live-Blog aus Kuala Lumpur: Boston 2024, IOC, Olympiawahl 2022 Peking vs Almaty & more

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KUALA LUMPUR. Auf geht’s. Eine Woche lang live-bloggen von der 128. IOC-Vollversammlung im KLCC (Kuala Lumpur Congress Centre). Habe meinen ersten Technik-Crash hinter mir, meinen Jetlag nach wilden, schlaflosen Tagen inklusive eines Arbeits-Aufenthalts in Katar überwunden. Es kann nur besser werden. Und das wird es, promise.

Reinigungskräfte bei der Arbeit im heiligen olympischen Tagungsraum.

Am Raum für die IOC-Session muss noch ein wenig gewerkelt werden. Gerade sind zwei Helfer mit dem Staubsauger zugange – erinnert mich an Joseph Blatter vergangene Woche, der erstmal saubermachen ließ nach dem Falschgeld-Regen.

Was biete ich bis zum 4. August so ziemlich rund um die Uhr?

Ein hintergründiges 24/7 live-Blog rund um alle kleinen und großen Events und Entwicklungen hier im Herzen von Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur – aus dem KLCC-Komplex im Schatten der Petronas-Towers, aus den Luxushotels des IOC (Mandarin Oriental, wo auch schon einige Wahl-Schlachten in Asiens Fußballverband AFC geschlagen wurden) und der Olympiabewerber Peking und Almaty (Traders Hotel, Hyatt).

Es soll ein live-Blog in bester Tradition von Sport and Politics werden, wie einst während der Olympischen Spiele in Peking, Vancouver und London, von der Fußball-WM in Südafrika, von der Thomas-Bach-Krönung aus Buenos Aires und vielen anderen IOC- und FIFA-Terminen, wie zuletzt aus Lausanne und Zürich. Es soll besser und umfangreicher werden als je zuvor – volle Pulle. Natürlich auch mit vielen Links und Leseempfehlungen.

Neu ist allerdings, dass dieses live-Blog komplett nur gegen Buchung einer Eintrittskarte verfügbar ist. In kleinerem Rahmen habe ich das kürzlich von der Sitzung des FIFA-Exekutivkomitees in Zürich erstmals ausprobiert. Via LaterPay (ein FAQ dazu folgt) können Sie (könnt Ihr) IOC-Tagestickets oder andere Zeitpässe buchen.

  • Ein Tagesticket für die IOC-Berichterstattung aus Kuala Lumpur kostet 1,99 Euro (inklusive Zugang zu mehr als 1.100 Beiträgen hier im Blog).
  • Die komplette Berichterstattung aus Malaysia über acht Tage ist inklusive eines Discounts für 13,99 Euro zu haben.
  • Am Ende eines jeden Beitrages finden Sie entsprechende Pässe, auch einen Drei-Monats-Pass und ein Jahres-Abo, das ein Exemplar des Ebooks „Macht, Moneten, Marionetten“ beinhaltet.
  • Schauen Sie ruhig einmal in den Sport and Politics Shop.

Wenn ich live sage, dann meine ich das auch so – inklusive aller Wirren des Tagesgeschäfts und inklusive vieler Schilderungen der begrenzten journalistischen Möglichkeiten und Arbeitsbedingungen bei so einem Termin. Das war im Blog immer so, es gehört für mich spätestens seit 2008 untrennbar zu einer einigermaßen glaubhaften Darstellung. Ich werde wie immer einen Teil der Berichterstattung über Twitter erledigen (bitte dazu rechts unbedingt die Timeline verfolgen, denn natürlich wird nicht jeder Tweet hier im Text eingebunden).

Und es wird nach langer Zeit wieder einige Videos geben. Diese Optionen möchte ich künftig regelmäßig bieten – für komplett geschnittene Beiträge bleibt zwar kaum Zeit, aber schräge und erklärende Sequenzen sowie Interviews sind hier in KL allemal drin, dafür wurde technisch noch ein bisschen nachgerüstet.

