Sportwashing, Propaganda, Staatskorruption: der Fall Katar

Ein kleiner Vorgeschmack auf meinen Katar-Schwerpunkt im neuen Heft 3 von SPORT & POLITICS:

Das Emirat Katar lädt am Sonntagabend im Estádio da Luz in Lissabon zum Finale der europäischen Champions League. Als Qlassico hat die staatliche Fluglinie Qatar Airways das Duell zwischen Paris Saint-Germain und dem FC Bayern München bezeichnet. Ein Finale zwischen PSG, das zu 100 Prozent Katar gehört, und dem FC Bayern, zu dessen sogenannten Platin-Partnern seit 2018 Qatar Airways zählt. Die Fluglinie, von Bayern-Fans aus guten Gründen Kafala Airways genannt, übernahm in München den seit 2016 laufenden Sponsorenvertrag mit dem Hamad International Airport in Doha.

Ein Gewinner dieses wichtigsten Fußballspiels des Jahres steht also fest: Tamim Bin Hamad Al-Thani, der 40 Jahre alte Emir von Katar.

Tamim der Glorreiche, lässt er sich in Katar nennen. Der Monarch, bereits seit 2002 Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), wird natürlich in Lissabon erwartet. Offiziell gehört PSG der von Tamim gegründeten Firma Oryx Qatar Sport Investments (QSI), Tochterfirma der Qatar Investment Authority (QIA). Seit der Übernahme 2011 hat Katar mindestens 1,5 Milliarden Euro in das Unternehmen gepumpt und PSG auf Rang fünf der weltweit umsatzstärksten Fußballvereine katapultiert – direkt hinter dem FC Bayern. Im Vergleich zu anderen Investitionen des Staatsfonds QIA – bei Volkswagen, Barclays, dem Flughafen London Heathrow oder in Immobilien in New York – sind das Peanuts. Doch der Werbeeffekt ist gewaltig. Sport, insbesondere Fußball, ist ein zentrales Element des 2008 verabschiedeten Plans Qatar National Vision 2030.

Der Aufstieg Katars ist unvergleichlich. Die winzige Erbmonarchie hat sich Dank der Erdgas-Milliarden zu einem Global Player entwickelt. Im Sportbusiness ist Katar sogar eine Supermacht. Das Finale der Champions League ist ein weiterer Meilenstein. In zwei Jahren folgt die Fußball-WM, die seit der Vergabe am 2. Dezember 2010 von Korruption und Menschenrechtsverletzungen überschattet ist. Doch selbst diese WM, für die Katar mehrere hundert Milliarden in gewaltige Infrastrukturmaßnahmen investiert hat, soll nur ein Etappenziel sein. 

Es geht immer weiter. Schon plant Katar Bewerbungen für die Olympischen Sommerspiele 2032, die Asian Games 2030 und den Asian Cup im Fußball 2027. Wobei es bei den Asian Games und dem Asian Cup jeweils gegen den verfeindeten großen Bruder aus Saudi-Arabien geht. Für die Saudis, die inzwischen den Weg Katars kopieren und ebenfalls gigantische Investitionen in Sportprojekte tätigen, wird der Sonntag besonders schmerzhaft sein. Das Katar-Finale in Lissabon ärgert auch die Scheichs aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, die mit den Saudis seit Juni 2017 Katar boykottieren und zu isolieren versuchen. 

Eine direkte Folge dieser Katar-Krise, die teilweise bedrohliche Züge annahm, waren weitere Fußball-Investitionen: PSG (korrekter gesagt: Emir Tamim) verpflichtete wenige Wochen später Neymar, dann Kylian Mbappé – für insgesamt 402 Millionen Euro.

