Grit Hartmann: Fragen zum „Morbus Pechstein“

Eine Hommage an Grit Hartmann:

Ihre hartnäckigen Recherchen und Texte haben die Diskussion über den Fall Pechstein und die Unkultur im deutschen Sport (am Beispiel Thüringen) neu befruchtet. Sie hat sich auch in beeindruckender Weise gegen die die juristischen Attacken der Olympiasiegerin gewehrt.

In der Hektik dieser Tage geht nun leider etwas unter, wer der Urheber dieser neuen Entwicklungen war. Manches, was derzeit von aufgeregten Reportern als exklusiv verkündet wird, hat sie längst schon ruhig und bestimmt vermeldet. Man muss nur lesen wollen. (Andere Journalisten zitieren seit Wochen aus ihren Beiträgen, ohne Quellen zu nennen. Manche tun beides. Aber so ist das Geschäft.)

Ich weiß, dass noch einiges kommen wird. Und ich freue mich drauf.

Zunächst ihre jüngste Recherche, dann die älteren Texte ab April vergangenen Jahres:

Neue Fragen zum „Morbus Pechstein“

Als Claudia Pechstein nach ihrer Dopingsperre aufs Eis zurückkehrte, rechnete einer ihrer eifrigsten Fürsprecher noch einmal ab mit den „Antidoping-Jägern“. Der Siegener Krankenhausarzt Winfried Gassmann schimpfte über die „Ungerechtigkeit“, die Pechstein durch den Weltsportgerichtshof CAS und ihre Kritiker widerfahren sei. „Ich bin froh, wenn ich mit dieser Szene nichts mehr zu tun habe.“

Das war vor einem Jahr. Längst hat es sich Gassmann, der wie andere Experten aus der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) beim Schweizer Bundesgericht ein Gutachten für Pechstein vorlegte, anders überlegt. Vor kurzem flatterte dem Bundestags-Sportausschuss wieder mal ein Brief von ihm auf den Tisch. Die aktuellen, nach wie vor schwankenden Blutwerte bei Pechstein, belehrte Gassmann die Abgeordneten, hätten „bewiesen, dass die zentrale Aussage des Richterspruchs biologisch falsch ist“. Der CAS erklärte bekanntlich die Ausschläge bei den jungen roten Blutkörperchen, den Retikulozyten, mit Doping – die Hämatologen mit einer vererbten Anomalie.

Spannend dürfte nun werden, was die professoralen Parteigänger der Kufenläuferin zu Erfurt vortragen, zu Pechsteins Blutbestrahlung mit ultraviolettem Licht. „Für die Wissenschaft waren die Hämatologen-Auftritte blamabel“, sagt schon jetzt der Nürnberger Pharmakologe Fritz Sörgel, einer der Wenigen, der an der Anomalie-These zweifelte. Die DGHO sei wohl „der Prominenz Pechsteins und ihrem PR-Tross“ erlegen – statt „objektiv zu arbeiten und intensiv zu recherchieren“.

Sörgel wagt sich nicht nur eingedenk der Hinterlassenschaft der DDR-Doktoren so weit vor: Schon die setzten die Blutpraxis in mehrwöchigen Kuren zu Dopingzwecken ein. Österreichs Skandaltrainer Walter Mayer schätzte sie ebenfalls – 2002 in Salt Lake City flogen seine Athleten damit auf. Bei den Winterspielen in Turin stießen Carabinieri im Teamquartier dann auch auf UV-Lampen.

Zum Mysterium der UV-Lampen hat Sörgel einige der raren Arbeiten ausgegraben.

  • 1964 etwa legte ein Ärzteteam der Universität Göttingen Patienten mit diversen Hautkrankheiten unters UV-Licht. Resultat: Die Retikulozyten-Zahl fällt erst, zwischen dem 13. und 15. Tag aber kommt es zur „überschießenden Regeneration“, zu einem Plus von 36 Prozent. Hämatokrit und Hämoglobin, der rote Blutfarbstoff und wichtigste Sauerstofftransporter, bleiben unverändert.
  • 1976 experimentierten polnische Forscher an Ratten und Hasen. Die UV-Bestrahlung „steigerte die Blutbildung im Knochenmark“. Weil eine stärkere Dosis abgefeuert wurde, stiegen die Reti-Werte um mehr als 200 Prozent, aber auch der Hämatokrit.
  • Die dritte Arbeit schließlich, publiziert 1986 von der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften, hält ebenfalls Interessantes fest: UV-Licht schädigt die Membranen der roten Blutkörperchen.

