Michel Platini als FIFA-Präsident? Ein Nachfolger aus dem eigenen Stall #UEFADFBFIFA

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KUALA LUMPUR. Ich beginne doch nochmal einen extra Artikel. Wie erwartet hat Michel Platini gerade seine Kandidatur für die FIFA-Präsidentschaft bekanntgegeben. Die mit vielen Millionen aufgepeppte Propaganda-Abteilung der UEFA (unter anderem arbeiten Pedro Pinto und der Spindoktor Mike Lee für Platini) dröhnt die Welt großflächig mit Jubelmeldungen und Heldengeschichten über Platini zu.

Dabei ist oder wäre Michel Platini, der von Joseph Blatter sportpolitisch ausgebildet wurde, zunächst nur eins: Ein Nachfolger aus dem eigenen Stall.

Ich bin noch ein wenig auf Recherche hier in Kuala Lumpur und werde mich im Laufe des Nachmittags hier sehr ausführlich und wohl mit einer Geschichte auf Spiegel Online melden. Ich kann ein wenig zu Hintergründen beitragen und liefere einige nicht ganz ausgelutschte Aspekte. Stay tuned.

Habe ein „Ergebnis“ der Recherche ja schon im einleitenden Tweet vorweggenommen. Es kam mal wieder zum Clash mit den Dienern des Scheichs. Wenn ich es recht mitbekommen habe, dann hat Husain Al-Musallam, der gerade mit Julio Maglione aus Kasan eingeflogen war, den mächtigen Nigerianer Sunday Udom auf mich gehetzt. Ehrlich gesagt halte ich den für einen Idioten. Er dreht durch, wenn Journalisten ihre Arbeit machen und greift mittlerweile regelrecht tätlich an. Wollte mich des Hotels verweisen, was bildet er sich ein? Hatte vorher ja schon mit so einem chinesischen Parteikader zu tun, der mich ebenfalls rausschmeißen wollte.

Es ist, ganz ehrlich, nur noch eklig, sobald es wirklich um was geht. Die drehen völlig durch, und es ist weit und breit niemand da, der ihnen Einhalt gebieten könnte. Wie das gehen könnte und müsste im Sport (ja, noch besser), hat Michael Ashelm gerade in der FAZ am Beispiel der FIFA beschrieben. Bin froh, dass ich den Text von gestern noch gefunden habe. Korrekter: Natürlich erreichte mich der Beitrag über meinen Twitter-Stream. Follow the link…

Ashelm schreibt zum Beispiel:

(Die amerikanische Kanzlei) Quinn Emanuel hat mit seinen Strafverteidigern eine Projektgruppe aufgebaut, die amerikanischer Justiz und Fifa zwischengeschaltet ist. Damit der Weltverband bei den Ermittlungen als kooperativ eingestuft wird, müssen Forderungen der amerikanischen Behörden eingehalten werden. Dazu gehört, dass weder Blatter noch der Fifa-Vorstand von Quinn Emanuel in die Konsultationen einbezogen werden dürfen. Es gibt nur drei Personen, mit denen die internationale Kanzlei innerhalb des Fifa-Apparates kommunizieren darf.

Dazu gehört der Chef der Fifa-Rechtsabteilung, Marco Villiger. Die beiden anderen noch wichtigeren Ansprechpartner sind der Vorsitzende der Fifa-Ethikkommission, Cornel Borbély, ein ehemaliger Staatsanwalt aus dem Kanton Zürich für internationale Finanzdelikte, und der Chef der Fifa-Compliance, Domenico Scala, ein Wirtschaftsmanager aus der Schweiz. Nur diesen drei Personen wird von der amerikanischen Justiz Vertrauen entgegengebracht. Der gesamte Fifa-Vorstand ist derweil außen vor.

Bei der Sondersitzung des höchsten Fifa-Gremiums vergangene Woche hatte Jenny Durkan mit ihren Kollegen von Quinn Emanuel in drastischen Worten dargelegt, welche Konsequenzen Nichtkooperation und weiteres Fehlverhalten haben könnten. „Einige hatten danach blasse Gesichter“, sagte ein Vorstandsmitglied, das nicht genannt werden wollte. Alle Gremiumsmitglieder sind persönlich haftend. Kommt am Ende heraus, dass dem Weltverband aufgrund von Betrug, Bestechung oder auch nur fahrlässiger Unterlassung im Verhalten seiner Funktionäre Schaden entstanden ist, riskieren Vorstände straf- und zivilrechtliche Klagen.

