Arrivederci, Gianni! Uff wiederluege, Herr Infantino!

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Und es geht weiter. Ticktack, ticktack, ticktack … die Zeit des Gianni Infantino als FIFA-Präsident, der sich eben noch superstolz mit Papst Franziskus und Vlad Putin getroffen hat, dürfte bald abgelaufen sein.

Im Schnitt waren acht FIFA-Präsidenten seit 1904 je vierzehn Jahre im Amt. Kann sein, dass Infantino nicht mal vier Monate schafft.

Sportkameraden Puyol, Infantino, Putin am Mittwoch in Moskau. (c) LOC 2018

Sportkameraden Puyol, Infantino, Putin am Mittwoch in Moskau. (c) LOC 2018

Wollte heute Abend entspannt meine harmlosen Zusammenfassungen der vergangenen Tage bloggen und einige Links empfehlen, da beginnt die Uhr für den lieben Gianni, der offensichtlich nicht der Smarteste ist, ganz heftig zu ticken.

Zusammengefasst:

  1. Erst schmiedet er erfolgreich einen Komplott, um Domenico Scala aus den Ämtern zu drängen.
  2. Dann beauftragt er offenbar den Rechtsdirektor (und nunmehrigen stellvertretenden Generalsekretär) Marco Villiger damit, die Audio-Datei des Council-Meetings in Mexiko löschen zu lassen.
  3. Gleichzeitig ergeht Auftrag, dass die sonstigen Protokollschreiber nichts machen sollen, sondern ein treuer Diener aus dem Präsidentenbüro offenbar gefälschte Minutes erstellt, die mit der Wirklichkeit nicht mehr viel zu tun haben.
  4. Zwei Millionen Gehalt sind ihm übrigens zu wenig – ein solches Angebot (von Scala festgesetzt und eigentlich nicht verhandelbar) bezeichnete er im Exko/neu: Council als “Beleidigung”.
  5. Das alles garniert mit ungezählten Wahrheitsbeugungen und perfider Propaganda aus dem Home of FIFA, wo die Propaganda-Abteilung seit dem 27. Mai 2015 fast verstummt war (und das war auch gut so), jetzt aber zu neuem Leben erwachte – in unsäglicher Tradition.
  6. (Dazu noch viele Altlasten aus der UEFA, dubiose Netzwerke und Personen, die Panama Papers, die Behinderung und Verhinderung früherer FIFA-Reformen, die Beleidigungen in Richtung Theo Zwanziger und und und und …)

Das alles mag strafrechtlich nicht relevant sein. Nach der kriminellen Vorgeschichte der FIFA und ihrer Funktionäre/Kontinentalverbände dürfte das aber für einen gepflegten Rücktritt oder gar Rausschmiss reichen.

Gemäß Meldungen von Tim Röhn in der Welt und Mario Stäuble im Tages-Anzeiger steht eine Suspendierung des FIFA-Präsidenten durch die Ethikkommission unmittelbar bevor. Selbst wenn es dazu (noch) nicht kommen sollte. Der Email-Verkehr lässt kaum Fragen offen. Allenfalls die nach dem Geisteszustand von Infantino. Obwohl: als sonderlich smart ist er nie beschrieben worden.

Gegenüber der Welt gab die FIFA-Propagandaabteilung bis zur Erstveröffentlichung keine Stellungnahme ab. Gegenüber dem Tages-Anzeiger erklärte man, es habe sich lediglich um eine Kopie der Audio-Datei gehandelt.

Nun ja.

(c) Tages-Anzeiger

(c) Tages-Anzeiger

Sie machen einfach weiter, immer so weiter. Ob sie nun Blatter oder Infantino oder Jeffrey Webb heißen – der übrigens wird morgen verurteilt (Urteil wurde auf November vertagt). Schaun mer mal, ob er sich durch sein spätes Geständnis in ein mildes Urteil retten konnte.

Die Geschichten von Tim Röhn und Mario Stäuble (aus dessen Online-Text auch der oben veröffentlichte Emailwechsel stammt) ergänzen die Berichterstattung der vergangenen Tage in der FAZ vortrefflich.

Inzwischen meldet Brian Homewood von Reuters: No formal proceedings against FIFA chief Infantino says ethics committee.

