Dopinglügen im kalten Licht der Statistik: der WADA-Testreport 2012

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tl;dr: Nach dem Pound-Report hat die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA nun einen detaillierten Bericht über die weltweiten Dopingkontrollen 2012 vorgelegt, der seinesgleichen sucht. So viele Details wurden noch nie veröffentlicht – und dokumentieren die Wirkungslosigkeit des Kontrollsystems. Pflichtlektüre! Grit Hartmann hat den Bericht studiert und entlarvt einige Wahrheitsbeugungen von DOSB und deutscher NADA.

Bedarf es noch eines Nachweises, um den Dopingkontrollen des Sports weitgehende Wirkungslosigkeit zu attestieren? Die Welt-Antidoping-Agentur hat ihn geliefert.

Dabei trägt der aktuelle WADA-Report einen nüchternen Titel: „2012 Anti-Doping Testing Figures Report“. Tatsächlich jedoch handelt es sich bei den 156 Seiten um ein Misstrauensvotum erster Güte, auch an die eigene Adresse.

Die neue Statistik, sie basiert auf von den Analyse-Laboren gelieferten Kontrollergebnissen, beschert nämlich zuerst diese desaströse Erkenntnis: Doper haben weniger denn je zu befürchten in einem Testsystem, das ihnen angeblich immer dichter auf die Fersen rückt.

Zwar wurden 2012 im olympischen Sport rund 185.000 Proben genommen und damit mehr als im Vorjahr, die Zahl der Funde aber sank: Nur in 2.894 Proben (1,56 Prozent) detektierten die Labore Dopingmittel oder auffällige Werte, die auf Manipulation deuten. 2011 lag die Quote bei 1,91 Prozent.

Und selbst dieser Minianteil zeichnet noch weich: Er enthält auch Ergebnisse, die keine Dopingverstöße waren, weil Athleten medizinische Ausnahmegenehmigungen vorlegen konnten.

1,56 Prozent – das widerspricht krass den Fakten, die professionelle Ermittler zutage fördern, wenn sie sich wie derzeit in Australien oder Italien das Milliardenbusiness Spitzensport mal vorknöpfen. Fürs sportinterne Kontrollnetz gilt das Übliche: In ihm verfangen sich vor allem die Dummen. Die Hälfte aller positiven Proben fiel mit Anabolika auf, 15 Prozent mit Stimulanzien, gefolgt von Cannabis und Diuretika – mühelos nachweisbare Stoffe.

Eher als Unfälle dürften auch die 45 Epo-Funde (bei 25.000 Kontrollen auf den Blutverdicker) einzustufen sein. Warum? Minidosen, längst die probate Spritzmethode, sind nicht zu detektieren. Der Nachfolger heißt Aicar, wirkt angeblich besser – und es gibt kein Testverfahren. Kaum fündig würden die Analytiker bei der Suche nach Wachstumshormon (vier Fälle) und nach den so genannten HBOCs, hämoglobin-basierenden künstlichen Sauerstoffträgern (kein Fall).

Die Statistik illustriert auch, was von Kontrollen in den Händen der Weltverbände zu halten ist – solange der WADA-Code von ihnen nicht mehr verlangt als Tests, gleichgültig wie oft und worauf. Spitzenreiter nach Zahlen sind Radsport (8940 Tests) und Leichtathletik (5817), mit großem Abstand zu den 33 anderen olympischen Föderationen. Sepp Blatters Fußball-Weltverband FIFA zum Beispiel beließ es bei 696 Kontrollen. Am Ende der Tabelle stehen acht Verbände mit weniger als 100 Tests.

Noch drastischer sind die Unterschiede bei den Blutproben: Rund 2400 lieferten die Leichtathleten, die Fußballer gerade einmal vier – und 21 von 35 olympischen Verbänden gar keine. Heikle Rückschlüsse drängen sich auf, auch zur Bereitschaft, den gern gepriesenen Biologischen Pass für indirekte Nachweise zu nutzen. Dafür wurden zwar weltweit 18.000 Blutproben genommen, fast zwei Drittel mehr als 2011, doch zumeist von den nationalen Agenturen. Ganze acht Weltverbände sammeln dafür Daten.

