Es tut sich was im deutschen Fußball #DFBgate #FIFAcrime #WM2006

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Taufrische Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main:

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main hat im Zusammenhang mit der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 und dem Geldtransfer von 6,7 Millionen Euro des WM-Organisationskomitees des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) an den Fußball-Weltverband Fifa Ermittlungen wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall aufgenommen.

Diese richten sich gegen den Präsidenten des DFB und einstigen Vizepräsidenten des Organisationskomitees, den im Jahr 2006 amtierenden DFB-Präsidenten und damaligen Schatzmeister des Organisationskomitees sowie den früheren DFB-Generalsekretär.

Den Beschuldigten wird vorgeworfen, im Rahmen ihrer damaligen Verantwortlichkeiten die Einreichung inhaltlich unrichtiger Steuererklärungen veranlasst und hierdurch Körperschafts- und Gewerbesteuern sowie Solidaritätszuschlag für das Jahr 2006 in erheblicher Höhe verkürzt zu haben. Nach derzeitigem Erkenntnisstand soll eine durch das Organisationskomitee im Frühjahr 2005 geleistete Zahlung in Höhe von 6,7 Millionen Euro für eine Kostenbeteiligung an einem Kulturprogramm im Rahmen der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 als Betriebsausgabe steuermindernd geltend gemacht worden sein, obwohl ihr tatsächlich ein anderer Zweck zugrunde lag und die Zahlung daher nicht als abzugsfähige Betriebsausgabe hätte geltend gemacht werden dürfen.

Auf Antrag der Staatsanwaltschaft hat der Ermittlungsrichter beim Amtsgericht Frankfurt am Main Durchsuchungsbeschlüsse für die Geschäftsräume des DFB sowie die Wohnungen der Beschuldigten erlassen, die am heutigen Tag durch mehr als 50 Beamte der Frankfurter Steuerfahndung sowie der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftsstrafsachen in Frankfurt am Main vollstreckt werden.

Hinsichtlich der weiteren in Betracht kommenden Tatvorwürfe der Untreue sowie der Bestechung im internationalen Geschäftsverkehr war wegen zwischenzeitlich eingetretener Verfolgungsverjährung ein Anfangsverdacht verneint und daher von der Einleitung eines Ermittlungsverfahrens abgesehen worden.

gez. Nadja Niesen
Oberstaatsanwältin

TBC

Gua #1

Meine Güte, dass die nicht alle von Al Capone gelernt haben, dass man die Steuer in Ordnung halten muss…

JW #2

Guckst Du hier, Gua:

What has been revealed so far is a (FIFA) mafia-style crime syndicate in charge of the sport. my only hesitation in using that term is … it is almost insulting to the mafia.“

Senator Richard Blumenthal (D-CT)

Free Willy #3

Hat Fedor Radmann keinen deutschen Wohnsitz? Oder ist der komplett fein raus wegen Verjährung?

JW #4

Teufen AR, Schweiz.

Ralf #5

Tagesthemen-Kommentar vor wenigen Minuten:
„Die 6.7 Mio. Euro waren gut angelegt.“ Kommentator plädiert für mildernde Umstände!?

JW #6

Stimmt. Sagt ein HR-„Journalist“ namens Alois Theisen.

Das Sommermärchen kann uns Deutschen niemand mehr nehmen.

In diesem Sinne waren die 6,7 Mio Euro gut angelegt und jeden Cent wert. Von mir aus gibt es dafür mildernde Umstände.“

Für Theisen ist Zwanziger der Schuldige.

sternburg #7

Das steht doch auch so in der Abgabenordnung: Bei vorsätzlich falsch als Betriebsausgaben deklarierten Ausgaben, die im Sinne der nationalen Guten Laune getätigt werden, handelt es sich um unabhängig von der deklarierten Summe um eine Steuerverkürzung im minder schweren Fall. Die Strafe soll in diesem Fall in Übereinklang mit den Geschmacksäußerungen der im Geltungsbereich der ZPO erscheinenden Qualitätspresse gesenkt oder erlassen werden.

