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Allianz von FIFA und Schurkenstaaten: Wer nicht aufsteht und handelt, macht sich mitschuldig. 

DOHA. Wer in den vergangenen Wochen über eine angebliche Zeitenwende im Weltsport orakelt hat, sollte sich nochmal die Aufzeichnung des 72. FIFA-Kongresses anschauen. Im Doha Exhibition and Convention Center, wo am vergangenen Freitagabend die Gruppen der Fußball-WM 2022 ausgelost werden, gab es am Donnerstag auf der Vollversammlung des Weltverbandes einen Vorgeschmack darauf, wie die FIFA und Katar im nächsten Dreiviertel Jahr argumentieren werden. In Kurzfassung:

Die WM in Katar ist ein Segen für die Menschheit.

Kritik an den Zuständen an den WM-Baustellen, den vielen tausend Toten, an der Beschneidung der Pressefreiheit, an der Menschenrechtslage, an Korruption – all das mit dieser Männer-WM in Katar seit mehr als einem Jahrzehnt verbunden – oder gar Boykottforderungen? Alles bösartige und verlogene Voreingenommenheit des Westens, basierend auf Unkenntnis der wirklichen Lage. Darauf lassen sich die Botschaften reduzieren, die FIFA-Präsident Gianni Infantino, Mitglieder der feudalistischen Herrscherfamilie Al-Thani und Hassan Al-Thawadi, weltgewandter CEO des Organisationskomitees, in Doha verbreiteten.

„Meine Tür ist offen für alle, die die Themen verstehen“, sagte Al-Thawadi. Er unterstellte der norwegischen Verbandspräsidentin Lise Klaverness, die eine bemerkenswert kritische Rede gehalten hatte, sie habe zuvor nicht den Kontakt gesucht. Was Lise Klaverness umgehend zurückweisen musste.

Dass Klaverness einigermaßen Klartext reden wollte, war einige Tage bekannt gewesen. Vertreter von FIFA und Katar haben versucht, Einfluss zu nehmen. Vergeblich, Frau Klaverness ließ sich auf keinen Deal ein. Sofort meldeten sich einige Clacqueure, wie es schlechte Tradition ist in der FIFA, etwa ein Delegierter aus Honduras, und forderten, die Diskussion zu beenden. Die Themen gehörten nicht auf den Kongress – es müsse hier um Fußball gehen. So war das schon immer in der FIFA.

„Machen wir uns nichts vor, der Westen ist voreingenommen“, behauptete auch der aus vielerlei Gründen umstrittene FIFA-Präsident Gianni Infantino, der seit einem halben Jahr in Doha lebt, wo seine Töchter zur Schule gehen. Diese Kritik am „Westen“ folgte einem Skript. Wobei „der Westen“ letztlich ein Synonym ist für fast alles, was man als freiheitliche, demokratische Werteordnung bezeichnen könnte. Die Botschaft war klar: Wer für derlei Werte und Grundrechte eintritt, der stört das Projekt von FIFA und Katar.

Im Grunde ist es dieselbe Argumentation, die von den Olympischen Winterspielen in Peking noch frisch in Erinnerung ist. Damals waren es das IOC und Chinas Machthaber Xi Jinping. Heute sind es IOC-Mitglied Infantino und Katars Feudalherrscher Emir Tamim Bin Hamad Al-Thani, der ebenfalls dem IOC angehört.

Die nächste Stufe auf der verlogenen Argumentationsskala wird wieder sein, allen Kritikern Rassismus vorzuwerfen. Diesen Spin hatte 2014 ein hoch bezahlter PR-Berater, aus „dem Westen“ übrigens, der Amerikaner Michael Holtzman, für Katar entwickelt – neben einigen anderen unappetitlichen Finten. Dieses vermeintliche Rassismus-Argument brachten damals nicht nur der damalige FIFA-Präsident Joseph Blatter vor, sondern hochrangige Mitglieder der olympischen Familie wie Scheich Ahmad al-Sabah aus Kuwait, ein langjähriger Strippenzieher in FIFA und IOC, der in Doha eine zweite Heimat hat und inzwischen in der Schweiz zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

Derlei Argumentationslinien kennt man aus Katar und China und neuerdings aus Saudi-Arabien, vor allem aber aus Russland, wo Politik und Sport behaupten, „der Westen“ sei Schuld am Krieg in der Ukraine – und die Sanktionen gegen den russischen Sport seien vom Westen gesteuerte politische Manöver.

Russland wurde von der FIFA vor einem Monat zwar von den Playoffs der WM-Qualifikation ausgeschlossen, doch der russische Verband und seine Funktionäre sind weiterhin hoch geschätzte ehrenwerte Mitglieder der FIFA-Familie. So grinste die russische Delegation um Alexej Sorokin auf dem Kongress in die Kameras, Sorokin trug natürlich wieder feinsten maßgeschneiderten Zwirn – während der Präsident des ukrainischen Verbandes nur per Video zugeschaltet war, er trug eine militärische Schutzweste. Der Mann kann jederzeit von Putins Invasoren getötet werden.

