Ich spiele schon eine Weile mein persönliches WM-Finale und und dabei wird es noch wenige Tage bleiben - bis das Ebook endlich fertig ist. Bis gleich.

Korruptionsbilanz in FIFA und IOC: 140.785.618,93 CHF. Mindestens.

 •  • 34 Comments

ZÜRICH. Die Bilanz des Grauens ist (vorerst) neunstellig, wenn Mann die Ziffern hinter dem Komma mal großzügig beiseite lässt. Die Schmiergelder der ISL-Gruppe an höchste Sportfunktionäre, die sich gern mit Millionen freikaufen, in der Übersicht:

ISL Schmiergeldbilanz

Es geht also weiter in der ISL-Saga. Die Abkassierer sind ja schließlich auch noch im Amt und werden protektiert. Neue Fakten zum größten Korruptionsskandal der Sportgeschichte liegen vor, pünktlich zur Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 und 2022 am Donnerstag durch das FIFA-Exekutivkomitee. Ich hatte es gestern bereits angedeutet.

Neue Namen, neue Zahlen, neue Fakten. Dank BBC Panorama, Andrew Jennings und James Oliver. Well done!

Schmiergeldempfänger aus dem FIFA-Exekutivkomitee:

  • Ricardo Teixeira
  • Nicolas Leoz
  • Issa Hayatou

Der langjährige FIFA Präsident:

  • Joao Havelange

Schmiergeldempfänger aus dem IOC:

  • Joao Havelange
  • Issa Hayatou
  • Lamine Diack (IAAF-Präsident)

Was nun in der ISL-Saga dokumentiert ist, und zwar gerichtsfest, ist die Zahlung von

140.785.618,93 CHF

zwischen 1989 und 2001 an Funktionäre der FIFA, des IOC, der IAAF und etlichen anderen Weltverbänden und Kontinentalföderationen. Noch einmal:

140.785.618,93 CHF …

… nur von der ISL-Gruppe. Das ist nur, was wir bisher wissen. Es ist lediglich die Spitze des Eisbergs. Ich sage es erneut: 95-98 Prozent aller Korruptionsfälle (und Zahlungen) bleiben unentdeckt – jeder kann die Dunkelziffer kalkulieren. Und die ISL war zwar Weltmarktführer im Sportbusiness, aber eben auch nur eine große Firma auf dem Markt, auf dem sich viele andere Giganten und ungezählte kleine Fische tummelten.

Lesebefehle :)

Sendetermin von BBC Panorama ist heute, 21.30 MEZ! dogfood notierte vorhin in den Kommentaren:

Der Radiosender BBC 5live wird das Andrew Jennings-Feature über die FIFA parallel zu BBC One übertragen und danach mit Interviews und Einschätzungen nachbereiten. BBC 5live ist in Deutschland per regulärem Stream zu hören.

Hier mein Text von heute Nachmittag:

Drei Tage vor der Entscheidung über die Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 und 2022 liegen weitere Dokumente vor, die Fußballfunktionäre schwer belasten. Mindestens drei aktuelle Mitglieder aus dem Exekutivkomitees des Weltverbandes FIFA haben über Jahre Millionensummen an Schmiergeldern vom ehemaligen Sportrechtehändler ISL/ISMM kassiert: Brasiliens Verbandschef Ricardo Teixeira, Nicolas Leoz aus Paraguay, Chef der südamerikanischen Fußball-Konföderation CONMEBOL, und Issa Hayatou aus Kamerun, Präsident des afrikanischen Konföderation CAF. Von Teixeira und von Leoz waren andere Vergehen bereits bekannt. Neu ist der Name Hayatou. Alle drei sollen am Donnerstag in Zürich über die beiden Weltmeisterschaften 2018 und 2022 entscheiden. „Schmiergeldempfänger stimmen mit“, titelte am Montag der Züricher „Tagesanzeiger“.