Habe ich jedenfalls noch so gelernt. Hat sich das geändert?

Stefan #8

„Sag mal, das Geld hier, was haben wir damit gemacht?“ – „Na, Korruption betrieben.“ – „Also dann sind das Betriebsausgaben?!“ – „Na, freilich!“

Sven #9

Auch genialisch, selbst im TV gesehen: Wie mittlerweile Journalisten die Vorabkasse machen: „Die 6,7 Millionen waren gut investiertes Geld.“ Wenn sie denn fürs „Sommermärchen“ waren, das staatstragende Wunder von Bern, Teil 2, als sich nach dem Haken von Rahn ein völlig neues Volk aus den Trümmern Deutschlands erhob, oder so. Beides heimatverfilmt und überhöht von Sönke Wortmann. (Auch wenns nicht so klingt: Ich bin Fußballfan).

Gehts noch? Die Fifa ist organisierte Kriminalität, ihre Spitzenfunktionäre wurden damals auch hier VIP-hofiert und vergünstigt, darunter Spezialdreher wie Warner oder Blazer. Der Pate poliert noch heute sein Bundesverdienstkreuz. Und die Millionen an Steuervergünstigungen, die dieser Verein bar jeglicher Geschäftsethik (Mastercard/Visa-Fuckup) herausschlug, genau wie den Rest der Knebelverträge, den kann man ja wohl kaum mit ein paar Milliönchen verrechnen.

Zumal Experten davon ausgehen, dass nur etwa 5% solcher Summen öffentlich werden. Die Solidaritätsforderungen für Afrika (lölchen!) noch nicht mit eingerechnet. Pardon, aber: Wie dumm geht eigentlich Schland?

Stefan #10

@Sven Du hast ja recht, aber wer sagt das denn? Alois Theisen, seit Jahrzehnten fest im öffentlich-rechtlichen System verankert. Wie soll der denn Ahnung haben von kriminellen Machenschaften? Ja gut, vielleicht kannte er Jürgen Emig ganz gut.
Edit: Er kannte ihn gut.

Beim WDR hat sich die Sportredaktion verpflichtet, „keine Geschäfte mit Akteuren des Sports“ einzugehen. Dass HR-Chefredakteur Alois Theisen dies gesprächsweise eine gute Idee nannte, lässt hoffen.

http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/kommentar-emig-und-die-folgen-1666251.html
Klingt doch auch wie eine ganz gute Idee!

SteffenK #11

Überraschung über Alois Theisen?

Nunja, was erwartet man von einem Mann, der mal Chef von Jürgen Emig war und aus der gleichen Sendeanstalt kommt?!

cf #12

Da sich der werte Herr Hausherr weigert, die aktuellen Entwicklungen nachzutragen, zitiere eben ich aus dem einschlägigen Fachblatt mit der 170-jährigen Tradition: DFB fordert Wiederholung von Razzia wegen unsportlichen Verhaltens der Steuerfahndung

[Niersbach] habe deshalb beim DFB-Sportgericht Einspruch gegen eine Wertung der Razzia eingelegt.
Entscheidet das DFB-Sportgericht zugunsten des DFB, werden die Ergebnisse der heutigen Begegnung annulliert, alle beschlagnahmten Akten müssen zurückgegeben werden […]

Stefan K. #13

Zwei lesenswerte FAZ-Beiträge am Tage nach der Durchsuchung:
Michael Horeni stellt die aktuellen Entwicklungen zusammen:
http://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/dfb-razzia-tage-von-praesident-wolfganz-niersbach-wohl-gezaehlt-13892051.html?printPagedArticle=true
Anno Hecker kommentiert, dass Niersbach zurücktreten muss oder vom DFB abgesetzt werden muss:
http://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/kommentar-zu-wm-affaere-und-dfb-praesident-wolfgang-niersbach-13891893.html

Ralf #14

Für mich das wichtigste Argument im Horeni-Artikel:

Aber auch die Deutschen […] haben […] mit dazu beigetragen, dass ein mafiöses System mit dem Fußball machen konnte, was es wollte. Und nur so konnte die Weltmeisterschaft, das wertvollste Gut des Fußballs, auch im Wüstenstaat Qatar landen.

