IOC-Ehrenpräsident Samaranch und der KGB

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JAS, Guatemala 2007

IOC-Ehrenpräsident Juan Antonio Samaranch hat einst dem Diktator Franco im Range eines Sport-Staatssekretärs gedient. Erst jüngst wurde in Spanien wieder über Fotos debattiert, die den 89-Jährigen mit erhobenem Arm zeigen – beim Faschistengruß. Nun behaupten russische Autoren, Samaranch sei Agent des sowjetischen Geheimdienstes KGB gewesen.

„Der KGB spielt Schach“ heißt ein auf Russisch frisch erschienenes Buch. Darin geht es vor allem um den Einfluss des Geheimdienstes auf die Schach-Elite der Sowjetunion, um atemraubende Machenschaften bis hin zu Mordkomplotten. Neben dem Historiker Juri Felschtinski zählen die Schach-Großmeister Wiktor Kortschnoi und Boris Gulko zu den Autoren – sowie Wladimir Popow, ehemals ranghoher KGB-Führungsoffizier. Popow hat einst hunderte Quellen und Agenten im Sportbusiness geführt und bearbeitet. Er behauptet: KGB-Sportagent war nicht nur der langjährige Schach-Weltmeister Anatoli Karpow (Deckname Raul), sondern auch Juan Antonio Samaranch, IOC-Präsident von 1980 bis 2001.

Samaranch war 1977, nach dem Tod seines Führers Franco, als spanischer Botschafter für die Sowjetunion und die Mongolei nach Moskau abgeschoben worden. Im Exil machte er Sport-Karriere: Moskau war Olympiagastgeber 1980, unmittelbar vor Eröffnung dieser Boykottspiele wurde Samaranch IOC-Präsident. Er gewann die Wahl mit 44 IOC-Stimmen gegen Marc Hodler (Schweiz/21), James Worrall (Kanada/7) und Willi Daume (Bundesrepublik/5). Der Neuseeländer Lance Cross hatte im letzten Moment auf seine Kandidatur verzichtet. Samaranchs Transformation vom Blauhemdträger der Falange zum olympischen Moralapostel war gelungen.

Laut KGB-Oberstleutnant Popow hat daran der Geheimdienst mitgewirkt und Stimmen der IOC-Mitglieder aus dem Ostblock organisiert. Der KGB habe sich Samaranchs Mitarbeit erpresst, nachdem man den Botschafter beim Schmuggel mit Antiquitäten, Schmuck und Gemälden erwischt habe. Vom KGB sei Samaranch als „sowjetischer Sport-General“ geführt worden, behauptet Popow, der sich 1996 nach Kanada absetzte.

Samaranch war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. IOC-Kommunikationsdirektor Mark Adams, neu im Geschäft, sagte mir, die KGB-Geschichte sei „bloße Spekulation“.

Über der Wahl am 16. Juli 1980, am Vorabend der Boykottspiele, im Moskauer Haus der Gewerkschaften, dort wo Samaranch exakt 21 Jahre später abtrat und von Rogge ersetzt wurde, lastet seit jeher der Schatten der Korruption. Samaranchs Vorgänger Lord Michael Killanin (Irland) sagte später öffentlich:

Ich war der festen Überzeugung, daß der Posten eines IOC-Präsidenten nicht käuflich sein sollte. Es gibt eine wachsende Tendenz – und viele Gerüchte -, sich Posten durch Gunstbezeugungen zu erschleichen.

Killanin, Samaranch, Moskau 1980 - Screenshot TV

Moskau 1980: Lord Killanin (links) übergibt das Zepter an den jungen Samaranch

An der Amtsübergabe von Killanin zu Samaranch hatten seinerzeit natürlich auch der ehemalige Adidas-Chef Horst Dassler mit seiner „sportpolitischen Abteilung“ (inklusive des Schmiergeldboten Jean-Marie Weber) großen Anteil – und der Franzose André Guelfi, genannt Dédé le Sardine, eine der zentralen Figuren im internationalen Sportbusiness seit Anfang der 1970er Jahre bis zu Beginn dieses Jahrtausends. Guelfi, geboren in Marokko, selbst einst Geheimdienstler, ehemaliger Rennfahrer und in den neunziger Jahren als Schmiergeldbote im gigantischen Korruptionsskandal um den Mineralölkonzern Elf Aquitaine berühmt geworden, schilderte in seinen Memoiren ausführlich die Umstände der Samaranch-Krönung: „Ich konnte fast alle überzeugen, ihr Votum zu ändern. Samaranch wurde mit einer sauberen Mehrheit gewählt.“ Guelfi zahlte mit Geld und Produkten seiner Firma Le Coq Sportif, Dassler aus dem Topf von Adidas.

