Tokio, was vom Tage übrig bleibt: Athletenkommission, Terho, Isinbajewa, Timanowskaja, Mao Zedong, Talachadse

URAYASU. Beginnen wir mit dem sportpolitisch Aktuellen: Die Finnin Emma Terho ist zur Chefin der IOC-Athletenkommission gewählt worden. Eine offizielle Bestätigung und Mitteilung der Kommission/des IOC kam gerade via Twitter, Liam Morgan hat darüber bereits berichtet.

Warum ist das wichtig: Der Chef/die Chefin der Athletenkommission erhält automatisch einen Sitz im IOC-Exekutivkomitee. Zuletzt waren das Frankie Fredericks, Claudia Bokel, Angela Ruggiero und Kirsty Coventry. Mal schauen, wo sich Emma Terho da einordnet.

Im Newsletter 15 hatte ich in der Nacht dazu gedichtet, denn diese Wahl heute hatte eine gewissen Brisanz.

Putins Darling auf dem Weg in die IOC-Führung

Despoten und Politik. Hatten wir das nicht gerade? Und gab es da nicht ein Land, das irgendwie gar nicht zu sehen sein sollte bei diesen Olympischen Spielen? Hieß das Land Russland, die Staatsdopingnation, oh, Entschuldigung: man soll, ja nur ROC sagen. Jedenfalls, ein Bild aus besseren, aus noch besseren Zeiten: Der gewesene Sportminister und heutige Vize-Ministerpräsident Witali Mutko (knallhart gesperrt vom IOC), der Allmächtige Wladimir und eine seiner Lieblingssportlerinnen, Jelena Isinbajewa, Olympiasiegerin im Stabhochsprung. Das Foto entstand im Februar 2014 bei den irregulären Staatsdoping-Winterspielen in Sotschi, während derer Putin die Annexion der Krim vorbereitet hatte (ohne dass das IOC den Bruch des olympischen Friedens monierte). Isinbajewa war damals Bürgermeisterin des Olympischen Dorfes:

Staatsdoping-Architekt Mutko, Staatsdoping-Präsident Putin, Bürgermeisterin Isinbajewa. (Foto: IMAGO)

Frau Isinbajewa gelangte 2016 in Rio de Janeiro auf recht dubiose Weise ins IOC. Obgleich sie ihre Kandidatur zu spät abgegeben hatte, wurde sie für die Wahlen zur Athletenkommission zugelassen. Diese merkwürdigen Wahlen brachten das von wem auch immer gewünschte Resultat: Jelena Isinbajewa wurde ins IOC kooptiert, wie damals in Rio übrigens auch die China-Expertin, China-Verteidigerin, China-Liebhaberin und Lobbyistin Britta Heidemann ins IOC gelangte. 

Heide-wer? Kennt die jemand? Im IOC ist sie bisher nicht aufgefallen, im DOSB-Präsidium, dem Britta Heidemann aufgrund ihrer IOC-Mitgliedschaft angehört, ebenfalls nicht. Zuletzt war sie bei Sitzungen kaum zu sehen. Babypause oder so. Für zahlreiche TV-Auftritte aber war Zeit. Dazu später mal mehr. 

Isinbajewa kam also ins IOC, als sich die ganze Welt über das russische Staatsdoping und die manipulierten Winterspiele 2014 empörte. Sie und Heidemann lösten im IOC Claudia Bokel ab, deren achtjähriges Mandat als Athletensprecherin ablief. Bokel hatte als eines der wenigen IOC-Mitglieder Widerstand zur Russland-Politik von Bach versucht. Sie wurde quasi ohne Dankeschön verabschiedet.

Nachfolgerin von Bokel als Athletensprecherin wurde für kurze Zeit die Amerikanerin Angela Ruggiero, die Russland-Kritiker unter Athletensprechern auf finsterste Weise attackierte. Ihr folgte Simbabwes Sportministerin Kirsty Coventry, die im Grunde gegen Athleteninteressen arbeitete und in jeder Beziehung den Willen der IOC-Führung durchsetzte. Dafür wurde sie vor zwei Wochen auf der IOC-Session belohnt: Ihre Mitgliedschaft wird als persönliche Mitgliedschaft weiter geführt – Coventry dürfte damit bis 2053 im IOC bleiben. 