Ich brauche jetzt etwas Ruhe.

Während ich speise, schreibe und mich gleichzeitig erhole, vorab zur Einstimmung nochmal ein leicht angepasstes Textlein aus dem vergangenen Jahr, das den Nepotismus der FIFA-Familie derer von Blatter und derer von Platini beschreibt. Und das auch den DFB und den Platini-Kumpel Wolfgang Niersbach betrifft, der nun Platinis Nachfolger als UEFA-Chef werden soll. Für die EURO 2024 haben die beiden wohl auch schon eine Lösung gefunden.

Mit anderen Worten: Es wird in der UEFA und es wird in der FIFA so weitergehen wie bisher. Es soll so weitergehen. Denn mit Platini wird, zum Beispiel, auch die WM 2022 in Katar gestützt. Komme was wolle.

Mit dieser Unterschrift (links, zweite Reihe von unten) hat Niersbach vor zwei Jahren übrigens in der UEFA dringende FIFA-Reformen abgeschmettert, die er jetzt „fordert“ und von seinen medialen Handlangern dafür gefeiert wird:

uefa2013niersbach

Aber der Reihe nach, kleiner Rückblick, bevor ich später diesen Beitrag mit vielen Aspekten erweitere.

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Die neuen Regeln in diesem Blog habe ich gestern ausführlich erläutert und am 20. Juli während eines Besuches bei der FIFA erstmals ausprobiert.

  • Besonders aufwändige Beiträge und derlei irre live-Blogs aus allen Ecken der Welt sind ab sofort gegen eine kleine finanzielle Entschädigung zu haben. Das wird manchen gewiss einleuchten. Reisen, Recherche und Expertise kosten mich eine Menge – darauf habe ich in den vergangenen Jahren, in denen ich aus etwa 25 Ländern auf sechs Kontinenten einige Male wochenlang Tag und Nacht gebloggt habe,mitunter hingewiesen.
  • Das Blog gibt es nun auch im Abonnement – bei LaterPay und im Shop.
  • Via LaterPay (ein FAQ dazu folgt) können Sie (könnt Ihr) IOC-Tagestickets oder andere Zeitpässe buchen.
  • Ein Tagesticket für die IOC-Berichterstattung aus Kuala Lumpur kostet 1,99 Euro (inklusive Zugang zu mehr als 1.100 Beiträgen hier im Blog).
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  • Am Ende eines jeden Beitrages finden Sie entsprechende Pässe, auch einen Drei-Monats-Pass und ein Jahres-Abo, das ein Exemplar des Ebooks„Macht, Moneten, Marionetten“ beinhaltet.
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  • Käufer des FIFA-Ebooks, an dem ich noch immer beflissen arbeite, melden sich bitte per Email bei mir – Sie erhalten so schnell es geht einen Gutschein-Code, der den Zugang zu allen FIFA-Texten bis mindestens April 2016 ermöglicht, denn so lange wird das Projekt des Ebooks nach laufen inklusive zahlreicher Aktualisierungen.

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In Sonntagsreden preisen Fußballfunktionäre stets die Werte der Familie. „Wir sind eine Familie“, pflegt FIFA-Präsident Joseph Blatter zu sagen. Von der „Fußballfamilie“ spricht auch UEFA-Präsident Michel Platini,

Zum Phänotyp der Fußballfamilie zählt bekanntlich Nepotismus – Vetternwirtschaft. Die ungezählten Beispiele dafür füllen bereits Bücher und Gerichtsakten. Es sind viel mehr als nur die Havelanges, Texeiras und Warners, die noch immer etliche Ermittler – zum Beispiel im FBI – in Atem halten.

  • Joseph Blatter hat einen Neffen, Philippe, den er als seinen Sohn betrachtet und der in der Schweiz (in Zug) als CEO die Geschäfte des Sportmarketing-Konzerns Infront leitet. Infront makelt milliardenschwere Rechte – auch für die FIFA.
  • Michael Platini hat einen Sohn, Laurent, der in der Schweiz (in Genf) als Generalmanager des Sportartikelkonzerns Burrda Sport fungiert. Burrda ist ein Unternehmen aus dem Portfolio des Fonds Qatar Sports Investment (QSI), der unter anderem Paris St. Germain besitzt.