Das muss nicht viel heißen. Für Voruntersuchungen gibt es massig Material (s.o.), die Ethikermittler tun da etwas geheimnisvoll. Die Eröffnung eines offiziellen Verfahrens, das einher gehen könnte mit einer vorläufigen Suspendierung, wie Tim Röhn meldete, ist eine andere Geschichte – der zweite Schritt.

Reuters gibt zu Protokoll:

“In accordance with standard practice, all official FIFA meetings – including Council meetings – are recorded and archived. This was the case for the meeting in Mexico City in question,” FIFA said in a statement.

“The email exchange that makes mention of the deletion of audio files refers to a copy of the original audio file of the meeting that was improperly stored on a local drive.”

“This mention does not refer to the officially archived audio file. That file exists and is properly saved at FIFA.”

Nicht zu vergessen:

Hier nun also eine kurze Zusammenfassung des vorherigen Geschehens – die bis zum Abend noch halbwegs aktuell war :)

* * *
Die Chefin war zu Besuch und lobte ihre Belegschaft in den höchsten Tönen. Am Montag stellte sich die Senegalesin Fatma Samoura im Hauptquartier des Fußball-Weltverbandes FIFA vor. Ihren Dienst als neue Generalsekretärin und damit als CEO des Milliardenkonzerns tritt sie in drei Wochen an. Samoura hat viele Jahre Hilfsprojekte der Vereinten Nationen geleitet, im Fußballbusiness aber fehlen ihr die Basics. Schon deshalb war bei ihrer Coup-artigen Blitzverpflichtung Anfang Mai gemutmaßt worden, sie sei nur eine Quotenfrau, um die Öffentlichkeit zu täuschen – die Macht aber bleibe beim seit Februar amtierenden Präsidenten Gianni Infantino, der eigentlich nicht ins Tagesgeschäft der FIFA-Administration eingreifen, sondern vor allem eine politische Führungsrolle einnehmen soll.

Infantino hat es binnen dreier Monate geschafft, in der Tradition seines Landsmannes und Vorgängers Joseph Blatter öffentlich jeglichen Kredit zu verspielen und die FIFA-Administration nach seinem Gusto zu gestalten. Seine Kandidatin, Frau Samoura, die sich keinem Ausschreibungsprozedere stellen musste, durfte in Zürich brav die neuen Personalien verkünden. Ihr zur Seite stehen nunmehr zwei stellvertretende Generalsekretäre: Für den Fußballbereich (Turniere und Spielentwicklung) ist der Kroate Zvonimir Boban verantwortlich, einer der Berater des Präsidenten. Boban war 1987 Junioren-Weltmeister mit Jugoslawien und 1998 WM-Dritter mit Kroatien. Er hat nach seiner Laufbahn, das ist außergewöhnlich, mit einer Arbeit über das Christentum im Römischen Reich promoviert. Zuletzt war er vor allem als Fußballkommentator tätig.

Boss Infantino, Berater Boban - am Mittwoch in Moskau bei der Arbeit. (c) LOC 2018

Boss Infantino, Berater Boban – am Mittwoch in Moskau bei der Arbeit. (c) LOC 2018

Für die Finanzen und die Administration steigt der bisherige Rechtsdirektor Marco Villiger zum Stellvertreter Samouras auf. Dabei zählt der Schweizer Villiger zur alten Führungscrew des für acht Jahre gesperrten ehemaligen Generalsekretärs Jerome Valcke und des vergangene Woche unter undurchsichtigen Umständen entlassenen Valcke-Stellvertreters und Finanzchefs Markus Kattner. Villiger, Valcke und Kattner waren Lieblinge von Blatter – sie haben in ihren Verantwortungsbereichen allesamt mehr als ein Jahrzehnt das System FIFA abgesichert. Eine juristische Würdigung ihres Wirkens steht noch aus. Es ist keinesfalls unwahrscheinlich, dass es nach Valcke und Kattner auch Villiger in den Strudel reißt. Vorerst aber geht es auf der wackligen Karriereleiter nach oben, was vor allem damit zu tun haben dürfte, dass Villiger seit einem Jahr als wichtigster Verbindungsmann der FIFA zur amerikanischen Kanzlei Quinn Emanuel und darüber zum US-Justizministerium fungiert. Diese Verbindung zu unterbrechen hat sich Infantino nicht getraut, anders als bei den Personalien Kattner und Domenico Scala.

Scala, einen der wenigen wirklichen Reformer im FIFA-Reich, hat Infantino Anfang Mai aus dem Amt als Chef der Compliance-Kommission gedrängt. Dieser Komplott gegen Scala war zeitnah beschrieben worden – und wurde nun in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit brisanten Mitschnitten und Aussagen von den jüngsten FIFA-Vorstandssitzungen in Mexiko belegt:

Erneut reagierte die FIFA-Propagandaabteilung heftig auf die Veröffentlichungen, wie schon Mitte Mai nach dem Mexiko-Kongress, auch das ist eine Tendenz der alten Zeiten: Es handele sich um „gegenstandslose Unterstellungen“ und „vorsätzlich falsche Darstellung“, teilten Infantinos PR-Leute mit. Woraufhin die FAZ, sehr cool, ihre Berichterstattung mit ausführlicheren Protokollnotizen ergänzte, die weltweit gierig aufgegriffen wurden. Demnach haben Infantino und andere Vorstandsmitglieder unmittelbar vor dem FIFA-Kongress in Mexiko vergeblich versucht, Scala zum Rücktritt zu überreden.

Er sei einer derjenigen Personen, die „das Leben kompliziert“ machen. Der hartnäckige Manager, Italoschweizer wie Infantino, hat die Geschäfte der FIFA-Nomenklaturkader gestört und Rachegelüste geweckt. Doch Scala blieb standhaft, woraufhin auf dem Kongress ein dubioser Passus abgesegnet wurde, der es dem neuen FIFA-Council für ein Jahr erlaubt, Mitglieder der Kontrollgremien zu feuern und zu benennen. Daraufhin trat Scala unter Protest zurück und zürnte, die Gremien würden „faktisch ihrer Unabhängigkeit beraubt“ und zu Erfüllungsgehilfen derjenigen degradiert, „die sie eigentlich überwachen sollten“. Und Infantino erklärte die FIFA-Krise auf dem Kongress für beendet.

Infantino und seine Propagandaabteilung haben seither auch in der Frage des präsidialen Gehalts die Wahrheit munter verbogen und die Öffentlichkeit wohl ziemlich getäuscht. Die damals noch von Scala geleitete Vergütungskommission hatte Infantino zwei Millionen Schweizer Franken angeboten. Infantino lehnte ab und bezeichnete die zwei Millionen gegenüber seinen Council-Kollegen in Mexiko als „Beleidigung“.

Today I have no contract with Fifa. I didn’t sign a contract that was proposed to me by the chairman of the Audit and Compliance committee. I did not accept this proposal. It was a proposal which I found insulting. (…) May be I have to ask someone of you for a loan at some stage.”

Nur ein Vorstand protestierte gegen das Vorgehen Infantinos: Der Engländer David Gill. Der Deutsche Infantino-Getreue Wolfgang Niersbach dagegen, dem einer zweijährigen Sperre durch die FIFA-Ethikkommission droht und gegen den die Frankfurter Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in seiner Zeit als DFB-Präsident ermittelt, war natürlich auf der Seite der alten Garde.

Alarmierend sind Aussagen Infantinos vor dem Council, wonach Cornel Borbély, Chef der Ermittlungskammer der Ethikkommission, den Präsidenten über Anzeigen gegen ihn informiert habe. Dabei ging es auch um den von der Familie Infantino geplanten Kauf eines Anwesens in Zürich für 25 Millionen Franken. Borbély habe die Anzeigen in den Papierkorb befördert, behauptete Infantino.

Infantino: I was informed by the chair oft the investigatory chamber oft he Ethics Committee of Fifa, Mr. Borbély, that the chairman of the Audit and Compliance committee has filed a complaint against me. Saying basically that I have no salary and that I am looking or my wife is looking for a house in Zurich, and therefore how can I afford to buy a house. An expensive house apparently, expensive house he said to the Investigatory Chamber, that’s a house of 25 millions. Complete nonsense. And if I have no salary and want to buy a house of 25 millions there is a suspicion of corruption, or money laundering or of something else. Now the Ethics committee Investigatory Chamber chairman told me this goes straight in the bin and this is complete nonsense. There is no investigation, there is nothing about this.”

Zu diesem Vorwurf will Roman Geiser, Sprecher der Ermittlungskammer, nicht direkt Stellung nehmen. Geiser bleibt allgemein: “Die Untersuchungskammer kann keine Angaben dazu machen, ob gegen eine Person eine Voruntersuchung vorliegt oder nicht. Im Rahmen aller Untersuchungen der Ethikkommission gelten klare Verfahrensabläufe, die eingehalten werden. Die Art und Weise wie ermittelt wird, können wir nicht kommentieren.”

Derweil ermitteln Staatsanwaltschaften in zahlreichen Ländern weiter intensiv im Kriminalfall FIFA, vor allem in den USA und der Schweiz, aber neuerdings auch in Frankreich. In den USA soll diese Woche das Urteil gegen den geständigen ehemaligen Vizepräsidenten Jeffrey Webb verkündet werden. Webb drohten wegen millionenschwerer Korruption mehrere Jahrzehnte Haft, die er durch sein Geständnis und Rückzahlung von bislang 6,7 Millionen Dollar verringern wollte. Bislang wurde Anklage gegen 39 Personen, und zwei Firmen erhoben, darunter fünf FIFA-Vizepräsidenten und je drei Präsidenten der Kontinentalverbände in Nord- und Südamerika. Die Firmenchefs von Traffic Sports USA und Traffic Sports International sowie 15 Funktionäre und Manager haben sich schuldig bekannt, teilweise früh mit den Ermittlern kooperiert und mitunter sogar als Kronzeugen agiert. Einer der Angeklagten, der Brasilianer Marco Polo del Nero, der sich in seiner Heimat der Auslieferung an die USA entzieht, agiert inzwischen sogar wieder als Boss des Nationalverbandes CBF – mit Billigung der angeblich reformierten FIFA.

Eine Variante des Textes erschien auf SpiegelOnline: FIFA-Chef Infantino: von wegen Aufklärer

Lektüre-Empfehlungen:

* * *

Zum Themenkomplex Scala/Infantino/Council hatte ich vor drei Wochen nach dem Kongress in Mexiko vom Schreibtisch aus diesen Beitrag geschnitzt, der taugt hier vielleicht noch als Ergänzung:

FIFA-Boss Infantino: schlimmer als Blatter

Dieser 66. FIFA-Kongress in Mexiko sollte ein Kongress der Erneuerung werden. „The crisis is over“, erklärte Präsident Gianni Infantino wie einst sein Vorgänger Joseph Blatter in unvergleichlicher Verkennung der Tatsachen. Während in Amerika und Europa zahlreiche Kriminalbehörden gegen langjährige FIFA-Größen und organisierte Fußballkriminalität ermitteln, verwandelte Infantino die Vollversammlung in Mexiko-Stadt in einen Kongress der Restauration. In handstreichartigem Vorgehen gelang es ihm, seinen Einfluss und die Macht des neuen FIFA-Councils auszubauen. Zu den Kernpunkten des erst im Februar auf dem Sonderkongress in Zürich verabschiedeten sogenannten Reformpakets zählten allerdings Regularien, die genau das Gegenteil bewirken sollten. Die Befugnisse des FIFA-Präsidenten und des Councils sollten beschnitten werden.

Nun hat Infantino im Stile seiner Vorgänger João Havelange und Joseph Blatter den Kongress überrumpelt. Die bislang feststehenden Mitglieder des Councils, das im Grunde ein auf 36 Mitglieder erweitertes Exekutivkomitee darstellt, mussten nicht überrumpelt werden. Es sind die üblichen Verdächtigen, gegen die zahlreiche Indizien der Vetternwirtschaft und Korruption vorliegen, die als Schmiergeldempfänger längst enttarnt sind, so wie Vizepräsident Issa Hayatou aus Kamerun, oder die in ihren Heimatländern nicht mehr tragbar sind, wie der einstige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. Infantino zauberte wenige Stunden vor dem Kongress in Mexiko die Quotenfrau und UN-Mitarbeiterin Fatma Samoura aus dem Senegal als neue Generalsekretärin aus dem Hut, ohne dass diese Personalie einer eingehenden Prüfung mit einem Integritätscheck unterzogen worden wäre – auch hatte die Propagandaabteilung des Weltverbandes noch wenige Tage zuvor verlauten lassen, mit einer Neubesetzung des Vorstandspostens wäre erst im Herbst 2016 zu rechnen. Über Frau Samoura, die erst eingearbeitet werden muss, sichert sich Infantino auch für die nächsten wichtigen Monate entscheidenden Einfluss in der FIFA-Administration.

Zugleich peitschte Infantino am Freitag jenen dubiosen und höchst umstrittenen Passus durch, der tags darauf umgehend zum Rücktritt des verdienstvollen Domenico Scala als Chef der Audit und Compliance Kommission führte: Das FIFA-Council kann ab sofort Mitglieder der Rechtsorgane ernennen und absetzen. Dazu zählen die Compliance-Kommission, die beiden Kammern der Ethikkommission sowie das Berufungs- und Disziplinarkomitee. Entscheidend ist hier die Entlassungsklausel, die selbst die letzten wohlmeinenden FIFA-Beobachter hilflos zurücklässt. Zu Infantinos Erfüllungsgehilfen gehörten einmal mehr die Deutschen: Councilmitglied Wolfgang Niersbach und der neue DFB-Präsident Reinhard Grindel, deren Nibelungentreue zu Infantino bedenklich ist und grundlegende Fragen aufwirft. Dass ausgerechnet Grindel nun als Kandidat für die Governance-Kommission der FIFA gehandelt wird, passt ins Bild.

Infantinos mexikanischer Coup war ein Schritt in die Vergangenheit, dessen Folgen noch nicht abzusehen sind. Das Label „Reform“ wurde erneut schwer beschädigt. Es war ja ohnehin ein Treppenwitz der Sportgeschichte, dass Infantino, der in seiner Zeit als UEFA-Generaldirektor nachweislich aktiv FIFA-Reformen behinderte (gemeinsam mit Niersbach übrigens), im Februar zum FIFA-Präsidenten aufsteigen konnte. Zweieinhalb Monate später hat er das Rad zurückgedreht. Was bedeutet das in der Praxis? Es ist jenen Councilmitgliedern, die wie der ehemalige DFB-Präsident Niersbach im Fokus der Ethikkommission stehen, nun möglich, im Council darauf hinzuwirken, hartnäckige Ethikermittler wie den Schweizer Cornel Borbély abzusetzen. Infantino selbst geriet nach Veröffentlichung der Panama Papers in Erklärungsnot, weil er als ehemaliger UEFA-Manager dubiose Verträge unterzeichnet hatte. Nur wenige Stunden nach den Enthüllungen hatte die Staatsanwaltschaft Anfang April die UEFA-Zentrale in Nyon durchsucht und ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt eröffnet. Borbély & Co beobachten diese Entwicklungen sehr genau.

Domenico Scala sprach nun davon, Ermittlungen gegen einzelne Councilmitglieder könnten „jederzeit verhindert“ werden. Personen der Rechtsorgane könnten durch „Drohung der Absetzung gefügsam gehalten werden“, die Gremien würden „faktisch ihrer Unabhängigkeit beraubt“ und zu Erfüllungsgehilfen derjenigen degradiert, „die sie eigentlich überwachen sollten“. Die FIFA-Propagandatruppe wies derartig realistische Optionen in das Reich der Legenden. In einer Stellungnahme hieß es, Scala habe „fehlinterpretiert“, „gegenstandslose Behauptungen“ aufgestellt und die Gefahren „gänzlich unbegründet“. Man muss den Wirtschaftsmanager Scala, den italienisch-schweizerischen Doppelbürger nicht verherrlichen, wenn man feststellt, dass er entscheidenden Anteil daran hat, dass die FIFA überhaupt noch existiert und im Februar wichtige Satzungsänderungen verabschiedet worden sind. Nun hat er sich sportpolitisch über den Tisch ziehen lassen und wurde vom Taschenspielertrick des Gianni Infantino überrascht. Er trat zurück, die Ethikchefs Borbély (Ermittlungskammer) und Hans-Joachim Eckert (rechtssprechende Kammer) bleiben im Amt, sehen derzeit keinen Grund für eine Demission, sind allerdings gewarnt und verwundert.

Infantinos Vorgehen darf als skrupellos bezeichnet werden. Er scheint sich nicht um die FIFA-Statuten zu scheren. Diese These wird auch durch seinen Umgang in der Gehaltsfrage genährt. So erklärte Infantino in Mexiko-Stadt öffentlich, er habe das Council darüber informiert, dass er nicht einverstanden sei mit dem ihm angebotenen jährlichen Salär von angeblich zwei Millionen Schweizer Franken. Sein Vorgänger Blatter, der sechs Jahre gesperrt wurde, hatte allein im vergangenen Jahr 3,6 Millionen kassiert. Infantino, so heißt es, wolle wie Blatter Spitzenverdiener der FIFA werden. Dabei soll es gemäß Regelwerk so laufen, dass die Festsetzung der Gehälter durch die Vergütungskommission nicht verhandelbar ist. Topverdiener soll der Chef der FIFA-Administration sein, demnächst also Fatma Samoura. Infantino hat damit offensichtlich ein gewaltiges Problem. „Geldgier“ zerstöre die „FIFA-Reformen“, erklärte deshalb der Strafrechtler Mark Pieth in einem Schweizer Boulevardblatt. Infantino sei „noch schlimmer und plumper als Blatter“, zürnte Pieth, einer der Architekten der neuen FIFA-Statuten: „Ein Kontrollfreak, der wegräumt, was ihm nicht passt“.

* * *
TBC – bzw: Der Text oben wurde schon mehrfach aktualisiert, etwa mit Reuters und FIFA-Statement.

Sven #1

Mittendrin als traditionelle Steigbügelhalter natürlich die gefreshfielten DFB-Granden, breit wie nie, wie immer. :-) Bei der Ueafa steht mit Villar Llona ja auch wieder der Nächste der alten Garde auf Abruf.

Aber eigentlich hätte der sträflich unterbenutzte Hashtag #infantilo schon vor Monaten so steil gehen müssen wie einst die Scorpions mit ihrem Wendehammer “Wind of no change” oder wie das nervige Ding damals hieß. Ist ja jetzt nicht so, als hätte der Mann irgendwie jemals ernsthaft Reputation gehabt. Saustallgeruch eine Menge, von Anfang an. Was los, Leute?

Ralf #2

Johannes Aumüller und Thomas Kistner in der SZ: Hausdurchsuchung in der Fifa-Zentrale

Ralf #3

Michael Ashelm in der FAZ: Fifa verstrickt sich in neue Widersprüche

Gegenüber FAZ.NET behauptet die Fifa, dass bei den Council-Sitzungen generell das Präsidentenbüro für die Protokolle verantwortlich sei – in Zusammenarbeit mit dem Generalsekretariat. Im Governance-Reglement des Fußball-Weltverbandes steht unter Ziffer 9.8. allerdings etwas anderes: „Der Generalsekretär, der von Amtes wegen und als Sitzungssekretär ohne Stimmrecht an den Ratssitzungen teilnimmt, erstellt von jeder Sitzung ein Protokoll. Ist er verhindert, wird er vom Stellvertretenden Generalsekretär vertreten. Das Protokoll wird grundsätzlich vom Generalsekretär unterzeichnet.“

Ralf #6

Mark Pieth im NZZ-Interview: «Ich bin erschüttert und traurig»

Stefan #8

Der US-Präsident trumpt in Richtung der afrikanischen Länder (oder, wie er sagen würde: Afrika):

“Es wäre eine Schande, wenn Länder, die wir immer unterstützen, sich gegen die US-Bewerbung [um die WM 2026] einsetzten. Warum sollten wir diese Länder unterstützen, wenn sie uns nicht unterstützen (auch bei den Vereinten Nationen)?”

http://www.spiegel.de/sport/sonst/donald-trump-droht-afrika-wegen-fussball-wm-2026-a-1205675.html
Also unter Blatter wäre jetzt wegen dieser krassen Einmischung der Politik ja der US-Verband gesperrt worden. Was meint der Hausherr?

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