Zuletzt habe ich das etwas ausführlicher vor mittlerweile sechs Jahren gemacht – beim Olympischen Kongress 2009 in Kopenhagen, als ich einige Dutzend IOC-Mitglieder und Verbandspräsidenten um ihre Meinung zur Frage bat, ob der Sport eine Welt-Anti-Korruptions-Agentur (WACA) brauche. Die Antwort von Joseph Blatter aus dem Jahr 2009 hat es im vergangenen Jahr sogar in die heute-Show geschafft (wenngleich ohne Quellennennung) und bleibt bis heute legendär aktuell:

Es war übrigens jenes Gespräch mit Blatter (geführt für einen Radiosender), in dem er munter über den Friedensnobelpreis plauderte. Sein größter Traum, der ausgeträumt ist, selbst wenn sich sein Kumpel Wladimir Putin noch mächtig einsetzt für ihn und meint, Blatter habe den Nobelpreis verdient wie kein anderer. (Wenigstens kam Putin nicht auf die Idee, sich selbst vorzuschlagen.)

Technisch wird das aus Kuala Lumpur alles viel hübscher, keine Sorge. Es ist angerichtet. (Und schlimmer als heute morgen, als mir zwei Office-Pakete abgestürzt sind – das alte MS 2011 für Mac und das Office365 für Mac -, was mich wohl zum endgültigen Umstieg bringt, kann es nicht werden. Einen Text für Spiegel Online habe ich verspätet geschickt, aber nun läuft die Technik wieder.)

Lassen Sie sich überraschen.

Die Qualität dieser Berichterstattung und künftiger Projekte hier im Blog können Sie sehr wohl beeinflussen. Entschuldigung, wenn ich immer wieder darauf hinweise, habe das zuletzt auch aus Zürich erwähnt: In den vergangenen Jahren habe ich im Blog aus mehr als zwei Dutzend Ländern von allen Kontinenten berichtet, teilweise einen Monat lang. Es wird nicht leichter, es soll hier aber weiter recherchiert und hintergründig live veröffentlicht werden, dafür müssen gewisse Voraussetzungen gegeben sein.

Journalismus kostet Zeit, Kraft, Wissen und Geld.

Damit genug der Vorrede. Viel Vergnügen!

Die Zeitangaben können mir möglicherweise mal verrutschen, so wie jetzt beim Nacharbeiten das Layout. In KL ist es momentan 17.24 Uhr – in Deutschland 11.24. Ich versuche mich an die deutsche Zeit zu halten.

In wenigen Minuten geht es weiter mit dem IOC Media Briefing – und dann geht es auch richtig los. Olympia 2022, Olympia 2024, Agenda 2020, Gigantismus und Menschenrechte, #FIFAcrime, der Scheich und Platini (der morgen oder übermorgen seine Kandidatur bekannt gibt), TV-Milliardenverträge, die Neugestaltung von SportAccord, viele Personalien und Geschichten – es wird und bleibt spannend.

11.37 Uhr: Press Briefing mit IOC-Propagandachef Mark Adams. Thomas Bach gibt morgen seine Presskonferenz.

# Host City Contract (HCC) 2022 wird am Wahltag veröffentlicht – also an diesem Freitag.

Das war gestern noch ein Problem für Bostons Bürgermeister Marty Walsh (war aber ohnehin zu spät). Ich dachte eigentlich, der HCC 2024 würde in Kürze veröffentlicht. Mag sein, dass ich was falsch verstanden habe und die ihr Herrschaftswissen mit der Öffentlichkeit dann erst in zwei Jahren teilen? Das würde imho auch den Darstellungen der Hamburger Bewerber und des DOSB widersprechen, wonach der HCC bald vorliege.

# Im HCC 2022 sind 818 Millionen Dollar aus den IOC-Vermarktungserlösen für den Olympiagastgeber vorgesehen (Peking oder Almaty). 2024 wird es noch viel mehr sein, sagt Adams. Sollten ca. 1,5 Milliarden sein.

# Candidature Service Fee für die Olympiabewerbung 2024 wurde von 650.000 auf 250.000 Dollar verringert.

# Das Exekutivkomitee hat den Rückzug von #Boston2024n nicht diskutiert, sagt Adams und wiederholt das Statement von heute Morgen. Man sei zuversichtlich, dass es ein starkes Bewerberfeld gebe … etc pp

Natürlich kommen trotzdem weitere Fragen dazu.

# Wir befinden uns noch in der Einladungsphase, sagt Adams, es sei alles möglich.

Diese so genannte Einladungsphase gehört zur Agenda 2020 und wurde den beiden bisherigen Olympiabewerbungsphasen vorgeschaltet: Applicant City und Candidature City Phase.

# Seit Sotschi hat das IOC 18 Verträge im Wert von 14 Milliarden Dollar unterzeichnet.

Hammer. Das ist noch mehr, als man aus gelegentlichen Pressemitteilungen (und noch selteneren Summen, die darin genannt wurden) herausfiltern konnte. Bin bisher immer von ca 12-13 Milliarden Dollar ausgegangen, die unter Bach seit 2013 erlöst wurden. Von insgesamt 38-40 Milliarden in der Geschichte des IOC. Werde das nacharbeiten.