Liam Morgan berichtete nun am Donnerstag auf Insidethegames, dass Isinbajewa zum nächsten großen Schlag ausholte: Sie wollte Chefin der IOC-Athletenkommission werden, wo sie gegen die Finnin Emma Terho um den Vorsitz kandidierte. Der Chefposten in der Kommission ist automatisch mit der Mitgliedschaft im IOC-Exekutivkomitee verbunden.

Darum geht es.

Das Land, das nicht bei den Spielen sein dürfte, das Land, das nicht Russland genannt werden soll, sondern Russisches Nationales Olympisches Komitee, das Land, das angeblich noch eine Weile keine Großereignisse ausrichten und angeblich so hart bestraft worden ist, das Land das mittlerweile drei Präsidenten von olympischen Weltverbänden hat (Fechten, Schießen, Boxen), darunter zwei Milliardäre, dieses Land wollte ein Mitglied in der IOC-Regierung, Jelena Issinbajewa, eine homophobe Vertreterin des Staatsdopingsystems, die Whistleblower attackiert und verunglimpft. Ich beende die Aufzählung.

Willkommen in der olympischen Realität.

Im Newsletter 15 habe ich Emma Terho für die Wahl am Freitag alles Gute gewünscht, hatte aber meine Zweifel. Sie hat es doch geschafft. Gut so. Ob sie sich profilieren und unabhängig agieren kann, werden wir sehen.

Die Eishockeyspielerin Terho ist eine zurückhaltende Zeitgenossin. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich so verbiegen wird wie zuvor Ruggiero, aber vielleicht fehlt mir ein Stück vom Film. Ruggiero kam aus demselben Sport. Womöglich bin ich immer noch zu naiv und gutgläubig, obwohl mir doch von der Gegenseite und von Leuten, die nicht viel von der Materie verstehen, doch oft Zynismus nachgesagt wird. Terho ist vorsichtig, sie hört sich aber um und scheut nicht den Kontakt zu Andersdenkenden. Interessant war, dass sie gemeinsam mit James Tomkins 2019 in Colorado Springs an der Konferenz Play the Game teilgenommen hat, die unter dem Motto “Athlete power on the rise” stand. Das erste Mal überhaupt hat das IOC quasi eine kleine Abordnung geschickt, nachdem Play the Game, wo ich seit vielen Jahren ehrenamtlich als Mitglied der Programmkommission tätig bin, doch zwei Jahrzehnte auf der IOC-Blacklist stand und insbesondere der IOC-Generaldirektor Christophe de Kepper ziemlich gegen PTG gekämpft hat, auf allen Ebenen. Er wäre aber zu feige, das zuzugeben. (Andere IOC-Mitglieder wie einst Gerhard Heiberg, der im Jahr 2000 bei Play the Game war, haben sich nicht darum geschert, sie sind einfach gekommen. Dick Pound ist ohnehin Stammgast auf der Konferenz, er gehört zum Inventar und hat sogar den Play the Game Award bekommen.)

Isinbajewa. Mein Gott. Wenigstens dieses Unheil wurde vorerst abgewendet. Wer weiß, was da noch kommt.

Und wenn schon Athletenwahlen sind und am Sonntag neue Athletenvertreter ins IOC aufgenommen werden (alle Details dazu folgen noch, stay tuned), möchte ich dringend nochmal an die Geschichte von 2018 erinnern, von den letzten Athletenwahlen und IOC-Mitgliedschaften:

Der IOC-Präsident bestimmt selbst einige Sportler, er sucht sogar Favoriten für eine IOC-Mitgliedschaft aus. Während der irregulären Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi hat das IOC dem norwegischen Team das Tragen von Trauerbändern verboten, was gemäß Olympischer Charta quasi als politische Demonstration gewertet wurde. Der Bruder der Langläuferin Astrid Uhrenholdt-Jacobsen war kurz vor den Spielen verstorben.

Vier Jahre später, bei den Winterspielen in PyeongChang, stellte sich Astrid Jacobsen der Wahl zur IOC-Athletenkommission. Sie bekam 808 Stimmen und wurde damit Dritte hinter Emma Terho (1.045) und der Amerikanerin Kikkan Randall (831) – vor Hong Zhang(China/787), Armin Zöggeler (Italien/761) und Ander Mirambell (Spanien/664).

