#FIFAcorruption, die Einstellungsverfügung zum ISL-Korruptionssystem

 •  • 9 Comments

Das nächste Kapitel in der Causa ISL (bitte ruhig mal diese vielen Beiträge durchklicken, da erfährt der geneigte Leser alles) ist geschrieben. Es wird mal wieder brenzlig für den Sepp.

Nach einer Ewigkeit darf nun endlich die Einstellungsverfügung im ISL-Korruptionsverfahren vom Juni 2010 veröffentlicht werden. Danke an Jean Francois Tanda (Handelszeitung), James Oliver (BBC Panorama) und an die Kollegen vom Beobachter und der Sonntagszeitung, dass sie durchgehalten haben – bis das Schweizer Bundesgericht nun die Veröffentlichung jener Unterlagen anordnete, die nach dem (ursprünglichen Willen) von FIFA und der korrupten Führungsclique nie hatten veröffentlicht werden sollen. Nicht vergessen: Deshalb wurden schon zweimal Millionensummen an Schweigegeld für Korruptionsverdunklungsverträge gezahlt. Aber inzwischen ist aus dem FIFA-Papst Joseph Blatter ja ein Reformer geworden.

Ach ja.

Das Thema ISL-FIFA-IOC-etc-Korruption, jener allumfassende Schmiergeldteppich, den einst der Blatter-Kumpel, Adidas-Boss und ISL-Gründer Horst Dassler webte, beschäftigt mich und einige Freunde und Kollegen (wie Andrew Jennings oder eben Jean François Tanda, der nun auch schon seit sieben Jahren immer wieder exklusive Geschichten dazu veröffentlicht und Bahnbrechendes geleistet hat – in der Schweiz, das tut den Ganoven und Sportlobbyisten besonders weh :) professionell seit beinahe zwei Jahrzehnten. Ich sage es noch einmal: das ist kein Thema für den History Channel, wie so genannte Journalisten, Spin Doktoren, Offizielle und Ganoven aus dem Sportbusiness immer wieder behaupten. Denn einige der von Dassler geprägten Figuren und Kumpanen sind noch in Amt und Würden. Dasslers ehemaliger Adlatus, der allerdings weder an diesem System beteiligt war noch jemals irgendetwas davon mitbekommen hat, wird im kommenden Jahr sogar IOC-Präsident, wenn mich nicht alles täuscht.

Es ist mal wieder erschreckend, wie ahnungslos-dumm vor allem die so genannten Nachrichtenagenturen die ISL-Meldungen aufarbeiten. So wird Zeitungslesern heute der Eindruck erweckt, als habe die FIFA mal eben „Dokumente vorgelegt“, die Bestechungszahlungen belegen.

Freunde, sorry, die mehr als 140 Millionen Schmiergeld sind seit Jahren gerichtsfest belegt. Der Konjunktiv hat sich schon immer verboten. Die FIFA hat diese Vorgänge lange verheimlicht. Dass das Schweizer Bundesgericht, Kammer Lausanne, nun die Veröffentlichung der Einstellungsverfügung anordnet/befürwortet, ist nichtsdestotrotz ein wichtiger Schritt, dem weitere folgen müssen.

Ich muss die Dokumente auch erst studieren und will mal sehen, ob die Gesamtsumme der gerichtsfest dokumentierten Schmiergelder (140.785.618,95 CHF) korrigiert werden muss. (Ich wiederhole: Wir reden nur über die Spitze des Eisberges, tatsächlich dürften von der ISL-Gruppe viel mehr Schmiergelder gezahlt worden sein.) Ich bin unterwegs und werde fast einen Tag nicht mitdiskutieren und kommentieren können. Die überarbeitete Tabelle folgt morgen oder spätestens übermorgen, zusammen mit einigen ausufernden Gedanken zu dieser ganzen Geschichte, ihren Folgen und zur Frage, was Journalismus kann und was nicht, wo die Grenzen der Aufklärung liegen und warum Heerscharen von Journalisten, die ihr ganzes Leben über Fußball und dieses Business berichten, sich einen Dreck für dieses fundamentale Thema interessieren/interessiert haben.

Doch zunächst die Dokumente, absoluter Lesebefehl! Wer mitreden will, muss das studieren.

Ehre wem Ehre gebührt: Der Beitrag von Jean François Tanda in der Handelszeitung, dort kann man die Einstellungsverfügung als pdf herunterladen:

(Zur Erklärung: bitte nachfolgende Grafik anklicken, dann erscheinen die Texte auf Scribd hier im Blog.)

