Tokio, was vom Tage übrig bleibt (23. Juli 21): Naomi Ōsaka

TDLR: In einem so konservativen, nationalistischen Land wie Japan ist es alles andere als selbstverständlich, die Tochter einer Japanerin (aus Hokkaido, die Leute von dort sind so etwas wie die Aborigines Japans) und eines Haitianers, die in den USA aufgewachsen ist, mit dieser symbolträchtigen, historischen Aufgabe zu betrauen, das olympische Feuer zu entzünden. Eine junge Frau, die sich politisch engagiert. Eine Schwarze. Für ein Land wie Japan ist das schon fast eine Revolution. Das ist mehr als nur Marketing für Olympia, das hat eine politische Dimension.

Beidhändig: Naomi Ōsaka in fremdem Terrain. (Foto: IMAGO / GEPA pictures)

URAYASU/TOKYO. Es ist 4.35 Uhr, draußen ist es bereits hell, und ich versuche mal, flink noch einige sinnvolle Zeilen loszuwerden. Das wird jetzt ganz kurz, für meine Verhältnisse. Aber Sie müssen gar nicht lange auf den Newsletter 6 warten, denn ich stelle jetzt einfach den Rhythmus um. Ich verschicke die Newsletter ab sofort am frühen Abend japanischer Zeit – Sie erhalten den Stoff zum Frühstück oder zum Dienstbeginn MESZ. Nur einmal schlafen, dann bekommen Sie also schon wieder die nächste Post.

Ich möchte Ihnen schon ein paar vernünftige Zeilen zu Naomi Ōsaka bieten, weiß aber nicht wirklich, ob ich das kann. Dass sie das olympische Feuer entzünden durfte, ähnelt in vielerlei Hinsicht der Geschichte von Cathy Freeman vor 21 Jahren in Sydney, auf die ich in diesem Beitrag vergangene Woche eingegangen bin:

Für mich war die Geschichte von Freeman und der Kulminationspunkt im Stadium Australia (erst Flamme entzündet dann und vor allem: ihr Olympiasieg im Rundenlauf) wohl das beeindruckendste Erlebnis bei acht Sommer- und fünf Winterspielen. Solche Momente sind selten, und da muss man dann auch nicht lange drüber diskutieren. Da ist nichts gehypt, allerdings folgte alles einem perfekten Skript, einem Skript des Lebens gewissermaßen. Wer dabei war, wird es nie vergessen.

Ich habe mich gestern im Olympiastadion, als die erste Arbeit beendet war und wir Luft holen konnten, noch kurz mit Holger Gertz darüber unterhalten, mit dem ich wieder einmal bei einer Eröffnungsfeier zusammen saß. Hier ist übrigens sein Bericht zur Show im fast menschenleeren Olympiastadion von Tokio in der Süddeutschen Zeitung:Die Stille vor dem Sturm“. Und hier seine Seite 3 über „Spiele im Schatten der Pandemie“ – Antwerpen 1920 im Schatten der spanischen Grippe, und 2021 eben Tokio -, die mir auf Twitter schon empfehlen wurde. Er hat mir davon erzählt und ich freue mich auf die Lektüre. Klingt spannend.

Doch kurz zurück zur Frage der wirklich großen Momente. Auch für Holger Gertz, der in diesem Jahrtausend so ziemlich alle Olympischen Spiele und Fußball-Weltmeisterschaften erlebt und intensiv beschrieben hat, steht Cathy Freeman mit ganz weit oben. Bitte nicht missverstehen, es geht hier nicht um ein Ranking, sondern um die Frage, wann wir wirklich Zeuge von etwas Seltenem werden, von etwas ganz Großem, das mehr als nur die Schlagzeilen des nächsten Tages überlebt. Darin besteht die Faszination dieses Zaubertheaters Olympia, bei allem „Müll am Wegesrand“, wie ich unmittelbar nach Ōsakas großem Moment getwittert habe.

Man kann derlei Überlegungen selbstverständlich komplett negieren und allein auf die negativen Seiten der Spiele, der Show, der Vermarktung und politischen Instrumentalisierung abheben, man kann sich aber auch darauf einlassen. Ich lasse mich darauf ein, wenngleich in Maßen, und ich bin sicher jemand, der sich nicht dafür verteidigen muss, sich darauf einzulassen, weil ich andere Aspekte immer und immer wieder (und immer und immer wieder) beschreibe und recherchiere.

