#London2012 (VIII): Olympia und die Autokraten

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LONDON. Bevor das live-Blog von der Eröffnungsfeier beginnt, flink noch eine Geschichte, die heute in einigen Medien gelaufen ist, zum Beispiel auf Spiegel Online. Viel Vergnügen.

Sollten wir eine schräge Geschichte und einen irren Typ vergessen haben, bitte in den Kommentaren ergänzen und den Link liefern. Selbst halte ich mich mit dem Verlinken jetzt wieder etwas zurück, denn es bleibt keine Zeit, das live-Blog braucht noch einige Vorbereitung. Bis gleich!

* * *

Von Grit Hartmann und Jens Weinreich 

LONDON. Auch das wird ein olympischer Rekord: 120 Staats- und Regierungschefs aus aller Welt werden am Freitag im Buckingham Palace von der Queen empfangen. Danach kutschiert man die Würdenträger unter größtem Sicherheitsaufgebot gemeinsam zur Eröffnungsfeier ins Olympiastadion. Einige Potentaten aber, die in der olympischen Familie des IOC bestens vernetzt sind, müssen diesmal daheim bleiben. Etwa Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko, „Europas letzter Diktator“ genannt. Lukaschenko ist Träger des Ordens des europäischen Olympiakomitees EOC. Die britische Regierung will den Sportkameraden nicht sehen, der, wie die Moskauer Nachrichtenagentur Ria Novosti berichtet, seine Sportler „vor die Aufgabe gestellt hat, 25 Medaillen, darunter fünf Goldmedaillen, zu gewinnen“.

Weißrusslands Staatschef, der selbstverständlich auch das Nationale Olympische Komitee (NOK) seines Landes führt, steht auf der Schwarzen Liste der Europäischen Union. Dieser Bann trifft nur ausgesuchte Bösewichte: den greisen Robert Mugabe (Simbabwe), der sich vor der Fußball-WM 2010 mit dem FIFA-Goldpokal zeigen durfte, den General Frank Bainimarama, der sich 2006 auf den Fidschi-Inseln an die Macht putschte, oder Antonio Injai, der im April den Militär-Coup in Guinea-Bissau anführte. Lukaschenko zürnt nun in heimischen Medien: Die Sommerspiele 2012 …

… sind politisiert und schwer beschädigt, während wir hier eine Insel des freien Denkens und der Unabhängigkeit sind“.

120 Staats- und Regierungschefs sind für London angekündigt, 87 waren es in Peking  – britische Behörden sprechen von „der größten diplomatischen Versammlung“, die das Land je gesehen hat. Lukaschenko, 2008 dabei und kurz darauf mit dem EOC-Orden geehrt, fehlt diesmal. Die diplomatische Formel in Whitehall lautet: „Wenn die Anwesenheit einer Persönlichkeit dem Gemeinwohl nicht zuträglich“ sei, werde die Einreise verweigert. Das Kriterium dafür: „unabhängige, verlässliche und glaubhafte Beweise, dass eine Person Menschenrechtsverletzungen begangen hat“.

Nachdem Lukaschenko seinen Bann selbst bekannt gab, bestätigte die britische Botschaft in Minsk den Vorgang äußerst zurückhaltend. Für die restriktive Informationspolitik gibt es Gründe: Das Wohlbefinden des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) soll nicht allzu sehr getrübt werden. Ginge es nach den Ringe-Bossen, wäre die Gästeliste fürs Londoner Fest deutlich länger.

Dafür, wen das IOC so einlädt, interessierte sich Viola von Cramon, die sportpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag. „Ausweichend“, sei die Antwort aus Lausanne ausgefallen, sagt die Abgeordnete. IOC-Generaldirektor Christophe de Kepper ließ nur wissen, Einladungen seien an alle 204 Nationalen Olympischen Komitees geschickt worden, „nicht an einzelne Vertreter, sondern an die Organisationen“. Und die würden schon wissen, dass der Akkreditierungsprozess für die Spiele „nicht in einem Vakuum stattfindet“.

