mit den Tablets des IOC-Sponsors Samsung gegeben. Da seit vielen Jahren jedes IOC-Mitglied Samsung-Geräte erhält, sollte die Bedienung eigentlich niemanden vor Probleme stellen. Nur 85 von derzeit 100 Mitgliedern stimmten ab. Bach enthielt sich wie üblich, die drei Chinesen Lingwei Li, Yang Yang und Zaiqing Yu waren nicht wahlberechtigt, elf weitere Mitglieder, darunter FIFA-Präsident Joseph Blatter, blieben der Session fern.

Im ersten Wahlgang sollen 89 Stimmen abgegeben worden sein, etlichen Mitgliedern, die Schwierigkeiten hatten, wurden neue Tablets ausgehändigt. Nicole Hoevertsz aus Aruba, die Chefin der Wahlkommission, beriet sich daraufhin mit Bach, der die schriftliche Runde anordnete. Hoevertsz zählt seit langem zu den glühenden Unterstützern von Bach. Sofort machten Gerüchte über mögliche Manipulationen die Runde. Bach reagierte darauf unwirsch: Es sei „unfair“, auch nur eine solche Frage zu stellen. Es habe lediglich technische Probleme mit den Geräten gegeben. Weitere Details blieb das IOC schuldig, auch zum elektronischen Wahlsystem, für das eine norwegische Firma zuständig ist und das auf der 111. Session im September 2000 in Sydney erstmals genutzt wurde. Seither kam es immer mal zu kleineren Zwischenfällen, etwa bei der Wahl von London zur Olympiastadt 2012, die ebenso knapp ausging (54:50 gegen Paris). Doch nie wurde schriftlich gewählt. Erstmals seit mehr als zwei Jahrzehnten stellte das IOC kein Wahlprotokoll zur Verfügung.

Thomas Bach war im September 2013 mit Unterstützung des Chinesen zum IOC-Präsidenten gekürt worden. Wenige Wochen später überreichte er Chinas Staats- und KP-Chef Xi Jinping den Olympischen Orden. Im Februar 2014 wurde sein Verbündeter Zaiqing Yu IOC-Vizepräsident. Nun also die Olympiastadt Peking. Es sei eine „sichere und historische Entscheidung“, sagte Bach. Historisch, weil nie zuvor Winter- und Sommerspiele am selben Ort stattfanden. „Sicher, weil China liefern wird, weil China Versprechen einhält und große Erfahrungen bei der Austragung solcher Events hat.“

Auffallend oft hatte Bach zuletzt darauf hingewiesen, dass die letzte Städtekür sei, die vor seiner viel beschworenen Reformagenda eingeleitet wurde. Das ist einerseits richtig, andererseits führt es in die Irre und gehört zu ziemlich plumpen Propaganda-Manövern. Im Pressepulk teilten bald etliche Vertreter diese eigenwillige Interpretation und erwecken gar den Eindruck, Bach habe mit der Entscheidung kaum etwas zu tun, so als habe er das Problem von seinem Vorgänger Jacques Rogge geerbt.

Tatsächlich wurde Bach im September 2013 gewählt. Der Wettbewerb um die Winterspiele 2022 begann erst Mitte November 2013, und schon damals war darüber diskutiert worden, die Sache zu verschieben und erst die Regeln zu überarbeiten. Denn im Frühjahr 2013 hatte sich die Bevölkerung des Schweizer Kantons Graubünden gegen eine Bewerbung ausgesprochen. In München wurde die Bewerbung nach einem Bürgerentscheid eingestellt.  Präzise betrachtet war die deutsche Sportführung damals selbst Schuld an der Niederlage: Denn weil alles, aber auch alles in jener Zeit der IOC-Kandidatur von Bach untergeordnet worden war, verschenkte man die historisch einmalige Gelegenheit, Winterspiele nach München zu holen.

Eine Verschiebung der Bewerbungsfristen wäre problemlos möglich gewesen. Bach aber wollte nicht. Und als ein Jahr später – nach den Rückzügen von Oslo, Stockholm, Krakau und Lwiw und nach Verabschiedung der Agenda 2020 auf der IOC-Session in Monte Carlo – der Kanadier Richard Pound ein letztes Mal dafür eintrat, den Bewerbungsprozess 2022 neu auszuschreiben, behandelte Bach den verdienstvollen Pound wie einen kleinen, dummen Jungen und schmetterte das Ansinnen binnen Sekunden ab.

Langjährige Vertraute wunderten über die Hartnäckigkeit, mit der Bach Ratschläge ausschlug und die simplen Fragen nicht beantworten konnte, wie er eine Wahl von Peking mit seiner Agenda übereinbringen will, die angeblich auf Kostenreduzierung, Umweltverträglichkeit und die Einhaltung von Menschenrechten in Gastgeberländern setzt. Alles Punkte, die China nicht erfüllt. Mit diesem kolossalen Widerspruch muss das IOC leben. Bach versuchte in der ihm eigenen Art mit einem kleinen Propagandafeldzug gegenzusteuern, der in Teilen des kleinen olympischen Medientrosses bestens verfing. So wurden am Freitag in einigen großen Zeitungen wie El Pais, FAZ und Tages-Anzeiger Meinungsstücke des IOC-Präsidenten gedruckt, die sich wie eine Entschuldigung für die Wahl von Peking interpretieren lassen.