Der langjährige FIFA-Präsident Joao Havelange, ehemals Schwiegervater Teixeiras, taucht ebenfalls auf der Liste auf, die zwischen 1989 und 1999 insgesamt 175 Zahlungen in einer Gesamthöhe von 122.587.308,93 Schweizer Franken erfasst. An der Echtheit des Dokuments, dass BBC-Reporter Andrew Jennings für die Sendung Panorama (wird am Montagabend ausgestrahlt) enthüllte, besteht kein Zweifel. Denn schon im ISL-Strafprozess im Frühjahr 2008 in Zug hatte Marc Siegwart, einer der Richter, süffisant von 120 Millionen Schmiergeld gesprochen – es sind sogar einige Millionen mehr.

Gerichtsfest dokumentiert waren bislang weitere 18 Millionen Franken, die von der ISL-Gruppe zwischen 1999 und 2001 an höchste Sportfunktionäre gezahlt wurden. Insgesamt wurden mehr als 140 Millionen Franken gezahlt – und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Dafür haben diese Top-Offiziellen aus zahlreichen Sportweltverbänden, nicht nur aus der FIFA, der ISL/ISMM Milliardenaufträge verschafft: Sponsorenverträge, Marketingrechte, TV-Rechte. Die meisten Zahlungen liefen über Tarnfirmen und Stiftungen in zahlreichen Ländern. Das ISL-Korruptionssystem wurde 2008 in einem Strafprozess gegen langjährige ISL-Manager in Zug vor Gericht seziert. Auch zahlreiche Barzahlungen gehörten zum Geschäft, die Schmiergeldboten hatten nie Probleme, prall gefüllte Koffer über die Grenze zu bringen, um etwa Geld aus Liechtenstein in Zürich zu übergeben. Einer der ISL-Manager sagte vor Gericht aus: „All diese Zahlungen waren notwendig, um überhaupt Verträge zu bekommen und dass die (gemeint sind Sportfunktionäre/d.A.) sich dran halten.“ Ein anderer sagte: „Das war, als wenn man Lohn bezahlen muss. Sonst wird nicht mehr gearbeitet.“

Im Juni 2010 war ein Deal zwischen der Staatsanwaltschaft Zug und der FIFA bekannt geworden. Die FIFA zahlte 5,5 Millionen Franken an die Staatskasse – die Ermittlungen wurden eingestellt. Die Namen der bestechlichen Funktionäre sollten für alle Zeiten geheim bleiben. Nun sind einige Personen mehr bekannt, und etliche Firmen und Stiftungen. Der größte Korruptionsskandal der Sportgeschichte schlägt Kreise und ist damit endgültig im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) angekommen. Denn neben Havelange, Doyen des IOC, gehört auch Hayatou dem IOC an. Außerdem hat gemäß des Dokuments, das Spiegel Online vorliegt, der Senegalese Lamine Diack Geld kassiert. Diack, in seiner Heimat als künftiger Staatspräsident gehandelt, ist seit 1999 Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF und in dieser Eigenschaft IOC-Mitglied.

Top-Verdiener war der Brasilianer Ricardo Teixeira, der von der ISL über Tarnfirmen bis 1999 rund 9,5 Millionen Dollar erhielt. Weitere 2,5 Millionen, das war seit 2008 bekannt, kassierte er zwischen 1999 und 2001. Teixeiras Vergehen sind Legende und unter anderem in Untersuchungsberichten des brasilianischen Parlaments nachzulesen. Doch Teixeira genießt doppelte Protektion: daheim von der Politik, und in der FIFA von Präsident Joseph Blatter. Erst vor zwei Wochen hatte das brasilianische Magazin „Lance“ enthüllt, dass Teixeira als Präsident des brasilianischen Verbandes CBF und Chef des WM-Organisationskomitees 2014 Verträge mit sich selbst abgeschlossen hat. Die WM wird von einer Firma organisiert, die zu 99,9 Prozent dem CBF und zu 0,1 Prozent Teixeira gehört – über die Aufteilung eines etwaigen WM-Gewinns entscheidet allein Teixeira, unabhängig von den Gesellschaftsanteilen.