Sport wurde oft als Element der Soft Power-Politik beschrieben. Neuerdings wird für Katar und andere fragwürdigen Emporkömmlinge der Begriff des Sportwashing verwendet. Die Diktatur verkauft sich als modern und trendig, als jung und weltoffen. Die vielfältigen und oft dubiosen Investitionen in Vereine, Events, zahlreiche olympische Weltverbände und viele wichtige Funktionäre werden begleitet von gewaltigen Propaganda-Maßnahmen. Gerade läuft die Ausschreibung für die PR-Aufträge bis zur Fußball-WM 2022. Katar hat stets die teuersten PR-Agenturen, Anwaltskanzleien, Lobbyisten (darunter hochrangige Politiker aus Demokratien) und geheimdienstlich operierende Ermittler finanziert, um seine Investitionen zu flankieren und um den Ruf als Sport-Schurkenstaat zu bekämpfen, der mit mittelalterlicher Gesetzgebung auf Menschenrechte pfeift. Katar hat pseudo-wissenschaftliche Arbeiten finanziert, etwa eine sogenannte Korruptions-Studie der Pariser Sorbonne, die nicht viel mehr waren als Propaganda, und in dem das eigentliche Problem des Weltsports nicht thematisiert wurde: Katars korruptive Expansionspolitik. 

Über verschiedene Institutionen – besonders das International Centre for Sport Security (ICSS) und die Sport Integrity Global Alliance (SIGA) – spielt sich Katar als globale Führungskraft einer abstrusen Good-Governance-Industrie auf und infiltriert zahlreiche politische Gremien, in der Europäischen Union, bei den Vereinten Nationen, überall. Gemäß Akten aus den Football Leaks haben ehemalige Interpol-Beamte für das ICSS über mehrere Jahre die verdeckte Spionage-Operation Hawk durchgeführt – mit dem Ziel, Funktionäre aus Katar in hohe Funktionen des Weltsports zu hieven. Demnach wurden 2015 in der olympischen Hauptstadt Lausanne Daten von den Computern des hochrangigen IOC-Mitglieds Scheich Ahmad Al-Sabah (Kuwait) und seiner engsten Mitarbeiter gestohlen. Das ICSS hat entsprechende Veröffentlichungen zurückgewiesen, wie immer.

Und Scheich Ahmad, der gegen den Diebstahl hätte vorgehen müssen, wird inzwischen von Emir Tamim protegiert und hat in Doha eine zweite Heimat gefunden. Petro-Dollars regeln alles.

Tamim sponsert mit viel Geld auch merkwürdige Preise für Korruptionsbekämpfung, die von seinen Lobbyisten und professionellen Weißwäschern erfunden wurden. Etwa den nach ihm benannten International Anti-Corruption Excellence Award – dafür gibt sich das UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) als Partner her. Derlei großzügige wie leicht durchschaubare Offerten werden selten ausgeschlagen. Die Investigativjournalistin Kadhija Ismayilova, lange Zeit in ihrer Heimat Aserbaidschan inhaftiert, machte kürzlich publik, dass sie einen mit 250.000 Dollar dotierten anderen Anti-Korruptions-Preis aus Katar abgelehnt hat. „Ich verkaufe meinen Ruf nicht für Geld“, schrieb Ismayilova nach Katar. „Ich glaube nicht an ihre Aufrichtigkeit.“

Vor dem Schweizer Bundesstrafgericht in Bellinzona müssen sich Mitte September der langjährige FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke und PSG-Präsident Nasser Al-Khelaifi verantworten. In einigen anderen Fällen kam Al-Khelaifi stets ungestraft davon. Parallel zum Gerichtstermin in der Schweiz geben aber auch die französischen Sonderermittler nicht auf.

Der 46 Jahre alte Al-Khelaifi, ein ehemaliger Tennisprofi, nimmt eine zentrale Rolle in Katars Sportpolitik ein. Er genießt das Vertrauen des Emirs. Er leitet die Geschäfte von PSG, von QSI und der wichtigen BeIN Media Group, die ihrerseits einige Milliarden für TV-Rechte an Fußball-Wettbewerben und den Olympischen Spielen ausgegeben hat. Al-Khelaifi gehört, trotz aller Skandale, weiter dem Exekutivkomitee der Europäischen Fußball-Union (UEFA) an. Am Hofe seines Freundes und Chefs Tamim wurde er in den Rang eines Ministers erhoben. Offiziell ohne Geschäftsbereich ist seine Rolle dennoch klar umschrieben: Portfolio Sport, Dienstort Paris. 

Neben Nasser Al-Khelaifi gibt es zwei weitere wichtige Sport-Manager von Emirs Gnaden: Scheich Saoud Bin Abdulrahman Al-Thani, der im Herrscherpalast die komplette Sportpolitik koordiniert und dafür im vergangenen Jahr von seiner Botschafterrolle aus Berlin abgezogen wurde; sowie Hassan Al-Thawadi als Generalsekretär des Organisationskomitees der WM 2022.