Auch das entlarvt Jubelrufe aus der olympischen Familie, die dem Publikum kürzlich positive Tests bei den Sprintassen aus Jamaika und den USA als Beleg für hartes Durchgreifen verkaufen wollte. Näher an der Realität liegt der Verdacht, den Experten wie der Mainzer Mediziner Perikles Simon seit Jahren formulieren: Das traditionelle Testsystem ist an seine Grenzen gestoßen, es grenzt stark an reine Geldverschwendung.

Und das Mantra, mit dem hierzulande der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) ein Antidoping-Gesetz abwehrt – der Sport fängt Athleten, der Staat die so genannten Hintermänner? Wird im kalten Licht der Statistik Lügen gestraft. Die Bonner Antidoping-Agentur simuliert zwar mit vielen Tests hartnäckige Betrugsbekämpfung – mit Dopingsubstanzen in nur 0,2 der Proben ist ihre Erfolgsquote jedoch peinlich gering. Die Zahlen für andere westliche Agenturen: Schweden und Portugal (2,0 Prozent), USA (1,2), Schweiz (0,9), Großbritannien und Australien (0,8), Italien (0,6 Prozent). Und so weiter. Unter 98 NADAs ordnet sich die deutsche Performance ziemlich weit hinten ein: in Gesellschaft von Kontrolleuren in Despoten-Reichen wie China oder Kasachstan und von Sportgiganten wie Andorra.

Als Reinheitszeugnis für eine der stärksten Sportnationen der Welt wird das nur begreifen, wer noch immer glaubt, dass negative Dopingtests Unschuldsbeweise sind. Die alternativen Lesarten: Die NADA tut nicht mal das Nötigste, um ihre Kontrollen intelligent zu gestalten, oder deutsche Sporthelden operieren mit Hightech-Mitteln und Methoden, nach denen nicht gefahndet wird.

Das könnte eigentlich Anlass genug zum Eingreifen sein. Saubere Athleten sollten trotzdem nicht allzu sehr auf Wandel hoffen. Für die Mehrzahl der nationalen Sportverwalter heißt es vermutlich auch jetzt: Das Problem aussitzen und Weiter so!

* * *

JW fügt an: Es empfiehlt sich, den WADA-Report mit einigen dieser Angebote zu vergleichen/ergänzen/erweitern, die ich vergangene Woche in meinem ersten Newsletter aufgelistet habe:

  • Der von Richard W. Pound für die WADA erstellte Bericht zur Lage an der Dopingfront: „Lack of effectiveness of testing programs“. Dieser Bericht mit seinen Empfehlungen gibt Ihnen eine wunderbare Übersicht und beschreibt auch die derzeit tobende sportpolitische Auseinandersetzung bis zur Dopingweltkonferenz im November in Johannesburg.
  • Der Leichtathletik-Weltverband IAAF und seine prominenten Dopingfälle: Studieren Sie ruhig mal die Unterlagen, die die IAAF online bereitstellt. Manches ist ganz erstaunlich, denn seit einigen Jahren werden sogar die Sportler genannt, bei denen Trainingskontrollen durchgeführt werden – anders als etwa in Deutschland.
  • Weil in Barcelona gerade die Schwimm-WM begonnen läuft: Der Weltverband FINA in dieser zweiten olympischen Kernsportart lässt zwar viele Fragen offen in Sachen Doping, doch die FINA stellten bei ihren Sportlern sogar die Daten der Trainingskontrollen bereit.
  • Ich finde, derlei Tabellen der IAAF und der FINA kombiniert mit den umfangreichen Berichten der WADA ergäben mal ein nettes datenjournalistisches Projekt.