IOC-Propagandachef Mark Adams hat vor einiger Zeit vor einer IOC-Session mal einen Vortrag gehalten, auf dem er Mitgliedern erklärt, wie wirkungsvoll derlei präsidiale Kommentare sind. 20 Millionen Leser habe man damals ungefiltert erreicht, freute sich Adams. In Deutschland wurde damals wie heute die Frankfurter Allgemeine Zeitung als IOC-Postille ausgesucht.

15.27 Uhr: Der viel diskutierte neue Host City Contract:

TBC

Tomte #1

Dann hoffen wir mal auf das kleinere Übel Almaty und eine Feier mit dem Gastgeber!

Tomte #2

Ich meinte Hausherrn des Blogs… Gastgeber kann man ja falsch verstehen!

JW #3

Da gäbe es sicher noch mehr Schokolade.

Johannes #4

Geht doch jetzt gleich schon los mit dem Wählen. Ist es eigentlich möglich, dass es einen zweiten Wahlgang gibt bei nur zwei Kandidaten – zum Beispiel dann, wenn sich im ersten Durchgang 5 enthalten, 41 für Almaty und 39 für Peking stimmen? Es muss eine absolute Mehrheit, oder?

JW #5

Könnte auch Unentschieden ausgehen. (Einfache Mehrheit genügt.)

Johannes #6

Oha, Probleme mit den Voting-Tablets. Also wieder klassisch auf Papier wählen

Stefan #7

Da gäbe es sicher noch mehr Schokolade.

Und kasachische Reporterinnen.
OK, ich hör ja schon auf. ;-)

Johannes #8

Das hatte ich nicht auf dem Schirm – jetzt noch ne halbe Stunde warten, was ein Sch…

Marco R. #9

Unglaublich, dass die mit dem Irrsinn in Peking tatsächlich durchkommen. Und die deutsche FAZ verbreitet auch noch bereitwillig die Propaganda dafür… Agenda 2020? Es hat sich NICHTS geändert.

cf #10

@jens
kleiner technischer hinweis:

wenn du nicht sofort damit aufhörst, normale fotos im png-format hochzuladen, werde ich dir wohl oder übel die schreibrechte entziehen müssen (und den internet-führerschein gleich noch mit)! wegen groben unfugs! (§ 360 Abs. 1 StGB a.F.)

mb #11

Übrigens schon die dritte IOC-Entscheidung zugunsten Chinas: Peking 2008, Nanjing 2014, Peking 2022

JW #12

@ mb: Hast natürlich Recht. Nanjing kam hierzulande grundsätzlich zu kurz in der Berichterstattung. Hat mehr gekostet als viele Olympische Sommerspiele. Hatte ich in MMM mit erwähnt und auf den Listen.

@ Stefan: Kannst es noch so oft versuchen. Wird folgenlos bleiben. Die Kollegen macht hinter mir ihre Arbeit und hat heute noch viel zu tun.

@ Marco R.: Sehe ich auch so. Habe schon oft gesagt: Wenn ich mich noch wundere und aufrege, und heute fand ich das empörend (einmal mehr), ist das eher ein gutes Zeichen, ein Zeichen dafür, dass ich noch lebe.

@ Johannes: Tablets von Samsung. Find ich lustig. Steht im jüngsten Text. Keinerlei weitere Details vom IOC. Ich meine, man könnte sich ja hinstellen und sagen: Passt mal auf, das und das ist passiert, wir klären das weiter auf, Frau Hoevertsz spricht heute auch mal (ausnahmsweise) und außerdem ein Vertreter von Samsung und einer der Firma aus Norwegen, die das System bereit stellt. Die haben ja etliche Techniker und Manager vor Ort, keine Frage. Dann könnte man versprechen, morgen oder übermorgen einen kleinen Bericht dazu zu liefern. Aber man WILL NICHT:

@ cf: Wenn ich Screenshots mache, werden die als pnp gespeichert. Hab derzeit keine Zeit, daraus platzsparende gifs zu machen wie sonst. Alter Meckerkopf.

Ralf #13

Oliver Fritsch für Zeit online: Die nächsten Jahre werden kein Spaß

cf #14

@jens
„platzsparende“ gifs?
äh… eher nicht… aber schau doch mal in dein email-archiv — vor etlichen jahren hatte ich, wenn ich mich nicht irre, doch schon einmal ein kleines erklärstück zum selbigen thema verfasst. ;-)

(dass der in der wp-mediathek eingebaute png-prozessor bis zum heutigen tag eher alibi-charakter hat, ist freilich — ausnahmsweise — mal nicht deine schuld)

was das beklagte formatierungsproblem angeht — hier lässt sich der schwarze peter relativ einfach dem visuellen editor zuschieben, der ganz offensichtlich gelegentlich daran scheitert, explizites html, automatisch generiertes html und shortcodes unfallfrei auseinander zu nehmen und wieder zusammen zu bauen. eine ganz andere frage ist, was man sinnvollerweise dagegen unternehmen könnte…

JW #15

@ cf: Frei nach Clueso … Du bist eine Gottheit für mich!

Aber natürlich kapiere ich das nicht. Nochmals: mir ist hier einiges gecrasht. Erklär mir das später mal am Telefon in einfachen Worten, die ich kapiere.

Ralf #16

Ich weiß nun so viel über Hotelkapazitäten und den Straßenverkehr in Transsilvanien, dass ich eine Doktorarbeit (ab)schreiben könnte (so wie der gewesene ungarische Staatspräsident Pál Schmitt und der Südkoreaner Moon Dae-Sung ihre Doktorarbeiten zusammenkopiert und geklaut haben – IOC-Mitglieder blieben sie trotzdem und stimmen heute auch ab).

IOC: Décision du CIO concernant M. Dae Sung-Moon

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