Wer die 6,7 Mio. Euro als gut angelegt betrachtet, der darf sich auch nicht mehr über die WM-Vergabe nach Qatar beschweren. Letztere wäre ohne das vorangegangene jahrelange Millionengeschacher undenkbar gewesen. Und wenn sich der Verdacht bewahrheitet, daß Bin Hammam die Stimme aus Deutschland für Qatar „zurückbekommen“ hat, dann besteht sogar ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Sommermärchen 2006 und Qatar 2022.

JW #15

Sage ich das nicht schon seit Jahrzehnten? Hörst Du nie zu, Ralf?

Thorsten B. #16

Hallo,

in einem tz-Interview äusserte Jens Weinreich, dass bei den investigativen Recherchen noch mehr herausgefunden wurde.

Ist demnächst mit neuen Enthüllungen zu rechnen ?

Jürgen Roth,, der als Journalist auf dem Gebiet der Korruption gute Kenntnisse hat, beschreibt in seinem Buch „Unfair Play“ auf Seite 55 folgendes: Ein Spielervermittler und Geschäftspartner hätten ihm davon erzählt, dass bei der WM 2006 das Viertelfinalspiel Deutschland gegen Argentinien zugunsten Deutschlands manipuliert worden wäre.

Ist diesem Verdacht mal nachgegangen worden ?

Haben Sie Jürgen Roth mal dazu befragt ?

Gruß

Thorsten

Ralf #17

Sage ich das nicht schon seit Jahrzehnten?

Gerade deswegen ist doch das Argument so wichtig und kann nicht oft genug wiederholt werden! ;-) Ich verstehe einfach nicht, wie Fußballfans lieber ihre Helden/Götter/Kaiser/etc. beschützt sehen möchten, anstatt diejenigen vom Acker zu jagen, die das Spiel zerstört haben.

JW #18

@ Torsten B. #16

1) Das war kein Interview. Wir veröffentlichen laufend Details.

2) Ich habe das auch gelesen, aber darüber mit Jürgen Roth nicht gesprochen. Man kann nicht jeder Spur/jedem Hinweis/jeder Behauptung nachgehen.

JW #19

@ Ralf #17

Weiß nicht, ob „die Fußballfans“ das so sehen. Manche gewiss. Aber eben auch (leider) viele Journalisten. Hat man ja gestern in den Tagesthemen sehr gut sehen und hören können.

Ist nicht zu ändern.

Wir machen einfach mal weiter. Es kommt ja täglich Lustiges dazu – heute zum Beispiel die Anklage gegen Lamine Diack und die Festnahme von Dolle.

Duesseldorfer #20

Was ist eigentlich die Rechtsform des OK gewesen? Ein (eingetragener) Verein, oder eine GbR. Hat man gar im Vertrauen darauf, über dem Recht zu stehen, einfach vor sich hin gearbeitet ohne sich darüber Gedanken zu machen. Beide Erklärungsansätze für die 10 Mio. CHF sprechen dafür.

Nur weil jetzt nichts über Hausdurchsuchungen in Österreich/Schweiz gesagt wird, muss das nicht bedeuteten, dass Beckenbauer, Netzer und Radman raus sind. Vermutlich laufen die Amtshilfe-Verfahren noch.

JW #21

Verdammt, ich kann nichts dagegen tun, aber ich schrecke stets auf und lese bei OK einfach immer: Organisierte Kriminalität, so lautet ja auch eine der Abkürzungen.