Apropos Putin, mit dem die FIFA-Größen ein Jahrzehnt lang kungelten, von dem sie sich via Gazprom, einst FIFA-Sponsor, bezahlen ließen und 2018 die Weltmeisterschaft organisieren ließen. Gianni Infantino erwähnte den Namen Putin nicht am Donnerstag in Doha. Er vermied auch die Vokabel Krieg. „Schrecklicher Konflikt“ war eines der von Infantino verwendeten Synonyme. Dann der unfassbar infantile Satz: „Offenbar hat die Fußball-WM  2018 nicht alle Probleme der Welt lösen können.“ Das war keinesfalls Ironie, sondern ernst gemeint.

Auch in der Russland-Frage folgte alles einem Skript, alles war fein abgestimmt mit den katarischen Gastgebern der teuersten WM aller Zeiten. Katar und Russland hatten schon im Vorfeld der schwer korrupten WM-Vergaben vom 2. Dezember 2010 eng zusammen gearbeitet. Katar und Russland haben seither paktiert, um die WM-Projekte 2018 und 2022 gegen alle bestens begründeten Attacken und Ermittlungen auf zahlreichen Ebenen zu verteidigen. Katar und Russland haben erst kürzlich, als Putin in der Ukraine bereits Kinder und Frauen ermorden und Städte in Schutt und Asche verwandeln ließ, bei einem Treffen in Moskau ihre sportpolitische Partnerschaft erneuert.

Dem FIFA-Establishment stellte sich in Doha also nur eine Norwegerin entgegen. Lise Klaverness steht in einer guten Tradition. Im Norges Fotballforbund hat lange Zeit Karen Espelund als Generalsekretärin gearbeitet – auch sie hat den internationalen korrupten Verbänden FIFA und UEFA mehrfach den Spiegel vorgehalten. Espelund wiederum war vom ehemaligen Verbandschef Per Ravn Omdal gefördert worden. Omdal gehörte ebenfalls zu den positiven Ausnahmeerscheinungen in diesem Business.

Eine solche positive Tradition kann der Deutsche Fußball-Bund (DFB) nicht vorweisen. Es gab in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten nur zwei DFB-Fürsten, die zeitweise, nicht durchweg, in den höchsten Ebenen von UEFA und FIFA eine positive Rolle gespielt haben: der kürzlich verstorbene Egidius Braun und Theo Zwanziger. Alle anderen haben die vielen Hunderttausend Euro jährlich für die Ehrenämter kassiert und sich eingereiht in ein intransparentes, in weiten Teilen korruptes bis schwer kriminelles System. 

Franz Beckenbauer hat in Doha nie Sklaven gesehen – und andere ehemals ranghohe DFB-Fürsten wie Horst R. Schmidt und Helmut Spahn haben sich in Doha verdingt und im höchst dubiosen International Centre for Sport Security (ICSS) gedient. Das ICSS ist wichtiger Teil des sportpolitischen und geheimdienstlichen Arsenals von Emir Tamim. Es hat nach Aktenlage, zum Beispiel in den Football Leaks dokumentiert, auch die Ausspionierung hochrangiger Funktionäre des Weltsports übernommen. Vom ICSS ist es nicht weit zu jenen ehemaligen CIA-Agenten und anderen Schlapphüten, die einst den Katar-Kritiker Theo Zwanziger bearbeiteten und umdrehen wollten, wie die Nachrichtenagentur AP kürzlich enthüllte. Wer in diesem Zusammenhang noch von der sogenannten Soft Power spricht, verharmlost die Probleme.

Der neue DFB-Präsident Bernd Neuendorf hätte in Doha ein Zeichen setzen können. Intellektuell ist der SPD-Politiker in der Lage dazu. Sein Englisch ist gut. Die von Lise Klaverness angesprochenen Probleme werden seit mehr als einem Jahrzehnt weltweit debattiert, es handelt sich nicht um Raketenwissenschaft, sondern um Basics. Neuendorf aber hat geschwiegen. Wie fast alle deutschen Vertreter auf FIFA-Kongressen vor ihm. Die DFB-Abordnung hat Lise Klaverness nicht unterstützt, als es nötig gewesen wäre. Neuendorf hat sich nicht positioniert. Er hat es vorgezogen, danach über Medien ein paar Versprechen loszuwerden. Man werde beobachten, sondieren, Fragen stellen – unverbindliche Ausflüchte.

Für Ankündigungen aber ist es mehr als ein Jahrzehnt zu spät.

Wer nicht aufsteht und handelt, macht sich mitschuldig. 

Infantino und Katar haben haben die Richtung für den Rest des Jahres vorgegeben: Der Westen – schlecht und verlogen. Der nahe und ferne Osten, der Süden – gut und die Zukunft.

Erst Russland und China, nun Katar und Saudi-Arabien.

So sieht sie aus, die neue Weltordnung des Sports.


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