Das IOC und seine so genannte Ethik-Kommission haben sich nie mit dieser Thematik auseinander gesetzt und wie die FIFA stets darauf verwiesen, dass der Erhalt von Bestechungszahlungen zwischen 1989 und 2001 in der Schweiz nicht strafbar gewesen sei. Präzise betrachtet ist es das auch heute noch nicht: Zwar würde ein Korruptionsgeflecht, wie es die ISL-Gruppe aufgebaut hatte, heute vom Gesetz über den unlauteren Wettbewerb erfasst und wäre strafbar. Doch Sportfunktionäre und ihre milliardenschweren Konzerne wie FIFA und IOC, die zumeist in der Schweiz residieren, genießen weiter den rechtlichen Status von Vereinen, werden von Anti-Korruptionsregeln nicht erfasst. Der Erhalt von Bestechungszahlungen etwa im Zusammenhang mit der Vergabe der beiden Fußball-Weltmeisterschaften an diesem Donnerstag gilt quasi als vereinsinterne Angelegenheit der FIFA. Vor zwei Wochen hatte die FIFA-Ethikkommission zwei Exekutivmitglieder und vier weitere Funktionäre suspendiert, die nach Recherchen der Londoner Sunday Times als bestechlich enttarnt wurden.

Für den IOC-Patron Joao Havelange ist in den Unterlagen am 3. März 1997 eine Zahlung von 1,5 Millionen Franken verzeichnet. Dies geschah ein dreiviertel Jahr, nachdem die ISL-Gruppe gemeinsam mit dem Münchner Rechtehändler Leo Kirch unter skandalösen Umständen für 2,8 Milliarden Franken die TV-Vermarktung der Weltmeisterschaften 2002 und 2006 erworben hatte. Im Jahr 1997 sicherte sich die ISL unter ebenso dubiosen Umständen auch die Vermarktung der WM-Sponsorenrechte in Höhe von einer knappen Milliarde Franken.

Für Nicolas Leoz, schon seit 1986 Südamerikas Fußballchef und eng mit Teixeira und Havelange verbandelt, sind 864.000 Franken Schmiergeld notiert – zuzüglich jene 211.625 Franken, die schon länger bekannt waren. Die IOC-Mitglieder Hayatou und Diack kassierten vergleichsweise Peanuts. Hayatou erhielt 1995 einmal 24.700 Franken in bar. Diack erhielt drei Bar-Tranchen, insgesamt 52.680 Franken. Interessant ist, dass der Schmiergeldbote des ISL-Konzerns, Jean-Marie Weber, bis heute für Hayatou und Diack arbeitet, also für den von Hayatou geleiteten afrikanischen Verband CAF und für die IAAF des Lamine Diack.

Ab jetzt ein Mini-Liveblog.

19.18 Uhr: Oh, das ist sogar Thema in der heute-Sendung des ZDF. Wolf Dieter Poschi (so sprach ihn der Kollege zweimal an, der sich von der Auslosung der Frauen-WM an) Poschmann hat in der einen Minute zum Korruptionsthema drei sachliche Fehler gemacht, wenn ich richtig gezählt habe. Oder er wusste nicht richtig Bescheid :)

19.29 Uhr: Der Text zum BBC-Beitrag ist teilweise lustig-süffisant. Wie immer bei Andrew Jennings. Ein alter Bekannter bekommt weitere Probleme. Wer könnte das wohl sein?

19.38 Uhr: Kuschelsendung im ZDF. WM-Auslosung, kein Journalismus. Der Bursche, der eben in der Nachrichtensendung Herrn Poschmann als “Poschi” angesprochen hat, lässt gerade Theo 20er reden. Ich habe es schon mal auf Facebook gefragt: Ich bin sehr gespannt, wie 20er ab Mai kommenden Jahres als neues Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees aufräumen wird mit der Korruption. Btw: Sehr lustig, dass ein gewisser Günter Netzer gleich die WM-Auslosung der Frauen erledigen wird. Netzer war einst an dubiosen Deals vor der Vergabe der Männer-WM 2006 an Deutschland beteiligt.