Wann begann Katars Aufstieg im Sport? Vielleicht war das Frühjahr 1995 ein erster wichtiger Termin. Damals sprang Katar als Ersatzausrichter der Junioren-WM der FIFA ein. Ein Teil des Deals: Katars höchster Funktionär Mohamed Bin Hammam sollte dafür ins FIFA-Exekutivkomitee einziehen. Das geschah im Jahr darauf. Drei Jahre später, 1998, war der Emir, Tamims Vater Hamad, der wichtigste Wahlhelfer von Joseph Blatter auf dem Weg zur FIFA-Präsidentschaft. So schnell ging das. Blatter düste mit Bin Hammam im Jet des Emirs durch die Welt. Das wiederholte sich bei Blatters Wiederwahl 2002. Bin Hammam ist inzwischen wegen Korruption lebenslang gesperrt. Zu den vielen Geheimnissen, die Bin Hammam wohl mit ins Grab nimmt, zählt auch die Frage, was mit den 6,7 Millionen Euro geschah, die er 2002 aus Deutschland erhalten hatte. Diese ominöse Zahlung steht im Zentrum des Skandals um die WM 2006.

Im Frühjahr 1995 aber, nachdem Nigeria als WM-Gastgeber zurückgezogen hatte und Katar als Ersatz ins Spiel kam, wusste der damalige FIFA-Generalsekretär Blatter nicht, wo genau dieses Katar eigentlich liegt. Er ließ sich von seiner Sekretärin Helen Petermann einen Atlas bringen, um nachzuschauen.

Am Golf ist Sport Politik und Politik Sport. Und Sport ist immer Chefsache. Scheich Tamim hat schon als Thronfolger viele Weichen für Katars Eroberungspolitik gestellt. 2002 wurde er jüngstes IOC-Mitglied aller Zeiten. 2003 tagte ein außerordentlicher FIFA-Kongress in Doha und Tamim spielte den Gastgeber. 2006 war er Präsident des Organisationskomitees der Asienspiele. Bei der Bewerbung zur Fußball-WM 2022 hielt er sich im Hintergrund, wurde aber mit heiklen Aufträgen betraut. Sein Vater Hamad und seine Mutter, Scheicha Moza, übernahmen damals die Hauptrollen – auch Mohammed, einer seiner jüngeren Brüder.

2013 wurde Tamim Emir, ausnahmsweise nicht nach einem Putsch, wie es bis dahin Tradition war bei den Al-Thanis. Bis 2015 blieb er Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (QOC), das erst 1979 gegründet worden war. Als QOC-Präsident fungiert seither sein Bruder Joaan. Tamim wurde flink zum Ehrenpräsidenten ernannt, damit er weiter im IOC bleiben durfte. Für Leute wie ihn sind die Regeln flexibel. Und IOC-Präsident Thomas Bach, ein bekennender Fußballfan und Freund des FC-Bayern-Präsidenten Herbert Hainer, ist den Al-Thanis freundschaftlich verbunden.

Der langjährige Adidas-CEO und heutige Bayern-Präsident Hainer hat eine Meinung zu Katar. Auf der Webseite des FC Bayern lässt er sich so zitieren: „Wir wollen einen Beitrag leisten als Brückenbauer und Wertevermittler zwischen den Kulturen. Allerdings nicht in Form von öffentlichen Pranger-Veranstaltungen, sondern in vertraulichen Gesprächen mit unseren Partnern.“

Werte, Vertrauen, Brückenbauen – was man halt so sagt, wenn es ums Geld geht. Jener Bayern-Fan, der Anfang dieses Jahres eine Diskussionsrunde zu Katar organisierte und dabei einen Impulsvortrag hielt, hat inzwischen Hausverbot beim FC Bayern. Angeblich wegen eines Protestplakats gegen Montagsspiele. Andreas Hüttl, Anwalt des Fans, sagt dagegen, mit dem Hausverbot für die Allianz Arena und das Grünwalder Stadion solle ein Kritiker mundtot gemacht werden. Die Sache wird seit dieser Woche am Amtsgericht München verhandelt.


Sie möchten Recherche-Journalismus und olympische Aufklärung finanzieren?
Do you want to support first-class investigative journalism and Olympic education?

SPORT & POLITICS Shop.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.