11.41 Uhr: Habe Adams nochmal nach den Verträgen im Detail gefragt. Es gibt natürlich keine Auflistung aller Kontrakte, weder im Sponsoren-, noch im TV-Bereich. Angeblich seien einige Partner dagegen, sagt Adams. Bei ARD und ZDF ist das tatsächlich so – diese öffentlich-rechtlichen Sender betrachten Zahlungen ans IOC (oder die FIFA) als Geschäftsgeheimnis. Aber das ist nicht der Grund, warum sie 2016 in Rio zum vorerst letzten Mal Olympia komplett übertragen.

Adams meinte noch, ich könne doch aus denjenigen Summen, die genannt werden, und denjenigen, die nicht genannt werden (die Mehrzahl) selbst hochrechnen. Danke. Das also sagt ein IOC-Kommunikationsdirektor. Und muss dazu selber lachen.

Ich habe für „Macht, Moneten, Marionetten“ etliche solcher Hochrechnungen angestellt und in Tabellen/Diagramme gegossen. War eine Heidenarbeit. Muss das künftig mit dem Excel/Numbers-Zeug besser hinkriegen. Kenne allerdings keine vergleichbaren Hochrechnungen (Zitat Adams) und muss mich da überhaupt nicht verstecken. Im viel gelobten Buch „Circus Maximus“ des amerikanischen Ökonomen Andrew Zimbalist sind die Zahlen erschreckend dünn und inaktuell. Zimbalist hat sich nicht mal die Mühe gemacht und richtiges Material gesammelt. Er hat lediglich ein paar alte IOC-Angaben kopiert. Auch deshalb kann ich das Büchlein nicht ernst nehmen. Mal schauen, ob ich hier in Kuala Lumpur ein paar frische Finanz-Übersichten erstellen und veröffentlichen kann. Es werden allerdings nur Näherungswerte. Auf den aktuellen Geschäftsbericht des IOC wartet die Welt noch immer.

19.24 Uhr: Habe ein paar Termine und muss was essen. Dann geht es u.a. weiter mit diesem Thema:

15.26 Uhr: Mein Originaltext für Spiegel Online „Bostons Rückzug, Bachs Rückschlag“ wird hier im Laufe des Abends erweitert, korrigiert wo nötig, präzisiert und also verbessert, nur eine großzügige Verlinkung kann ich ausnahmsweise nicht garantieren (die raubt einfach zu viel Zeit und die lässt sich mit dem teilweise sehr stockenden Internet nicht so problemlos bewerkstelligen).

Das olympische Gipfeltreffen in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur wurde mit einem Paukenschlag in den USA eingeleitet. Wenige Tage vor der 128. Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zogen die Amerikaner die Olympiabewerbung von Boston zurück. Als Kandidaten für die Sommerspiele 2024 verbleiben derzeit Paris, Rom, Budapest und Hamburg. Wahrscheinlich wird bis zum Meldeschluss am 15. September noch Aserbaidschans Alleinherrscher Ilham Alijew mit Baku ins Rennen gehen, wo vor einem Monat mit einem gigantischen Aufwand und Repressalien gegen Menschenrechtler und Journalisten die ersten Europaspiele ausgerichtet wurden. In Kanada wird eine Bewerbung von Toronto diskutiert, das gerade die Panamerikanischen Spiele ausgetragen hat. Der Rückzug der US-Amerikaner wird die kanadischen Avancen beflügeln.

Das IOC entscheidet am Freitagvormittag (MESZ) über die Gastgeber der Olympischen Winterspiele 2022 (Peking oder Almaty/Kasachstan) sowie der Jugend-Winterspiele 2020 (Lausanne, Brasov/Rumänien). Doch das alles beherrschende Thema seit der Nacht zum Dienstag ist die Entscheidung des United States Olympic Committes (USOC). Erst im Januar hatte sich die USOC-Führung nach einem längeren Bewertungsprozess auf Boston festgelegt – und zuletzt Los Angeles, Washington und San Francisco aussortiert. IOC-Präsident Thomas Bach hatte kurz zuvor in einem Gastbeitrag ausgerechnet in der Zeitung „Boston Globe“ den Amerikanern Hoffnung gemacht – so wie er stets allen potenziellen Olympiabewerbern Hoffnungen macht, das ist sein Job als Boss des Franchise-Unternehmens IOC.