Im Fall Weißrussland landete die Einladung aus Lausanne also direkt auf dem Tisch des NOK-Chefs Lukaschenko. Diese Präsidentschaft verstößt zwar gegen die Olympische Charta, doch mit den eigenen Anstandsregeln geht das IOC traditionell entspannt um. Von Cramon hätte sich „gewünscht, dass das IOC seine Charta ernst nimmt und den bad guys des Weltgeschehens den Zugang zum Fest der Völkerverständigung verwehrt“.

Die Briten verweigerten auch dem syrischen Generals Mowaffak Jouma die Einreise, auch er NOK-Chef seines Landes und ein weiteres Beispiel dafür, dass Autokraten aus aller Welt ihre Sportführer gern aus vertrautem Kreise rekrutieren. Der Assad-Helfer demonstrierte von sogleich, dass ihn weniger das sportliche Fortkommen der Weltjugend als das propagandistische Einspielergebnis für sein Regime interessiert:

Die syrischen Athleten werden trotzdem an den Spielen teilnehmen, um den Willen unseres Volkes und die entschlossene Unterstützung für die Führung unseres Landes und die Armee zu zeigen.“

Der Eindruck, dass die Briten über ihre Visa-Politik für eine diktatorenfreie Zone im Olympiastadion gesorgt hätten, wäre allerdings verfehlt. Zu den freiwilligen No-shows gehören die Präsidenten Putin und Ahmadinedschad. Beiden reichten Proteste von Parlamentariern aus, um ihre Teilnahme an der Eröffnungssause abzusagen. Auch Nordkoreas Diktator, „Genie der Genies“ und frisch gebackener Marschall der Armee Kim Jong-Un bleibt daheim. Die nordkoreanische Nachrichtenagentur berichtete, dass Kim kürzlich eine Waffenfabrik mit angeschlossenem Schießstand besucht habe, wobei er „Anleitung“ gab, wie „die Sportler des Landes erfolgreicher sein könnten“. Im Schießen.

Die Potentaten Islam Karimow (Usbekistan) und sein Pendant Gurbanguly Berdymuchamedow (Turkmenistan) hingegen planen laut britischen Medien ihren Besuch – obgleich Human Rights Watch anlässlich der Spiele darauf hinwies, dass deren Herrschaftsbereiche „zu den schlimmsten Diktaturen der Welt“ zählen. Einer von Karimows engsten Vertrauten, Gafour Rachimow, den Kenner schon für den eigentlichen Boss in Usbekistan halten, hat ebenfalls etliche Sportfunktionen: NOK-Chef, Vizepräsident des Welt-Amateurboxverbandes AIBA und des olympischen Councils Asiens (OCA). Weil er in FBI-Akten als Chef des Drogenkartells in seiner Region geführt wird, verwehrte ihm die australische Regierung vor zwölf Jahren die Einreise zu den Sommerspielen nach Sydney. Inzwischen ist er im IOC etabliert. Er sei eine Gefahr für die Sicherheit Olympias und Australiens, hieß es damals.

Proteste von NGO’s blieben auch gegen Scheich Nasser bin Hamad al-Khalifa, Thronfolger von Bahrain und natürlich NOK-Präsident, erfolglos. Nasser war beteiligt an der blutigen Niederschlagung des Arabischen Frühlings in der Golfmonarchie. Das Europäische Zentrum für Menschenrechte (ECCHR) übermittelte Premier David Cameron Beweise dafür, dass die Hoheit „die Verhaftung von rund 150 Athleten, Trainern und Schiedsrichtern organisierte“. Zeugen hätten bestätigt, der Prinz habe sie im Gefängnis persönlich mit Fußtritten traktiert. Das Königshaus wies die Vorwürfe in einem offiziellen Statement zurück.