19.45 Uhr: Wenn ich es richtig gesehen habe, sitzt der Herr 20er neben Morawi Makudi aus Thailand. Soll er ihn doch gleich mal fragen, wo das viele Geld geblieben ist, dass u.a. CWL überwiesen hat.

20.01 Uhr: Deutschland spielt gegen Kanada und Nigeria, die zuletzt daheim Fünfnull und Achtnull besiegt wurden. Doch der Reporter macht es spannend und spricht von “Top-Teams im Frauenfußball”.

22.26 Uhr: Zur BBC: Es war ein typischer Andrew Jennings mit einigen Highlights der vergangenen Jahre, etwa Jack Warner, der sich lieber seine Spucke spart, als auf ein Stück Abfall wie AJ zu spucken, obwohl der es verdient hätte … so sind die, die FIFA-Ehrenmänner.

Nun wird es wieder Idioten geben im so genannten Journalismus, unter Spindoktoren und Funktionären, die behaupten werden, AJ hätte nichts Neues geliefert. Ich sage: Lüge. Unsinn. Spin. Rufmord.

Andrew Jennings hat mit diesem Dokument ein wichtiges Puzzleteil der Sportgeschichte geliefert. Wer das nicht begreift oder es nicht begreifen will, dem ist nicht zu helfen. Ich sage einmal mehr, liebe Freunde: Es geht im Journalismus nicht um “he said, she said” und also nicht darum, Halbsätze zu interpretieren und daraus so genannte Exklusivnachrichten zu basteln. Es geht um solche Papiere. Bravo, AJ.

Flattr this

Will Kür #1

Wann erscheint denn das Gedicht im Boulevardportal des ehemaligen Nachrichtenmagazins?

Will Kür #2

There it is.

Was ich mir wünschen würde in einem Nachfolgeartikel:

- Warum wird Teixeira in Brasilien nicht einfach von der Justiz verhaftet wegen des offensichtlichen Versuchs der Unterschlagung?
- Oder wegen Steuerhinterziehung (er wird ja kaum alle nachgewiesenen ISL-Zahlungen in seinen Steuererklärungen angegeben haben)?
- Wie schafft es Teixeira, sich dort im Amt zu halten?
- Würde Teixeira tatsächlich einmal verhaftet werden, würde die FIFA sich trauen, dann auch Brasilien von allen Wettbewerben auszuschließen?
- Wie sieht die Reaktion in der Öffentlichkeit in Brasilien und Paraguay aus?

pecas #3

@ Will Kür. Fast könnte man aus diesem Nickname schließen, die Fragen seien rein rhetorischer Natur, vorausgesetzt nur, die doppelbödige Antwort darauf wäre (in sich) so einfach (scharf zu stellen); sie hat 3 Facetten:
Facette 1) Die Beispielperson ist Teil des staatlichen Systems.
Facette 2) Sie handelt im nationalen Interesse.
Facette 3) “Sport” minus Sportler ist gleich staatliche Agitation, plus Sportler ist gleich nationale Propaganda – und umgekehrt.
Fazit: Die Beispielperson versteht es, sich als der (in der Epoche der Nationalstaaten) unabdingbare Klebstoff zu produzieren, von dem “alle” verstehen, dass er im Hinblick auf das System unabdingbar ist.

Will Kür #4

Pecas, mit Meta-Erklärungsversuchen, abgekoppelt von den Fakten, ist niemandem wirklich geholfen.

Brasilien ist eine relativ stabile Demokratie. Die Justiz und Politik dort könnten handeln, soweit dies für mich von hier aus erkennbar ist.

Was mich interessiert sind harte Fakten und Einschätzungen der tatsächlichen Lage vor Ort.

pecas #5

Liebe Will Kür, das ist meiner Einschätzung nach der härteste Fakt der tatsächlichen Lage vor Ort ausnahmslos auf der ganzen Welt gewesen: … sie könnten, aber sie wollen nicht.