Am Schlusstag der Spiele nahm die IOC-Session satzungsgemäß Terho und Randall für acht Jahre als IOC-Mitglieder auf. Auf Vorschlag des IOC-Präsidenten Bach, wie es in derlei Fällen heißt, wurde zusätzlich die Chinesin Zhang ins IOC aufgenommen. 

Eine Chinesin. Nur die Vierte der sogenannten Athleten-Wahl. Nicht etwa Astrid Jacobsen, die Dritte. 

Inzwischen hat Bach Frau Zhang zur Chefin der IOC-Kommission für die Olympischen Jugendspiele 2024 gemacht – das freut China.

Und heute hat Bach wieder einen Sportler ausgewählt. Irgendeine Begründung findet sich immer:

Alt-Mao, Neu-Mao und chinesische Mao-Cheerleader

Und gleich nochmal China:

Chinesische Radsportlerinnen, Pins des Großen Vorsitzenden Mao Zedong. (Foto: IMAGO)

Das IOC und seine Rule 50. Politische Botschaften und so. Als solche werden vom IOC ja gern auch simple humanitäre Gesten, das Eintreten gegen Rassismus und für die Menschenrechte gewertet, die doch universal sind und in allen Ländern gelten sollten. Sogar in China, Gastgeber der Olympischen Winterspiele 2022. In Tokio trugen die Teamsprint-Olympiasiegerinnen Bao Shanju und Zhong Tianshi Anfang der Woche Sticker an den Trainingsjacken, Sticker des Großen Vorsitzenden Mao Zedong, der für den Tod von wie vielen Menschen verantwortlich ist: 100 Millionen? Das IOC, so heißt es, habe einen Bericht angefordert.

Aber sooooo wichtig nehmen sie das nun auch nicht in Lausanne.

Heute Nacht war dieser von Grit Hartmann empfohlene Beitrag des chinesischen Künstlers @badiucao auf der Webseite von ABC lange nicht zu erreichen. Server-Crash. Würde mich nicht wundern, wenn chinesische Hacker am Werk gewesen sein sollten. Inzwischen scheint wieder alles zu funktionieren und der Beitrag ist abrufbar.

The Olympics is no place to praise a tyrant

The revival of the use of Mao’s badges has an undeniable political motivation. Chinese President Xi Jinping, regarded as the most powerful figure since Mao, has fully oriented China towards a kind of nationalist fervour and has praised communist ideology throughout the one-hundredth anniversary of the CCP. At the same time, egregious human rights crises, like Xinjiang’s concentration camps and the crackdown on the democratic movement in Hong Kong, have emerged under his watch.

As a China-born citizen who lost members of his family during Mao’s reign of terror, it was traumatic to see those badges being worn during a medal ceremony. It also makes me angry to see young Chinese athletes fail to learn the brutal truth of China’s history. To celebrate with this badge contributes to that ignorance and misleads others. In other words, their decision to wear the Mao badges is a form of political propaganda.


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Xi Jinping, der Nachfolger Maos, das wissen Sie gewiss, ist Träger des Olympischen Ordens und gern gesehener Gast in Lausanne. Er ist Geschäftspartner des IOC beim Milliardenprojekt Peking 2022, er allein führt das Projekt zum Erfolg, wie vor zwei Wochen eine Sprecherin der Chinesen der IOC-Session erzählte. Xi hatte schon 2008 in den letzten Monaten der Vorbereitung auf die Sommerspiele in Peking die Aufsicht.

Olympischer Ordensträger Xi Jinping, Olympischer Ordenswächter Thomas Bach. (Foto: IMAGO/Xinhua)

Ich hatte den Vorfall verpasst, wie so vieles bei den Spielen, das ist ja eher die Regel. Die New York Times notierte, wie knallhart das IOC gegen diese Verletzung der Rule 50 vorgeht. Nicht.

The cyclists’ badges are a potential violation of Rule 50 of the Olympic charter, which bans “political, religious or racial propaganda” at Olympic venues.
In a news briefing on Wednesday, Mark Adams, an I.O.C. spokesman, said that the committee had asked China’s Olympic delegation to submit a report explaining the incident, and that it had been promised a “full formal answer soon.”“
They have also assured us already that this will not happen again,” Mr. Adams said.