Über Katar, Platini Senior und Platini Junior wurde viel berichtet in den vergangenen drei Jahren, seit die WM 2022 unter skandalösen Umständen an das Emirat Katar ging. Platini hat als Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees für Katar gestimmt.

  • Michel Platini hat auch einen Schwiegersohn. Platinis Tochter Marine, die sich als Schauspielerin versucht, ist mit dem Musikproduzenten Yohann Zveig verheiratet. Zveig führt in Paris die Firma Boburst Productions und war in den vergangenen Jahren als Schwiegersohn des UEFA-Präsidenten erstaunlich erfolgreich in der Fußballfamilie.

Im Oktober 2008 erhielt Yohann Zveig den Auftrag für die  Hymne der Europa League, die damals noch UEFA-Cup hieß. Seit dem ersten Finale der Europa League liefert Zveig die musikalischen Eröffnungs- und Schluss-Sequenzen für die jeweiligen Stadionshows – in Hamburg, Dublin, Bukarest, Amsterdam.

Platinis Schwiegersohn kam auch mit der FIFA ins Geschäft: Für den FIFA Ballon d’Or, die alljährlichen Auszeichnungsveranstaltungen der Weltfußballer im Opernhaus in Zürich, produziert Zveig seit 2010 ebenfalls die Töne.

Kürzlich reüssierte das Fußball-Musikwunder in Deutschland. Michel Platini war einer der Stargäste des DFB-Kongresses im Oktober 2013 in Nürnberg, als der DFB seine neue Hymne vorstellte. „Unser akustisches Erkennungsmerkmal“ dass „Tradition und Zukunft“ vereine, wie DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock dichtete. Komponist der DFB-Hymne: Yohann Zveig.

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, einer der engsten Verbündeten des UEFA-Chefs und FIFA-Exekutivmitglieds Platini, lässt über einen Sprecher mitteilen, er habe „definitiv nicht gewusst, dass es sich bei dem Komponisten Zveig um einen Schwiegersohn von Platini handelt“. Das erstaunt. Denn Niersbach und seine Hofberichterstatter erweckten doch stets den Eindruck, der DFB-Chef sei mit dem UEFA-Chef extrem dicke und könne ihn vielleicht sogar beerben; die beiden seien beste Freunde.

Jedenfalls blieb die wichtige Information, dass Zveig der Schwiegersohn von Platini ist, der Öffentlichkeit bislang verborgen. Sie war den Verantwortlichen in UEFA und FIFA allerdings bekannt, als sie ihre Entscheidungen für Zveig trafen. Niersbach will es nicht gewusst haben.

UEFA und DFB verweisen darauf, dass die Aufträge für die Hymnen korrekt ausgeschrieben worden seien. Über finanzielle Details geben sie keine Auskünfte. Während die UEFA keinerlei Probleme damit hat, mir die 15 Seiten umfassende Ausschreibung vom August 2008 zur Verfügung zu stellen, teilt der DFB knapp mit, derlei Dokumente seien „generell vertraulich“. Neben Zveig hatten sich beim DFB Jürgen Christ (mit Jochen Schild), Artur Kubizek und Matt Clifford beworben, letzterer war vor einem Vierteljahrhundert mal mit den Rolling Stones aufgetreten. Die Vergabe des Auftrags an Zveig sei „durch ein aus allen DFB-Bereichen besetztes Gremium“ erfolgt, schreibt der DFB.

Die UEFA erklärt, der damalige Generalsekretär David Taylor habe die Entscheidung für Platinis Schwiegersohn getroffen – auf Grundlage von Empfehlungen der TEAM Marketing AG, die das Verfahren mit elf Bewerbern abwickelte, sowie der Marken- und Marketingexperten aus der UEFA-Zentrale in Nyon. Yohann Zveig sei „ein berühmter Komponist“ argumentiert die UEFA.

Der Email-Austausch mit mehreren UEFA-Leuten über einige Tage war etwas umfangreicher. Witzig, dass sie mir selbst Fragen stellten, die ich gern beantwortet habe:

  • UEFA question: „By the way, we are wondering why you have decided to pursue this matter at this time, when six years have passed since the tender took place. We find it a little strange, especially taking into account that we have also received yesterday similar questions from two other journalists in France and the UK.“ 
  • Answer: I use to ask questions when I work on topics. I ask questions when topics and questions come to my attention. It is never a matter of time. It is always a matter of questions needed to be answered. For instance: I am still asking questions about topics and events 20 or 30 years ago, such as ISL bribery. And I will continue to do so.
  • UEFA question: „Perhaps it is a coincidence… or perhaps not. May we ask if there was a particular reason why you have chosen to chase this subject right now?“
  • Answer: Because a magazine has asked me to write a profile of the UEFA president. So, I did my homework.