Will Kür #6

Pecas, wer genau will nicht? Warum genau will derjenige nicht? Wie sind die Verhältnisse in Brasilien und warum ändert dort niemand etwas daran?

Dies herauszufinden und zu beschreiben ist die Aufgabe von Journalismus.

Du kannst gerne auch Kommentare dazu abgeben. Aber die Kommentare und von Vorurteilen kaum unterscheidbare Erklärungsversuche können recherchierte Details und Fakten nicht ersetzen.

pecas #7

Oh, pardon, ich dachte, Du hättest Deine Fragen schon in #4 beantwortet.

indykiste #8

Lieber Willi Kür, mich erinnert ihr Beitrag an dies:

Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
Und das mehrmals zerstörte Babylon,
Wer baute es so viele Male auf ? In welchen Häusern
Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?
Wohin gingen an dem Abend, wo die chinesische Mauer fertig war,
Die Maurer? Das große Rom
Ist voll von Triumphbögen. Über wen
Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz
Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis[...]

FRAGEN EINES LESENDEN ARBEITERS
Sie stellen, füchte ich, die Fragen an er falschen Stelle. Und leider musste ich schmunzeln. Dafür entschuldige ich mich.

indykiste #9

Nachtrag: FRAGEN EINES LESENDEN ARBEITERS ist aber auch kompliziert, Tzzz

TobiasL #10

So erfreulich es ist einen Text von Brecht im Zusammenhang mit Sportpolitik zu lesen, so weise diese Fragen zu Zeiten des blanken Kapitalismus’ auch waren, helfen kann er heute leider nicht.
Nicht zuletzt durch diese hilfreiche Plattform habe ich gelernt, nicht die Antworten sind hilfreich, sondern die richtigen Fragen, damit Danke an Herrn B.B. und Herrn J.W.
Dem Hausherren gelingt es immer wieder durch Fakten und Analysen die Fragen zu stellen. Antworten gibt es selten. Korruption funktioniert ja gerade weil es so viele Profiteure gibt.
“Cui bono?” Hier könnte eine Antwort liegen. Es ist eine Gewinnsituation für viele: Regierungen, Wirtschaft und auch für manchen Arbeiter der am Stadion gebaut hat. Es gibt kaum Verlierer, “nur” ein paar Kämpfer für Ehrlichkeit und Moral und ein paar Gläubige, welche am fairen Wettkampfsport festhalten.

Jens Weinreich #11

Nicht dass das hier noch ein Bildungsblog wird. Da bin ich gewiss nicht der richtige Ansprechpartner.

Aber, Tobias, das stimmt schon. Fragen sind wichtig und der Anfang der Erkenntnis, wer wüsste das nicht besser als ein Papa :)

Es gibt zwar viele so genannte Journalisten, denen Fragesteller extrem auf den Nerv gehen, das kann man gerade wieder sehr schön an den Reaktionen auf die BBC-Sendung bzw Andrews Enthüllung der Korruptionsliste sehen, aber langfristig betrachtet finde ich schon, dass die nervenden Fragen etwas bringen. Wir wissen viel besser Bescheid als noch vor neun Jahren beim ISL-Kollaps, oder vor zehn Jahren, als Kistner und Weinreich den “Olympischen Sumpf” gedichtet haben, oder vor 18 Jahren, als Jennings “The lord’s of the rings” vorgelegt hat.

Ich lass’ mich gern auslachen für solche Fragen. Und beobachte immer wieder mit Grausen, wie Sepp & Jacques & all die Kameraden diesen Fragen in peinlichster Art davon rennen.

Herbert #12

@JW

Ich lass’ mich gern auslachen für solche Fragen. Und beobachte immer wieder mit Grausen, wie Sepp & Jacques & all die Kameraden diesen Fragen in peinlichster Art davon rennen.

Und wieder ein Frage. Was sollen sie denn tun bei Strafe ihres Untergangs, außer davon zurennen?
Sie können es als eye-witness ja besser beurteilen, wie SB jetzt schon zittert.

