Was vom Tage übrig bleibt (2. August 21): Kristina Timanowskaja, das IOC und der mörderische olympische Diktator

TOKYO. Leute, es ist ein Wahnsinn. Die wichtigste und einzig wichtige olympische Frage des Tages lautet: Wie geht es Kristina Timanowskaja? Ist sie in Sicherheit? Wie geht es jener weißrussischen Sprinterin, die am Sonntagabend japanische Sicherheitskräfte und das Internationale Olympische Komitee (IOC) in einer dramatischen Aktion um Hilfe gebeten hat?

So habe ich heute morgen den Newsletter 14 begonnen. Inzwischen hat sich alles weiter zugespitzt. Zunächst das Wichtigste: Kristina Timanowskaja ist in Sicherheit – sie erhielt Asyl von der polnischen Regierung und befindet sich in der polnischen Botschaft in Tokio. Offenbar sind ihr Mann und ihr Kind aus Weißrussland geflohen, schreibt der Journalist Tadeusz Giczan, dessen Twitter-Kanal Pflichtlektüre in dieser Sache ist:

Vor drei Stunden berichtete Giczan unter Berufung auf Babuschka Timanowskaja, dass Häscher des Diktators Alexander Lukaschenko auf dem Weg zu den Eltern der Olympia-Sprinterin seien.

Inzwischen haben sich Polens Außenminister Marcin Przydacz und der Botschafter Polens in Japan, Paweł Milewski, zur Sache geäußert.

Der Fall macht weltweit Schlagzeilen und wird diese Olympischen Spiele prägen, was dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) nicht gefallen kann. Denn dadurch werden, mit gewaltiger Wucht, höchst problematische olympische Beziehungen thematisiert.

Das IOC und die Diktatoren. Das IOC und die jahrelange enge Geschäftsbeziehung zum mörderischen Diktator Alexander Lukaschenko (nebst vielen anderen Despoten), in diesem Theater oft beschrieben.

Das IOC, dessen Präsident Thomas Bach sich ähnlich nach dem Friedensnobelpreis verzehrt, wie sein Vorbild und Vorvorgänger Juan Antonio Samaranch (†), der einstige Sport-Staatssekretär des faschistischen Diktators Francisco Paulino Hermenegildo Teódulo Franco y Bahamonde Salgado Pardo, Franco genannt.

Es kommt alles wieder hoch. Und das ist auch gut so.

Obgleich es kaum möglich ist, die Übersicht zu behalten, möchte ich auf Grundlage meines heutigen Newsletters einige Details zusammenfassen und – wie oben bereits – einige Links weitergeben. Alles unvollständig aber vielleicht doch eine halbwegs nützliche Orientierung.

Soweit ich das in diesen Minuten einschätzen kann, bietet diese Story von Motoko Rich und Tariq Panja in der New York Times eine recht umfassende Summary:

Die 24 Jahre alte Leichtathletin Timanowskaja hatte auf Instagram ihre weißrussischen Trainer kritisiert – die entsprechenden Videos finden Sie u.a. im bereits erwähnten Twitter-Feed von Tadeusz Giczan.

Wobei mich jemand nachträglich darauf aufmerksam macht:

Sie hatte einen Instagram Post, wo es um die fehlenden Dopingkontrollen und die Ausschlüsse von 3 belarussischen Athleten durch AIU ging, weshalb sie die 400 m Staffel laufen sollte, da wohl auch zwei Sprinterinnen betroffen sind. Für die hat sie aber nie trainiert. Sie hat dem Verband die fehlenden Kontrollen angelastet, für die Athleten nun büßen müssten. Dieser Post hat es ins belarussische Fernsehen geschafft und ist dort diskutiert worden, schon mit üblen Beschimpfungen für Timanowskaja.

Ich denke mal, das können wir unter meiner Anmerkung laufen lassen: die Nachrichten überschlagen sich. Dass da dann nicht immer alles stimmt und manches vergessen und falsch verstanden wird, scheint mir logisch. Wir können alle nur versuchen, einigermaßen die Übersicht zu wahren, mehr geht nicht.