Komisch allerdings, dass die UEFA-Leute stets den Eindruck vermittelten und das auch so schrieben, Zveig sei längst nicht mehr Schwiegersohn von Platini.

Das ist falsch.

Zveig mochte auf meine Anfragen die Sachverhalte zwar nicht kommentieren, jedoch hat er sich nach Veröffentlichung des Textes auf 11Freunde.de erneut bei mir gemeldet und zwei Korrekturen angemahnt. Eine Ungenauigkeit und ein Fehler basierten auf den irreführenden und falschen Auskünften der UEFA. Der wichtigste Punkt:

I’m not divorced. I don’t know where you found this false information but it’s totally not true.

Enno-Ilka Uhde aus Karlsruhe ist als Performance-Designer und Regisseur für etliche Sportverbände und Fußballvereine tätig (sein beachtliches Werkregister). Er arbeitet regelmäßig für die UEFA und den DFB, führte beispielsweise bei fünf Champions-League-Finals die Regie bei Eröffnungsfeiern und Siegerehrungen, er hat mit Yohann Zveig beim Europa-League-Finale 2010 kooperiert – und war 2013 in die Ausschreibung zur DFB-Hymne involviert. „Dass Zveig den Auftrag bekommen hat, war ein Zufallstreffer und beruhte rein auf seiner künstlerischen Leistung“, sagt Uhde.

Dass Platini sein Schwiegervater war, war eher negativ besetzt. Der junge Mann hat sehr darunter gelitten, weil er genau wusste, dass man darüber reden würde.

Die eingereichten Melodien seien ohne Nennung der Namen von Musikern beurteilt worden. „Das war definitiv kein politisches Verfahren. Jede andere Darstellung wäre unzutreffend“, erklärt Uhde.

Die Vergabe von Aufträgen an Verwandte, gleich welcher Größenordnung, sollte nach den Regeln guter Unternehmensführung eigentlich auch im Fußballbusiness ausgeschlossen sein. Doch die Branche nimmt es mit den Reformen nicht so genau. Platini und seine UEFA gehören im Reich der FIFA nachweislich zu den Bremsern. So versuchte Platini mit einigen anderen Mitgliedern des FIFA-Exekutivkomitees — etwa Grondona und Villar Llona, deren Söhne natürlich auch im Fußballgeschäft profitieren — die Ermittlungsbefugnisse des Amerikaners Michael Garcia einzuschränken.

Garcia sollte die Vergabe der WM 2022 an Katar aufklären.

Doch manche möchten die Informationen lieber in der Familie belassen.

* * *

Und hier nun das aktuelle Zeugnis meiner Dichtkunst aus Kuala Lumpur:

Im vergangenen Jahr war Michel Platini noch zu feige, gegen seinen langjährigen Freund und Gönner Joseph Blatter anzutreten. Nun aber, da Blatter unter größtem öffentlichen Druck und den Daumenschrauben der Justiz in den USA und in der Schweiz seinen Rückzug angekündigt hat, traut sich Platini aus der Deckung. Mit großem Trara verkündete die Europäische Fußball-Union (UEFA), deren Präsident Platini 2007 nur mit Blatters Hilfe geworden war, am Dienstag die Kandidatur des Franzosen. Platini wird mit den Worten zitiert, er wolle sein Schicksal nun in die eigenen Hände nehmen. Seine hochgehalten Propagandisten wie der Portugiese Pedro Pinto (ehemals ESPN) und der Engländer Mike Lee nutzen all ihre Kanäle und Kontakte in die Medien, um das Bild des Michel Platini und die Politik der UEFA zu schönen. Nichts wird dem Zufall überlassen, die Beeinflussung der Berichterstattung ist gigantisch. Auf dem außerordentlichen FIFA-Kongress am 26. Februar 2016 will Platini zu Blatters Nachfolger gewählt werden.