Jens Weinreich #13

Herbert, ja, der zittert manchmal wirklich. Ich habe das oft genug gesehen, von ganz nah sozusagen. Ich habe auch oft genug geschrieben, dass Jean-Marie oft genug in kleinem Kreis erklärt hat, er wäre ein toter Mann, wenn er auspackte.

Schauen Sie, als Journalist müsste ich die Antwort auf Ihre Frage so geben: Sie sollen reden!

Dass das nicht so einfach ist und eher unwahrscheinlich, weiß ich auch. Ganz so dämlich bin ich (hoffentlich) nicht. Nur werde ich es dennoch weiter versuchen und also auch die Nähe suchen. Sie sollen sich geborgen fühlen. Größere Summen, die die Zungen lockern könnten, kann ich leider nicht bieten.

Ralf #14

SZ-Kommentar von Thomas Kistner: Geschützte Betrüger

Übersteht Blatters Fifa auch diese Affäre ungeschoren, wird sie künftig alles überstehen.

pecas #15

@#12 | Es ist doch ganz einfach: Wer kein ethisches Vorbild sein kann, sondern seinen Posten an der Spitze von Vorbild-Verbänden bzw. Institutionen so vergeigt und versemmelt, dass er, sie oder es gerade Gegenteiliges – nämlich Krummes – bewirkt, muss gehen; denn solche “Vorbilder” sind eine Katastrophe für jede Gemeinschaft. (Nebenbei gesagt: Ich halte es gar nicht für ausgeschlossen, dass das Methode hat.)
Den Sportverbänden muss ihr rechtlicher Ausnahmestatus entzogen werden; sie haben sich tutti completti als unwürdig erwiesen und sind d a s Einfallstor für das Hineinzerren der Anomie (wörtl.: Gesetzlosigkeit) in die Rechtsordnung selbst geworden, m. a. W. bald der zentrale Hort, das Stell- bzw. Bollwerk für die Schatten-Regierung der Mafia.
Derlei mag “Familie” für die Regierungen der Welt und ihr derzeitiges Paradigma des Regierens sein; für deren Befehlsempfänger und Adressaten auf den niederen Rängen aber ist es das Ofenrohr, mit dem diese in einer bereits altbekannten Art ins Gebirge blicken dürfen (um einmal eine Zuspitzung zu wagen), während man oben – gemeinsam – in hübschen Größenordnungen den unten geschöpften Rahm (im Klartext: die Potenz des staunenden Kleinviehs, vielleicht alle Menschlichkeit) absahnt.
Die gerichtsfest aufgekommene Zahl von 141 Millionen CHF für den betreffenden Zeitraum und nur im Teilbereich FIFA-Top spricht eine deutliche Sprache; wenn nicht endlich gehandelt wird, ist der Erdrutsch nicht mehr aufzuhalten, davon bin ich als Laie zumindest vollkommen überzeugt. Mit solchen Beträgen (vor allem, wenn man sie aus der Dunkelziffer hochrechnet) lassen sich wichtige Weichen stellen.
Was da läuft, macht uns alle zur Jongliermasse von etwas ziemlich Blödem, ob uns das passt oder nicht: eben einer totalen Ethiklosigkeit, die, so fürchte ich (und das habe ich oben mit ‘Methode’ gemeint), als eine Art Monopol-Ethik dekretiert, propagiert und dann lukrativ verkauft, bald wieder in einen (ersatz-)religiösen Massenwahn ausartet, wie ihn der DFB in deutscher Prägnanz schon 2008 für die Fans vorformuliert hat: “Fußball ist Zukunft”.

Herbert #16

@Jens

Größere Summen, die die Zungen lockern könnten, kann ich leider nicht bieten.