  • Das Urteil des Schweizer Bundesgerichts vom 3. Juli 2012:

  • Die Einstellungsverfügung vom 11. Mai 2010:

(Ich aktualisiere in Kürze, dann gibt es hier auch den Beschluss des Bundesgerichts und die Einstellungsverfügung. Derweil probiere ich vorolympisch mal neues Handwerkszeug aus: Storify.)

http://storify.com/jensweinreich/fifacorruption-die-isl-akten

ha #1

Finde das auch großartig, dass Journalisten das geschafft haben und dass nun – über die Querverweise, auf die Du hingewiesen hast zu P 1 (i.e. Blatter) – seine Mitwisserschaft und Beteiligung (die Überweisung der Havelange-Million) klar belegt ist.
Umso schlimmer, dass sein Täuschungsmanöver nun greift, dass vermeintlich „objektive Berichterstattung“ (also Blatter zu zitieren mit dem angeblichen Erfreutsein über die Veröffentlichung, mit seiner angeblichen Nichtbeteiligung, die ja nur sagt, er ist nicht im strafrechtlichen Sinne zur Verantwortung zu ziehen) pervertiert wird zur Wahrheitsbeugung.

Was mich nun, zugegeben, am meisten interessiert: Ob das IOC seine Ethikkommission einschaltet. Prognose: „Reformer“ Rogge wird verzichten.

B.Schuss #2

eben lief dazu auch was in den Nachrichten im Radio, WDR2. Muss ja für dich, Jens, eine recht große Genugtuung sein, dass das jetzt veröffentlicht wird. :D

hilti #3

Ist denn jetzt bekannt woher 2010 die 5,5 Millionen Franken kamen?

Jens Weinreich #4

@ Hiliti: Come on, lies Dir doch die Einstellungsverfügung mal durch. Ist ein wirklich interessantes Dokument, und eines der wichtigsten in diesem Business überhaupt. Da steht es drin.

Da Havelange zwar – inklusive der Beteiligung an der Scheinfirma Renford, die er mit Teixeira hatte – so etwa acht Millionen CHF kassierte, aber zum Zeitpunkt der staatsanwaltschaftlichen Erhebung angeblich nur über ein Vermögen von 5,2 Mio CHF verfügte, wollte man ihn nicht gar so sehr belasten und nicht, wie Teixeira, 2,5 Millionen zahlen lassen.

ha #5

Dazu passt auch eine Kuriosität aus dem Ganovenmilieu. Falls der google-Übersetzer das richtig ausspucktrichtig ausspuckt, gibt es zwischen Havelange und Teixeira Krach. Havelange – schreibt Juca Kfouri, einer der bekanntesten brasilianischen Sportjournalisten, auf seinem Blog – ist mächtig verärgert über seinen Ex-Schwiegersohn – und zwar deshalb, weil der so viel mehr „Provision“ ;-D von der ISL kassiert hat als er selbst.

ha #6

Gleich noch eine Kuriosität, schon obligatorisch: Sylvia Schenk „regelrecht geschockt von Blatters Aussagen“, weil Korruption doch schon in den 90ern „zivilrechtlich nicht in Ordnung war“.

Das ist dieselbe Schenk, die noch vor einem Jahr – als die ISL-Sachverhalte zur FIFA einschließlich Blatters Mitwisserschaft bei Havelange längst öffentlich waren – gern Blatters Reformkommission geleitet hätte und stolz verkündete, dass Blatter ihr bzw. TI „die Bücher geöffnet“ hat. Ein echtes Kleinod des Vertrauens in Transparenzbringer Blatter.

Ralf #7
pecas #8

„Sind Sie ‚P1‘, Herr Blatter?“
„Ja, das bin ich.“

Press-Schlag v. Thomas Winkler:
„Ja, ich bin ein Schurke.“
(taz/13.07.2012)

ha #9

taz macht, trotz Witzigkeit ;-( , den Schenk-Unsinn mit – und damit den von Blatter. Wenn dem mit dem Strafrecht nicht beizukommen gewesen wäre, hätten die Brüder ja wohl kaum Millionen gelöhnt, um die Ermittlungen wegen Untreue / Veruntreuung einstellen zu lassen. Ist auch nach Schweizer Recht ein strafrechtliches Delikt.

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