Die Frage aber ist, ob die FIFA in ihrer jetzigen Form bis dahin noch existiert. Ein Faktum überdies: Die UEFA ist keinen Deut besser als die FIFA. Platini hat sich offenbar mit seinem Busenfreund Wolfgang Niersbach, dem DFB-Präsidenten, über die Europameisterschaft 2024 in Deutschland und über Niersbachs neue Rolle als UEFA-Chef verständigt. Eine Hand wäscht die andere. Niersbach, der vor zwei Jahren noch dringende FIFA-Reformen im Rahmen der UEFA mit seiner Unterschrift verhinderte, präsentiert jetzt als Lösung, was er damals ablehnte — und wird in zahlreichen Medien dafür gefeiert. Es ist ein abgekartetes Spiel.

Wenn sich bei den Ermittlungen der Justiz (oder von Journalisten) weitere Anhaltspunkte für großflächige Korruption bei den Vergaben von Welt- und Europameisterschaften ergeben sollten, risse dies einige europäische Vorstandsmitglieder mit in den Strudel, die gleichzeitig im FIFA-Exekutivkomitee sitzen. Platini hat selbst für die WM 2022 in Katar gestimmt, sein Sohn Laurent erhielt kurz darauf seinen ersten hochgehalten Job bei jenem katarischen Investmentfonds, der unter anderem Paris St. Germain kaufte und über Tochterfirmen auch mit megateuren TV-Rechten im Fußballgeschäft dealt. Inzwischen ist Laurent Platini eines weiteren QSI-Ablegers, des Sportartikelherstellers Burrda.

Es empfiehlt sich, die Akte Platini im größeren Zusammenhang zu betrachten. Der WM-Gastgeber Katar, dessen Emir Tamim Bin Hamas Al-Thani dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) angehört, hat seine Arme wie ein Krake über den Weltsport ausgebreitet, gebietet über zahlreiche Sportarten, Verbände, Funktionäre, Events, TV-Rechte und Wissenschaftler und schuf eine globale Parallelgesellschaft. Beim Kampf um die WM 2022 spielt Platini wie bislang Blatter eine Schlüsselrolle.

Platini soll dafür sorgen, dass die WM in Katar bleibt, komme was wolle. Ein anderer Freund des Emirs, der kuwaitische Scheich Ahmad Al-Fahad Al-Sabah, nimmt bei der WM-Rettungsaktion eine noch wichtigere Position ein. Al-Sabah gehört wie Emir Tamim dem IOC an, er ist Chef der Vereinigung aller 205 Nationalen Olympischen Komitees (ANOC) und seit einem Vierteljahrhundert Präsident des Olympic Council of Asia (OCA). Seit Mai gehört Scheich Ahmad auch dem FIFA-Exekutivkomitee an, wie einst sein Vater. Al-Sabah brandmarkt seit einiger Zeit jede noch so gut belegte und teilweise perfekt dokumentierte Enthüllung zur Sport-Korruptionspolitik von Katar und kanarischer Fußballfunktionäre wie Mohamed Bin Hammam als „Rassismus westlicher Medien“. Al-Sabah hat längst ebenfalls längst verfügt, dass die WM in Katar bleibt. Scheichs und Emire sind es gewohnt, dass Untertanen nach ihrer Pfeife tanzen.

Scheich Ahmad ist der gerissenste Stimmen- und Machtdealer des olympischen Weltsports. Er hat 2013 nachweislich den Deutschen Thomas Bach mit auf den IOC-Thron gehievt. Er hat in asiatischen und in olympischen Weltverbänden viele Dutzend wichtige Wahlen in seinem Sinne entschieden. Er gebietet über den mit fast einer halben Milliarde Dollar gefüllten Entwicklungshilfetops des IOC. Im Juni hat Al-Sabah bei Treffen in Berlin und in Lausanne den Pakt mit Platini geschlossen. Einige wichtige Mitarbeiter am Unternehmen FIFA-Übernahme werkeln gleichzeitig für Katar, so auch Mike Lee, der mit seiner Firma Vero Communications die WM-Bewerbung und nun auch die WM-Vorbereitung betreut. Lee und Platini Sprecher Pinto beeinflussen die Berichterstattung in vielen Medien enorm. Sie verkaufen Platini als Heilsbringer — dabei ist der Schüler des sportpolitischen Lehrmeisters Blatter Teil des Problems und nicht Teil der Lösung.

In gewisser Weise ist Platini auch nur eine weitere Marionette des Scheichs. Langfristiges strategisches Denken war nie seine Stärke, das hat Platini stets anderen überlassen. Dass er nun als erster seine Kandidatur bekannt gibt, nachdem er mit dem Scheich und mit aller Macht der UEFA zahlreiche Allianzen formiert hat, könnte sich noch rächen. Denn noch einmal: Jede Enthüllung kann Platini endgültig mit in den Strudel reißen. Es gibt tausend offene Flanken und Ansatzpunkte.