Anomalie der Membranen, verrückt spielende Retis – auf den ersten Blick verblüffende Parallelen zu Pechsteins Blutbild.

Allerdings: UV-Lampen wirken anders als Eigenblutmanipulation, wie der Arzt und Epo-Forscher Stefan Franz ergänzt: „Bei UV-Bestrahlung des Körpers kommt es durch eine Aktivierung verschiedener Mechanismen offensichtlich zur Freisetzung von Hormonen. Die wiederum aktivieren das Knochenmark.“

Bei der in Erfurt angewandten Prozedur hält Franz dies – auch er ein profunder Kritiker der DGHO-Gutachter – für unwahrscheinlich: „Obwohl Ausschließen in der Wissenschaft immer schwierig ist.“ Die Veränderung der Membranen sei „im Kontext jedoch ein interessanter Aspekt“.

Und wie wirkt direkte Blutbestrahlung?

Dazu kursieren viele von der Schulmedizin skeptisch beäugte Thesen. Einer ihrer bekannteren Vertreter ist Gerhard Frick. Er führt eine Naturheilkunde-Praxis und sitzt im Vorstand einer „Internationalen Ärztlichen Arbeitsgemeinschaft“, die der UV-Blutmethode Wunder zuschreibt. Heilkräfte soll sie bei Magen-Darm-Leiden, bei Lungen-, Nieren- und Herzkrankheiten entfalten sowie generell bei Altersbeschwerden. Zu DDR-Zeiten war Frick, damals Leiter der Transfusionsmedizin an der Universität Greifswald, noch bescheidener. In einem Artikel für die „Zeitschrift für Ärztliche Fortbildung“ sah er 1986 vor allem eine medizinische Indikation, nämlich das Kurieren arterieller Verschlusserkrankungen.

Das wichtigste Plus der UV-Strahlen: „Steigerung der Fließbarkeit und somit erhöhte Mikrozirkulation des Blutes“. Sogar der Physiker Manfred von Ardenne, einer der Entwickler von Stalins Atombombe und in der DDR hoch geehrter Erfinder, interessierte sich dafür. Ardenne fand angeblich „verbesserte Sauerstoffausnutzung im Gewebe“. Davon würden auch Athleten profitieren. DDR-Kliniken zögerten jedoch mit Einführung der UVB. Frick: „Weil die Wirkungen molekularbiologisch noch nicht ganz aufgeklärt sind.“

Kann die UV-Blutpraxis eine Erklärung für Werte wie die von Claudia Pechstein liefern? Das ist nun eine von vielen Fragen. Zumal:

Die DGHO-Gemeinde um Gassmann lavierte in der Causa schon hart an der Grenze der Glaubwürdigkeit.

Anfang 2010 attestierte sie zunächst eine Kugelzellanomalie, eine Sphärozytose. Die „neue Methode“, mit der diese angeblich sicher detektiert war, erwies sich indes als ungeeignet für Pechsteins Werte – das stellte sich Ende 2010 heraus, als sie publiziert wurde. Der Münchner Professor Stefan Eber entdeckte dann eine andere Anomalie, eine Xerozytose.

Schließlich einigte man sich auf eine Art Morbus Pechstein, eine „bisher unbekannte Mischform“ beider Zytosen.

Nach dem Gen, auf dem beide gemeinsam lokalisiert sein sollen, wird noch gefahndet.

(Erstveröffentlichung 1m 1. Februar 2012 in der Berliner Zeitung und in der Frankfurter Rundschau)

Die Vorgeschichte:

16. April 2011:

Dopingermittlungen gegen Erfurter Mediziner

In Thüringen geht die Staatsanwaltschaft einem Dopingverdacht nach. Das Ermittlungsverfahren richtet sich gegen einen Mediziner, der dem Olympiastützpunkt eng verbunden ist und auch Eisschnellläufer betreut.