Doch schon im Januar hatte Boston die geringsten Zustimmungsraten, und seither waren bei Umfragen die Zahlen derjenigen Bürger, die sich gegen eine Bewerbung aussprachen, in Besorgnis erregende Höhen gestiegen: auf mehr als 60 Prozent. Auch war die Olympia-Opposition bestens organisiert. Bostons Bürgermeister Marty Walsh machte sich am Montag nach einem Telefonat mit der USOC-Führung zwar noch über die Opposition lustig, die er als „zehn Twitterer“ bezeichnete, doch letztlich hatte er sich den Realitäten beugen müssen. Er wollte die Bedingungen des so genannten Host City Vertrags nicht unterschreiben und also kein milliardenschweres Risiko eingehen. Er hat sich dem Druck der aufgeklärten Bürger beugen müssen.

Das ist ein auch für den deutschen Kandidaten Hamburg sehr wichtiger Aspekt, wird doch hierzulande stets die angebliche Reform „Agenda 2020“ des IOC betont. Noch aber sind viele Versprechen (etwa Reduzierung der Kosten und der Forderungen des IOC) nur Makulatur. Der neue Host City Vertrag liegt noch nicht vor, angekündigt war das Papier für den Herbst, sollte dann auch erstmals öffentlich sein, möglicherweise geht die IOC-Führung nun in die Offensive und veröffentlicht die Unterlagen früher. Denn mit der vorläufigen Absage der Amerikaner holt das IOC eine quälende Diskussion wieder ein: In immer mehr Ländern wollen die Bürger das Risiko von Milliardenbürgschaften und gigantischen Kosten für ein zweiwöchiges Sportfest nicht eingehen. Zuvor war schon das Bewerberfeld für die Winterspiele 2022 in historisch einmaliger Weise reduziert worden: In Bürgerentscheiden wurden die Bewerbungen von Graubünden (Schweiz), München und Krakau abgeschmettert. In Stockholm und Oslo entsprachen Politiker dem in Umfragen geäußerten Mehrheitswillen und stellten die Offerten ein.

Es verblieben mit Almaty (Kasachstan) und Peking nur zwei Spezialdemokratien, und die Gefahr ist groß, dass am Freitag Peking zur Olympiastadt 2022 gekürt wird. IOC-Präsident Bach kokettiert sehr mit den chinesischen KP-Führer und hat Staatspräsident Xi Jinping schon kurz nach seiner Amtsübernahme im Herbst 2013 den olympischen Orden überreicht. Sollte Peking die Winterspiele bekommen, würde ein weiteres Kapitel des Gigantismus geschrieben und alle Behauptungen der „Agenda 2020“ würden konterkariert. Almaty wäre das kleinere Übel, zwar zählt Kasachstan ebenfalls nicht zu Musterdemokratien, doch sind dort fast alle Voraussetzungen für Winterspiele gegeben. Fast alle Sportstätten stehen bereits und sind vielfach erprobt, das Land hat Wintersport-Tradition und vor allem: viel Schnee, den die Chinesen nur produzieren können, in dem sie quasi einen ganzen Landstrich entwässern, um Schneekanonen zu füttern.

All diese sport- und geopolitischen Konstellationen sind in der Diskussion über die Olympiabewerbung 2024 zu beachten. Dieser Wettbewerb beginnt offiziell im September und wird in zwei Jahren auf der 130. IOC-Session in Lima (Peru) entschieden. Es sieht momentan nicht so aus, als sollte sich das USOC nach dem Boston-Rückzug für einen anderen Kandidaten entscheiden, auch wenn mächtig Lobby gemacht wird für Los Angeles. In einem kryptischen Statement ließ Scott Blackmun, Generaldirektor des USOC, dies zunächst offen. Die USA würden sich sehr gern bewerben, erklärte Blackmun, aber nur wenn man eine echte Chance habe. Tags darauf ließ Bachs IOC-Propagandaabteilung erwartungsgemäß erklären, man hoffe weiter auf eine Bewerbung aus den USA.

Gern wird in Medien verbreitet, die USA seien favorisiert, weil der TV-Gigant NBCUniversal vor einem Jahr den mit 7,75 Milliarden Dollar dotierten und bis 2032 währenden größten Fernsehvertrag der Olympiageschichte unterschrieben hat.