Der Scheich hält sich fein im Hintergrund. Er wollte er sich am Mittwoch im Mandarin Oriental Hotel von Kuala Lumpur nicht zu Platini äußern. „Ich fühle mich dazu nicht in der Lage“, sagte er, grinste und entschwand flink zum Dinner mit IOC-Kollegen. Den Rest übernahm sein Bodyguard Sunday Udom aus Nigeria der beinahe handgreiflich wurde und brüllte: „Verschwinden Sie aus dem Hotel, sie haben hier nichts zu suchen.“ Es war nicht der erste Zwischenfall dieser Art.

Husain Al-Musallam, seit vielen Jahren Adlatus des Scheichs und unter anderem OCA-Generaldirektor, war ebenfalls zugegen. Musallam war gerade zum Blitzbesuch von der Schwimm-WM aus Kasan eingetroffen, wo er auf dem außerordentlichen Kongress des Weltverbandes FINA in die neu geschaffene Position des Ersten Vizepräsidenten befördert wurde – mit der statutenmäßigen Zusicherung, FINA-Präsident zu werden, sollte der bisherige Boss aus dem Amt scheiden. Der FINA-Präsident Julio Maglione aus Uruguay wird in diesem Jahr 80, er ist ein ganz eifriger Parteigänger von Scheich Ahmad und Emir Tamim, der der FINA nicht nur Weltmeisterschaften (Kurzbahn 2014) und Weltcups, sondern auch Kongresse finanziert, was immer Maglione möchte. In der FINA hat sich Maglione nun mit Unterstützung Al-Musallams das Recht genehmigt, auch nach Erreichen der Altersgrenze Präsident zu bleiben. Man geht davon aus, dass er innerhalb der nächsten anderthalb Jahre abtritt und Al-Musallam ins Amt hievt. Der Adlatus des Scheichs hätte damit beste Chancen, als Boss eines der wichtigsten olympischen Weltverbände auch IOC-Mitglied zu werden. Maglione ist es bis Ende des Jahres, wenn er 80 wird. Sein Vorgänger aus Algerien war es ebenfalls ex officio, wie es im IOC-Sprachgebrauch heißt.

Scheich Ahmad und Husain Al-Musallam, die beiden gibt es fast nur als Duo, gebieten damit bereits über die FINA, den Handball-Weltverband IHF, wo der Ägypter Hassan Mustafa ebenfalls nur eine Marionette ist, zunehmen über die FIFA — und sie wollen im Leichtathletik-Weltverband IAAF mit entscheiden. Dort kämpfen die beiden Olympiasieger Sebastian Coe und Sergej Bubka um die Nachfolge des Senegalesen Lamine Diack. Coe zählt über seine Firma CMS, die derzeit die asiatischen Hallenspiele und einen gigantischen Sportkomplex in Turkmenistan plant, zu den Geschäftspartnern des OCA-Präsidenten Scheich Ahmad. Doch Ahmad hätte nicht diesen Ruf als Stimmen-Dealer und Wahl-Gewinner, wenn er nicht flexibel wäre. Er nimmt zur Kenntnis, dass sich Widerstand gegen den eiskalten Lord Coe regt, der im Übrigen auch zu den besten Freunden des IOC-Präsidenten zählt, und dass der Ukrainer Bubka offenbar aufholt. In dreieinhalb Wochen wird in Peking gewählt. Der Scheich ist schon oft kurz vor der Abstimmung umgeschwenkt und hat die Pferde gewechselt. Denn er will doch vor allem eines: spielen und gewinnen.

Sollte es Michel Platini wegen möglicher weiterer Enthüllungen zur FIFA-Korruption in den nächsten Monaten davon, wird das den Scheich kaum kümmern. Er wird darauf verweisen, neu zu sein in der FIFA-Führung, auch wenn er seit vielen Jahren über die meisten asiatischen FIFA-Exekutivmitglieder gebietet. Er wird nicht zurückschauen, sondern weitermachen. Wer wird Katar unterstützen und seine Macht ausbauen. Und was macht derweil Joseph Blatter? Er versucht angeblich Issa Hayatou aus Kamerun zu überreden, gegen Platini anzutreten.

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