Es war ein durchaus auffälliger Vorgang, der sich letzen Montag in Erfurt ereignete: Im Olympiastützpunkt am Steigerwald, nur wenige Gehminuten vom Thüringer Landtag entfernt, marschierte ein halbes Dutzend Herren ein. Beobachtern der Szenerie entging nicht, dass es sich um eine Ermittlertruppe der Staatsanwaltschaft handelte. Durchsucht wurde ebenfalls, und auch das sprach sich schnell herum, eine Arztpraxis. Ihr Inhaber gilt im Erfurter Spitzensport als Koryphäe. Der Mediziner ist dem Olympiastützpunkt vertraglich verbunden; er betreut Kaderathleten aus Radsport, Leichtathletik und Eisschnelllauf.

Die Aktion warf eine spannende Frage auf: Geht die Staatsanwaltschaft dem Verdacht nach, dass in Erfurt Spitzensportler gedopt wurden? Auf Deutschlandfunk-Anfrage bestätigt OSP-Leiter Bernd Neudert „Durchsuchungen in einem Teil der Räume“. Auch habe sich der anwesende Staatsanwalt für „kooperative Zusammenarbeit und Unterstützung“ bedankt. Mehr will Neudert vorerst nicht sagen; fügt aber hinzu, er werde gern Auskunft geben, „sobald das Verfahren einer rechtsstaatlichen Klärung zugeführt“ sei.

Weniger zurückhaltend ist die Staatsanwaltschaft. Sprecher Hannes Grünseisen teilt mit, ermittelt werde gegen „einen Mediziner aus Erfurt“, und zwar wegen „unerlaubter Anwendung von Arzneimitteln zu Dopingzwecken bei Anderen“. Er bestätigt auch eine Durchsuchungsaktion, nennt aber nicht die Objekte. Die Staatsanwaltschaft habe Beweismittel sichergestellt.

Der nach Deutschlandfunk-Informationen betroffene Mediziner, Facharzt für Allgemein- und Sportmedizin, ließ eine detaillierte Anfrage unbeantwortet. Für ihn gilt, selbstverständlich, die Unschuldsvermutung. Im Angebotskatalog seiner Praxis findet sich das Übliche für Spitzensportler: Laktatmessungen oder Leistungsdiagnostik. In einer Rubrik namens „individuelle Gesundheitsleistungen“ gibt es indes eine Offerte, deren Anwendung jedenfalls bei Athleten verboten wäre, nämlich: „UV-Bestrahlungen des Blutes“.

Dafür wird Patienten Blut entnommen, in der Regel eine kleine Menge, mit ultraviolettem Licht bestrahlt und dann zurück injiziert. Die Eigenblut-Therapie muss mehrfach wiederholt werden, soll sie eine Wirkung haben. Ob sie überhaupt eine hat, ist wissenschaftlich so umstritten, dass Kritiker von Scharlatanerie sprechen. Angeblich soll UV-Bestrahlung des Blutes aber gegen allerlei Beschwerden helfen: Infektionen, Stoffwechselstörungen, gegen das Altern und sogar gegen Krebs. Und sie soll – das macht die vermeintliche Wundermethode für Spitzensportler interessant – die Sauerstoffaufnahmefähigkeit des Gewebes erhöhen. Nachgewiesen ist indes auch das nicht. Berthold Mertes, Sprecher der Nationalen Antidoping-Agentur Nada, sagt dennoch:

„Die Nada und genauso die Antidopinglabore und die AG der Nada haben die intravenöse Rückfuhr von Eigenblut stets unter die verbotene Methode ‚Erhöhung des Sauerstofftransfers‘ gefasst, und insofern würde es sich um einen Verstoß gegen die Antidoping-Bestimmungen gehandelt haben.“

Allerdings: Der Wada-Code ließ lange einen interpretationsfähigen Spielraum. Ärzte konnten Athletenblut reinfundieren, allerdings nicht mehr als 50 Milliliter und nur bei klarer medizinischer Indikation. Erst seit Anfang des Jahres sind jegliche Entnahme, Manipulation und Reinfusion von Vollblut explizit untersagt. Sollten sich also Athleten in Erfurt einer solchen Behandlung unterzogen haben, und auch die Frage danach ließ der Mediziner unbeantwortet, wäre das ein sportrechtlich komplizierter Fall.