IOC-Mitglied ist der ägyptische General Mounir Sabet, Schwager Mubaraks, ein Waffenhändler, dem schwere Korruption und Geldwäsche vorgeworfen werden. Der Bruder der Kleptomanin Suzanne Mubarak kam bei der Privatisierung von Staatsfirmen auf wundersame Weise zu märchenhaften Reichtümern. Der Schweizer Bundesrat fror seine Konten in der Schweiz schon Anfang 2011 ein. Mit der Olympischen Charta aber kommt der sportive General deshalb nicht in Konflikt.

Ein anderer General aus Ägypten, NOK-Präsident Mahmoud Ahmed Ali, gehörte zu denen, die versuchten, die Proteste auf dem Tahir-Platz gewaltsam zu beenden. Auch darüber wird man nichts hören, wenn das IOC in London mal wieder seinen olympischen Frieden preist.

Ralf #1

Wolfgang Zängl für nolympia.de: Der Sport ist politisch

Ralf #2

Johannes Aumüller in der SZ: Europaspiele: Überflüssiges Klein-Olympia

Es ist ja bezeichnend, wer sich bisher für die Austragung der Europaspiele interessiert. Mitteleuropäische Kandidaten waren kaum zu vernehmen – dafür bekundete im vergangenen Jahr Alexander Lukaschenko Interesse
[…]
Dass das Projekt wohl dennoch kommt, zeigt, wie die Sportwelt tickt. […] Von den wenigen Ländern, in denen wie in Deutschland oder der Schweiz das Gros der Verbände dagegen ist, kommt kein nennenswerter Widerstand. Im Kontext des großen sportpolitischen Wahljahres 2013, in dem nicht nur ein neuer IOC-Präsident, sondern auch ein EOC-Chef gekürt wird, ist kein nachhaltiger Konflikt gewünscht.

Habe ich das verschlafen, oder wurde hierüber bislang praktisch kaum berichtet?

Ralf #3

sid: 2015 in Baku Premiere der Europa-Spiele

Am Samstag in Rom jedoch stimmte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) nach vorheriger Absprache mit seinen Spitzenverbänden zu.

Hat denn hier wirklich eine echte Diskussion stattgefunden?

ha #4

Zum Grünen-Antrag morgen im Sportausschuss, weil ich gerade Deinen Tweet lese. Einerseits kann man ja wirklich froh sein, dass überhaupt dergleichen kommt aus dem Ausschuss (wie zuletzt fast immer: Produktives von Grün). Und es ist auch ein wirklich guter Antrag:

Vergabekriterien für Sportgroßveranstaltungen fortentwickeln.

Andererseits: eine Katastrophe, wen sie NICHT einladen (geladen sind DOSB mit Vesper, TI mit Vorabstellungnahme, Tognoni): kein Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung, keine Menschenrechtsorganisationen oder Bürgerrechtler, keine Stiftung Wissenschaft und Politik, im letzten Jahr mit bemerkenswerter Studie zur EM in der Ukraine, gleich gar kein Vertreter der EU, wo das eigentlich hingehört.

Da kann man beinahe schon vorab sagen: Tolle Idee – toll versemmelt.

Ralf #5

gruene-bundestag.de: DOSB verharmlost Probleme bei Sportgroßveranstaltungen

Leider wurde unser Vorschlag, eine Menschenrechtsorganisation einzuladen, von der Koalition und der Fraktion die Linke abgelehnt.
[…]
In Sotschi arbeiten NGOs gegen den Widerstand der Regierung. Missstände bei Menschenrechten, Umweltschutz und Arbeitsbedingungen wurden aufgedeckt. IOC und DOSB interessiert dies allerdings nicht.

Ralf #6
JW #7

Lustig. Muss ich doch unwillkürlich daran denken, dass bpd 2010 einen Blatter-Text von mir nie veröffentlicht hat, nach „Intervention von oben“, wie mir signalisiert wurde. Nachfragen wurden nicht beantwortet.

Ralf #8

Anne Applebaum in der Washington Post: The last democratic World Cup?

In the future, maybe democratic governments won’t be able to get away with spending the billions on sports that now seem to be required. Brazil’s World Cup will be the last to be held in a democracy for eight years. Will it be the last one ever?

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