Thorsten B. #22

Lieber Herr Weinreich,

ich wollte mit dem Begriff Interview in keinster Weise ihre Recherchen bzw. Publikationen hinterfragen. Bei Ihnen bin ich von der Seriösität Ihrer Arbeit überzeugt.

Was mich wundert ist jedoch, dass einer solchen Aussage in einem Buch eines renommierten Journalisten (ich denke als solchen kann man Jürgen Roth) gerne bezeichnen, nicht weiter nachgegangen wurde.

Dies soll jetzt nicht an sie persönlich gerichtet sein. Aber es wundert doch sehr, dass eine solch schwerwiegende Behauptung mit solcher Brisanz vollkommen verhallt.

Gruß

Thorsten

Sven #23

Spielmanipulation ist noch mal ein Sonderthema, Thomas Kistner kennt sich da auch recht gut mit aus, und vertritt afaik die Meinung, dass der Skandal 2005 in Deutschland nie richtig aufgearbeitet wurde. Interessant auch sein aktuelles Buch zum Thema Doping. Am Thema sieht man aber auch, teilweise fehlt schlicht das Interesse, da ist schon Selbstbetrug bei: wer wollte sich die schönste Nebensache der Welt beschmutzen lassen? Gilt auch für Journalisten, die ihre Laufbahn meist auch erst mal als Fans begonnen haben, nicht wenige als Bewunderer all der Zwielichtgestalten, die jetzt eigentlich Anworten müssten, aber keine liefern.

Gibts aber auch gute Bücher und Extra-Spezialisten zum Thema. Declan Hill z.B. Im Fokus der WM 2006 war noch ein andere Spiel, Ghana-Brasilien. Das wäre natürlich viel gefährlicher: Wenn irgendjemand herausfinden würde, dass das Spiel selbst nicht sauber ist, nicht bloß seine Strippenzieher und Profiteure abseits des Rasens. Wettanbieter hatten diverse Jugend- und Amateur-Wettbewerbe auch in Deutschland schon mal aus dem Programm genommen.

Wobei Fußball mehr ist als Sport, es ist Ersatzreligion, die mit Beißreflex verteidigt wird. „Echte Liebe“, „Grün-weiß bis in den Tod“ und so, schon die Marketing-Abteilung erhebt das Irrationale zum sinnstiftenden Slogan. Sieht man auch daran, dass Ligen, in denen wirklich große Schiebeskandale bereits vorlagen, Serie A und Co. , nach wie vor weiterlaufen. Und warum sich Auswärtsfans 2008 in Bosnien die Reisemühe machten, ist auch nicht logisch zu erklären: Wer sich die dortigen Heim- und Auswärtsabellen von damals ansieht, wird Zeuge der offensichtlichsten Absprachen im Weltfußball. http://www.weltfussball.de/spielplan/bih-premier-liga-2008-2009-spieltag/29/heim/

Fans bescheißen sich im Zweifel schon von selbst.

Rob2008 #24

Der von Thorsten B. hier aufgelisteten Verdacht finde ich sehr interessant. Davon habe ich noch gar nichts gehört bzw. gelesen.

Das finde ich aber sehr seltsam, bei einer solchen Aussage.

Hab ich nicht in Erinnerung Hr. Weinreich, dass Sie mal mit Jürgen Roth in irgeneiner Sache mal zusammengearbeitet oder zu irgeneinem Thema mal was publiziert habt ?

Ist Jürgen Roth dazu befragbar ?