Die Erfurter Staatsanwaltschaft gibt noch eine interessante Information preis: Das Ermittlungsverfahren gegen den Sportarzt habe eine andere Staatsanwaltschaft von Amts wegen eingeleitet und Ende 2010 nach Thüringen abgegeben. Die deutschlandweit laufenden Verfahren zu Doping im Spitzensport sind überschaubar, auch in den Sportarten, die dieser Mediziner betreut. Im Radsport sind einige abgeschlossen, in der Leichtathletik ist keins bekannt. Geht es also um Eisschnelllauf? Die Erfurter Ermittler geben keine Auskunft. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft München sagt immerhin so viel: Ja, man habe „ein Verfahren nach Erfurt“ abgegeben. Eines aus den Ermittlungen gegen Unbekannt „im Fall Claudia Pechstein“.

(Erstveröffentlichung im Deutschlandfunk)

11. Januar 2012:

Neuer Blutdoping-Verdacht im deutschen Eisschnelllauf

Der Deutschlandfunk hatte im April letzten Jahres exklusiv berichtet: In Erfurt durchsuchte die Staatsanwaltschaft den Olympiastützpunkt und die Praxis eines Mediziners. Sie ging und geht der Frage nach, ob der Arzt Spitzenathleten unter anderem im Eisschnelllauf gedopt hat. Nun weitet sich die Affäre aus.

Noch versucht der Sport, die mutmaßliche Blutdoping-Causa in Erfurt klein zu halten, denn die könnte sich zu einer Lawine entwickeln. Den ersten Stein haben die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen einen langjährigen Vertragsarzt des Olympiastützpunktes schon ins Rollen gebracht: Nach Deutschlandfunk-Informationen wurde ein Disziplinarverfahren gegen eine Eisschnellläuferin eingeleitet, die ihr Blut bei dem Mediziner behandeln ließ. Die Nationale Antidoping-Agentur bestätigt das: Es handele sich um ein laufendes Verfahren, so die knappe Antwort.

Gegen den Arzt ermitteln die Thüringer Staatsanwälte seit Monaten. Er steht im Verdacht, Spitzensportler gedopt zu haben, und zwar nicht nur aus Erfurt. Im Frühjahr beschlagnahmten die Fahnder Unterlagen in seiner Praxis und im Olympiastützpunkt, für den der Arzt Eisschnellläufer, Radsportler und Leichtathleten betreute. Behördensprecher Hannes Grünseisen sagte dem Deutschlandfunk, die Ermittlungen dauerten an. Wie lange noch, sei offen.

Das deutet auf einen komplexen Fall. Der Arzt soll eine fragwürdige Dienstleistung an Athleten praktiziert haben: UV-Bestrahlung des Blutes. Dafür wird Blut entnommen, bestrahlt und an den Sportler zurückgeführt. Angeblich verbessert das den Sauerstofftransport im Gewebe. Erst seit Anfang 2011 untersagt der Welt-Anti-Doping-Code explizit jegliche Entnahme, Manipulation und Reinfusion von Sportlerblut. Vorher war das in kleinen Mengen erlaubt, aber nur bei klarer medizinischer Indikation. Die dürfte kaum vorliegen bei einer Methode, deren Wirksamkeit wissenschaftlich nicht nachgewiesen ist.

Dem Dopingverfahren gegen die Eisschnellläuferin könnten weitere folgen. Denn der Mediziner hat wohl nicht nur ihr Blut bestrahlt. Für den Bund Deutscher Radfahrer sagt Generalsekretär Martin Wolf, die NADA prüfe bereits, ob es bei Radsportlern Verstöße gegen die Antidoping-Bestimmungen gab. Auch das Bundesinnenministerium bestätigt den Verdacht auf – Zitat – „rechtswidrige Behandlung“ von Athleten „aus nicht nur einer Sportart“. Der Olympiastützpunkt habe den Mediziner suspendiert. Die Causa wirft viele unangenehme Fragen für den Spitzensport auf, auch diese: Wer wusste von den Behandlungen – Trainer, Funktionäre? Dem Deutschlandfunk liegen Hinweise vor, dass sie schon vor den Winterspielen 2006 in Turin praktiziert wurden.