The girl just want to run

The girl just want to run. Kristina Timanowskaja in Warschau. (Foto: IMAGO)

Kristina Timanowskaja ist über Wien nach Warschau geflogen und hat dort am Donnerstag eine erste Pressekonferenz gegeben. Ihre Geschichte gehört zu den großen Themen dieser Olympischen Spiele. Und dabei geht es um mehr als einen mörderischen Diktator in Belarus. Ihre Geschichte lässt sich in den großen Konflikt dieser olympischen Jahre integrieren:

Sportler begehren auf und wollen nicht länger Spielball der Mächtigen sein. Ob diese Mächtigen nun Lukaschenko oder IOC heißen. Bevor erste Leser aufheulen, die aus Lausanne zum Beispiel: Nein, ich setze hier nicht Thomas Bach mit Alexander Lukaschenko gleich.

Bitte nachdenken. Danke.

Inzwischen hat das IOC zwei verantwortlichen Weißrussen die Akkreditierungen entzogen, die Spiele sind ja ohnehin bald beendet.

Die Gesetze der Schwerkraft

Ich möchte natürlich noch eine Episode von vorgestern nachtragen. Muss sein.

Was bin ich froh, am Mittwochabend noch schnell zu den kernigen Kerls ins Tokyo International Forum gegangen zu sein. Es war ein Erlebnis, wie immer bei den Superschweren. Korrigieren möchte ich allerdings einen blöden Fehler: Zunächst hatte ich auf Twitter dem Olympiasieger Lascha Talachadse, der mit knapp einem Zentner Vorsprung gewann, korrekt drei Weltrekorde und acht Olympische Rekorde in einem Wettkampf zugeschrieben.

Dann aber kam ich beim gründlichen nochmaligen Zählen plötzlich auf fünf Weltrekorde.

So stand es zunächst auch in meinem Text für den SPIEGEL.

Dabei war dieser Fehler nicht etwa auf Dummheit oder eine Flüchtigkeit zurückzuführen, sondern gewissermaßen auf zu viel Aktenstudium. Ich habe sogar das gemacht, was ich bei Statistiken Idiotentest nenne. Habe mir eine zweite Person geholt, in diesem Fall ein Gewichtheber-Superhirn aus dem Presseteam hier in Tokio, und bin jeden Versuch durchgegangen. Strichliste haben wir geführt und das dreimal. Indes, unser Bezugspunkt war falsch, ein falscher Ausgangswert für den Weltrekord.

So entstehen Fehler, manchmal kann man es zu gründlich machen. Und manchmal arbeitet man flüchtig – und trifft ins Schwarze. Manchmal wiederum kann man recherchieren und recherchieren und ist vielleicht sogar zufrieden mit der Arbeit – und versaut es sich mit einem Flüchtigkeitsfehler und kassiert eine Klage oder eine Gegendarstellung. So ist das im Journalismus.

Lascha Talachadse wird natürlich nicht klagen. Ob 13 oder nur 11 Rekorde bei Olympia, das ist ihm ziemlich egal. Er fand die Frage offenbar sogar amüsant, die ich ihm in der Mixed Zone stellte, wo wir allein waren, wenn ich von den vielen Volunteers absehe. Wie schräg: Ein Olympiasieger und ein komischer Reporter aus Deutschland – allein für ein paar Minuten, kein anderer Mensch interessierte sich für Talachadse. Und er wusste selbst nicht, wie viele Rekorde das in Tokio waren.

Holger Gertz war übrigens auch zugegen, hat er mir heute erzählt, gesehen haben wir uns diesmal nicht. Er schrieb in der Süddeutschen Zeitung über “Lasten im Gegenwert von Jungelefanten”.

Kaukasische Urgewalt: 177 Kilo Lebendgewicht, 488 Kilo im Zweikampf, ein Name: Lascha Talachadse (Foto: IMAGO/Xinhua)

Ich hatte gedichtet:

Den Gesetzen der Schwerkraft muss sich manchmal sogar ein Prachtkerl wie Lascha Talachadse beugen. Der bärtige Georgier, mächtig genährt und auf die Minute topfit, erzielte in einem einzigen Wettbewerb im Tokyo International Forum drei Weltrekorde sowie sage und schreibe acht Olympische Rekorde. Der stärkste Mann der Welt hebt in einer anderen Liga. Die Konkurrenten hätten sich auf Talachadse Hantel setzen können, er hätte auch diese Gewichte fachgerecht verarbeitet und über seinem Schädel fixiert.

