Durchhalteparolen: das Coronavirus, das IOC und Tokio 2020

Das Coronavirus gefährdet das größte Sportereignis des Jahres, die Olympischen Spiele in Tokio. Derlei Sorgen sind nicht neu, sie heißen nur immer wieder anders. Die Angst vor erzwungenen Absagen gehört untrennbar zur Geschichte der Olympischen Spiele. Sie gehören zum Geschäftsrisiko des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), das die Spiele als Franchise-Unternehmen vermarktet und damit im aktuellen Olympiazyklus (2017 bis 2020) mehr als sechs Milliarden Dollar umsetzt.

Einen Teil dieser Summe, schätzungsweise eine Dreiviertel Milliarde Dollar, deckt das IOC über Ausfallversicherungen mit verschiedenen Versicherungskonzernen ab, darunter die Münchner Rück. Die Allianz, von 2021 bis 2028 neuer und damit 15. TOP-Sponsor des IOC, zählt noch nicht dazu. Über Details der Versicherungspakete herrscht Stillschweigen, insofern weiß auch niemand, ob eine Pandemie tatsächlich versichert ist. Für Tokio dürfte das IOC etwa 20 Millionen Dollar für die Ausfallpolicen zahlen, die in den Geschäftsberichten unter Insurance Premium for Games Cancellation geführt werden. Für 2012 (London) kostete das Paket 13,5 Millionen Dollar – für 2016 (Rio) zahlte das IOC 14,4 Millionen.

Sollten die Spiele verschoben werden müssen und damit auch TV-Gelder und ein Teil der Sponsorenzahlungen ausbleiben, geht es darum, den Geschäftsbetrieb aufrecht zu erhalten. Zudem müssen aus dem weltweiten olympischen Vermarktungsprogramm Tantiemen für die 28 permanenten olympischen Sommersportverbände und Anteile für die 206 Nationalen Olympischen Komitees beglichen werden – sowie Zuschüsse an das Organisationskomitee TOCOG. Die 5 Gast-Sportverbände für Tokio (Klettern, Surfen, Karate, Skateboard und Baseball/Softball) erhalten kein Geld. 

Das IOC ist für den schlimmsten Fall mit seinen Versicherungen und Rücklagen bestens gewappnet, davon darf man ausgehen. Das Risiko für Tokio, wo weit mehr als 20 Milliarden Dollar investiert wurden, ist viel größer.

Was derzeit in zahlreichen Medien oft als „Notfall-Fond“ des IOC bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit viel mehr, es ist das Herzstück des Olympiakonzerns: Die Olympic Foundation, eine 1992 gegründete Stiftung nach Schweizer Recht, in der alle Geschäftsaktivitäten und Firmen der IOC-Gruppe gebündelt sind. Stiftungsrat ist IOC-Präsident Thomas Bach. Zu den Stiftungszielen der Olympic Foundation zählt es ausdrücklich, das Risiko des Ausfalls einer Edition der Spiele zu überstehen. 

Ein Jahrhundert lang waren die Olympischen Spiele von Kriegen und Boykotten und noch viel mehr Boykottdrohungen überschattet. Die Sehnsucht nach finanzieller Unabhängigkeit gehört zur DNA des IOC, über die Wege dahin wurde viele Jahrzehnte erbittert gekämpft – und 1981 mit dem Fall des sogenannten Amateurparagraphen die Kommerzialisierung eingeleitet.

Der Kanadier Richard Pound, seit 1978 dabei und damit dienstältestes IOC-Mitglied, war mittendrin und zwei Jahrzehnte einer der wichtigsten Manager. „Es ging uns bei der Stiftungsgründung natürlich auch darum, den Sportverbänden zu helfen“, sagt Pound, der als IOC-Marketingchef das Sponsorenprogramm mit aufbaute und die ersten milliardenschweren TV-Verträge aushandelte. „Viele der Verbände können ohne die Olympia-Tantiemen kaum überleben.“ 

Auch unter dem IOC-Präsidenten Bach strebt das IOC nach langfristigen Verträgen, einige TV-Anstalten und Sponsoren haben bereits bis 2032 unterzeichnet – damit ist für mehr als ein weiteres Jahrzehnt Sicherheit gegeben.

Seit 1896 mussten die Spiele fünfmal abgesagt werden.

  • Im Ersten Weltkrieg betraf das die Sommerspiele 1916 in Berlin.
  • Im Zweiten Weltkrieg betraf es die Winterspiele 1940 in Cortina d’Ampezzo und 1944 in Sapporo sowie die Sommerspiele 1940 in Tokio und 1944 in London.

Zuletzt stand das IOC vom November 1972 bis Februar 1973 ohne Ausrichter da, allerdings nicht wegen politischer Wirren oder einer Katastrophe – sondern weil Denver nach einem Volksentscheid die Winterspiele 1976 zurückgegeben hatte. Als Ersatz sprang Innsbruck ein. 

Die Idee der Spiele überlebte das Boykottzeitalter der 1970er und 1980er Jahre und den Kalten Krieg. Wegen Naturkatastrophen oder Epidemien musste Olympia noch nie abgesagt werden und fand, trotz Zika-Virus, 2016 auch in Rio de Janeiro statt.