Brisant ist ein weiterer Umstand:

Die Staatsanwaltschaft München stieß bei ihren Ermittlungen gegen Unbekannt im Fall Claudia Pechstein auf den Mediziner aus Erfurt. Kurz bevor sie ihre Bemühungen einstellte, gab sie das Verfahren gegen den Arzt nach Thüringen ab.

Im April, als der Deutschlandfunk erstmals über Erfurt berichtete und nachfragte, wollte Pechstein nicht sagen, ob sie bei diesem Arzt war. Sie habe niemals gedopt oder „zu unerlaubten Methoden gegriffen“. Bei der Eisschnellläuferin, gegen die nun ein Dopingverfahren läuft, handelt es sich nicht um Pechstein.

(Erstveröffentlichung im Deutschlandfunk)

15. Januar 2012:

Brisante Akten in Erfurt

Blutdoping-Fall bringt Nationale Antidoping-Agentur in Bedrängnis

Im deutschen Sport entfaltet sich ein neuer Dopingskandal – die Dimensionen sind bisher nur im Ansatz zu erahnen. Auslöser ist ein laufendes Ermittlungsverfahren der Erfurter Staatsanwaltschaft gegen einen Mediziner. Der Doktor war Vertragsarzt am Olympiastützpunkt Thüringen und soll Blutdoping bei Topathleten praktiziert haben.

Die Nationale Antidoping-Agentur NADA hält sich erkennbar bedeckt. Nur wenig gibt sie preis zur Frage, wie sie sportrechtlich umgeht mit der Strafsache gegen den langjährigen Arzt am Olympiastützpunkt Erfurt. Der erste Satz: Die NADA sei „frühzeitig über das grundsätzliche Vorgehen der Staatsanwaltschaft informiert“ gewesen und habe zudem „eigene Ermittlungen angestellt“. Der zweite: Ein Disziplinar-, sprich: Dopingverfahren laufe bereits. Dritter und letzter Satz: „In anderen Fällen prüfen wir dies.“

Dass die NADA sonderlich energisch prüft, darf bezweifelt werden. Denn die Agentur ist nicht bloß „über das grundsätzliche Vorgehen“ der Thüringer Ermittler informiert. Hannes Grünseisen, der Sprecher der Staatsanwaltschaft Erfurt, sagt, sie habe sogar „vollumfänglich Akteneinsicht“ in das Verfahren gegen den Mediziner. Und was in den Akten steckt, das ist nach Deutschlandfunk-Informationen mindestens in einem zweiten Fall ein glasklarer Dopingverstoß. Er ist so unmissverständlich, dass sich die Frage aufdrängt: Was genau prüft die NADA eigentlich? Doch der Reihe nach:

Das Verfahren gegen den Arzt wurde von der Doping-Schwerpunktstaatsanwaltschaft München I eingeleitet und Ende 2010 nach Erfurt abgegeben. Sie stieß bei den Ermittlungen gegen Unbekannt im Fall Claudia Pechstein auf die Umtriebe des Mediziners.

Die Münchner stellten ihr Verfahren im letzten Sommer ein. Da ermittelten die Erfurter Kollegen längst mit Hochdruck gegen den Arzt, der für den Olympiastützpunkt Eisschnellläufer, Radsportler und Leichtathleten betreute. Öffentlich wurde das, als die Fahnder im April 2011 mit einem Durchsuchungsbefehl in der Praxis des Arztes und im Olympiastützpunkt am Steigerwald einmarschierten. Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz, lautet der Vorwurf. Der Doktor soll an Topathleten eine Methode praktiziert haben, die nach dem Kodex der Welt-Antidoping-Agentur als Doping gilt: UV-Bestrahlung des Blutes. Dafür wird Blut entnommen, bestrahlt und wieder injiziert. Angeblich verbessert dies den Sauerstofftransport.

Nach Deutschlandfunk-Informationen wurden in der Arztpraxis verräterische Computerdateien beschlagnahmt. Sie dokumentieren zum Beispiel, dass ein Topathlet schon im Jahr 2005 den Blut-Service in Anspruch nahm.