Marco R. #25

Es ist echt wahnsinn, dass die ganze Geschichte immer noch keine greifbaren Konsequenzen hatte. Ok, die Razzia gestern war immerhin ein Anfang, aber bis da zählbare Ermittlungsergebnisse vorliegen, geht ja noch einiges an Zeit ins Land. Bis dahin kleben alle weiter an ihren Sesseln und pfeifen leise vor sich hin, als wäre nie was gewesen. Bin gespannt, wann der „Kaiser“ wieder bei Sky seine verbalen Ergüsse von sich geben darf, kann ja nicht mehr lange dauern. Die Presse hält sich derweil weitgehend mit Rücktrittsforderungen oder aggressiver Berichterstattung zurück. Im Gegenteil (siehe Tagesthemen). Schließlich sitzen ja alle im selben Boot und hoffen, dass die Werbeeinnahmen und Anzeigenverkäufe bei der EM-Berichterstattung nächstes Jahr nicht in Mitleidenschaft gezogen wird!

Ach wie haben sich alle aufgeplustert, als es „nur“ um Blatter ging. Deutschland und allen voran unsere Herren im DFB waren DIE moralische Instanz Korruption? Ach wo, bei uns in Deutschland doch nicht! Das machen nur die Russen und Qatar! Heuchlerischer geht es nicht mehr…

sternburg #26

Nur weil das ein Weinreich seit Jahrzehnten sagt, heißt das doch noch lange nicht, dass ein richtiger Journalist das nicht auch sagen darf. Aber halt erst dann, wenn es angemessen ist.

JW #27

@ Torsten B. #22

Alles bestens. Ich bin nur n bisschen zickig wegen dieser Publikation in der tz. Ansonsten ist es schlicht und einfach so, wie ich es ganz kurz geschrieben habe.

Und das geht jetzt auch an Rob2008 #24:

Man kann als Journalist nicht allen Dingen nachgehen, die man liest und hört und sieht. Ich habe mich u.a. deshalb fast völlig aus der Doping-Recherche verabschiedet. Konzentriere mich auf andere Themen und selbst da reicht a) die Zeit nicht, b) gibt es andere Limitierungen und c) wird Recherche kaum einmal bezahlt. Das alte Problem. Derlei Themen, die wir mal zurückhaltend unter Good Governance/Sportskandale bezeichnen können (oder auch mit Vokabeln wie RICO, OK etc pp), könnten und müssten eigentlich von einem Dutzend gut vernetzter und arbeitswütiger Rechercheure in einem eigenen Medium aufbereitet werden – und zwar 24/7, und zwar in allen Weltverbänden bzw Nationalverbänden. Die Realität sieht aber anders aus. Und an den hier erwähnten Beispielen (DFB/schwarze Kasse/WM 2006 – IAAF) sieht man, dass derlei Recherchen etwas bringen, denn DER SPIEGEL und die ARD/Hajo Seppelt sind dafür verantwortlich. Ich möchte aber an dieser Stelle nicht die Jammer-Arie singen, sondern optimistisch klingen: Steter Tropfen höhlt den Stein. Ohne die Arbeit von (zu wenigen) Journalisten wären wir nie und nimmer soweit gekommen, wie wir in Sachen #FIFAcrime #UEFAcrime #DFBgate etc heute sind.

Was derzeit abgeht, das ist irre, dafür haben einige hart gearbeitet und wurden lange Jahre angefeindet. Der Kreis der Kollegen wurde immer größer. Und daran, dass FIFA, IOC et al einen so kolossal schlechten Ruf haben, der auch mit hunderten Millionen Investitionen in Weißwäscher und Propagandisten und Lobbyisten kaum verbessert werden kann, daran haben vor allem hartnäckige Journalisten den größten Anteil. (Die Berater- und Good-Governance-Industrie, die da jetzt viel Geld absahnt, hat dagegen kaum etwas Sinnvolles beigetragen.) Ich beobachte aber auch eine junge Generation von Journalisten, vielleicht wieder Einzelkämpfer, ich weiß nicht genau, die sich beteiligen. Das ist wichtig. Eins nach dem anderen.