Tokio und Sapporo, Olympiagastgeber 1964 und 1972, waren im Zweiten Weltkrieg also bereits von Absagen betroffen. Sie sind die Hauptschauplätze der Spiele der Spiele der XXXII. Olympiade vom 24. Juli bis 9. August 2020. Für Sapporo auf der nördlichen Halbinsel Hokkaido, Austragungsort der Wettbewerbe im Marathon und Gehen sowie einiger Fußballspiele, wurde gerade der Ausnahmezustand verhängt. In Tokio spitzt sich die Lage zu, Zentralregierung und Gouvernement haben diverse Maßnahmen eingeleitet, um die Verbreitung des Virus einzudämmen, so wurden bis Ende des Monats alle Schulen geschlossen. Für den Tokio-Marathon waren nur Profis zugelassen, 40.000 Amateur-Läufer wurden ausgeladen. In anderen Sportarten wie Sumo und Baseball fanden Wettkämpfe unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. 

Dies könnte durchaus ein Testlauf für die Sommerspiele sein, denn es hält sich das Gerücht, ein sogenannter Plan B von japanischem Organisationskomitee (TOCOG) und IOC sei es, die Sommerspiele notfalls ohne Zuschauer auszutragen.

„Davon habe ich bislang nichts gehört“, sagt Nenad Lalović, einer der einflussreichsten Sportfunktionäre der olympischen Welt. Der Serbe ist Präsident des Welt-Ringerverbandes UWW und gehört dem IOC-Exekutivkomitee an. Am Montagnachmittag traf er sich in Lausanne mit seinen Kollegen der ASOIF, Dachverband aller Sommersportverbände. Ab Dienstag tagt in der olympischen Hauptstadt das IOC-Exekutivkomitee. Die durch den Coronavirus entstandene Gefahr einer Absage oder Verschiebung der Tokio-Spiele und der Paralympics ist natürlich Top-Thema.

„Ich bin nicht so pessimistisch und beteilige mich nicht an einer Panikmache“, sagt Lalović. „Zu 99,9 Prozent bin ich überzeugt davon, dass die Spiele wie geplant stattfinden.“ 

Als Ringer-Präsident weiß Nenad Lalović allerdings auch, wie schnell sich die Lage ändern kann: Am Wochenende wurde die asiatische Olympiaqualifikation, die zunächst in China stattfinden sollte, nun vom Ersatzausrichter in Kirgisistan abgesagt. Lalović muss schnell eine Lösung finden, einen Ersatz-Ersatz-Ausrichter. Daheim in Serbien, in einer Kleinstadt eine Autostunde von Belgrad entfernt, hat er übrigens seit drei Wochen das chinesische Ringerteam untergebracht. Sportler, Trainer, Ärzte, Betreuer – insgesamt 53 Personen. Das Team trainiert und wartet auf die Austragung der Olympia-Qualifikation.

Derlei Qualifikationen, bei denen die Quotenplätze vergeben werden, stehen im Frühjahr in etlichen Verbänden an – und sorgen für zusätzliche Probleme. Der ohnehin schon enge Sportkalender kann leicht aus den Fugen geraten. „Ein bisschen Angst um die Spiele habe ich schon“, sagt Thomas Weikert, Präsident des Tischtennis-Weltverbandes ITTF. „Ich hoffe, dass sich die Lage in den nächsten Wochen beruhigt. Ich bleibe verhalten optimistisch.“ Die ITTF hat ihre Einzel-Weltmeisterschaften, geplant Ende März in Busan (Südkorea), soeben um drei Monate auf Ende Juni verschoben. 

Sowohl die UWW von Lalović als auch Weikerts ITTF haben eine zusätzliche Ausfallversicherung abgeschlossen. Weikert sagt, damit seien 20 Prozent der IOC-Tantiemen abgedeckt. Die ITTF erwartet nach Tokio eigentlich 18,6 Millionen Dollar vom IOC. Der UWW stehen 16,3 Millionen zu. „Wir sind nicht so abhängig von diesen Geldern wie andere Verbände“, sagt Weikert. Man müsse dann halt andere Maßnahmen streichen und könne einen Worst Case überstehen.

„Auch meinen Verband würde das nicht zerstören“, sagt Lalović. „Aber eigentlich weigere ich mich, an so einen Worst Case zu denken.“ Lalović hält es mit Richard Pound, der gesagt hat, im Mai müsse eine Entscheidung über die Tokio-Spiele fallen. „Wir sind als IOC im täglichen Austausch mit der Weltgesundheitsorganisation WHO und den japanischen Verantwortlichen. Wir tun alles Menschenmögliche.“

Pound sagt, man habe es letztlich nicht in der Hand. „Im Moment macht es nicht viel sinn, täglich neu zu spekulieren.“ Am Tag X, also spätestens irgendwann im Mai, brauche man sachgerechte Empfehlungen der Gesundheitsbehörden.

Varianten dieses Textes wurden im SPIEGEL und in der Berliner Zeitung veröffentlicht.