Lascha Talachadse wurde mit einem Zentner Vorsprung Olympiasieger in der Klasse der Superschweren, wie 2016 in Rio de Janeiro.

Zum ersten Versuch im Stoßen trat Talachadse erst an, nachdem alle anderen bereits am Ende waren und die Teams aus Iran und Syrien ihre Heber schon für deren Silber- und Bronzemedaillen feierten. Dann der Meister: 177 Kilogramm Lebendgewicht, auch in dieser Kategorie der Primus. Ein Bauch wie ein Walross. Tief Luft geholt, ein Stöhnen, man sah sogar, dass er sich anstrengen musste. Schon war der nächste Rekord im Kasten. Doch irgendwann muss das Eisen zu Boden, die Schwerkraft halt, da kann man nichts machen. Lascha Talachadse geht mit seiner Zentnerlast nicht etwa noch spazieren, nein, er lässt es dann mächtig krachen. Es beruhigt ungemein, die Hanteln fallen zu sehen und zu hören, denn es gibt aus Tokio doch mittlerweile so viele Berichte darüber, dass Athleten angeblich den Gesetzen der Schwerkraft trotzen, quietschvergnügt einen Weltrekord nach dem anderen aufstellen, ja geradezu fliegen – gerade ein paar Kilometer weiter westlich von der Gewichtheber-Arena ist das zu beobachten, im Olympiastadion bei den Leichtathleten.

Die Deutsche Presse-Agentur ging der Sache mit der neuen Laufbahn auf die Spur und verbreitete diese Version: „Dreidimensionale Gummikörnchen, die eine Stoßdämpfung und eine Energierückgabe ermöglichen, wie bei einem Trampolin.“ Bloß merkwürdig, dass der Trampolineffekt nebst Stoßdämpfung nur in einigen Disziplinen und nicht bei allen Athleten wirken. Im Gewichtheben, nun ja, wäre so ein Trampolineffekt lebensgefährlich. Wer will schon Fünfzentnerlasten, wie sie Lascha Talachadse liebt, durch die Gegend federn lassen.

Auf der Pressekonferenz habe ich getan, was ich bei den Superschweren schon 1996, 2000 und 2004 getan habe: Mich nach Doping erkundigt.

Wie Sie wissen, ist Gewichtheben, erschüttert von flächendeckendem Doping und schwerer Kriminalität an der Spitze des Weltverbandes IWF, nur auf Bewährung olympisch. Für Paris 2024 steht die Sportart zwar im Programm, doch bis dahin sind es drei Jahre und wird es also Dutzende neue Fälle geben, mindestens. Sollte das so kommen, würde das IOC Gewichtheben wohl aus dem Programm streichen. Obwohl die Wettbewerbe ganz zackig unterhaltsam organisiert werden. Aber das ist nebensächlich.

Feierstunde: Georgische Reporterin, georgischer Herkules.

Ich wollte von den drei Medaillengewinnern wissen:

Die ganze Welt zweifelt an der Sauberkeit ihres Sports – was sagen Sie den Menschen da draußen, warum sollten die Menschen Ihnen glauben?

Lascha Talachadse war von 2013 bis 2015 wegen Dopings gesperrt. Nachgewiesen hatte man ihm das Ben-Johnson-Gedächtnismittel Stanozolol. Er schaut jetzt immerhin auf von seinem Smartphone.

  • „Gewichtheben war immer im olympischen Programm“, sagt er. „Und das sollte auch so bleiben! Meine Botschaft an die Leute, die zweifeln, ist die: Bestraft all diejenigen, die betrügen. Aber bestraft nicht die Unschuldigen!“

Nun der Gewinner der Silbermedaille, Ali Davoudi aus dem Iran, der gerade drei Junioren-Weltrekorde aufgestellt hat und als Nachfolger des vielfachen Weltmeisters und Olympiasiegers Hossein Rezazadeh gilt.

  • „Die Menschen im Iran sind glücklich über meine Silbermedaille“, erklärt Ali Davoudi. „Gewichtheben ist unsere Sportart, so populär. Ich will den Menschen noch viel Freude bereiten.“

Schließlich der Dritte, Assad Man aus Syrien. Er wird ganz philosophisch:

  • „Gewichtheben ist die Ikone der Kraft. Ich frage die Presse: Wenn Gewichtheben aus dem olympischen Programm gestrichen würde, welche andere Sportart sollte unseren Sport als das Symbol der puren Kraft ersetzen?“ 

Dabei schaut mich Assad Man von seinem Podium unentwegt an. Er sucht den Blickkontakt, um seine Botschaft zu unterstützen.