Außerdem: 

JW #1

Die Daily Mail, von einem Freund gern Daily Nazi genannt, ist immer für positive Überraschungen gut, zumindest sportpolitisch. Nick Harris hat dort schon wieder eine Russen-Doping-Geschichte geschrieben – und der brisante WADA-Bericht wird dort so aufgearbeitet:

Drugbuster Pound says doping is so widespread that he no longer has faith in sport at the top

Mit diesen grafischen Lösungen (die knallen ein bisschen aus der Kommentarspalte, aber die Originale kann sich jeder bei der Mail anschauen):


denkbär #2

Ich finde, derlei Tabellen der IAAF und der FINA kombiniert mit den umfangreichen Berichten der WADA ergäben mal ein nettes datenjournalistisches Projekt.

Dazu passen auch prima die Statistiken der USADA. Die Daten reichen bis 2001 zurück und lassen sich nach Sportler, Sportart und zeitlich bis maximal auf Quartalsebene auflösen.

Lucas #3

Ich habe bei der NADA mal angefragt, warum die Wettkampfkontrollen so viel mehr positive Fälle zu Tage fördern, als die Trainingskontrollen, obwohl dort viel mehr Proben und auch Blutproben genommen werden. Zumal eine Wettkampfprobe Sportler ja nicht überraschen dürfte, eine Trainingskontrolle, sofern richtig eingesetzt, ja schon.

In Zahlen:
Im Jahresbericht 2012 steht, es gab im Jahr 2012 56 positive Wettkampfkontrollen und 8 positive Trainingskontrollen (TUEs und etc. noch nicht abgerechnet). Nach meiner Auswertung gab es schließlich (laufende Verfahren abgerechnet) 19 Sanktionen (15x in Folge von Wettkampfkontrollen, 2x in Folge von Trainingskontrollen und 2x in Folge sonstiger Erkenntnisse).
Gleichzeitig gab es mehr Trainingskontrollen (8567) als Wettkampfkontrollen (5480). Außerdem wurden bei den Trainingskontrollen mehr Blutkontrollen (in Zahlen: 2020 bei Trainingskontrollen (23,4% aller Proben) zu 361 (6,6% aller Proben) bei Wettkämpfen) durchgeführt.

Die Antwort der NADA war: „im Wettkampf sind mehr Substanzen verboten als im Training bzw. jederzeit. Von daher ist das Analysespektrum hier natürlich größer.“

Erklärt diese Antwort den Unterschied? Kennt sich da jemand aus?
An sich dürften doch die zweifelsfrei leistungssteigernden Mittel auch im Training verboten sein.

Lucas #4

Eine ganz simple Theorie von mir dazu wäre:

Die Profidoper werden nicht erwischt, sondern eher die „Amateurdoper“ oder die Dummen.
Die Profidoper dopen gezielt in den Phasen höchster Trainingsintensität, integrieren es regelrecht in ihren Trainingsplan, die Amateurdoper dopen sich eher für einen Wettkampf.
Ergo werden mehr Doper bei Wettkämpfen positiv getestet.

Irgendwelche Einwände oder unterstützende Argumente?

Ralf #5

n-tv: Perikles Simon über inakzeptable Dopingtests: „Perverser geht es für Athleten fast nicht“

An den Daten erkennen wir, dass auch sehr innovative, neue und sehr gute Tests innerhalb von etwa zweieinhalb Jahren ausgehebelt werden.
[…]
Wenn man neue tolle Langzeitnachweisverfahren entwickelt hat, müssen die flächendeckend und vor allem auch retrospektiv an eingefrorenen Proben eingesetzt werden. Und zwar dringend und umgehend, um den Sport möglichst sauber zu kriegen. Mit so einer Aktion hätte man auch den schleichenden Tod des Radsports, wie er jetzt abläuft, weitgehend vermeiden können. Ohne solche ganz klar durchgezogenen Aktionen glaube ich nicht, dass das Testsystem erfolgreich agieren kann.
[…]
Im Anti-Doping-System wird momentan lediglich verhindert, dass bestimmte Dinge noch gemacht werden können – wie zum Beispiel Epo in hoher Dosis spritzen.

Ralf #6

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