Sie sollten sich daher umso mehr vorsehen, dass nicht mal Ihnen größere Summen hinterlegt werden. Nein, kein Smiley. Ist ja ernster sein, als man denkt.

duesseldorfer #17

Vielleicht nochmal zur Erinnerung, hier Mastercard v. FIFAhat die FIFA das Schweigen mit 90 Mio. US-Dollar erkauft, nachdem man erst eine ziemlich deutliche Niederlage kassiert hat und in der Revision dann eine weitere Runde “gewonnen” hat.

FIFA’s conduct [...] was anythig but fair play and violated the heightened
obligation of good faith imposed by the applicable Swiss law (as well as FIFA’s own notion of fair play as explained by its president).

For Example:
- FIFA’s negotiators lied repeatedly to MasterCard, [...]

- FIFA’s negotiators lied to VISA [...], FIFA’s negotiators provided VISA with blow-by-blow descriptions of the status of the FIFA-MasterCard negotiations while concealing from its long-time partner MasterCard both the fact of the FIFA-VISA negotiations as well as the status of those negotiations – an action FIFA’s president admitted would not be fair play.

- FIFA’s marketing director [Jerome Valcke] lied to both MasterCard, [...] to VISA,[...] he declined his subordinates’ suggestion to give MasterCard the
opportunity to submit a higher bid based on his
concern for his own reputation with the FIFA Board
. He also declined his
subordinates’ recommendation that he recommend to the FIFA Board that it
continue with its prior approval of MasterCard as the post-2006 sponsor. Instead,
he told the board it was difficult for him to make a recommendation and never
mentioned MasterCard’s first right to acquire the post-2006 sponsorship. [...]

- While the FIFA witnesses at trial boldly characterized their breaches as
white lies, commercial lies, bluffs, and, ironically, the game their internal emails discuss the different excuses to give to MasterCard as to why the deal wasn’t done with them, how we (as FIFA) can still be seen as having at least some business ethics and how to make the whole f***-up look better for FIFA. They ultimately confessed, however, that [I]t’s clear somebody has it in for MC.?

Quelle: US Bezirksgericht für den südlichen Bezirk New York, Urteil in Mastercard v FIFA, 06 Civ. 3036 vom 07.12.2006

Herbert #19

Bei der Abstimmung selbst habe Fürst Albert dann für Sotschi gestimmt, das letztlich auch den Zuschlag für die Spiele bekam.

Mir ist das Abstimmungsprinzip nicht klar.
Sind die IOC- Mitglieder bei ihrer Stimmenabgabe formal nicht an eine diesbezügliche Entscheidung der durch sie vertretenen jeweiligen NOK gebunden ? Wenn sie also gegen die Auffassung des eigenen NOK votieren, hätten sie ja zu allererst zu Hause in Problem.
Die Annahme von “Geschenken”, obwohl es einen Verstoß gegen den Ethik-Code darstellt, wäre ja nur dann dramatisch, wenn damit die Entscheidung des jeweiligen NOKs nicht befolgt werden würde.

Marko Lehmann #20

@ herbert

Die IOC-Mitglieder sind nicht Vertreter ihrer NOK’s. Früher wurden IOC-Mitglieder als Vertreter des IOC in den jeweiligen Ländern bezeichnet. Ob das heute noch so ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

P.S. Danke für ihr Statement an anderer Stelle!!

Herbert #21

Das ist natürlich nicht ohne Süffizanz. Wenn dem so ist, dann sind die wesentlichen Entscheidungen der “olympischen Familie” ja privatisiert. Bravo, wie demokratisch !
Aber vllt. irren wir ja. Wenn jemand wieder mal hier vom Olymp herabsteigt , haben wir eine Chance, es zu erfahren, einen hint zum Link oder gar einen Verweis zur nächstliegenden Klippschule zu erhalten. ;)

pecas #22

@ Herbert
Bingo! Und auch das Wort Klippschule, wahlweise Winkel- oder Heckschule, trifft es wie die Faust das Auge.