(Ich kürze hier ab, denn sonst müsste ich flink einen Text in der Länge eines Buches veröffentlichen über all die Beziehungen und dunklen Geschäfte von Guelfi & Co. in und mit dem IOC, der FIFA, Havelange, Dassler, Tarpischtschew, Smirnow, Samaranch, Blatter und vielen anderen Sportfürsten, über gefakte Olympiabewerbungen wie die von St. Petersburg, womit schon eine Verbindung zu Sobtschak und Putin gegeben ist, etc. pp.)

Legendär sind Samaranchs enge Beziehungen ins Sowjetreich und seine Nachfolger-Staaten. Bei Guelfi bedankte er sich, in dem er ihn in den neunziger Jahren persönlich bei den Diktatoren mittelasiatischer Republiken wie Usbekistan vorstellte. Dies war für Guelfi der Durchbruch, um seine Schmiergeldgeschäfte für Elf Aquitaine zu erledigen. Samaranch verschaffte Guelfi diplomatischen Status, öffnete alle Türen – und immer ging es bei diesen Deals auch um „Sport“, wurden viele Millionen an Funktionäre aus dem ehemaligen Sowjetreich verschoben.

Geheimdienstliche Beziehungen wurden Samaranch schon immer nachgesagt. Er hat es stets bestritten. Sporthistorisch macht die Darstellung der russischen Autoren für die Zeit bis 1980 deshalb Sinn. Der Historiker Felschtinski, der seit drei Jahrzehnten in den USA lebt, kennt sich in der Welt der Geheimdienste zweifellos aus. Zuletzt hatte er nach dem Plutonium Polonium-Mord an seinem Freund und Ex-Agenten Alexander Litwinenko das Buch „Eiszeit im Kreml“ veröffentlicht.

Sollte Samaranch tatsächlich als KGB-Agent geführt worden sein, war die Quelle offenbar nicht sehr ergiebig. Denn fünf Jahre später bildeten die Auslands-Spionage-Abteilung von KGB und der DDR-Staatssicherheit ein bizarres Joint Venture, um das IOC, Adidas und die von Dassler inzwischen gegründete Marketingagentur ISL auszuspionieren. In einem Stasi-Dossier aus jener Zeit heißt es über Samaranch: Die Gabe, „sich unter den Mächtigen Freunde zu machen“, zeichne ihn aus. So konnte er auch den Makel des „früheren Bekenntnisses als hundertprozentiger Franco-Anhänger“ überwinden.

Samaranch war übrigens stets äußerst misstrauisch: Als IOC-Präsident ging er mit wichtigen Gästen zur Besprechung gern hinaus in die Gärten der IOC-Zentrale von Lausanne-Vidy. Das hatte er schon im geliebten Moskau so gehalten – aus Sicherheitsgründen, aus Angst vor Wanzen des KGB, war er mit Gesprächspartnern durch die Straßen flaniert. Und Jahre später, am ruhigen Genfer See, peinigten den Geheimstrategen immer noch Wahnvorstellungen: Seine Zimmerflucht im Palace-Hotel ließ er regelmäßig nach Abhörgeräten untersuchen.

***

In Kurzfassung und unverlinkt :) erschienen u.a. heute in der Süddeutschen Zeitung: „Schach mit dem Präsidenten“

enrasen #1

Dies sind die Geschichten mit Kommentaren und weiterführenden Infos, weshalb ich hier vorbeikomme. Herrlich – das ist besser als jeder Roman, weil es hier nie endet.

Jens Weinreich #2

@ enrasen: Das sind die Kommentare, für die es sich lohnt, hier zu bloggen!

