#Pep-Pause: Die Cartolas im FIFA-Reich oder wie die WM 2014 nach Brasilien kam

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Wir sind nicht dafür verantwortlich, was passiert ist. Verzeihen Sie mir, aber ich denke nicht, dass die FIFA das Gefühl haben sollte, etwas falsch gemacht zu haben.“

FIFA-Serienlügner und Generalsekretär Jérôme Valcke
in der Zeitung „O Globo“ (via faz.net)

[kraut project=“https://krautreporter.de/de/projects/94-macht-moneten-marionetten/“]Bevor der #Pep Hype in wenigen Minuten jegliche Gedanken und wichtige Themen absorbiert, will ich flink noch einen Text über die brasilianisch geprägte FIFA-Mafia zur Diskussion stellen. Habe gestern für die Berliner Zeitung kurz zusammen gefasst, wie sehr brasilianische Cartolas das FIFA-Geschäft prägen und wie die WM eigentlich nach Brasilien gekommen ist.

Das ist nur ein Anreißer, eine Mini-Summary von Geschichten, die hier und anderswo extensiv beschrieben worden sind.

Als Notiz scheinen mir derlei Basics in der aktuellen Diskussion dennoch wichtig. Bestimmte Zusammenhänge sollte man nicht aus den Augen verlieren.

* * *

Man nennt sie die Cartolas. Eine Kaste korrupter brasilianischer Sport- und Fußballfunktionäre, die seit Jahrzehnten ihr Unwesen treiben – und die bis heute aufs engste mit den Bossen des Fußball-Weltverbandes FIFA verbandelt sind. Die Cartolas, die in den Jahren Milliarden abgezweigt haben dürften, und FIFA-Präsident Joseph Blatter (77) sowie sein Generalsekretär Jérôme Valcke (52) gehören derselben Familie an.

Eine kleine Einführung in die FIFA-Unterwelt, mehr nicht.

Der Pate dieser Cartolas heißt Jean-Marie Faustin Godefroid de Havelange, kurz João Havelange, Sohn eines belgischen Waffenhändlers. Er ist inzwischen 97 Jahre alt. Er hat in Brasilien alle wichtigen Sportfunktionen ausgeübt, er beherrschte den Fußball-Weltverband FIFA von 1974 bis 1998 als Präsident. Havelange holte Blatter einst zur FIFA und setzte ihn erst als Direktor, 1981 nach einem schmutzigen Putsch gegen Blatters Schwiegervater Helmut Käser dann als Generalsekretär ein.

Havelange zu Ehren sollten die Olympischen Sommerspiele 2016 zu seinem 100. Geburtstag im João-Havelange-Stadion eröffnet werden.

So hatte es der ehemalige brasilianische Präsident Lula einst versprochen.

Nachtrag, der neueste Stand:

Unter Dilma Rousseff, Lulas Nachfolgerin, hat sich im Umgang mit den Cartolas allerdings einiges geändert – wenngleich Dilma in den vergangenen Monaten etwas handzahm geworden ist und sich vom Furor der Protestwelle, die Brasilien erfasst hat und die sich auch gegen die Cartolas richtet, nun mächtig überrascht ist.

Time to say goodbye: Don Julio Grondona, Señora Grondona, Jean-Marie Faustin Godefroid de Havelange.

Time to say goodbye: Don Julio Grondona, Señora Grondona, Jean-Marie Faustin Godefroid de Havelange.

Die Cartolas um Havelange und den amtierenden Präsidenten des brasilianischen Fußballverbandes CBF, José Maria Marin (81), gehörten stets den Ultrarechten an. Immer an der Seite der Militärdiktatoren, ob nun im eigenen Land zwischen den 1960er und 1980er Jahren, oder in Argentinien, wo Havelange 1978 die Fußball-Weltmeisterschaft ausrichten ließ.

In Argentinien spielte Havelange den Doppelpass und machte Privatgeschäfte mit General Videla und anderen aus der Mörder-Clique der Junta. Etwa mit Admiral Carlos Alberto Lacoste, der als FIFA-Vizepräsident eingesetzt wurde und lange Jahre für die Finanzen des Weltverbandes zuständig war.