Das Lehrpersonal (so genannte Winkelmeister) verfügte im Allgemeinen weder über fachspezifische noch pädagogische Kenntnisse. Entsprechend vermittelten Winkelschulen in erster Linie sehr elementares Basiswissen durch Auswendiglernen, vor allem Grundkenntnisse in Lesen und Schreiben. Vorherrschend und akzeptiert war (…) die Anwendung der Prügelstrafe. Auch Platznot und das Nebeneinander von mehreren Altersstufen prägten das Bild. [Zitat aus dem oben verlinkten Wikipedia-Artikel]

Marko Lehmann #23

Aus der Olympischen Charta:

Regel 16.1.2

Das IOC rekrutiert und wählt seine Mitglieder aus den wählbaren Persönlichkeiten, die es
gemäß Durchführungsbestimmung zu Regel 16 für qualifiziert hält

Regel 16.1.4

Die Mitglieder des IOC vertreten das IOC und befördern die Interessen des IOC und der
Olympischen Bewegung in ihren Ländern und in den Organisationen der Olympischen
Bewegung, in denen sie eine Position innehaben.

Im Vergleich dazu ist die FIFA eine Musterdemokratie (Achtung Ironie!)

Herbert #24

@ Marko

Dank Ihres Hinweises und der Nachfrage bei Klippschüler Friedrich Hebbel bin ich mir jetzt sicher, dass die olympische Demokratie selbst den Göttern auf dem Olymp ihre Stirne in Falten ziehen würde. ;)
Für @ pecas ein Hebbelwort zum Verweilen: Es gehört oft mehr Mut dazu, seine Meinung zu ändern, als ihr treu zu bleiben.

pecas #25

@ Herbert
Dazu muss man erst einmal eine solche haben.

Herbert #26

Ich hatte eigentlich aufgrund deiner “Selbstanzeige” von dir mehr als ein Argumentum ad hominem erwartet, pecas.

pecas #27

Wieso? Wieso sollte ich so eine Steilvorlage nicht in ein Tor verwandeln, wenn ich schon per “Selbstanzeige” annonciere, dass ich in allen Zwickmühlen eine solche erkenne?

Otto #28

Jean François Tanda in Handelszeitung, 15.06.11:

“Verfahren gegen Ex-Fifa-Chef João Havelange
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) ermittelt gegen Fifa-Ehrenpräsident und IOC-Mitglied João Havelange. Damit geht das IOC Vorwürfen der Bestechlichkeit nach, die letzten Dezember gegen den 95-jährigen Brasilianer publik wurden.”

http://www.handelszeitung.ch/konjunktur/schweiz/verfahren-gegen-ex-fifa-chef-joao-havelange

Ralf #29

Thomas Kistner für den Deutschlandfunk: IOC bringt FIFA unter Druck – Ermittlungen des Ethikausschusses gegen prominente Mitglieder

Nun bemüht sich um dieses brisante, weil eindeutige Dokument die Ethikkommission des IOC. Bliebe die FIFA bei ihrem Einspruch, käme es zur direkten Konfrontation der weltgrößten Verbände.

Ralf #30

Matt Scott im Guardian: Fifa’s João Havelange faces IOC inquiry into £610,000 bung allegation

The BBC is known to have passed to the IOC investigators its documentary evidence and source testimony regarding Hayatou, and the investigation now extends to Havelange.
[...]
There were reports last night that two other Fifa executive committee members were being investigated in connection with the Bin Hammam and Warner case.

Ralf #31

Reuters: CAF president Hayatou given two key FIFA positions

Controversial African football boss Issa Hayatou has been appointed head of FIFA’s organising committee for Olympic football tournaments and the key Goal bureau, soccer’s governing body said on Tuesday.

Ralf #32

FIFA: FIFA clarification

Due to a technical error, appointments for FIFA Standing Committees have appeared on the FIFA website. The appointments for the chairman and deputy chairman of the FIFA standing committees will be communicated in due course.

Therefore, Issa Hayatou has not been appointed as chairman of the Organising Committee for the Olympic Football Tournaments.

insidethegames.biz: Hayatou dumped as head of London 2012 football

Ralf #34