Putin in Wien

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Wiens Polizeipräsident Mag. Dr. Gerhard Pürstl hat zur Judo-Europameisterschaft an diesem Wochenende nur jenen Menschen Zutritt ins Ferry Dusika Stadion gestattet, die „ihre Kleidung und mitgeführte Behältnisse“ durchsuchen ließen. Im Amts-Österreichisch lautet die Anordnung des Mag. Dr. Pürstl:

VERORDNUNG der Bundespolizeidirektion Wien vom 21.4.2010

Die Verordnung des Mag. Dr. Pürstl in ihrer ganzen Pracht

Ich finde ja, allein schon diese Verordnung ist eine Geschichte wert. Und erst der Grund dieser Verordnung: Russlands Premier Wladimir Putin, Ehrenpräsident der European Judo Union (EJU) und Kumpel des Judo-Weltpräsidenten Marius Vizer (Intimfeind meines neuen Freundes Park Yong Sung), war als Privatmann zu Gast. Judoka Putin hat mit Vizer einst die Übernahme des Weltverbandes in seiner Residenz in Sotschi ausgemacht und geholfen, Park vom IJF-Thron zu stoßen. Aber dazu vielleicht später mal mehr (ganz sicher, ist nur eine Frage von Jahren :)

Mag. Dominik Sinnreich, Kurier-Mitarbeiter und Österreich-Korrespondent dieses Blogs, hat Putin in Wien verfolgt. Sein Bericht nach dem ersten Tag mit Putin:

***

von Dominik Sinnreich

Um 17.18 Uhr war es so weit. Der haarige Hinterkopf war das erste, was man sehen konnte. Es war eine Bilderbuch-Geburt, ohne Komplikationen, ohne dass jemand nachhelfen musste. Um 17.18 Uhr war Wladimir Putin endlich da, er schritt die Stufen von den Katakomben hinauf in die Halle, den so oft fotografierten Kopf konnte man auch von hinten zweifelsfrei identifizieren.

Viel war diskutiert worden über den Besuch von Wladimir Putin bei der Judo-EM in Wien. Einen Privatbesuch. Der Judoliebhaber und Ehrenpräsident des europäischen Verbandes EJU werde eine Judo-Reise mit eingeschobenen Staatsterminen machen; keinen Staatsbesuch mit Judo-Exkurs, war betont worden.

So kam es dann auch. Und es wurde, man muss es so direkt sagen, furchtbar langweilig. Es liegt wohl auch am Status von Judo als Randsportart, dass der Besuch entgegen aller Ankündigungen davor eher beiläufig abgehandelt wurde. Dass er plötzlich einfach in der Halle stand, auf dem für ihn zurechtgezimmerten Sonderpodest.

Eine Stunde zuvor hatten sein Intimus Marius Vizer, Lothar Matthäus und Karl Schranz – die ersten beiden in weiblicher Begleitung, letzterer in jener von einem Boulevardjournalisten – die Halle betreten. Sie verstehen sich übrigens blendend, die Kristina Liliana und die Irina.

Putin, Vizer, Wien 24. April 2010

Schnappschuss mit Putin & Vizer auf der Ehrentribüne

In den Tagen davor blühten in Wien die Spekulationen rund um die Anreise, der berüchtigten Kronen-Zeitung wären beinahe die Ausrufezeichen ausgegangen, um all die Sniper, Bombenkommandos und Todessterne anzukündigen, die seinem Besuch den gebührenden militärischen Anstrich geben würden. Über die Anzahl der Dummy-Limousinen (kleines Verwirrspiel) war diskutiert worden, es gab Interviewverbote für die Sicherheitskräfte. 50 Journalisten und 15 Kamerateams sollten seinen Auftritt begleiten. Dass die Sportler die Medaillenkämpfe für zehn Minuten unterbrechen müssten, wenn Putin dann käme, hieß es.

Aber Putin war dann so spannend wie eine Topfpflanze. Nichts wurde unterbrochen, er saß einfach dort, wo man ihn hingesetzt hatte (zwischen Vizer und Österreichs Sportminister Norbert Darabos. Es wirkte alles furchtbar deplatziert. Einer der mächtigsten Männer der Welt, zu Gast bei einer EM in einer Randsportart, in einer Randsport-Halle: Keine 2000 Leute waren da, in einem 70er-Jahre-Bahnrad-Palast, der eigentlich nur mehr das Mahnmal für das Fehlen einer modernen Multifunktionsarena in der 2-Millionen-Stadt ist.

Und dann schritt er sogar noch aufs Siegerpodest, ließ die mitgebrachten Judo-Kinder (so waren sie zumindest angekündigt, in Wahrheit war es das U-17-Nationalteam) hielt eine kurze Ansprache, erzählte von der besonderen Bedeutung des morgigen Teamwettbewerbes, sah eine Parallele zwischen der Tradition in Wien und jener im Judosport, er dozierte in Englisch, in Deutsch, in Russisch. Er übergab ein paar Medaillen und ein Autogramm – und war wieder weg, exakt zwei Stunden und dreißig Minuten, nachdem sein Hinterkopf das Licht der Halle erblickt hatte.

Und: nichts. Weder kremlin.ru noch eju.net oder gar die Seite des Weltverbandes IJF (dort ist immer noch Samaranch die Topmeldung) haben bislang etwas zu diesem Besuch online. Nur in Putins Hauspost gibt es Fotos von den Treffen mit Österreichs Kanzler Werner Faymann und Präsident Heinz Fischer. Mit Faymann wollte er „future bilateral cooperation in the energy, transport, cultural and humanitarian spheres, regional cooperation and a number of pressing international issues“ besprechen, am Sonntag wird noch ein Kranz niedergelegt. Sportpolitisch kam das spannendste aber wohl schon Samstagabend, als Putin und Vizer die Hinterköpfe zusammensteckten.

Den russischen Sportlern hatte er kein Glück gebracht. Es war der einzige von drei Wettkampftagen, an denen die Russen ohne Gold blieben, er sah nur ein Finale mit russischer Beteiligung, aber auch das verlor Tea Donguzashvili klar. Aber er will ja am Sonntag wieder kommen, zum Teambewerb.

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