Auch ein aufgezeichnetes Telefonat, noch von den Münchnern zu den Akten gegeben, entlarvt angeblich diesen Sportler: In dem empfiehlt er die Spezialität des Erfurter Doktors einem anderen Athleten. Der äußert Bedenken, fragt, ob das nicht Doping sei. Antwort des Tippgebers: UV-Bestrahlung sei doch nicht nachweisbar. Eindeutiger kann ein Höchstleister kaum formulieren, dass er dopt und sich dessen bewusst ist.

Staatsanwalt Grünseisen, nach diesen Akteninhalten befragt, sagt nur, das könne seine Behörde „nicht kommentieren“. Zugleich weist er darauf hin, dass Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz nach fünf Jahren verjähren. Das heißt: Ein solcher Fall wäre für die Ermittlungen gegen den Arzt uninteressant. Der Athlet würde auch nicht als Zeuge befragt – im Gegensatz zu anderen, die ab 2006 Kunden des Mediziners waren. Grünseisen sagt, bisher seien zehn Sportler gehört worden: Eisschnellläufer, Radsportler, Leichtathleten.

Die NADA müsste sich für all das brennend interessieren: Sie hat von den drei betroffenen Spitzenverbänden das so genannte Ergebnismanagement übernommen, entscheidet also allein über Doping-Sanktionen. Auch der handfeste Altfall aus 2005 ist sportrechtlich nicht verjährt – Dopingverstöße sind acht Jahre lang zu ahnden. Fragen zu diesem Fall konnte die NADA bisher nicht beantworten. Ihr Sprecher Berthold Mertes sicherte zu, es werde geprüft, ob Auskunft möglich sei.

Dem ersten Verfahren gegen eine Eisschnellläuferin vom ESC Erfurt müssten also weitere folgen. Noch ist offen, bei wie vielen Athleten und seit wann der Mediziner die Eigenblut-Behandlung praktiziert hat. Im Herbst 2001 zum Beispiel begleitete der Arzt die Eisschnellläufer in ein Höhentrainingslager zur Vorbereitung auf die Winterspiele in Salt Lake City. Auch damals bot seine Praxis schon Blutbestrahlung an. Noch bekannter als dieser Doktor, zu dem Athleten nicht nur aus Erfurt pilgerten, ist übrigens sein einstiger Praxispartner. Bei dem handelt es sich um einen Kollegen mit ausgewiesener Doping-Expertise, um Horst Tausch. Der Medizinalrat war bis 1989 Verbandsarzt der DDR-Schwimmerinnen. Als ihr Doper bekam er 1999 zehn Monate Bewährungsstrafe.

(Erstveröffentlichung im Deutschlandfunk)

21. Januar 2012:

Erfurter Dummenfang

UV-Bestrahlung des Blutes wird seit langem als Dopingmethode eingesetzt

Was der Erfurter Sportmediziner Andreas Franke in dieser Woche zu den strafrechtlichen Doping-Ermittlungen gegen ihn zu sagen hatte, klang launig: Er sei „nicht darauf gekommen“, dass die UV-Bestrahlung des Blutes bei Athleten „irgendwann einmal als dopingrelevant eingestuft werden könnte“. So therapiere er Infekte, seit 20 Jahren. Der Nürnberger Pharmakologe und Dopingkenner Fritz Sörgel lacht darüber: „Das wäre Quacksalberei“, sagt der Professor über die Methode, für die keine Krankenkasse zahlt. „Wenn der Arzt tatsächlich die Kleinstmenge von 50 Milliliter Blut nimmt und angibt, das wirke bei Infekten, ist das Dummenfang.“

Bernd Neudert, der Leiter des Olympiastützpunktes Thüringen, für den Franke jahrelang Eisschnellläufer, Radsportler und Leichtathleten betreute, sprang dem Doktor trotzdem bei: „Ich glaube, dass er nichts wissentlich falsch gemacht hat.“ Und die Nationale Antidoping Agentur untersucht erst noch, ob Sportler, die ihr Blut manipulieren ließen, „mit Vorsatz“ handelten. Sie leitete bisher nur ein Verfahren ein – nachdem eine Erfurter Eisschnellläuferin sich selbst angezeigt hatte.