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11 Gedanken zu „Durchhalteparolen: das Coronavirus, das IOC und Tokio 2020“

  1. Pingback: KOMMENTAR: Over til OL i Tokyo – Idrettspolitikk.no

  2. Pingback: KOMMENTAR: IOC behandler utøverne som forsøkskaniner – Idrettspolitikk.no

  3. Falls es mir gestattet sei, eine anderswo geäußerte Sparmeinung hier schamlos zu zitieren und um Meinungen zu bitten:

    Ich hab das ja schon mal angedeutet: Die Selbstverständlichkeit, mit der die Fußballclubs die Zeit der EM (und der Klub-WM) verplanen, finde ich amüsant. Insbesondere, wenn sie mit so großhosigem Gehabe einhergeht, nach der die Brot-und-Butter-Wettbewerbe der Ligen gefälligst Vorrang haben.

    Ich bin mir ziemlich sicher, in der FIFA und UEFA sieht man das völlig anders. Die werden sich auf den Standpunkt stellen, dass es eine klare Hierarchie an Verbänden und ihrer Wettbewerbe gibt. Und einen Rahmenterminplan, der zwischen ihren Wettbewerben den nationalen Ligen Zeit gibt und nicht umgekehrt. Und wer dies anders sehe, der könne sich ja gerne eine andere Branche suchen.

    Die einschlägigen Personen sind derzeit nach meiner Wahrnehmung erstaunlich still. Das mögen nicht alles die imposantesten Geistesgrößen sein. Und es ist bestimmt auch nicht jeder von ihnen altersbedingt mehr auf dem Höhepunkt seines geistigen Vermögens. Aber von einem kann man ausgehen: Wer immer dort Strippen zieht, der hat eine lange Karriere an geduldigen Machtkämpfen hinter sich. Und diese Leute wissen, dass sich diese Fragen jetzt noch gar nicht stellen.

    Hier zuerst als zweites gelesen: Die warten auf den Moment, in dem sich diese Fragen stellen. Denn das ist der Moment, in dem überhaupt erst wieder Menschen Macht haben und ausüben können, die sich gerade mit etwas anderem als Covid-19 beschäftigen. Und dann werden sie den dann unausweichlichen Machtkampf unerbittlich führen. Mit vollen Taschen gegen ausgeblutete Vereine.

    Der Zeitpunkt, wenn sich der Vorhang zu diesem Showdown hebt, der wird noch auf sich warten lassen. Aber er wird kommen und es wird sehr unterhaltsam werden.

    Ich wüsste übrigens noch nicht sicher, auf wen ich meine Jetons setze. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass sich die Seite der UEFA und FIFA dabei in einen Blutrausch reinsteigert und am Ende mehr verliert als gewinnt. Ich könnte mir vorstellen, dass die Historiker später die Corona-Krise nicht nur als endgültigen Durchbruch des Home Office markieren werden, sondern auch als Endpunkt des monotheistischen Verbandswesens im Profifußball.

    Aber glauben tue ich daran nicht. Müsste ich mich festlegen, würde ich vermuten, wir sehen sowas wie eine Not-EM, sagen wir, Ende August in Russland und einen Saisonstart der nationalen Ligen im Oktober.

    Aber dass das noch unterhaltsam wird, davon bin ich fest überzeugt.

  4. Sternburg, die EURO 2020 wird abgesagt.

    Die EURO findet 2021 statt. (Ich glaube nicht an diese Nummer Ende des Jahres, die irgendwo gehandelt wurde.)

    FIFA und UEFA einigen sich.

    Zeit vieler Deals.

    Aber: Alle wissen, dass das Gebilde zerbricht, wenn die Nationalverbände bzw die nationalen Ligen kaputt gehen. Das hat Priorität.

    Der Kalender wird bis Mitte Juli freigehalten. Im Grunde kann den ganzen Sommer gespielt werden – natürlich nur wenn sich die Lage bessert im Mai oder Juni.

    Sonst ist sowieso Schluss.

  5. Dass die EM in ihrer derzeitigen Form abgesagt wird, darüber müssen wir uns nicht unterhalten. Da sind (zum Glück) noch die Mächte am Wirken, auf welche die Verbandsfürsten für diese Zeit keinen Einfluss mehr haben.

    Mir geht es darum, was Vorrang hat, wenn es wieder losgeht. Wann immer das sein wird.

    Und Du meinst echt, die werden ihre kurzfristigen Einnahme-Erwartungen für die Gesundheit irgendwelcher mittelgroßer Unternehmen wegschieben, die ihr Geld in ihrem Fußball doch gerne auch später weiter verdienen können?

    Du überraschst mich.

  6. Wir sind zu alt dafür, um uns zu überraschen.

    Habe schlicht Deinen Punkt nicht gerafft.

    Hast Du gestern Watzke gesehen?

    War selten so geschockt. So schlimm. So schlecht. So primitiv. Gosse. Unterschicht. Peinlich.

    Dem Typen traue ich alles zu.

  7. Ich bin jetzt doch etwas enttäuscht, dass Du nicht jeden der paar Buchstaben, die ich täglich dem Internet zu schenken beliebe, sklavisch verfolgst:

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