Gelernt ist gelernt. Die drei Recken antworten nicht zum ersten Mal auf derartige Fragen. Im Vergleich zu früheren Olympischen Spielen gehen die Gewichtheber routiniert damit um. Mit dem Zweifel der Medienvertreter, also jener Journalisten, die nicht aus dem Iran kommen und sich noch im Saal der Pressekonferenz mit den Hebern fotografieren. Bei früheren Olympischen Spielen taten schon die Dolmetscher so, als könnten sie die Fragen nicht verstehen. Und wenn sie verstanden hatten, taten die Heber gern so, als bliebe ihnen der Sinn der Fragen verborgen. Manche Sportler verließen wortlos die Pressekonferenz, andere, wie einst auch der iranische Nationalheld Rezazadeh, schwiegen einfach. Minutenlang.

So hatte ich es 2000 in Sydney erlebt: Ronny Weller baute nach meiner Frage nach Trainingskontrollen seine Dopingpässe vor sich auf, er stellte sie vor die Trinkflaschen des IOC-Sponsors. Der Armenier Aschot Danieljan verließ schweigend den Saal, einfach so. Zwei Tage später kam seine positive Dopingprobe. Olympiasieger Hossein Rezazedeh schwieg, er und der Dolmetscher waren sich irgendwie einig.

Da sind die Jungs heute doch von einem anderen Kaliber.

Es wird am Ende kaum helfen.

Die olympischen Wettbewerbe von Tokio, bei denen chinesische GewichtheberInnen sieben (oder waren es 700?) Goldmedaillen gewannen und bei denen Talachadse jederzeit den Eindruck machte, als könne er zehn Pferde mehr in die Höhe wuchten, sind lange nicht beendet. Frühestens 2031 stehen die Ergebnislisten, solange bleiben die Dopingproben eingefroren und können bei Bedarf nachgetestet werden. Ich schätze, dass die Tokio-Wettbewerbe vielleicht erst nach den Olympischen Sommerspielen 2032 in Brisbane enden.

Es könnte der letzte Auftritt von Gewichthebern bei Olympischen Spielen gewesen sein. Und ich war dabei.

Das war ich gewissermaßen meiner Familie schuldig, denn ich verrate Ihnen jetzt ein Geheimnis: Mein Stiefvater ist ehrenamtlicher Manager des mehrmaligen deutschen Mannschaftsmeisters SSV Samswegen, meine Mama hat viele Jahre Eintritt kassiert bei Bundesligakämpfen und auch sonst mit allen möglichen Tätigkeiten ausgeholfen. So ist das in diesem Sport in der Bundesliga.

Was Sie hier alles erfahren.

Bleiben Sie neugierig!


3 Gedanken zu „Tokio, was vom Tage übrig bleibt: Athletenkommission, Terho, Isinbajewa, Timanowskaja, Mao Zedong, Talachadse“

  1. Spätburgunder

    Was ich nicht ganz verstehe – was hat das gemeine, persönliche IOC-Mitglied von seiner / ihrer Mitgliedschaft, so unterm Strich, auf dem Konto, außer viel Reisestress? Und natürlich dem Abglanz der IOC-Sonne, schon klar.

  2. Spätburgunder

    Was ich nicht ganz verstehe – was hat das gemeine, persönliche IOC-Mitglied von seiner / ihrer Mitgliedschaft, so unterm Strich, auf dem Konto, außer viel Reisestress? Und natürlich dem Abglanz der IOC-Sonne, schon klar.

  3. Was hat ein Bundestagsabgeordneter von seiner Tätigkeit, außer viel Geld und Kontakt zu Lobbyisten?
    Ähnliche Fragen, oder?
    Eine Mitgliedschaft im wichtigsten Gremium des Weltsports für die nächsten 42 Jahre – das scheint mir, unabhängig von den vielen Reisen und Höhepunkten, doch eine interessante Perspektive.
    Es gibt da dann selbstverständliche vielfältigste Möglichkeiten des Aufstiegs und der Einflussnahme.

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