Doch wenn es so wäre, dass die Höhe der amerikanischen TV-Einnahmen entscheidet, dann hätten bereits New York (Kandidat für 2012) und Chicago (2016) die Sommerspiele bekommen müssen. Beide Offerten wurden aber vom IOC brutal abgeschmettert. Seinerzeit tobte in der olympischen Familie noch ein Kleinkrieg um die Anteile aus jenen TV-Verträgen, von denen das USOC mehr erhält als alle anderen 204 Nationalen Olympischen Komitees zusammen. Das IOC hat da inzwischen eine Lösung gefunden, das Verhältnis der USA zum Rest der Welt bleibt aber extrem angespannt – und das derzeitige beispiellos konsequente Vorgehen der US-Bundesanwaltschaft in Sachen FIFA geht keinesfalls als vertrauensbildende Maßnahme durch. Auch in anderen der insgesamt 35 olympischen Weltverbände und unter manchen IOC-Mitgliedern geht die Angst um, selbst ins Fadenkreuz der US-Justiz zu geraten. In Hintergrundgesprächen mit IOC-Mitgliedern und Verbandspräsidenten werden ebenfalls die NSA-Enthüllungen als Ausschlusskriterium für Olympia-Ambitionen der USA genannt.

Für 2024 ist Paris deshalb klar favorisiert. Präsident François Hollande hat die Bewerbung zur Staatsaffäre gemacht. Das Konzept von Paris zur 100-Jahr-Feier der Spiele von 1924 ist charmant und vereint beispiellose Attraktivität von Spielen mitten in der City mit Nachhaltigkeit – zumindest auf dem Papier. Nachdem die Spiele 2016 in Südamerika (Rio de Janeiro) sowie 2018 (PyeongChang), 2020 (Tokio) und 2022 (Almaty oder Peking) drei Mal in Asien stattfinden, deutet alles auf eine europäische und vor allem eine französische Lösung hin. Gut möglich, dass sich die Amerikaner bis 2028 gedulden.

Es wäre klüger. Das Gesicht haben sie ohnehin schon verloren und sich blamiert in diesen Kreisen. Die Aufbauarbeit von sechs Jahren ist zerstört.

15.55 Uhr: Vom Japaner geht es zurück zum Scheich und seinen Adjudanten. Schaun mer mal.

17.35 Uhr: Sitze an einer Bar des Mandarin Oriental. Die IOC-Führung trudelt langsam wieder ein. Die Herrschaften waren heute Abend zu Gast beim Kollegen Prinz Tunku Imran. Es hat etwas länger gedauert. Die vier Damen aus dem Exekutivkomitee sind alle hier, die Kerle haben noch was anderes zu besprechen.

22.16 Uhr: Hier ist es bereits 4.16 Uhr. Es war eine durchaus turbulente Nacht mit komischen Entwicklungen und Wortwechseln. Mal schauen, was sich davon demnächst verwenden und vertiefen lässt. Mehr als diese kryptischen Andeutungen können jetzt leider nicht sein. Nach vier Stunden Bettruhe geht es weiter – mit den Kasachen und Bewerbungschef Andrej Krjukow, mit dem ich eben noch am Tisch Grappa getrunken habe. Wir haben uns in kleiner Runde ganz nett unterhalten und gelacht. Bis zum Moment, als ich doch nochmal eine unserer letzten Begegnungen ansprechen musste: 2013 in Buenos Aires, als Andrej zur Crew des Scheichs gehörte, die mich abführte und meine Fotos von der Kamera löschen wollte, die mir der Scheich Ahmad flink wie ein Taschendieb aus einem arabischen Souk aus der Hosentasche entwendet hatte.

Die Geschichte ist nicht vergessen. Sie war ein Thema damals im Olympia-Zirkus, das erwähnte auch Andrej ohne Umschweife, hat mich gewundert.

Andrej Krjukow, ehemals Wasserball-Nationalspieler, gehört zur Crew des Scheichs und des Scheich-Adlatus‘ und künftigen FINA-Präsidenten Husain „Ich scheiße auf Sie“ Al-Musallam, der (offenbar) nicht mit in Kuala Lumpur ist, weil bei der WM in Kazan (offenbar) unabkömmlich. Darüber später mehr. Die Geschichte ist ausbaufähig und muss im Zusammenhang erzählt werden.