Pecas #3

Tripel-These zu dieser Enthüllung – warum zu diesem festlichen Anlass hier auf diesem Blog nicht auch einmal in drei Eimern zugleich Eulen in die Stadt der fünf Ringe tragen? – :

„Der Sport“, vereinnahmt „vom Staat“ (a.k.a. seine Funktionäre), wird – vollkommen unabhängig von irgendeiner „Systemfrage“ (1), wie gerade an der Person S. zu sehen ist – in erster Linie zur Inszenierung eines Staates um des Staates willen (2) gebraucht.

„Doch der Staat um des Staates willen“, wie ein (schon allein dem Namen nach) sehr früher Experte auf dem Gebiet, nämlich mein Freund Hugo Ball (1876-1927), erkannt hatte, „besteht nur aus Verderbnis, sei es Verderben oder Verdorbenheit seiner Bürger.“

Im Nachgeschmack dieser Bemerkung eines Theokratiekritikers, und wenn man sodann von all den in der Branche geradezu üblichen, im Zuge der fortschreitenden Kommunikationsherrschaft immer üblicher werdenden, teilweise sogar *friedensnobelpreisverdächtigen* Spezialbekundungen einmal absieht, bestünde also der finale Teil 3 des doch recht unverhofft gewährten Einblicks.

Horst #4

Der „Plutonium-Mord“ sollte eher Polonium-Mord heißen.
Davon ab: interessanter Artikel.

Linksaussen #5

„(Ich kürze hier ab, denn sonst müsste ich flink einen Text in der Länge eines Buches veröffentlichen über all die Beziehungen und dunklen Geschäfte von Guelfi & Co. in und mit dem IOC, der FIFA, Havelange, Dassler, Tarpischtschew, Smirnow, Samaranch, Blatter und vielen anderen Sportfürsten, über gefakte Olympiabewerbungen wie die von St. Petersburg, womit schon eine Verbindung zu Sobtschak und Putin gegeben ist.“

Und warum nicht diesen Roman schreiben? Tom Clancy, John Grisham oder Michael Crichton verkaufen sich doch auch millionenfach, dabei ist das nur Fiktion!

Eigentlich könnte diese Geschichte (Samaranch) auch der Plot des nächsten James Bond werden. KGB, Franco, Bestechungen, weltweite Terrorehrbare Organisationen für das Beste im Menschen, poltische Verwicklungen bis in die höchsten Kreise – alles drin.

sternburg #6

Habe ich jetzt erst gelesen und möchte – falls das jemanden interessiert – enrasen und linksaussen aus vollem Herzen Recht geben.

cf #7

nur so am rande: Horst hatte übrigens durchaus recht mit seinem hinweis — da kannst du quasi von glück reden, dass sich plutonium nicht von grengelbergmann betreuen lässt!
(aber es wäre ja schon irgendwie fatal, wenn an dieser stelle der eindruck entstehen könnte, es bedürfe anwaltlicher geschütze um hier eine banale richtigstellung durchzusetzen ;))

Jens Weinreich #8

@ cf, Horst: Keine böse Absicht. Ich hatte es einfach übersehen. Jetzt ist der Fehler korrigiert, ohne anwaltlichen Druck. Vielen Dank.

Herbert #9

Der frühere Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Juan Antonio Samaranch, ist mit Herzbeschwerden in die Notaufnahme eines Krankenhauses eingeliefert worden und befindet sich in ernstem Zustand. „Er leidet unter einer akuten Herzinsuffienz. Die Prognosen sind schlecht“, sagte ein Sprecher des Barcelona Quiron Hospitals. Der ehemalige Funktionär werde auf der Intensivstation behandelt.

Als IOC-Chef schaffte Samaranch den Amateur-Paragraphen ab, ließ Profis zu den Spielen zu und baute das olympische Programm vor allem im Frauensport kräftig aus.

Zudem trug er maßgeblich dazu bei, dass seine Heimatstadt Barcelona den Zuspruch für die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 1992 erhielt. Zuletzt hatte er die Bewerbung von Madrid für die Spiele 2012 und 2016 unterstützt, allerdings vergeblich.

http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,690224,00.html

Ralf #10
Ralf #11

Herbert Fischer-Solms und Friedhard Teuffel im Tagesspiegel: Macht und Spiele

Thomas Vögele in der FR: Der Ringe-Händler

Peter Ahrens für SpOn: Olympias Retter, Olympias Verräter

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