Und an dieser Stelle sage ich erneut: beteiligen Sie sich quasi als Sponsor von Recherchen an meinen Buchprojekten, schauen Sie im Shop nach, sagen Sie es weiter. Wer als Konsument nicht mit Scheuklappen und Ohrenstöpseln durch die Gegend rennt, der kann Journalismus finanzieren und – in Maßen – an weiterer Aufklärung mitwirken. (Das dauert immer ein bisschen, aber solche Ebooks erscheinen irgendwann. Es ist wie in der Korruptions-Recherche kein Sprint, sondern ein Marathon.)

JW #28

Oops, Lamine Diack wurde hier noch gar nicht erwähnt:

Sven #29

Re Sportjournalisten: Da gibt es aktuell ja noch ein kleineres, nicht ganz so brisantes Thema, mit dem Auflage generiert wird: Stefan Effenberg, Freund der Wüstensonne. Bis heute war in noch keiner Berichterstattung zu lesen, dass der Mann in Sachen Lobbyarbeit für 2022 Sätze ablässt, die schon nah am Kaiserscharrn gebaut sind. Voll der echte Typ und Tiger und so.

JW #30

Als ich im Herbst 2003 erstmals in Doha war und mit Bin Hammam und Blatter drehte, residierte Effenberg in der obersten Etage des Ritz Carlton und hat ein paar Petro-Dollars zum Karriere-Ausgang kassiert.

Sven #31

Das ist schon Guardiola-esk, noch so ein „Heiliger“ aus der Sippe, dem im Feuilleton auch schon mal nahegelegt wird, die Nachfolge von Obama oder so anzutreten. Was fast schade ist, dass der Weltverband (noch) so unnachgiebig ist, was die Einbürgerungs- und Kaderregeln angeht. Eine Fußball-WM wie die Handball-WM dieses Jahr hätte was gehabt: alles importiert, sogar die Spieler und Fans. Und die Deutschen flogen genau gegen diesen Trupp raus. :-)

Was den DHB nicht daran hinderte, die Geschichte zum Politkum zu erklären und Fans aufzuheizen. Nicht etwa gegen das Turnier, nein! Die WM wurde bloß nicht im ÖR übertragen und steuergelderquerfinanziert — und Handball ist in Fußball-Deutschland auch ohne TV-Präsenz schon erste Randsportart. Im Nachhinein müsste der Verband eigentlich dankbar sein… Witzveranstaltung.

Dirk #32

Laut SZ-Bericht hat Niersbach die Steuererklärung unterschrieben.

Was sagt eigentlich die Wirtschaftsprüfungskanzlei KPMG zu dem Vorfall ? Ich hatte wohl einmal gelesen, dass diese damals den DFB geprüft haben.

Aber schwarze Kassen, von denen diese nichts wissen, können sie auch nicht prüfen.

Hat diese schwarze Kasse eigentlich noch mehr Geld als die 6,7 Millionen beinhaltet ? Sind noch mehr Geldtransfers über sie gelaufen ?

Schönen Gruß, Respekt für Ihre mutige Arbeit Hr. Weinreich

Dirk

Marco R. #33

Die ARD hat sich heute morgen wieder in journalisitscher Höchstform präsentiert. Im Sportblock des Morgenmagazins um kurz vor 8 Uhr war Walter Desch zugegen, Präsident des Fußballverbandes Rheinland. Er wurde vom Sportmoderator Peter Großmann interviewt. Der fand es dann offenbar völlig ok, dass Desch im Bezug auf die DFB-Affäre zwischen „Moralaposteln“ auf der einen und „Pragmatikern“ auf der anderen Seite unterschied (es gab noch eine dritte Kategorie, aber die war faktisch deckungsgleich mit den Pragmatikern). Großmann stimmte ihm sinngemäß zu, dass uns das Sommermärchen nun schließlich keiner mehr nehmen kann und verzichtete auf kritische Nachfragen zu dieser Klassifzierung. Abschließend vermeldete Desch noch, dass die Stimmung in den Regionalverbänden noch sehr ruhig ist, auch wenn er zugab, dass der DFB sich mittlerweile schon recht weit von der Basis entfernt hat. In Summe also ok also in der deutschen Fußball-Verbandswelt!
In der ARD-Mediathek konnte ich das Interview aktuell leider noch nicht finden.