Warum der Sport ein vitales Interesse daran hat, die Affäre klein zu halten, liegt auf der Hand: Schon DDR-Sportmediziner praktizierten die UV-Methode systematisch und zu Dopingzwecken. Im März 1983 etwa berichtete Manfred Höppner, der Drahtzieher des ostdeutschen Staatsdopings, in Schwerin, Kreischa und bei der Sportvereinigung Dynamo „wurden in den vergangenen zwei Jahren Untersuchungen zur Ultraviolett-Bestrahlung des Blutes durchgeführt und teilweise an Aktiven erprobt“. Die Experimente mündeten in die Anordnung, „die Untersuchungen nunmehr offiziell fortzusetzen“. Höppner alias IM „Technik“ informierte die Staatssicherheit auch über den Beifall der Genossen Funktionäre: Ihnen gelte die Blutpraxis als „Wunderwaffe für die Spiele“ in Sarajevo 1984. Höppner hielt das für voreilig, merkte aber an, „in der Humanmedizin“ diene sie „zur prophylaktischen Behandlung von Infekten“ und „zur Sauerstoffanreicherung“.

Wunderwaffe oder nicht – die DDR, die ihre Medaillenjagd in jenen Jahren durch verfeinerte Anabolika-Nachweise bedroht sah, setzte sie ein. So zitiert der Thüringer Wintersport-Kenner Thomas Purschke in seinem Buch „Staatsplan Sieg“ (2004) die Information eines Suhler MfS-Offiziers an die Berliner Zentrale: Nach „Instruktion“ von Sportärzten seien ab 1. Mai 1983 an „ausgewählten Olympiakandidaten Eigenblut-Transfusionen in folgendem Rhythmus vorgenommen …“ worden. Langläufern und Biathleten zapfte man in Kuren bis zu einem halben Liter Blut ab und führte es nach UV-Bestrahlung zurück. Athleten bestätigten, dass sie der „Therapie“ bis zum Ende der DDR ausgesetzt waren.

Die Methode überlebte die DDR. Auch Walter Mayer, Skandalnudel des österreichischen Skiverbandes (ÖSV), fiel damit auf. Als nach den Spielen in Salt Lake City 2002 eine Putzfrau im Teamquartier blutverschmierte Utensilien fand, argumentierte er so bizarr wie nun der Erfurter Franke: UV-Bestrahlung sei „kein Blutdoping“, sondern Infekt-Vorsorge. Was freilich die nach den Antidoping-Regeln nötige medizinische Indikation für Blutbehandlungen verfehlte. „Verblödung in Frankensteins Küche“, spottete Österreichs Presse. Das Internationale Olympische Komitee sperrte Mayer nach diesem Geständnis und disqualifizierte zwei Langläufer nachträglich.

Die Frage, ob sich die Österreicher eines Exportschlagers aus der DDR bedienten, ist erlaubt. Im ÖSV heuerten viele ostdeutsche Experten an, auch zwei aus Thüringen: der dopingbelastete Biathlon-Cheftrainer Kurt Hinze und sein Oberhofer Kollege Klaus Siebert, inzwischen Trainer in Weißrussland.

Die Tradition also passt wenig zu den aktuellen Unschuldsbeteuerungen in der Causa Erfurt. Eher zeigt sich darin jene reflexhafte Abwehr des Systems, die noch jeden größeren Dopingskandal begleitet hat. Zumal: Franke teilte seine Praxis mit einem DDR-Fachdoper, der 1999 einen Strafbefehl bekam – mit Schwimm-Verbandsarzt Horst Tausch.

(Erstveröffentlichung in der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung)

Aus Zeitgründen kann ich nicht verlinken – hier unten folgen aber die automatischen Links zu etlichen Beiträgen in der Causa.

Die letzten Entwicklungen wurden in diesem Blogbeitrag diskutiert (und dort finden sich natürlich etliche Links, gesetzt und gesammelt von Ralf, zu anderen journalistischen Beiträgen):

Frau Merk hatte es zumindest mal versucht:

Für Freunde des schrägen Geschmacks:

Und noch der Hinweis: Ich werde die Kommentare strikt moderieren und lasse mich auf wenig Diskussionen darüber ein, wie ich moderiere und ggf. lösche. Die Gründe sind tausendmal beschrieben.

Nachtrag zu Kommentar #6 von denkbär: