Berlins Olympiabewerbung 2024: was die Bürger auf Tischdecken schreiben …

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Es ist spät geworden nach dem ersten Bürgerforum des Senats zur Berliner Olympiabewerbung 2024 unter dem Titel „Was will Berlin?“. Mehr als 300 interessierte Bürger, PR-Leute, Medienvertreter, Sportfunktionäre, Stadtplaner, MdB, Lokalpolitiker, Olympiagegner sollten es im Ewerk gewesen sein.

  • Meine Betrachtung dazu wird am Freitagmittag auf Krautreporter veröffentlicht, wo ich kürzlich einen einführenden Beitrag zum abstrusen Wettrennen ohne Regeln und Wertungskategorien zwischen Hamburg und Berlin geschrieben habe: „Olympia 2024: Spiel mit dem Feuer“.
  • Mein Twitterstream, gut gelesen gestern Abend mit 89.000 Impressions, gibt bereits einige Eindrücke wieder.

Hier nun eine kleine Bildgeschichte. Ohne Kommentar. Es schreiben jene, die das milliardenschwere Olympia-Abenteuer finanzieren müssen: die Berlinerinnen und Berliner. Die Gäste dieses Bürgerforums waren ausdrücklich aufgefordert, ihre Gedanken, Vorschläge, Fragen, Kritiken etc auf den Tischdecken zu verewigen.

Als alles vorbei war, habe ich die meisten dieser Notizen im Bild festgehalten – ungeordnet, ungefiltert.

Wer neu hier vorbei schaut, sollte Suchfunktion und Navigation benutzen und erfährt viel, was er gestern nicht erfahren konnte, wäre er im Ewerk gewesen.

Wer noch mehr wissen will, sollte den Kauf des Ebooks „Macht, Moneten, Marionetten“ erwägen – kann sich damit olympisch weiterbilden und nebenbei Recherchejournalismus finanzieren, damit es hier hochklassig weitergehen und Öffentlichkeit über das Olympiabusiness geschaffen werden kann.

Aufklärung tut Not, das habe ich nicht nur gestern in Berlin wieder gemerkt, sondern auch tags zuvor, als ich mich in Hamburg und Norderstedt herumtrieb. Recherchejournalismus und Faktenvermittlung sind nötig – solche Texte, oder solche, diese und jene. Sie sind nicht alltäglich.

Und nun wünsche ich eine möglichst erhellende Lektüre der olympischen Tischdecken-Notizen!

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Das müsste der Regierende Bürgermeister notiert haben, wenn ich richtig geschaut habe:

2a

 

 

Marc #1

Ich frage mich ja inzwischen, ob eine Veranstaltung, für die zig Ausnahmen, Spezial- und Sondergesetze angeblich notwendig sind, überhaupt seriös und legal sein kann?

Jan C. Rode #2

Interessant, das auf einigen Tischen auch von „Berlin + Hamburg = Olympia 2024/28“ zu lesen ist. Ich habe die Idee schon vor einem Jahr mal durchgespielt: http://www.der-medienlotse.de/hamburg-oder-berlin-hauptsache-olympia/

JW #3

Interessante Übersicht. Müsste man mit den Optionen der Agenda 2020 ergänzen. Bin derlei Gedankenspielen nicht abgeneigt. Aber das ist ja schon wieder erledigt, weil der DOSB halt gar keine Gedanken verschwendet, sondern nur Hinterzimmerpolitik macht. Wie immer.

Stefan #4

Bei Spiegel online durften heute 2 Olympiabefürworter (Thomas Heilmann und Tim Renner aus dem Berliner Senat) Argumente vorbringen. Demnächst sollen dann Gegner drankommen.
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/olympia-debatte-warum-berlin-die-olympischen-spiele-ausrichten-sollte-a-1018683.html
Nach einigen Belanglosigkeiten wie „Stadt der einstürzenden Mauern“ (!) und dem Vorschlag, „Couchsurfing“ einzubinden (die 00er haben eine ICQ-Message geschrieben und wollen ihre sozialen Netzwerke zurück!) kommt dann der Hammersatz:

Und vielleicht schaffen wir es ja, gemeinsam mit dem IOC Zuschauerkapazitäten auf ein zeitgemäßes Maß zu reduzieren und die nachhaltigsten Spiele aller Zeiten zu veranstalten.

Selten hat einer so auf den Tisch gehauen, wenn es darum ging, vom IOC Reformen einzufordern! Eltern wissen, der Satz „Vielleicht schaffst Du es mal, Dein Zimmer aufzuräumen“ ist nur die erste Eskalationsstufe. Und wenn sich Heilmann/Renner durchsetzen, übernachten die Funktionäre dann – statt im Luxuxhotel – bei unseren Kindern Max und Lisa auf der Couch in dem Stadtteil, der dann gerade mit Gentrifizierung dran ist, und schauen sich bei der Fahrt zu den Sportstätten die preisgekrönten Graffitis an.
I have a dream!

JW #5

Du kennst ja meine Tweets dazu. Selten so was dünnes gelesen. Zeigt einmal mehr, dass kein Geist dahinter steht. Nur ein Geplärre über die „olympische Idee“ und Coubertin. Unsinn.

Stefan #6

Weil immer mal London als leuchtendes Vorbild genommen wird: Hier hat mal jemand genauer hingesehen
http://www.tagesspiegel.de/berlin/olympische-spiele-in-berlin-london-als-abschreckendes-vorbild/11396730.html
(Obs den Platz im Tagesspiegel kostenlos gab, oder ob nur Befürworter zahlen müssen?)
Hier das Fazit, ab besten mal alles lesen.

Das städtebauliche Erbe der Londoner Spiele zeigt, dass es trotz hoher Ansprüche kaum gelingt, Einrichtungen und Infrastrukturen für ein Großevent so zu planen, dass sie nach dem Event adaptiert und flexibel weiterentwickelt werden können. Neben vielen anderen ein weiterer Grund, den betörenden Versprechen alternativer Olympische Spiele in Berlin zu misstrauen.

mb #7

Danke. Lesenswert.

WigaldEst #8

Eigentlich eine einfache Sache. Olympische Bezirke mit ihren riesigen Sportanlagen und Freiflächen werden im Alltag nie wieder voll bespielt und sind daher größtenteils Geisterstädte. Sieht man ja auch im derzeitigen Hamburger Konzept. Jene Insel würde mindestens zu zwei Drittel leer sein was normale urbane Aktivität angeht. Sprung über die Elbe? Von wegen. Olympia als Wunderelixir für die Stadtentwicklung fällt also auch weg. Nur die Wohnungen bleiben. Braucht man aber dafür unbedingt den Milliardenumweg Olympia?

Stefan #9

Braucht man aber dafür unbedingt den Milliardenumweg Olympia?

Die deutschen Kommunen sind doch dank Schuldenbremse schon mit der Daseinsvorsorge überfordert, und privatisieren alles. Da ist so ein olympischer Ausnahmezustand eine elegante Möglichkeit, die Schuldenbremse mal Schuldenbremse sein zu lassen, und sich noch ne Menge Kohle aus anderen Töpfen zu holen.

Stefan #10

Martin Delius (Piraten) zur Olympabewerbung:
http://martindelius.de/2015/02/hoer-mir-auf-mit-olympia/

Die Stadtgesellschaft in Berlin beobachtet dieser Tage eine besondere Konstellation arttypischen Verhaltens ihrer politischen Vertreterinnen: Die Metakampagne. Das Metathema diesmal heißt Olympia und lässt sich prima in das alte Metathema “wachsende Stadt” einfügen. Doch die Fokussierung auf diese Art politische Schlaglichter ist schädlich für den Fortschritt in allen politischen Bereichen.

M.M #11

Warum wird eigentlich nie die grundsätzliche Frage gestellt, welchen Sinn der Leistungssport hat? Erst durch das Dogma „is so, war imma so, bleibt so“, rechtferitgt sich eine Parallelgesellschaft IOC mit eignem Staat (ohne festem, aber temporärem Territorium), eigner Regierung, eigener Gerichtsbarkeit usw.. Die nehmen ganze Regionen mit millitärischen und polizeilichen Mitteln in Geiselhaft, wenn Spiele stattfinden!?!

Niemand wird den Sinn sportlichen Treibens in Frage stellen. Aber Leistungsspport? Das ist Privatsache von einigen Wenigen!

Was geht mich das Kasperletheater von Spitzensportlern an? Mit welchem Recht wird mein Steuergeld für das Privatvergnügen von einer handvoll Leute verschleudert? Warum beschäftigt sich eine Stadt mit über 60 Mrd. Schulden überhaupt mit dem nächsten Milliardengrab.

Wie Geld versenkt wird, haben wir mit der (eigenen nicht Hamburger) Oper, besser mit dem Flughafen – jeden Tag vor Augen.

Und der Schwachsinn kennt keine Grenzen.

Wovon ich rede? Der DHB wird aktiv von der AOK unterstützt. Erst wird auf Kosten der AOK-Versicherten gefördert, dann werden auf Kosten der AOK-Versicherten Spitzensportinvaliden bis ans Lebensende bei Gesundheit gehalten. Über den Risikostrukturausgleich sind alle 70 Mill. Deutschen gesetzlich Versicherten mit dabei. Das ist doch ein Witz, den man ganz am Anfang schon beenden muss.

JW #12

@ M.M

Die Sinnfrage des Hochleistungssports und Fragen nach der Sinnhaftigkeit der Sportförderung werden öffentlich oft gestellt. Nur nicht von jenen, die Verantwortung über Steuermittel und Sponsoring-Etats haben. (Wenn, dann vereinzelt von einer verschwindend kleinen Minderheit.)

Stefan #13

Die Olympiagegner sind ja nicht alle gegen Leistungssport, nur nicht unter diese Bedingungen. Viele sind ja auch der Meinung, dass so ein Leistungssportler immernoch ein gutes Vorbild abgibt. Na, warten wir mal die Freibuger Studie ab.
Übrigens gibts da doch noch ein Argument für Großveranstaltungen.

WigaldEst #14

eine elegante Möglichkeit, die Schuldenbremse mal Schuldenbremse sein zu lassen, und sich noch ne Menge Kohle aus anderen Töpfen zu holen.

Das ist wohl die unbewusste Hauptmotivation. „Wir wollen die Spiele“ = „Wir wollen mehr Geld vom Bund“. „Feuer und Flamme“ = „Heiß aufs letzte Geld“. Vielleicht hat das was mit Torschlusspanik zu tun. Man könnte den ‚overhead‘, also die Differenz zwischen normalen Infrastrukturkosten und Olympia Spezial, als Dummensteuer bezeichnen. Es sagt etwas über die Verzweiflung mancher Lokalpolitiker und Sportverbände aus. Olympia ist das letzte Strategem um noch viel Regen abzubekommen.

Und: wenn wir so kompetent sind, um die Spiele „nachhaltig“ und „bescheiden“ hinzubekommen, dann sind wir mindestens so gut, um die notwendigen/zukunftsträchtigen Dinge auch so zu erledigen. Da behauptet wird, dass sich ohne Olympia nichts bewegt, wir also angeblich nicht so gut sind, folgt daraus das wir auch Olympia nicht nachhaltig/bescheiden hinbekommen können. Den Annahmen mancher Olympia-Befürworter zufolge ist also nachhaltiges Olympia in Deutschland nicht möglich!

Was der immaterielle Sinn vom Zirkus angeht: es bietet Unterhaltung, eine sekuläre Ersatzreligion, politisches Standortmarketing, etc. Bei Bling-Bling zucken die Beine sofort, fliegt der normale Verstand aus dem Fenster. Das ist die „olympische Faszination“.

Stefan #15

Hier nun die Argumentation der Gegner.
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/olympia-debatte-warum-berlin-keine-spiele-ausrichten-sollte-a-1019281.html
Schön finde ich ja, wie am Schluss Bögers Vergangenheit ausgerollt wird.

WigaldEst #16

Der Spiegel-Beitrag ist ok, aber die Gegner müssen noch systematischer alle olympischen Glaubensgrundsätze (vor allem die wirtschaftlichen) wie Luftballons aufstechen, um den Kern des Problems klarzumachen. Nämlich dass Olympia ein großangelegter, legalisierter Subventionsbetrug ist. Falls das gelingt, werden sie die Menschen dazu bringen ihre rationalen Interessen wahrzunehmen und diese IOC-Hippies in Nadelstreifen wegzuschicken.

Zwei akzeptable Szenarien: 1.) Berlin wird ausgewählt und das Referendum lehnt die Spiele ab. Der DOSB ist sich dieses hohen Risikos sehr bewusst und wird wahrscheinlich Hamburg wählen wo die „Booster“ erfolgreich Stimmung machen. Daher 2.) Hamburg wird gewählt und verliert bei der IOC-Abstimmung. Irgendwo habe ich gelesen, dass Olympiabewerbung + Scheitern den besten Marketing-Kosten/Nutzen-Faktor hat.

Andrew Zimbalist erzählt zu Boston 2024 (sein Buch „Circus Maximus“ erscheint heute). Um die Sache transparent und ethisch zu machen hat der Vorsitzende des Komitees seine Baufirma (größte im Staat) von allen olympischen Bauprojekten ausgeschlossen. Aber nur für OCOG-Sachen! Da wo der Rubel richtig rollt, im non-OCOG Budget, will man kein Kostverächter sein.

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