Ein Schützling und Fan der Junta-Generäle heißt Julio Humberto Grondona (81), er wurde 1979 als Präsident des argentinischen Verbandes AFA installiert, wo er noch immer amtiert – Grondona ist sogar Senior Vice President und Finanzchef der FIFA. Blatters wichtigster Mann. Grondona, der angeblich Schwarzkonten in mehreren Ländern unterhält, die mit mehr als 100 Millionen Dollar gefüllt sein sollen, widersetzt sich bis heute energisch jedweden zarten Reformansätzen in der FIFA.

READ MORE

Einige Texte werde ich vielleicht noch verlinken.

  • Zu empfehlen sind generell die Beiträge von Andrew Jennings aus den vergangenen Jahren, seit er sich intensiv mit dem brasilianischen Fußball befasst und Romário inspiriert hat.
  • Thomas Kistner von der SZ kennt sich blendend in Brasilien aus – auf Sueddeutsche.de mal die Suchfunktion benutzen. Mit ihm habe ich schon 1998 das Buch „Das Milliardenspiel“ vorgelegt, in dem wir erstmals der FIFA nachgespürt  und viele alte Geschichten von Havelange & Co.zusammengefasst haben.
  • Pflichtlektüre natürlich: Juca Kfouri (wohl dem, der Portugiesisch kann).
  • Auf SpOn finden sich in letzter Zeit wieder mehr Beiträge von Jens Glüsing aus Brasilien.

Immerhin, Dilma Rousseff, die sich mit dem spektakulär vorgetragenen Willen vieler Millionen Brasilianer auseinander setzen muss, hat in den vergangenen Jahren einen durchaus harten Kurs gegen manche Cartolas gefahren. Havelanges ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Terra Teixeira (66) beispielsweise musste seine Jobs im vergangenen Jahr auch wegen Dilma abgeben.

Teixeira war seit 1989 CBF-Präsident, er hatte einen quasi lebenslangen Sitz im FIFA-Exekutivkomitee und er war, natürlich, Boss des Organisationskomitees der WM 2014 in Brasilien. Als solcher hatte er mit sich selbst als CBF-Präsident einen spektakulären Vertrag abgeschlossen: Eventuelle Millionengewinne des WM-OK sollten auf sein Privatkonto überwiesen werden. Für Verluste wäre er nicht verantwortlich gewesen.

Jahrzehntelang konnte Teixeira Verhaftungen und Verurteilungen umgehen, weil er sich stets die Gunst der jeweils herrschenden Politiker erdribbelte, oft genug auch mit Korruptionszahlungen. Manchmal, 1994 und 2002, verhinderten die Weltmeistertitel Brasiliens, dass ihn aufmüpfige Abgeordnete und Staatsanwälte belangten, obgleich die Beweislast erdrückend war. Zusammengetragen etwa in mehr als tausend Seiten parlamentarischer Untersuchungsausschüsse, die den verschwundenen Millionen aus dem einst spektakulärsten Ausrüster-Deal des Weltsports nachgeforscht hatten: Dem Nike-Vertrag des CBF.

Sepp, Tricky Ricky

Sepp, Tricky Ricky und das Objekt der Begierde

Wie Teixeira über Steueroasen und raffinierte Bankgeschäfte Millionen abzweigte, lässt sich dort nachlesen.

Nike-Untersuchungsbericht: Rickis Dribblings zu neuen Millionen

Nike-Untersuchungsbericht: Rickis Dribblings zu neuen Millionen

Gerichtsfest dokumentiert ist längst auch, wie er gemeinsam mit dem Paten Havelange über Jahrzehnte mehr als 20 Millionen Schweizer Franken vom einstigen Sportmarketing-Giganten ISL/ISMM kassierte. (Hier geht es zur kompletten ISL-Bestechungsliste.)

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Wegen der ISL-Millionen trat Havelange Ende 2011 aus dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) zurück. Im April 2013 gab er seinen Titel als FIFA-Ehrenpräsident ab. Weil er jeweils selbst zurückgezogen hatte, wurde er weder vom IOC noch von der FIFA in irgendeiner Weise belangt. Seine Enkelin Joana Havelange, Tochter von Ricardo Teixeira, arbeitet jedoch weiter für 50.000 Dollar im Monat als Exekutiv-Direktorin des WM-Organisationskomitees.

Es heißt, Ricardo Teixeira ziehe von Miami aus immer noch die Fäden im CBF, José Maria Marin sei lediglich sein Strohmann. Klar ist, das Teixeira über etliche Firmen, an denen er beteiligt ist (ob nun im TV-Rechtehandel oder in der Bauwirtschaft), weitere Reichtümer scheffelt.