Jedenfalls, sie wurde daraufhin unter Druck gesetzt und nach Hause geschickt. Ihr drohte daheim die Verhaftung und damit Gefahr für Leib und Leben. Ein ähnliches Schicksal wie es viele weißrussische Sportler erlebt haben im vergangenen Jahr. Man brachte sie mit einem Auto zum Flughafen Haneda. Dort wandte sich Timanowskaja an die japanischen Sicherheitskräfte, zugleich veröffentlichte sie eine Videobotschaft und bat das IOC um Unterstützung. 

Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja sprach von versuchter Entführung und verglich den Vorfall mit dem Terrorakt unlängst, als eine Maschine der Ryanair zur Landung in Minsk gezwungen wurde, um den Journalisten Roman Protassewitsch und seine Freundin zu verhaften.

Die Nachricht ging in Windeseile um die Welt. Wenig später trafen offenbar mehrere Anwälte der Japanese Association for Refugees (JAR) auf der Polizeistation des Terminal 3 in Haneda ein. Darunter Tomoki Uraki sowie Taiga Ishikawa, Generalsekretär der JAR und Mitglied des japanischen Parlaments.

Der Verein Athleten Deutschland behauptete inzwischen, anwaltliche Unterstützung vermittelt zu haben.

Andere Organisationen fordern erneut die sofortige vollständige Suspendierung des NOK von Belarus (NOCRB). Die verbliebenen Olympiateilnehmer aus Lukaschenkos Reich sollten als neutrale Athleten starten. Im folgenden Tweet finden Sie auch eine erste Zusammenfassung des kanadischen TV-Senders CBC, noch ohne das von Polen gewährte Asyl.

Kristina Timanowskaja wollte heute in Tokio über 200 Meter antreten. Diese Chance hat man ihr genommen. Das wäre ihr Wettkampf gewesen:

TOCOG, MyInfo

Am 3. August (7.06 Uhr Ortszeit, 00.06 Uhr MESZ) kommt die Mitteilung der Ad-hoc-Kammer des CAS. Timanowskaja hat also am Montag noch versucht, ihren Start über die 200 Meter einzuklagen. Vergeblich:

CAS

CAS OG 20/13 Krystsina Tsimanouskaya v. National Olympic Committee (NOC) of Belarus
The Belarusian sprinter Krystsina Tsimanouskaya filed an urgent application and request for
provisional measures in the morning of 2 August 2021 seeking to overturn the decision taken by the
NOC of Belarus not to let her participate in the Women’s 200m qualifying event at the Tokyo 2020
Olympic Games.
The urgent request to stay the execution of the challenged decision was dismissed by the President of
the CAS Ad hoc Division, as the athlete was not able to prove her case to get an interim relief.

Kleiner Einschub, ich hoffe, das können Sie für den Moment akzeptieren: Die wichtigste Frage lautet gerade nicht, wie ihr Name im Deutschen geschrieben wird. Ich habe mich in der Hektik für diese Schreibweise entschieden: Kristina Timanowskaja. Wer mag, kann Kryscina Tsimanouskaya, Krystsina Tsimanouskaya oder Krystina Zimanouskaja oder Kristina Zimanouskaja schreiben. All diese Varianten finden sich auf allen möglichen Plattformen in diesen Stunden – und bestimmt noch viel mehr.Im Akkreditierungs- und Ergebnissystem steht unter Krystsina Tsimanouskaya:

TOCOG, MyInfo

Das Schicksal von Kristina Timanowskaja war heute Top-Thema auf der täglichen Pressekonferenz von TOCOG und IOC. Die wichtigste Nachricht, abwechselnd so und ähnlich von TOCOG-Sprecher Masa Takaya und IOC-Sprecher Mark Adams formuliert.

She is safe and secure.

She is in hand of the Japanese authorities this morning.

She feels safe and secure. The most important thing right now is our duty of care to her.