4.39 Uhr: Abschließend noch ein Textlein, dass ich im Mandarin Oriental noch für eine Seite 3 der Aachener Zeitung gedichtet habe. Die Kollegen hatten nichts dagegen, wenn ich Bausteine aus dem SpOn-Beitrag verwende. Habe versucht, die Boston-Nummer anders aufzuziehen. Etliche Passagen doppeln sich. Aber vielleicht ist manches etwas klarer. Normales Handwerk als freier Journalist, man kann kaum einen Vorgang in verschiedenen Varianten völlig neu aufschreiben (manchmal schon) und man muss das imho auch gar nicht.

Mit diesen Zeilen versuche ich mal zu entschlummern. Das live-Blog soll in den nächsten Tagen besser werden, muss mich eingrooven und wie versprochen ein paar feine Elemente einbauen.

Informativer soll es auch werden. Habe große Lust darauf.

Gute Nacht.

* * *

Am Tag nach dem angekündigten Beben gaben sich die Bosse der olympischen Welt betont lässig, aber doch zugeknöpft. Mehr als ein dürres Statement wurde vom IOC nicht verbreitet: Das IOC vertraue den US-Amerikanern und sei auch nach dem Rückzug von Boston sicher, dass eine starke Bewerberstadt für die Sommerspiele 2024 gefunden werde. IOC-Präsident Thomas Bach wird sich erst am Mittwoch in Kuala Lumpur ausführlicher dazu äußern.

Bach hatte selbst einiges investiert, um die USA und Boston zu überzeugen. Im Januar hatte er zum Beispiel unmittelbar vor der inneramerikanischen Entscheidung des United States Olympic Committee (USOC) zwischen Boston, Washington, San Francisco und Los Angeles im „Boston Globe“ eine Art Leitartikel veröffentlichen lassen und den Amerikanern Hoffnung gemacht auf die Olympischen Spiele. So wie er stets allen Olympiabewerbern Hoffnungen macht, das ist sein Job als Boss des Franchise-Unternehmens IOC. Das IOC verkauft Illusionen und verdient daran prächtig. Allein in den knapp zwei Jahren der Präsidentschaft Bach wurden Verträge für mehr als 14 Milliarden Dollar unterschrieben – mehr als ein Drittel der IOC-Marketingeinnahmen aller Zeiten.

Nun aber verabschieden sich die Amerikaner notgedrungen, denn der Widerstand in Boston war einfach zu groß. Schon im Januar hatte Boston die geringsten Zustimmungsraten in den USA. Seither waren bei Umfragen die Zahlen derjenigen Bürger, die sich gegen eine Bewerbung aussprachen, in Besorgnis erregende Höhen gestiegen: auf mehr als 60 Prozent. Auch war die Olympia-Opposition bestens organisiert. Bostons Bürgermeister Marty Walsh machte sich am Montag nach einem Telefonat mit der USOC-Führung zwar noch über die Opposition lustig, die er als „zehn Twitterer“ bezeichnete, doch letztlich hatte er sich den Realitäten beugen müssen. Er wollte die Bedingungen des so genannten Host City Vertrags nicht unterschreiben und also kein milliardenschweres Risiko eingehen. Er hat sich dem Druck der aufgeklärten Bürger beugen müssen.

Ausgerechnet die Amerikaner, deren Fernsehsender NBCUniversal in der olympischen Geschichte gigantische 19 Milliarden Dollar in TV-Verträge investierte, fast die Hälfte aller Einnahmen, die das Internationale Olympische Komitee (IOC) bisher verzeichnet. Ausgerechnet die Amerikaner, mit denen sich das olympische Völkchen (IOC, 35 olympische Sport-Weltverbände und 205 NOK) im Streit ums Geld in den vergangenen sechs Jahren einigermaßen versöhnt hatte.

Im Wettbewerb um die Winterspiele 2022, der am Freitag auf der 128. IOC-Session zwischen Peking und Almaty (Kasachstan) entschieden wird, hatten bereits nacheinander Graubünden in der Schweiz, dann München und Krakau nach Bürgerentscheiden ihre Bemühungen eingestellt – und außerdem wegen des großen Widerstandes der Bevölkerung auch Stockholm und Oslo zurückzogen (neben dem ukrainischen Lemberg, das aus anderen Gründen weichen musste). Dieses kontinuierlich dezimierte Bewerberfeld für 2022 sucht sporthistorisch seinesgleichen. Es blieben nur die Spezialdemokratien China und Kasachstan, wo Menschenrechte nicht so beachtet werden, wobei das IOC – 2014 Partner von Wladimir Putin in Sogschi und schon 2008 Partner der chinesischen Parteiführung in Peking – doch neuerdings behauptet, derlei elementare Aspekte in Bewerbungen einfließen zu lassen.