Sven #34

Mich hat der Kollege Röhn gestern bei Lanz etwas teilenttäuscht. Angesprochen vom Zuschauer-Joker Sepp Maier, warum sich d’r falsche Fuffzger denn net scho 2006 gemeldet hot, zog der die DFB-Abwehr-Karte, oder deutete sie zumindest an:

Unglaubwürdig sei er, da da jetzt ein Verstoßener Rentner sitzt, der nix mehr zu verlieren hat, so von Rache zerfressen und so unzurechnungsfähig, dass er sich wirklich alle möglichen Herbstmärchen ausdenkt, einzig und allein, um seinen Peinigern eins auszuwischen. Und damit in Kauf zu nehmen, den deutschen Fußballmännerbund in die größte Geldkrise zu stürzen seit den sportlichen Prämienstreiks in Malente ’74 (der Kaiser, so sagt die Legende, vermittelte auch hier — im Vieraugengespräch mit dem Präsidenten, natürlich).

Ich würde Zwanziger auch nicht per se mehr/weniger glauben als allen anderen Beteiligten. Aber bei allen persönlichen Abneigungen, die die G’schichte für Zwanziger sicher nicht schwerer machen, um’s so zu sagen: Wie unreflektiert ist es, auszublenden, dass 2006 kein einziges Mitglied der Sippe irgendwas zu fürchten hatte (auch, weil so gut wie niemand hinter die Kulissen schaute, oder immer noch schaut). Das zählt auch für Zwanziger, sein Otto steht schließlich auf belastendem Wisch. Wie unreflektiert ist es, zu ignorieren, dass diesem wohl schon 2012 der Stift gegangen sein muss, als er öffentlich eine Untersuchung der Vergabe verlangte, als einzigem im DFB-Umfeld. Und wie unreflektiert ist es, zu ignorieren, dass 2015 das Jahr ist, in dem die Fifa fiel, und jetzt nichts und niemand mehr sicher ist. Die angeblichen internen Klärungsversuche stehen auch noch im Raum, bevor er überhaupt den Weg über den Spiegel fand, Aussage gegen Aussage.

Es gibt strafrechtliche Dinge, es geht aber auch um einen Ruf — und Spitzenfunktionären, die in solche öffentliche Ämter streben, unterstelle ich einfach mal eine gewisse Eitelkeit bis Hybris. Zumal sich Zwanziger in seiner Amtszeit vielleicht auch nicht ganz zu unrecht als ein Präsident inszenierte, der den gesamtgesellschaftlichen Auftrag solcher Verbände in den Vordergrund rückte. Wie sähe das denn für ihn und seine Kinder aus, wenn der Name Zwanziger mit dafür stünde, eine mögliche Subventionierung eines jetzt nachgewiesen hoch kriminellen Männerverbunds gedeckt zu haben?Der das auch noch unter dem Deckmäntelchen der Gemeinnützigkeit tut, steuervergünstig, mit papageienartig wiederholten Plapper-Parolen wie „Fairplay“, „Völkerverständigung“, „Reschpekt“. Sehr viel mieser gehts ja nicht.

Aber das Motiv wird letztlich zum Glück eh keine Rolle spielen. Die Sache macht’s.

JW #35

Fand den Auftritt auch komisch und inhaltlich nicht voll auf der Höhe. Hut ab vor Werner Hansch. Klare Worte – in der Sache. Die einzigen klaren Worte in der Sendung. Bleibt hochinteressant, Medienmechanismen zu beobachten, wie gerade wieder von Marco R. skizziert. Ich ordne den von Sven genannten Auftritt da ein. Und, Sven, die von Dir erwähnten belegten Klärungsversuche 2012/13 covert erstaunlicher Weise kaum jemand, oder? Auch nicht SZ. Passt irgendwie nicht ins Schema.

