live von der 138. IOC-Session (Tag 2): Pandemiebewältigungs-Onanie

TOKYO/URAYASU. Da sammer wieder. Viel Vergnügen!

It is a very very special day, sagt der TGIOCLOAT. Sehe ich auch so. Jeder Tag, an dem man durcharbeiten kann, ist etwas Besonderes. Aber ich bin nur ein einzelnes Menschenkind. Die Herrschaften auf der IOC-Session bekämpfen die weltweite Pandemie und sichern den Weltfrieden. Gerade sprach der UN-Generalsekretär schon wieder eine Video-Grußwort, Thomas Bach (FDP) und Jochen Färber, sein Zeremonienmeister, haben die Videoschnipsel fein aufgeteilt, das reicht für ein paar Tage. Hach, und überhaupt, wie der Größte IOC-Präsident aller Zeiten gerade ausführt, auch die Beziehungen des IOC zur Weltgesundheitsorganisation WHO wachsen und wachsen und wachsen und werden besser und besser und besser. Nun die Keynote von Tedros Adhanom Ghebreyesus.

„Thank you so much, my friend Thomas“, sagt der Äthiopier.

Ich höre die Glöckchen der Friedensnobelpreisengelchen klingeln.

Nun aber kümmere ich mich um mein Frühstücks-Süppchen.

„There is no zero risk in life“, sagt Tedros Adhanom Ghebreyesus. „Risk can not be eliminated completely.“

„The mark of success is not zero risk. Not zero risk in anything.“

Da müht sich jemand sehr um eine Botschaft.

Tut mir leid, aber es macht mich zunehmend wütend, wenn der Mann zum IOC redet, als säßen dort Weltverbesserer. Das IOC hat vergleichsweise fast nichts aus wirklich eigenen Mitteln und von seinen gigantischen Rücklagen in Hilfsprogramme investiert. Einen Teil des sogenannten Help Packages schulterte die Schweizer Regierung (für in der Schweiz ansässige internationale Verbände), und selbst das IOC kassierte ja Staatshilfen für seine Angestellten. Die FIFA, zum Beispiel, hat da viel mehr geleistet – nur nicht so extrem propagandistisch ausgeschlachtet. Dass ich das mal sage.

„The world needs more than ever a celebration of hope. May these Games are the moment that unites the world.“

Es fällt mir schwer, diesen verbalen Nonsense (ich bin höflich) ernst zu nehmen. Es ist unerträglich. Jetzt lässt er sich von Bach auch noch eine olympische Fackel bringen.

Während Bachs Freunde aus Peking, aus dem Land, das Konzentrationslager betreibt, nun über die fantastische Vorbereitung auf die Winterspiele 2022 berichten, schaue ich kurz nochmal genauer hin. Gerade preist die Chinesin die Inspektionen durch ihren großartigen Führer Xi Jinping. Weil man dessen Anweisungen gefolgt sei, laufe alles hervorragend. Sie liest das vor wie eine dieser berühmten Ansagerinnen im nordkoreanischen Staatsfernsehen. Leute, Ihr müsst Euch das auf Youtube unbedingt ansehen. Mir glaubt ja keiner.

„All planning is good“, sagt Juan Antonio Samaranch zu Peking, der Chef der IOC-Koordinierungskommission, der in China mit seiner Firma große Geschäfte macht.

Im Übrigen ist dieser harte Cut zu den Chinesen fantastisch, weil mit dieser Diktatur-Poesie die Friedensengel-Romantik und Pandemiebewältigungs-Onanie konterkariert wird. Hier sprechen die Botschafter eines menschenverachtenden Regimes.

Nun also wieder zu den Kameraden Tedros Adhanom Ghebreyesus und Thomas Bach. Da ich Youtube-Sequenzen des IOC hier nicht einbinden kann/darf, müssen Screenshots her.

1 – Tedros fragt betont beläufig, ob nicht jemand eine olympische Fackel zur Hand habe, die das Licht am Ende des dunklen Corona-Tunnels … Sie wissen schon …

2 – … tatsächlich hat zufällig ein IOC-Mitarbeiter eine riesige Fackel parat. So ein Zufall. Oh, es ist gar kein beliebiger Mitarbeiter aus der Administration? Es ist der Große Vorsitzende TGIOCLOAT höchstpersönlich? Na, so ein Zufall. Wo hatte er denn die ganze Zeit die Fackel versteckt gehalten? …

3 – … wirklich nett vom Thomas, und Zufall, wie gesagt. Kurz inne halten für die Hausfotografen. Propaganda muss wohl organisiert sein. Nur schaut Euch bitte kurz den skeptischen Blick des Mannes rechts hinten an. Ich würde 39,90€, den Preis eines Tokio-Tickets dafür geben, zu erfahren, was Nenad Lalovic gerade denkt. Da ich ihn gut kenne, glaube ich, seinen Blick deuten zu können. Natürlich würde er es nie zugeben. Anyway, sehr überzeugt von dieser erneut übertrieben inszenierten Nummer scheint der Serbe nicht zu sein. Und er versteht als Sohn eines Diplomaten aus dem ehemaligen Jugoslawien sehr viel von Politik und Propaganda, glaubt mir einfach.