IOC-Präsident Bach wollte für die Sommerspiele 2024 wieder ein erlesenes Feld ins Rennen bringen. Ein Feld mit Vertretern demokratischer Nationen. Die USA wären extrem wichtig gewesen. Paris ist der große Favorit. Rom, das für 2020 noch aus Kostengründen auf Geheiß des damaligen Ministerpräsidenten Mario Monti zurückziehen musste, plant wieder ganz groß und ist wegen seiner raffiniert vernetzten Funktionäre nicht zu unterschätzen. Budapest ist dabei. Hamburg auch. Wahrscheinlich kommt noch Baku hinzu, das bereits 2016 und 2020 vom IOC in der ersten Bewerbungsrunde aussortiert wurde. Aserbaidschans Alleinherrscher Ilham Alijew, der natürlich auch als Präsident des Nationalen Olympischen Komitees agiert, hat jüngst geschätzte acht Milliarden Dollar in die Austragung der schwer umstrittenen European Games investiert – und damit als Familienoberhaupt einer mafiaähnlichen Sippschaft prächtig reüssiert. Neben Baku will sich Toronto eine Bewerbung überlegen. Es bleibt offen, ob in den kommenden sechs Wochen bis zum Meldeschluss am 15. September das USOC tatsächlich noch mit Los Angeles antritt, das 1932 und 1984 Olympiagastgeber war. In einem kryptischen Statement erklärte Scott Blackmun, Generaldirektor des USOC, die USA würden sich sehr gern bewerben, aber nur wenn man eine echte Chance habe.

Sie haben keine.

Die Diskussionen in Boston, die zur Absage führten, sollten in Deutschland mit seiner Möchtegern-Olympiastadt Hamburg gründlich ausgewertet werden. Wird doch hierzulande gern die angebliche Reform „Agenda 2020“ des IOC betont. Noch aber sind viele Versprechen (etwa Reduzierung der Kosten und der Forderungen des IOC) nur Makulatur. Der neue Host City Vertrag liegt noch nicht vor, angekündigt war das Papier für den Herbst, möglicherweise geht die IOC-Führung nun in die Offensive und veröffentlicht die Unterlagen früher. Am Dienstag kündigte IOC-Propagandachef Mark Adams nach einer Sitzung des Exekutivkomitees an, erstmals werde der Host City Vertrag für die Winterspiele 2022 veröffentlicht – parallel zur Unterschrifts-Zeremonie zwischen dem IOC-Präsidenten und den Bossen des Olympiagastgebers 2022, also entweder den Chinesen oder den Kasachen.

Wohlgemerkt: Es geht um den Vertrag für 2022 – aber nicht um den Vertrag für 2024. Doch dabei müsste, sollte es das IOC Ernst meinen mit seinen Versprechen, doch gerade dieses Papier jetzt, zu Beginn der neuen Bewerbungsrunde vorliegen, um öffentlich diskutiert werden zu können. In Hamburg sollen die Bürger am 29. November quasi in letzter Instanz über das Milliarden-Abenteuer befinden. Was aber ist eine solche Volksbefragung wert, wenn noch immer nicht alle Fakten auf dem Tisch sind und die neuen IOC-Pflichtenhefte nicht vorliegen? De facto hat sich gegenüber dem jahrzehntelang gepflegten IOC-Prozedere noch nicht viel geändert, auch wenn die Propagandisten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz (SPD) und die an Olympia interessierten Hintermänner aus der Hamburger Handelskammer beständig etwas anderes behaupten.

Sollte am Freitag in Kuala Lumpur ausgerechnet Peking zum Olympia-Gastgeber 2022 gekürt werden, worauf einiges hindeutet, dann dürfte es den abgebrühtesten Spindoktoren und PR-Söldner schwer fallen, die „Agenda 2020“ des IOC als Wandel und Chance zu verkaufen. Peking wäre in vielerlei Hinsicht ein Rückfall. Peking würde, so kann man es auch sehen, die wahren Verhältnisse im von Thomas Bach geführten IOC offenlegen. Bach kokettiert extrem mit den chinesischen KP-Führern und hat Staatspräsident Xi Jinping schon kurz nach seiner Amtsübernahme im Herbst 2013 den olympischen Orden überreicht. Sollte Peking die Winterspiele bekommen, würde ein weiteres Kapitel des Gigantismus geschrieben. Almaty wäre das kleinere Übel, zwar zählt Kasachstan ebenfalls nicht zu Musterdemokratien, doch sind dort fast alle Voraussetzungen für Winterspiele gegeben. Fast alle Sportstätten stehen bereits und sind vielfach erprobt, das Land hat Wintersport-Tradition und vor allem: viel Schnee, den die Chinesen nur produzieren können, in dem sie quasi einen ganzen Landstrich entwässern, um Schneekanonen zu füttern.