Es gab dazu viele Nachfragen. Wo genau Timanowskaja sich jetzt aufhält, welche Sicherheitskräfte mit dem Fall befasst sind, wer bei ihr ist … das volle Programm. Viele Informationen wurden aber nicht preisgegeben.

Mark Adams sagte:

If there is a criminal matter, than this is a matter of the police.

Er bat um Ruhe und Vertraulichkeit im Sinne des Opfers.

We will find out what she wants and support her in her decision.

Die UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR ist eingeschaltet, mit der das IOC ohnehin kooperiert. Mindestens eine Anwältin der JAR (s.o.) war gestern Nacht bereits aktiv. Möglicherweise nehmen die japanischen Behörden Ermittlungen auf gegen Verantwortliche des weißrussischen Olympiateams. Es kann doch gar nicht anders laufen. Gut ist: Diese Typen können nicht entkommen, denn sie stecken in der olympischen Corona-Blase fest. Vielleicht gibt es Verhaftungen – es ist nicht die Zeit für Spekulationen, hier mache ich das dennoch: Ich gehe davon aus, dass die Verantwortlichen vernommen werden.

Das IOC hat vom National Olympic Committee of the Republic of Belarus (NOCRB) einen Bericht angefordert. Das NOCRB, Sie erinnern sich gewiss, wird neuerdings von Viktor Lukaschenko präsidiert, einem der Söhne des Diktators, nachdem das IOC im Dezember 2020 erste Sanktionen gegen das NOCRB verhängt hatte. Nach den Sanktionen, hat Alexander Lukaschenko halt seinen Sohn zum Präsidenten gemacht, der zuvor ohnehin Vizepräsident war. Im März 2021 wurden diese Maßnahmen ausgeweitet. Die Wahl von Viktor Lukaschenko erkennt das IOC nicht an. Bemerkenswert damals, dass ein gesamter Vorgang inklusive Vorlage für das IOC-Exekutivkomitee veröffentlicht wurde:

BLR-EB-Decision

Alles viel zu spät, natürlich. Vergessen wir dies nicht, so lief das über Jahre, als die Lukaschenkos ehrenwerte Mitglieder der Olympischen Familie waren (obwohl die britische Regierung dem Mörder 2012 mal die Einreise zu den Olympischen Spielen in London verweigert hatte) …

… in der olympischen Familie aber gab es Beifall, die European Games 2019 und allerlei Orden, einen vom inzwischen selbst suspendierten IOC-Mitglied Pat Hickey (verhaftet 2016 als Kopf einer mutmaßlich kriminellen Organisation bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro).

Natürlich werden sie beim IOC diese Fotos nicht gern sehen.

Man darf ihnen das nicht schenken.

Es ist die historische Wahrheit: Sie verbünden sich mit Blutsaugern und Terror-Regimes unter dem Deckmäntelchen Olympias.

Dass sich das IOC in diesen Stunden für Kristina Timanowskaja einsetzt, daran habe ich dennoch keine Zweifel. James MacleodDirector of the NOC Relations Department and of Olympic Solidarity, dessen Unterschrift Sie oben auf der Sanktions-Vorlage gesehen haben, hat gestern gegen Mitternacht mit Timanowskaja gesprochen.

Es kann jetzt nur darum gehen, dass Timanowskaja in Sicherheit ist, Asyl findet und vor der Rache der mörderischen Diktators verschont bleibt.

Das heutige Schlusswort hat ausnahmsweise IOC-Sprecher Mark Adams:

The IOC and Tokyo 2020 will continue our discussions with her and understand what the next steps will be and what she wants to pursue.

We are listening to her, supporting her and making sure she gets what she wants.

Indes haben das die Polen schon übernommen.

Die Geister, die das IOC und die olympische Familie riefen … Der Fall wird uns eine Weile beschäftigen. Hoffen wir das Beste für Kristina Timanowskaja und alle anderen Sportler, die allen möglichen Despoten ausgesetzt sind, die sich Teil der olympischen Familie nennen dürfen.

Es bleibt ein Jammer.

Bleiben Sie dran – und bleiben Sie neugierig!


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