4 – … der zufällig mit einer Fackel behilflich gewesene Bach marschiert wieder ab. Tedros hat jetzt die Aufgabe, den Moment auszukosten, damit IOC-Kameras und Fotografen noch etwas Material haben, während sich die IOC-Truppe schon mal auf Standing Ovations vorbereitet …

5 – … das passiert dann auch gleich …

6 – … Putins Liebling Jelena Isinbajewa ganz vorn rechts. Die kennt und mag derlei primitive Propagandanummern. Links daneben Karl Stoss aus Österreich, zwischen den beiden, nach hinten versetzt zwischen den beiden: der Ruder-Präsident Jean-Christophe Rolland …

7 … und noch einmal die selbstlosen Kameraden Tedros und Thomas.

Währenddessen hat Thomas Bach die Chinesen gelobt und erzählt, dass ca. 80 Trilliarden Chinesen nun Wintersport betreiben, Tag und Nacht – oder habe ich es an dieser Stelle nicht so mit den Fakten. Okay, minimal übertrieben.

Das sei ein Meilenstein in der Geschichte des olympischen Wintersports und eine große, ganz große Möglichkeit. So hat er es gesagt.

11.45 Uhr: Nach Peking 2022 folgten die Berichte von Paris 2024, Milano Cortina 2026 und gerade Los Angeles 2028, wo die künftige IOC-Vizepräsidentin Nicole Hoevertsz einen weiteren wichtigen Job als Chefin der Koordinierungskommission übernommen hat.

Meanwhile macht die IOC-Propagandaabteilung ihren Job und verbreitet die Keynote des WHO-Tedros mitsamt des gestellten Fotos (s.o.):

11.51 Uhr: TOP members. Prinzessin Anne, Chefin der Members election commission, ist nicht in Tokio. Für sie übernimmt Vizepräsident Yu Zaiqing aus China den Job. Targeting recruitment process für neue Mitglieder, so wie bei den Sommerspielen 2032.

Ich habe es gestern geschrieben: Kirsty Coventry hat sich durch Arschkriechen eine persönliche IOC-Mitgliedschaft verdient.

Yu spricht leider so schlecht bzw rudimentär Englisch, dass ich nur die Hälfte verstehe, oder bloß ein Viertel. Ich hoffe, dass das IOC ausnahmsweise mal eine vernünftige Info zu den Mitgliedschaften fertig bringt. Ich glaube es nicht. So werde ich dem Herrn Yu wohl nochmal auf Youtube lauschen müssen – und doch nur ganz wenig verstehen. Zumal, der wird selbst nicht kapieren, was er da schlecht und vielleicht sogar teilweise falsch vorliest. Man kann sich also nicht darauf verlassen. Wirklich unterirdisch.

Gute Nachricht: Ich bekomme ein Ticket für die Eröffnungsfeier am Freitag. Wir können also endlich mal wieder ein Eröffnungsfeier-live-Blog starten. Daran haben früher zehntausend Menschen teilgenommen. So voll wird es nicht mehr, aber das Publikum ist erlesen.

Für Coventry ist der Fachbegriff: change of status – von einer Athletenvertreterin zum individual member.

Erledigt. Mit 78:2 Stimmen. 2 Enthaltungen.

„I am looking forward serving our movement. Thank you!“

Weitere kleinere Wahlen:

Neue IOC-Vizepräsidentin wird Nicole Hoevertsz (Aruba), ebenfalls ein treue Unterstützerin des TGIOCLOAT. Unvergessen, schrieb ich das nicht kürzlich schon mal, ihr Zitat im September 2013 in Buenos Aires, am Tag der Wahl von Bach: „Heute Abend gibt es Würstchen!“

Hoevertsz ist The Woman to watch, wenn es um die Nachfolge von Thomas Bach geht. Who knows, vielleicht hat Zimbabwes Sportministerin Coventry auch Ambitionen.

Robin Mitchell (Fidschi, als ANOC-Vertreter) und Denis Oswald sichern Plätze im Exekutivkomitee. Die Norwegerin Kristin Kloster Aasen, die hierzulande bekannt wurde, verzichtet zugunsten von Oswald auf ihre Kandidatur bzw eine echte Wahl zwischen ihr und dem Schweizer.

Jetzt wird sie doch noch gewählt, was habe ich da verpasst? Und zack, ist Kristin Kloster Aasen auch EB-Member. Kapiere es nicht, eben hatte sie noch für eine Position zurückgezogen. Ihre Position als Chefin der Future Host Commission wird sie aufgeben müssen, denn EB-Mitglieder dürfen nicht gleichzeitig diese Kommission führen. Wow, gestrenge IOC-Ethiker.

Delegate Member for Protocol, Princess Nora.

Love it.

12.54 Uhr: Päuschen bis 15.40 Uhr (7.40 MESZ). Dann werden die Olympischen Spiele 2032 vergeben. Will be back. Nun ein Powernap.

Dazu werde ich aber einen neuen Beitrag aufmachen.

2 Gedanken zu „live von der 138. IOC-Session (Tag 2): Pandemiebewältigungs-Onanie“

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