Für 2024 ist Paris klar favorisiert. Präsident François Hollande hat die Bewerbung zur Staatsaffäre gemacht. Das Konzept von Paris zur 100-Jahr-Feier der Spiele von 1924 ist charmant und vereint beispiellose Attraktivität von Spielen mitten in der City mit Nachhaltigkeit – zumindest auf dem Papier. Nachdem die Spiele 2016 in Südamerika (Rio de Janeiro) sowie 2018 (PyeongChang), 2020 (Tokio) und 2022 (Almaty oder Peking) drei Mal in Asien stattfinden, deutet alles auf eine europäische und vor allem eine französische Lösung hin. Gut möglich, dass sich die Amerikaner bis 2028 gedulden. Es wäre klüger. Das Gesicht haben sie ohnehin schon verloren und sich blamiert in diesen Kreisen. Die Aufbauarbeit von sechs Jahren ist zerstört.

Man kann es aber auch anders betrachten: Der Rückzug von Boston ist ein Triumph aufgeklärter Bürger. Wie schon in Graubünden, wie in München, Oslo, Krakau und anderen potenziellen Olympiastädten.

Marco R. #1

Erstmal einen guten Abend nach KL! :-)

„Im HCC 2022 sind 818 Millionen Dollar aus den IOC-Vermarktungserlösen für den Olympiagastgeber vorgesehen (Peking oder Almaty). 2024 wird es noch viel mehr sein, sagt Adams. Sollten ca. 1,5 Milliarden sein.“

Bedeutet das konkret, dass die Ausrichter-Städte diese Summen vom IOC quasi in bar erhalten? Oder wird das noch mit irgendwelchen IOC-Dienstleistungen verrechnet?

jw #2

Im Grunde stellen die das in Ihre jeweiligen OCOG-Etats ein. Mit der Größe können sie planen.

Die praktische Umsetzung über den siebenjährigen Zeitraum von Vergabe bis zu den Spielen ist aber etwas komplizierter, weil auch von Seiten des jeweiligen OCOG Tantiemen aus Vermarktungserlösen Richtung IOC fließen.

Tomte #3

So freue mich auf 24/7 bloggen! Habe mal den Jahrespass gekauft. Sicher ist sicher… Da sollten noch 2 Cocktails drin sein! Gruss aus der Schweiz. Hier isses nun nicht mehr so heiss…

JW #4

@ Tomte: Das ist doch nett. Bin mir sicher, dass das Geld in den nächsten Tagen im Mandarin Oriental sehr leicht auszugeben ist. Kann allerdings auch sein, dass Journalisten für ein paar Tage draußen bleiben müssen, wenn es heiß wird und die Olympia-Entscheidung ansteht.

Wie auch immer: Zwei Kaffee und eine Cola kosteten 80 Ringgit, rund 20 Euro. Da kannst Du als Schweizer nur drüber lachen. Habe dort neulich in Zürich am Tag nach Blatters versprochenem Rücktritt, als ich überraschend doch über Nacht bleiben musste, in einem Migros eine Zahnbürste, Zahnpasta und vier Pfirsiche gekauft – und wohl noch ein Kleinteilchen, was ich jetzt vergessen habe. Waren auch fast 20 Euro. Absurd.

Mixgetränke gab es keine. Den Grappa hat der Präsident des Fünfkampf-Weltverbandes bezahlt.

Johannes #5

Kurzer Szenenwechsel: Sport1 und wahrscheinlich auch ein paar andere News-Buden berichten, dass Michel Platini jetzt offiziell Fifa-Chef werden will:

http://www.sport1.de/internationaler-fussball/2015/07/michel-platini-will-nachfolge-von-joseph-blatter-bei-der-fifa-antreten

„Es gibt Momente im Leben, in denen man sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen muss“, sagte Platini zu seiner Entscheidung: „Es war eine sehr persönliche, wohlüberlegte Entscehidung. Eine, in der ich die Zukunft des Fußballs gegen meine eigene abgewogen habe.“

Ach, der Michel. Ist er sich seiner Sache zurecht so sicher, wie es der Artikel suggeriert?

Ralf #6

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