Ich weiß fast gar nichts über Naomi Ōsaka, weil ich mich so überhaupt nicht für Tennis interessiere. Ich kenne die Geschichten der vergangenen Wochen und Monate auch nur aus den Medien, war ja unmöglich, den Nachrichten zu entgehen. Ich weiß aber eins: in einem so konservativen, nationalistischen Land wie Japan, auch mit dieser Vergangenheit an der Seite Nazideutschlands, ist es alles andere als selbstverständlich, die Tochter einer Japanerin (aus Hokkaido, das wäre schon allein eine Geschichte wert, denn die Leute von dort sind so etwas wie die Aborigines Japans) und eines Haitianers, die in den USA aufgewachsen ist, mit dieser symbolträchtigen, historischen Aufgabe zu betrauen.

Eine junge Frau, die sich politisch engagiert.

Eine Schwarze.

Für ein Land wie Japan ist das schon fast eine Revolution.

Das ist mehr als nur Marketing für Olympia, das hat eine politische Dimension.


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Mein Eindruck war ja, dass sie nicht sonderlich glücklich aussah in den Momenten, als die Augen von hunderten Millionen Menschen auf sie gerichtet waren (aber nur wenige tausend Augenpaare im Stadion), und auch diese Sekunden haben mich an Sydney und an Cathy Freeman erinnert. Die Aboriginee Freeman hat nach ihrem Olympiasieg, gesagt, so jedenfalls hatte ich es damals notiert:

„Die olympische Flamme zu entzünden, hat mich nicht ganz so sehr bewegt. Das ist etwas ganz anders, als zu laufen. Laufen ist so natürlich wie das Atmen. Bei der Eröffnungsfeier aber musste ich einem Ablaufplan, dem Willen anderer Leute folgen. Ich hatte Angst, etwas falsch zu machen, und Angst, ins Wasser zu fallen.“

Ergänzung: Tags darauf (nach Veröffentlichung dieses Textes) tweetete Ōsaka:

Dem Ablaufplan und dem Willen anderer Leute folgen. Erinnern wir uns, was Naomi Ōsaka über ihre Depressionen berichtet hat. Ich versteige mich nicht zu einer Ferndiagnose. Man kann ihr nur wünschen, dass sie mit ihrer Rolle und Popularität, die gestern Nacht auf ein noch höheres Niveau gehievt wurde, klar kommt, ohne psychische Folgen. Sie ist das Idol einer Generation, nicht nur junger Japaner. Doch wie geht das alles aus? Die Geschichte beginnt erst, und sie beginnt, mich zu faszinieren, selbst wenn mir das Spiel mit dem Filzball völlig egal ist.

Dazu seien mal zwei Geschichten von Felix Lill aus dem SPIEGEL empfohlen (beide Paywall):

Ich habe mir auf die Schnelle die Webseiten einiger großer japanischer japanischer Medien angesehen (u.a. NHK, The Asahi Shimbun, The Mainichi, The Japan News, The Japan Times), und wissen Sie was:

Auf keiner Homepage/Startseite fand ich ein Foto von Naomi Ōsaka bei der Entzündung der olympischen Flamme.

Da musste ich dann schon ein bisschen in die Tiefen der Webseiten klicken.

Ich habe da eine Ahnung, ich habe aber nicht wirklich Ahnung.

Ich habe einige gute Freunde in Japan, die alle ein nicht-japanisches Elternteil haben. Für niemanden ist es leicht – und dabei sind sie nicht schwarz.

Ich zähle da einiges zusammen. Mal schauen. Wir werden dazu am Wochenende und darüber hinaus gewiss interessante Betrachtungen lesen.

Ab heute Nacht interessiert mich Naomi Ōsaka brennend.

Nun ist es auch schon wieder 5.57 Uhr in Urayasu, und ich brauche noch ein paar Minuten für den technischen Kram, um den Newsletter zu verschicken.

Acht halt, den Flickr-Stream des IOC habe ich mir dazu ebenfalls angesehen. Wie wir wissen, geht es dem IOC und seinem Präsidenten allein um das Wohl der Athleten.

Athletes first, heißt es nicht so?

So sieht der brandaktuelle Teil des IOC-Flickr-Streams in diesem Moment aus:

Screenshot IOC Flickr, 24. Juli 2021

Athletes first!

Ein Foto von Naomi Ōsaka sucht man vergeblich.


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4 Gedanken zu „Tokio, was vom Tage übrig bleibt (23. Juli 21): Naomi Ōsaka“

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