Das Verhältnis von Dilma Rousseff zum CBF-Präsidenten Marin ist indes äußerst angespannt. Marin soll Persona non grata sein, berichtete gerade Spiegel Online. Er war einst glühender Anhänger der Militärdiktatur und soll für den Tod eines Journalisten verantwortlich gewesen sein. Dilma Rousseff dagegen kämpfte im Untergrund, wurde 1970 verhaftet, gefoltert und für zwei Jahre ins Gefängnis gesteckt.

Die WM 2014 in Brasilien ist ein Gemeinschaftsprodukt der Cartolas des CBF, der FIFA und der südamerikanischen Fußball-Konföderation CONMEBOL, als deren Ewig-Präsident nun auch noch Nicolás Leoz (84) aus Paraguay ins Spiel kommt. Leoz hat ebenfalls mehr als eine Million Schmiergeld von der ISL erhalten und trat deshalb im Frühjahr von seinen Posten in der FIFA und im CONMEBOL zurück. Den WM-Plan hatte er aber einst mit Havelange, Teixeira, Grondona und Blatter ausgeheckt. Nachdem die FIFA zwischenzeitlich eine WM-Rotation unter den Kontinenten beschlossen hatte, wurde 2010 Afrika bedient, 2014 dann Südamerika. Die Cartolas legten sich auf Brasilien fest, das ohne Herausforderer zum Gastgeber ernannt wurde. Das garantierte traumhafte Geschäfte für alle Beteiligten.

Andere Cartolas wie die dubiosen mexikanischen Byrom-Brüder wurden später ebenfalls bedacht und erhielten, ohne Ausschreibung natürlich, die lukrativen Rechte am WM-Tickethandel. Und noch eins von hunderten abstrusen Beispielen des mafiosen Geflechts: Der Exilant Teixeira und der amtierende FIFA-General Valcke, der gemäß Gerichtsakten als Serienlügner bezeichnet werden darf, sind so ziemlich beste Freunde.

Ziemlich beste Freunde: Valcke knutscht Tricky Ricky

Ziemlich beste Freunde: Valcke knutscht Tricky Ricky

Ferrari-Fahrer Valcke war Ende 2006 von Blatter als Chef der FIFA-Marketing AG wegen millionenschwerer Misswirtschaft im Visa-Mastercard-Sponsorenskandal erst gefeuert – und ein halbes Jahr später als FIFA-Generalsekretär wieder angestellt worden. Es bleibt halt alles in der Familie. In der Zwischenzeit, so heißt es, soll Valcke für seinen Kumpel Teixeira an den Unterlagen der brasilianischen WM-Bewerbung 2014 gewerkelt haben. Gewiss für ein Vermögen?

Valcke mochte sich dazu  nicht äußern. In Brasilien ist er in der Nach-Teixeira-Ära vor allem damit aufgefallen, als er den WM-Gastgebern einen Tritt in den Arsch empfahl.

Ein Berater der Präsidentin Dilma Rousseff antwortet damals zutreffend: „Dieser Typ ist eine Kanaille und ein Großmaul.“ Das haben Cartolas so an sich.

Ralf #1

FAZ-Kommentar von Michael Reinsch: Zorn auf die Zyniker

JW #2

Feiner Kommentar von Michael Reinsch, hätte genau so auch hier im Blog stehen können :)

Habe den Text mal im gestrigen Beitrag auf die Liste der Lesebefehle in den Kasten gesetzt. War heute morgen noch nicht auf faz.net online.

Ralf #3

Zeit-Kommentar von Christian Spiller (21.06.): Danke, Brasilien!

Die Menschen in Rio, São Paulo und Belo Horizonte tun damit der ganzen Welt einen Gefallen. Ihre Proteste zeugen nicht nur von der demokratischen Reife eines Landes, das noch vor 30 Jahren von Generälen regiert wurde. Sie setzen den Sportgiganten auch ein Stoppschild: Bis hierhin, und nicht weiter. Endlich erhebt sich eine Demokratie gegen die zutiefst anti-demokratische Fifa. Was Südafrika 2010 und selbst Deutschland 2006 nicht wagten, übernimmt nun ein Schwellenland, das um seinen Platz in der Welt kämpft.

Ralf #4

Josef Bruckmoser in den SN: Lieber mehr Brot statt immer teurerer Spiele

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