Sven #36

Als Außenstehender verliert man eh so langsam ein bisschen den Überblick. :-) Die TAZ biegt wieder von Linksaußen ein, die Theorie hatte ich hier auch schon gepostet: http://taz.de/!5245725/

Lustreisenspesen. https://www.youtube.com/watch?v=yg13mQ6n2cc

Stefan #37

Ob Hansch, Sepp Maier oder was weiß denn ich: Der einzige, der zur Klärung beitragen kann, ist der Schorsch Aigner, und der hat der ARD ein Interview gegeben, das heute abend um 22:45 Uhr läuft. Dann die neusten Erkenntnisse mal schnell noch in den aktuellen Spiegel reingeschrieben, Jens!

JW #38

Leider zu spät. Aber wir sind riesig gespannt, was Schorsch enthüllt.

StanLibuda #39

Mahlzeit!

Je mehr ich lese, desto angewiderter bin ich. Über Olympia, die FIFA etc.
Auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen kotzen mich diese Wasserprediger dermaßen an, daß mich nur meine gute Erziehung davon abhält, nicht persönlich zu werden.

Mich regt aber am meisten auf, daß die Korruption dermaßen tief in der Gesellschaft angekommen zu sein scheint, insbesondere bei den Ermittlungsbehörden, daß man jahrzehntelang unbehelligt davon kommt.

Mal ein Beispiel: Nach der Wende wurden ganze Innenstädte im Osten von der italienischen Mafia bezahlt bzw. deren Sanierung. Über die Summe von 60 Mrd. DEM gibt es bis heute keine Erklärung, wo die geblieben sind. Und bis heute schaltet und waltet diese Mafia und verdient in Deutschland soviel Geld wie nie. Drogen, Prostitution, Menschenhandel etc. Keine Sau interessierts.

(Das soll für keine Aufforderung sein, Herr Weinreich, dort mal zu ermitteln. Weil, jenes könnte ihre Restlebenszeit erheblich verkürzen. ;) )

Wofür haben wir eigentlich die Ermittlungsbehörden? Was machen die den ganzen Tag über und warum dauert das alles so lange?
Und vor allen Dingen: „Who watches the watchmen?“

In diesem Sinne
Glückauf :(

Sven #40

Jetzt auch schriftliche Spuren über Schmidt in den Orient, wie vom rachsüchtigen und deshalb in allem unglaubwürdigen Zwanziger gepfiffen: http://www.sueddeutsche.de/sport/dfb-millionenzahlung-spur-in-den-orient-1.2724088

Bei dem Vermerk handelt es sich um eine handschriftliche Notiz, in der Schmidt offenbar stichpunktartig festhielt, was er im Jahr 2003 bei einem Treffen mit einigen OK-Kollegen im kleinen Kreis besprochen hatte. Neben anderen Details ist darin auch eine Zusatzvereinbarung mit dem Weltverband Fifa aus dem Jahr 2002 erwähnt, in Höhe von zehn Millionen Schweizer Franken (beim ominösen Rücktransfer im Jahr 2005 waren das dann mit Zinsen 6,7 Millionen Euro). Als zuständiger Fifa-Funktionär für dieses Geschäft ist in dem Vermerk Mohamed bin Hammam genannt

Man darf schon gespannt sein, was das mit Infront-Fifa-Weekly-Kolumnen-Jünter noch wird. Dem „Rebell am Ball“, dem „Freigeist“ — eine ganze Generation Ewig-68er-glaubt da immer noch dran.

JW #41

Bin Hammam? Ach da schau her. Stand der Name nicht schon in den beiden Titelgeschichten? Aber es hat bestimmt nichts mit der WM zu tun und geschah völlig unabhängig von der WM-Vergabe.

Das zu Netzer, Grimme-Preisträger (und gleichzeitig ARD-Experte plus mutmaßlicher Bestecher/via Kirch), hast Du aber schön formuliert.

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